Requiem for a Scream - Ben Meyerson (2022)

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Salvatore Baccaro
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Requiem for a Scream - Ben Meyerson (2022)

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Originaltitel: Requiem for a Scream

Produktionsland: USA 2022

Regie: Ben Meyerson

Cast: Cassandra Scerbo, Taylor Kalupa, Georgia Leva, Zachary Roozen, India McGee, Brandon Santana, Daniel Covin


In einer Szene des Tubi-Originals REQUIEM FOR A SCREAM schauen sich unsere Protagonisten beim abendlichen Umtrunk Romeros Zombie-Klassiker NIGHT OF THE LIVING DEAD auf einem Smartphone-Bildschirm an. In der Szene ziemlich am Anfang, als einer der Untoten mit einem Stein versucht, die Autofensterscheibe von Heldin Barbra einzuschlagen, wirkt es auf einmal so, als seien die Schläge gegen das Glas auch welche, die der auf viel zu beengtem Raum eingesperrte Film gegen die Limitationen des Smartphone-Displays ausführen würde. Anders gesagt: Es macht den Eindruck, als ob die Verantwortlichen von REQUIEM FOR A SCREAM augenzwinkernd auf einen Paradigmenwechsel in der Rezeption von (Genre-)Filmen hinweisen wollten, der sich im Jahre 2022, als ihr Streifen erscheint, natürlich längst vollzogen hat: Romero fand noch auf großer Kinoleinwand statt, REQUIEM FOR A SCREAM wiederum erlebt seine Uraufführung direkt im Internet, und nicht wenige seiner Konsumenten werden sich den Slasher in genau jener Weise zu Gemüte führen, wie es die intradiegetischen Figuren mit NIGHT OF THE LIVING DEAD anstellen, nämlich in schlechter Qualität auf einem seitlich drapierten Mobiltelefon und mit der Aufmerksamkeitsspanne einer Stubenfliege, sprich: in einer Sichtungssituation, die dem, was die französische Filmsemiotik als „Suture“ bezeichnet – das regelrechte Einnähen der Zuschauenden in die filmische Fiktion durch die spezifischen Eigenschaften gerade eines Kino-Screenings – gewissermaßen diametral entgegengesetzt ist.

Was hilft aber die luzideste Erkenntnis, wenn sie nur dazu führt, dass man sie en passant und mit altkluger Augenzwinkerei in einem Horrorschocker von der Stange droppt, - denn in seinen knapp achtzig Minuten Laufzeit schafft es REQUIEM FOR A SCREAM mit beeindruckender Sicherheit, sowohl die angegrautesten Slasher-Klischees wie auch die unbeholfensten Modernisierungstendenzen zu einem ziemlich ungenießbaren Brei zusammen zu rühren.

Die Story tut zunächst so, als würde sie sich in gesteigertem Maße für ihre Charaktere interessieren. Aufgetischt wird eine herzzerreißende Familientragödie: Artemis leidet unter ihrem dominanten Vater, der seine eigenen gescheiterten Lebensträume auf die Tochter projiziert, von der er partout einfordert, dass sie eine Gesangskarriere aufs Parkett legen solle. Unsere Heldin jedoch tut nur noch so, als ob sie die Castings besucht, die ihr Vater regelmäßig für sie heraussucht, und plant stattdessen, das Wochenende mit Freunden in einem abgelegen Ferienhäuschen ihrer Eltern irgendwo fernab der Zivilisation mitten im Wald zu verbringen: Es soll eine Party zu Ehren ihrer verstorbenen Schwester sein, deren Asche feierlich in sämtliche Winde zerstreut werden soll – und von der wir zumindest erahnen, dass ihr früher Tod, (möglicherweise ein Suizid?), durchaus in Beziehung zum, sagen wir, "schwierigen" Vater steht. Der Konflikt zwischen Vater und Tochter wird mühsam aufgebaut und von etlichen Seiten beleuchtet: Minderwertigkeitsgefühle, mit denen Artemis sich herumschlägt; ihr Kampf um Selbstbehauptung und Emanzipation dem übermächtigen Erzeuger gegenüber; das Verhältnis zu ihrer toten Schwester; das Verhältnis von Artemis‘ Eltern zueinander; was ihre Freunde zu alldem sagen, die durch die Bank weg ebenfalls mit der Verblichenen verbandelt gewesen sind – nur um dann, wenn die Slasher-Handlung endlich an Fahrt gewinnt, relativ schnell als ein Plot Device beiseitegeschoben zu werden, das gar nicht erst zu verhehlen versucht, dass man es bloß gebraucht hat, um die erste halbe Laufzeitstunde mit pseudo-deepem Content zu füllen.

