River - Jennifer Peedom, Joseph Nizati (2021)

Moderator: jogiwan

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Salvatore Baccaro
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River - Jennifer Peedom, Joseph Nizati (2021)

Beitrag von Salvatore Baccaro »

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Originaltitel: River

Produktionsland: Australien 2021

Regie: Jennifer Peedom, Joseph Nizati

Cast: Flüsse und Ströme sowie die Menschen, die an ihren Ufern leben


Bislang scheint sich die australische Dokumentarfilmerin Jennifer Peedom vorzugsweise mit Bergen und ihrer Besteigung durch Menschen beschäftigt zu haben. Filmtitel wie SHERPA (2015), MIRACLE ON EVEREST (2008), MOUNTAIN QUEST (2018) oder schlicht MOUNTAIN (2017) legen hiervon beredetes Zeugnis ab. Gesehen hab ich keins dieser Werke, dafür aber nunmehr RIVER, den Peedom mit ihrem Co-Regisseur Joseph Nizati im Jahre 2021 vorlegt, um während seiner fünfundsiebzig Laufzeitminuten von den höchsten Gipfeln hinab ins kühle Nass diverser Flüsse zu tauchen, seien es nun welche, die am freien Fließen von bollwerkartigen Staudämmen abgehalten werden, welche, in denen Menschen die Asche ihrer Toten streuen, nachdem sie sie am Ufer verbrannt haben, welche, die sich Tropfen für Tropfen aus schmelzenden Gletschern speisen, bis sie zu gewaltigen Strömen angewachsen sind, deren Wassermassen zugleich vernichtend und befruchtend wirken können – und ähnlich pathetisch wie meine Worte klingen, gestaltet sich auch der Streifen, der im Prinzip kein Klischee aus der Kiste des New-Age-Kitschs vermeidet, um sein Publikum emotional zu affizieren, didaktisch zu belehren und ästhetisch einzulullen.

Zugegeben, die Landschaftsaufnahmen sind beeindruckend: Wenn Drohnen kilometerlang Flüssen folgen, die als Rinnsale in Gletscherspalten beginnen und mit zunehmender Geschwindigkeit und zunehmender Masse ins Tal stürzen, oder wenn zu sehen ist, wie ein Fluss gewaltsam in die wiedergewonnene Freiheit losbricht, nachdem man den Staudamm in die Luft gejagt hat, der ihn Jahrzehnte in Schach hielt, dann haben wir es mit Bildern zu tun, die gerade auf der großen Leinwand schlicht überwältigend wirken. Gleiches gilt für eher stille Momente wie eine Montagesequenz, in der POV-Shots mehrerer Boote ganz unterschiedlicher Kulturkreise und auf ganz unterschiedlichen Flusskämme zusammengewürfelt werden, sodass es den Eindruck erweckt, wir würden innerhalb weniger Minute die Flüsse des gesamten Erdenrunds bereisen, oder wenn wir in einer ähnlich meditativen Sequenz miterleben, wie verschiedene Flüsse dem Meer zustreben, von ihm verschlungen werden, in ihm ihre Reinkarnation erleben.

Was RIVER indes für meine Begriffe das glitschige Genick bricht, das ist die Art und Weise, wie Peedom und Nizati ihr visuell staunen machendes Material präsentieren. Da ist zum einen der Text des Nature-Writing-Autors Robert Macfarlane, vorgetragen von Willem Dafoe, der oftmals philosophische Reflexionen mit Binsenweisheiten und Kalendersprüchen verwechselt, und immer dann besonders unangenehm hervorsticht, wenn er uns moralisch belehren möchte: Auf Plastik in den Weltmeeren, auf Artensterben in heimischen Gewässern, auf vermeintlich regulierende, letztlich die Hemisphäre Fluss aber auf lange Sicht zerstörende Interventionen durch den Menschen kann natürlich nicht oft hingewiesen werden, der mahnend erhobene Zeigefinger ist im Falle von RIVER allerdings in den fraglichen Szenen meist derart steif ausgestreckt, als sei er bandagiert worden. All das Pathos, das der Off-Text versprüht, wenn es darum geht, dass Flüsse einst wie Götter verehrt wurden, heutzutage aber bloße Sklaven des Menschen seien, oder dass die Natur, so sehr man sie auch in Ketten lege, am Ende doch ihren Weg finde, wird noch von der musikalischen Untermalung akzentuiert, für die federführend das Australian Chamber Ochestra zuständig ist: Klaviertupfer, Streicher, im Finale wortloser Gesang, also alles Dinge, die ergreifen sollen und dieses Unterfangen derart verkrampft angehen, dass ich kalt bleibe wie eine Kröte.

Unterm Strich erinnert RIVER an jene Filme, die ich als Kind und Jugendlicher zuweilen in den 3D-Kinos IMAX sehen durfte, weil unser Klassenlehrer an den Wandertagen zu faul war, mit uns etwas zu unternehmen, das über eine Fahrt nach Speyer ins Lichtspielhaus hinausging: Visuell ein Fest, inhaltlich wenig informativ, von der Darreichungsform auf den schnellen Effekt abzielend, und dies mit einem pseudo-philosophischen Gestus zu verschleiern versuchend.
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Salvatore Baccaro
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Re: River - Jennifer Peedom, Joseph Nizati (2021)

Beitrag von Salvatore Baccaro »

...und wer sich von meinem obigen Verriss nicht hat abschrecken lassen, zufällig Ende des Monats nichts zu tun hat und sich sowieso dachte, sich einmal das wunderschöne Hitzacker an der Elbe anschauen zu wollen, (Gorleben ist auch nicht weit), kann RIVER mit (hoffentlich!) fachkundiger Einführung im Rahmen einer Konferenz zur "Poesie der Ströme" erleben, bei der es zumindest noch einen weiteren filmrelevanten Vortrag zum Kino Jean Epsteins zu geben scheint. Ich denke, ich werde vor Ort sein...

