Final Journeys (1998)

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Salvatore Baccaro
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Final Journeys (1998)

Beitrag von Salvatore Baccaro »

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13886_Final_20Journeys_20a.JPG (1.77 MiB) 58 mal betrachtet

Originaltitel: Final Journeys

Produktionsland: USA 1998

Regie: N.N.


Ein einziger schriller Synthesizer-Sound, wohl dazu gedacht, meinen Todesnerv zum Zucken zu bringen; eine weibliche Off-Stimme, bedeutungsschwanger Vanitas-Verse rezitierend: „As the sun does set in the sky / as the moon does shine / as blood courses through our veins / as a passage of time / this is the final ride!”; ein Leichenwagen fährt eine Friedhofseinfahrt herauf, hält an, damit ein langhaariger, sonnenbebrillter Lederjackenträger aussteigen und den in dem Fahrzeug befindlichen Sarg so drehen kann, dass er die Kamera direkt anvisiert, fast wie ein Geschoss. „This Video contains extremely graphic scenes“, hieß es bereits zuvor, garniert mit drei Ausrufezeichen. Genauso gut hätte man aber auch vor der gekünstelt tiefsinnigen Pennälerlyrik, vor dem enervierenden Sounddesign, vor der unfreiwillig komischen, weil ostenativ um Düsternis bemühten Grundatmosphäre warnen können, die das Shockumentary-Tape FINAL JOURNEYS gleich in seinen ersten Sekunden auf sein Publikum einprasseln lässt…

Dieses Jahresende erwischte mich die Erkältung meines Lebens. Alles, was mich ein wenig ablenkt von meinem Martyrium, sind mehrhundertteilige Katzenpuzzles, über denen ich tatsächlich das Meditieren lerne, knapp bemessene Abstiege in unruhige Fieberträume, die irgendwo zwischen Amüsement und totaler Verstörung oszillieren, sowie das Beobachten eines Lochs, das auf wundersame Weise auf dem Parkplatz des Seniorenstifts gegenüber im Entstehen begriffen ist, und seinen Radius jeden Tag ein bisschen auszudehnen scheint, sodass es mir leicht fällt, meinen zerschossenen Verstand darauf einzuschwören, er möchte sich doch bitte nachts diffuse Schemen einbilden, die mit rotleuchtenden Augen in die Öffnung hinein- und aus ihr heraushuschen, eine Invasion vorbereitend.

Gemäß der Devise „Mens insana in corpore insano“ durchstöbe ich meine Festplatten nach obskurem Filmmaterial, das ich mir unter anderen (aka gesünderen) Umständen wohl niemals anschauen würde, und stoße auf ein Konvolut an Shockumentaries, die ich mir einst zu Recherchezwecken für meine Diss beschaffte, und schließlich lediglich stichpunktartig sichtete, da sich Produkte derlei Provenienz, wie man weiß, letztlich ja sowieso kaum voneinander unterscheiden, und sich der Erkenntniswert dementsprechend gering hält, selbst wenn man sich noch so viel von dem Kram einverleibt: Kennst Du einen, kennst Du alle.

Wenn ich aber sowieso schon mal krank niederliege, weshalb dann nicht doch endlich einmal einen Blick auf FINAL JOURNEYS werfen, eine Filmreihe, die es Ende der 90er, Anfang der 2000er auf immerhin acht Folgen gebracht hat. Deren erste erscheint 1998 noch auf Video, und fällt zunächst einmal dadurch auf, dass es die Verantwortlich nicht mal für nötig hielten, sich irgendwelche makabren Pseudonyme zuzulegen. Stattdessen existieren überhaupt keine Stabangaben, was den Eindruck erweckt, wirklich niemand wolle mit dem Streifen in Verbindung gebracht werden, und sei es auch nur unter einem Künstlernamen. Dieses Tape ist vom Himmel gefallen - oder aber aus einem mysteriösen Parkplatzloch geborgen worden.

Verdenken kann ich das niemanden, denn FINAL JOURNEYS dürfte tatsächlich die liebloseste Shockumentary sein, die mir jemals untergekommen sind - und, ja, das will schon etwas heißen. Damit meine ich freilich gar nicht mal so sehr den reinen Filminhalt: Dass ein Videotape, das vorwiegend Szenen realer Tode und Toter aneinanderreiht, um die menschliche Schaulust zu befriedigen, nicht unbedingt einen Ausbund an Humanität darstellt, versteht sich von selbst. Ganz sicher erwartet auch niemand von einer End-90er-Shockumentary virtuose Kontrastmontagen à la Jacopetti und Prosperi oder (mehr oder minder) aufwändig in Szene gesetzte und mit einer Unze (selbstironischem) Trash-Appeal verfeinerte Fakes à la FACES OF DEATH. Allerdings haben sich selbst die Macher von haarsträubenden Gräuel-Anthologien wie TRACES OF DEATH wenigstens die Mühe gemacht, ihre uferlosen Paraden an Schock-Footage nachträglich mit (weitgehend) stimmigem Death Metal zu unterfüttern.