Artemis‘ Freundesclique setzt sich aus dem Baukastensystem zusammen. Krampfhaft versucht der Film, seinen Cast möglich divers aufzustellen – und manifestiert ein Klischee nach dem andern in den absolut reißbrettartig entworfenen jungen Männern und Frauen. Da ist die dunkelhäutige Rebellin, die kokst und schimpft, was das Zeug hält, immer einen frechen Spruch auf den Lippen, immer einen aufgerichteten Mittelfinger an der Hand. Da ist der blasse Brave und Love Interest für Artemis, mit dem sie vor Jahren mal kokettierte, und für den in ihr nun wieder eine tiefe Zuneigung erwacht, sobald er ein paar oberflächliche Worte mit ihr wechselt und ein bisschen mit den Augen rollt. Da ist die asiatischstämmige Rationalistin, die die Empathie gepachtet hat und ihre Schüchternheit und Introvertiertheit nur dann ablegt, wenn die Rebellin ihr etwas weißes Pulver offeriert. Da ist ein weiterer Jüngling, in dem sich gleich zwei Minderheitenmerkmal vereinigen, er ist nämlich zugleich schwarz und schwul, wobei sich letzteres nicht nur in extrem klischeehaftem Gebaren manifestiert, sondern auch darin, dass die andern immer wieder auf die sexuelle Orientierung dieser Person rekurrieren, so, als gäbe es innerhalb einer Gruppe Freunde sonst kein anderes Thema. Da ist zuletzt der Typ Marke Calvin-Klein-Unterwäschemodel, strotzend vor Maskulinität, und deshalb in der Logik der Verantwortlichen prädestiniert dafür, als Ausbund überkommener Geschlechterbilder als allererstes den Löffel abzugeben. Trotz aller Diversität steht indes bereits von Anfang an fest, wer allein den Abspann lebend erreichen wird: Artemis natürlich, die als prototypische Final-Girl-Schablone, nachdem ihre Freunde nacheinander das Zeitliche segneten, zum Vergeltungsschlag ausholen darf.

Artemis‘ Rache wiederum gilt einem der am inkonsequentesten gezeichneten Killer der mir bekannten Slasher-Historie. Was wir von dem Kerl wissen, ist folgendes: Offenbar haust er seit geraumer Zeit im verwaisten Ferienanwesen von Artemis‘ Eltern, wo er an einer ganz besonderen „Symphonie“ werkelt. Diese soll aus den Todes- und Folterschreien wahllos ausgewählter Opfer bestehen, - sozusagen Stockhausens „Gesang der Jünglinge im Fegefeuer“, nur mit „echtem“ Geheul an der Schwelle zwischen Leben und Tod. Artemis & Co. stören den Wahnsinnigen nicht nur bei seiner Komposition, vor allem stößt es ihm sauer auf, dass sie in den Besitz einer SD-Card gelangen, auf der sich seine derzeit aktuelle Fassung der Schreisymphonie befindet, und die er blöderweise im Ferienhaus vergessen hat. Im Prinzip müht sich der Soundtüftler mit Splatter-Affinitäten den restlichen Film damit ab, seine SD-Card zurückzubekommen – und stellt sich dabei auf eine Weise tölpelhaft an, dass es die anfangs als übermenschliches Ungetüm à la Jason präsentierte Figur im weiteren Verlauf förmlich dekonstruiert. Nun könnte man ja argumentieren, REQUIEM FOR A SCREAM sei als Parodie intendiert gewesen, als ein Streifen, der im mythischen Slasher-Land beginnt, und dann mehr und mehr in die Gefilde naturalistischer Revenge-Schilderungen hinabklettert. Mein Eindruck ist eher, dass hier so gut wie nichts zusammenpasst, dass wir es mit einem wahren Flickenteppich ausrangierter Ideen und pseudo-progressiver Volten zu tun haben, und dass dieses Machwerk gar keinen Smartphone-Bildschirm braucht, der es einengt, um wütend dagegen protestieren zu müssen, überhaupt gedreht worden sein.

Wir raten ab.
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