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buxtebrawler
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Re: River - Jennifer Peedom, Joseph Nizati (2021)

Beitrag von buxtebrawler »

Salvatore Baccaro hat geschrieben: Do 9. Feb 2023, 12:04 ...und wer sich von meinem obigen Verriss nicht hat abschrecken lassen, zufällig Ende des Monats nichts zu tun hat und sich sowieso dachte, sich einmal das wunderschöne Hitzacker an der Elbe anschauen zu wollen, (Gorleben ist auch nicht weit), kann RIVER mit (hoffentlich!) fachkundiger Einführung im Rahmen einer Konferenz zur "Poesie der Ströme" erleben, bei der es zumindest noch einen weiteren filmrelevanten Vortrag zum Kino Jean Epsteins zu geben scheint. Ich denke, ich werde vor Ort sein...
Gönn dir, Salvatore! :smile:
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
Ein-Mann-Geschmacks-Armee gegen die eingefahrene Italo-Front (4/10 u. 9+)
Diese Filme sind züchisch krank!
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jogiwan
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Re: River - Jennifer Peedom, Joseph Nizati (2021)

Beitrag von jogiwan »

Salvatore Baccaro hat geschrieben: Do 9. Feb 2023, 12:04 ...und wer sich von meinem obigen Verriss nicht hat abschrecken lassen, zufällig Ende des Monats nichts zu tun hat und sich sowieso dachte, sich einmal das wunderschöne Hitzacker an der Elbe anschauen zu wollen, (Gorleben ist auch nicht weit), kann RIVER mit (hoffentlich!) fachkundiger Einführung im Rahmen einer Konferenz zur "Poesie der Ströme" erleben, bei der es zumindest noch einen weiteren filmrelevanten Vortrag zum Kino Jean Epsteins zu geben scheint. Ich denke, ich werde vor Ort sein...
hehe, vom Fluss zum Meer - da lässt man sich gerne mitreißen... :nick:
it´s fun to stay at the YMCA!!!



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Salvatore Baccaro
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Re: River - Jennifer Peedom, Joseph Nizati (2021)

Beitrag von Salvatore Baccaro »

Leider wurde meinen obigen Kritikpunkte an RIVER, dieser überästhetisierenden Mischung aus Dokumentarfilm, Essayfilm und didaktischer Ökomahnung während der Sichtung auf der (letztlich nicht allzu großen) Leinwand vollumfänglich bestätigt, und gerade etwa die letzten zehn Minuten, wenn pittoreske Flussansichten mit einem wortlosen Männergesang kombiniert werden, der klingt, als hätten Sigur Ròs einen Track für den Wellnessbereich einer New-Age-Kurklinik aufgenommen, trieben mich wie mit dem Kehrbesen in die Hinterräume der Bibliothek, in der die Projektion stattfand, wo ich mich schnaufend an eine Kaffeetasse klammern musste. Das Problem von RIVER sind beileibe nicht seine Bilder – die nämlich sind weitgehend spektakulär, hervorragend gefilmt, ein Genuss fürs Auge, oder wie eine Besucherin mir nach der Vorstellung zuraunte: Der „Hammer“! –, sondern das, womit sie hemmungslos vermengt werden: Ein Kammerorchesterscore, der ihren Erhabenheitspathos fortwährend affirmativ bestärkt, statt ihn zu unterminieren oder wenigstens ein kleines bisschen herabzudimmen; ein Kommentar aus der Feder des Nature Writers Robert MacFarlane, dem ironische Brechungen vollkommen fremd sind, und der in einem Pathos schwelgt, das manchmal gefährlich an Binsenweisheiten entlangschrammt; eine Rezitation Willem Dafoes, dessen sonore Stimme den Text mit noch viel mehr Bedeutung vollpumpt – und dann ist das Ganze, wie ich nunmehr feststellen musste, nicht mal besonders raffiniert montiert, einen nachvollziehbaren inneren Rhythmus konnte ich jedenfalls nicht finden, stattdessen fiel mir auf, wie wenig Vertrauen die Verantwortlichen anscheinend in ihre Bilder gehabt zu haben scheinen, denn es gibt kaum einmal eine Szene, in der Stillstand herrscht, ständig werden die unterschiedlichsten Einstellungen durcheinandergewürfelt, ständig bewegt sich die Kamera, ständig gibt es Schnitte von einer Sache zur andern, ständig drängen sich Manierismen wie Zeitlupe oder Zeitraffer in den Vordergrund – eine veritable Mondo-Ästhetik, könnte man sagen, die mir sonst ja durchaus behagt, mir aber bei einem Film wie RIVER, der sich feinsinnig gibt, der eine wichtige Botschaft auf der Zunge führt, dem man ansieht, welche Anstrengungen (und ökonomische Mittel) es gekostet haben mag, all dies irren Drohnenaufnahmen in den Kasten zu bringen, ziemlich fehl am Platz vorkommt. Immerhin, das Gros der Gäste ist begeistert gewesen, applaudierte frenetisch, rückmeldete, wie sehr sie das Spektakel berührt habe – vielleicht habe ich mir meinen Geschmack einfach mit zu viel Polselli verdorben…
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