Bei FINAL JOURNEYS muss man die Erwartungshaltung, was die technisch-ästhetische Ebene betrifft, noch einmal einige Etagen tieferstapeln: Vollkommen willkürlich zusammengewürfelte, kontextlose, oftmals krude montierte Aufnahmen unterschiedlichster Herkunft – eben das, was die anonymen Macher zufällig an Sensationsheischendem in die Finger bekommen haben –, folgen aufeinander, ohne dass auch nur der Versuch unternommen werden würde, das Ganze mit einem roten Faden zu versehen, das Ganze in eine (wenn auch noch so transparente) Narration einzubinden, das Ganze irgendwie notdürftig mit extratextuellen Legitmationsparametern zu versehen. Stattdessen herrscht eine reine Zapping-Ästhetik vor: Als ob jemand mit äußerst kurzer Aufmerksamkeitsspanne von Channel zu Channel switchen würde, - wobei sich die einzelnen hypothetischen Fernsehkanäle allein dadurch unterscheiden, dass auf dem einen vermehrt Unfalltode zu sehen sind, und auf dem andern vermehrt tödlich verlaufende Polizeieinsätze.

Das Potpourri an letalen Attraktionen, das FINAL JOURNEYS feilbietet, rekrutiert sich aus den diversesten Fundgruben (und scheint mir fast ausschließlich aus realem Material zu bestehen): Polizeivideos zeigen, wie Bewaffnete im Schusswechsel mit den Cops ihr Leben verlieren; Fernsehkameras, die eigentlich aufsehenerregende Autorennen aufzeichneten sollten, werden Zeuge, wie die mit atemberaubender Geschwindigkeit dahinrauschenden Vehikel miteinander kollidieren und in Flammen aufgehen; irgendwo in Asien wird eine ganze Herde Büffel rituell geschlachtet, während im südlichen Europa junge Männer ihr Leben riskieren, weil sie bei traditionellen Tierhetzen quer durch enge Altstadtgässchen sich ausgewachsenen Stieren entgegenstellen; gleich mehrere Aufnahmen sind einschlägigen italienischen Mondos entlehnt: Aus AFRICA ADDIO von Jacopetti und Prosperi beispielweise stammt die Kamerafahrt durch ein Dorf, das zum Schauplatz eines Bürgerkriegsscharmützels wurde, und das nun, wo die Truppen abgezogen ist, einem Schlachtfeld gleicht; aus ADDIO ULTIMO UOMO der Castiglioni-Brüder wiederum wurde so manche Jagdsequenz und so manches für westliche Augen befremdlich anmutendes Stammesritual stibitzt wie beispielweise jene Szene, in der sich zwei Krieger gegenseitig mit einem Holzpflock abwechselnd so lange auf die Köpfe eindreschen, bis einer von ihnen sich im wahrsten Wortsinne geschlagen gibt; gleich zweimal streckt FINAL JOURNEYS seine Laufzeit mit extensivem Autopsie-Footage, das ursprünglich wohl für Lehrzwecke gedacht gewesen ist, und das in einem Fall gleich ganze zehn Minuten in Anspruch nimmt. Demgegenüber stehen wiederum nur Sekundenbruchteile dauernde Aufnahmen wie jene eines Fakirs, der sich angeblich vor laufender Kamera die Zunge abschneidet - (ein Fake, wenn es jemals einen gegeben hat) -, und die so schnell auftauchen und verschwinden, dass man sie beim Blinzeln an der falschen Stelle verpassen würde. Ohne mich zu sehr in Superlativen wälzen wollen: Im Moment fällt mir kein audiovisuelles Artefakt ein, das FINAL JOURNEYS die Goldene Himbeere des katastrophalsten Schnitts steitig machen könnte.

Aus Gründen, die sich mir beim besten Willen nicht erschließen wollen, hat man einige der Aufnahmen nachträglich per optischer Filter derart verfremdet, dass zumindest ich kaum noch erkennen kann, was dort eigentlich zu sehen sein soll. Besonders eklatant ist das bei einer Sequenz, die ausschaut, als stamme sie aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Einen verschneiten Wald meine ich auszumachen, eine Gruppe Tiere, vielleicht Hirsche oder Pferde, sowie eine Gruppe Männer, die irgendwas zu sich zu nehmen scheinen, aber, puh, mich würde es auch nicht wundern, wenn in Wirklichkeit ganz andere Dinge über meinen Laptopschirm geflimmert sind. Ebenso irritiert hat mich ein längeres Segment, das zeigt, wie ein paar Passanten am Rande einer Autobahn einem verletzten Rehkitz Erste Hilfe leisten: Wie bei allen übrigen Aufnahmen erfahren wir nichts über die Hintergründe des Bildmaterials, wie zum Beispiel, ob das Rehkitz angefahren worden ist, oder wer die beherzten jungen Männer und Frauen sind, die es so bereitwillig verarzten und ihm eine Mund-zu-Mund-Beatmung zukommen lassen - und was diese Bilder in einem Film namens FINAL JOURNEYS zu suchen haben, wo das süße Kitz (zum Glück!) augenscheinlich seine letzte Reise noch gar nicht antreten musste, bleibt sowieso ein Mysterium auf Seiten der Tape-Hersteller.

Ähnlich grobschlächtig wie all die zugebenermaßen wenig schockierenden, sondern auf Dauer vor allem ermüdenden Bilder zusammengenäht wurden, verhält sich auch die Tonspur. Aus dem unerschöpflichen Fundus gemeinfreien New-Age-Muzaks scheint man sich für die musikalische Untermalung bedient zu haben: Mal flirren die Synthies kitschig, mal sorgen elektronische Trommeln für „exotisches“ Flair, mal blubbern ohrenbetäubende Alien-Space-Sounds, dass man sich in einem billigen 50er Science-Fiction-Streifen wähnt. Unvermeidlich ist ebenfalls die körperlose Off-Stimme. Diesmal gehört sie – immerhin ein Novum – offenbar einer jungen Frau. Was diese sagt, unterbietet indes noch die Relevanz von Kalendersprüchen. Es sind pseudo-philosophische, teilweise vollkommen kryptische Sentenzen wie folgende: „For these men tempting fate is their life: live or die!“, angesichts der Beteiligten eines Motorcross-Rennens, von denen ich mir ziemlich sicher bin, dass sie NICHT vor jedem Rennen mit dem Gedanken in ihre Gefährte steigen, bei der heutigen Motorsportveranstaltung ihr Leben lassen zu müssen, oder, angesichts des Aftermaths eines Bürgerkriegs: „In other parts of the world war conflict is as common as shopping for bread.“ Tja, und in manchen Teilen der Welt fühlen sich Menschen ohne das geringste Gespür dafür, wie man Bilder ansprechend montiert, dazu berufen, aus einem Pulk zweifelhafter Todesszenen ein neunzigminütiges Videotape zu generieren...

Erst ganz am Ende schweigt die Dame endlich, dann nämlich, wenn FINAL JOURNEYS für sein Finale eine mehrminütige (und gefühlt eine Ewigkeit dauernde) Sektion mit „Real Plane Crashes“ einspielt, (und damit auch jeder weiß, was er sich da gerade ansieht, ist der Hinweis „Real Plane Crashes“ kontinuierlich als Banner groß oben im Bild eingeblendet.) Nach eineinhalb Stunden wird das Bild schwarz; wir lesen: THE END – und, ja, wirklich stellt FINAL JOURNEYS so etwas wie ein Ende dar, und zwar ganz unabhängig von den Menschen und Tieren, die in seinen Aufnahmen ihr Leben verloren haben, (und sicher nicht begeistert gewesen wären, hätten sie gewusst, aufgrund ihrer letzten Lebensminuten zu Protagonisten einer unterdurchschnittlichen Shockumentary zu werden): Ende der Erzählung, Ende des Kinos, wie es so schön in Godards WEEK END heißt. Anders gesagt: Euer Salvatore ist einmal mehr in den Mariannengraben hinabgetaucht und hat sich die furchtbarsten Fische angeschaut, von denen es dort unten wimmelt. Ohne Spaß: Viel primitiver können audiovisuelle Medien im Grunde nicht mehr werden als das, was uns mit FINAL JOURNEYS vorliegt, sowohl inhaltlich wie von der technischen Umsetzung her. Auf die restlichen sieben (!) Teile habe ich schließlich dankend verzichtet. Damit ich mir das antue, müssten insgesamt fünf Peplums beim nächsten Forentreffen laufen...
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