Canaris - Alfred Weidenmann (1954)

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Maulwurf
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Canaris - Alfred Weidenmann (1954)

Beitrag von Maulwurf »

Canaris
Deutschland 1954
Regie: Alfred Weidenmann
O.E. Hasse, Barbara Rütting, Adrian Hoven, Martin Held, Wolfgang Preiss, Peter Mosbacher, Charles Regnier, Franz Essel, Alice Treff, Herbert Wilk, Klaus Miedel, Arthur Schröder


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Wilhelm Canaris. Offizier bei der Kaiserlichen Marine und bei der Reichsmarine, unter anderem als U-Boot-Kommandant von 1916 bis 1918. Als Vizeadmiral Chef der deutschen Abwehr in den Jahren 1935 bis 1944. Bereits 1915 geheimdienstlich in Spanien unterwegs. Zwischen den Kriegen in engem Kontakt stehend mit den nationalistischen Freikorps‘ sowie der ultrarechten Terrororganisation Organisation Consul. Sorgte aktiv dafür, dass Francisco Franco seinen Putsch gegen die spanische Regierung starten konnte und damit den spanischen Bürgerkrieg auslöste. Löste sich im Laufe der späten 30er-Jahre zunehmend von Hitler, ohne aber das Idealbild des Nationalsozialismus aus den Augen zu verlieren. Unterstützte mutmaßlich mehrere Verschwörungen gegen Hitler, nahm aber nie aktiv einem Umsturzversuch teil. Als Abwehrchef war sein direkter Gegenspieler der Leiter des geheimen Staatspolizeiamtes und des Sicherheitsdienstes Reinhard Heydrich. Die beiden wohnten lange Zeit in direkter Nachbarschaft zueinander, und die Familien Canaris und Heydrich pflegten sehr engen freundschaftlichen Kontakt, trotz der erbitterten Rivalität der beiden Männer. War Hundeliebhaber, und lehnte über lange Jahre hinweg Mord zur Erreichung seiner Ziele ab. Wilhelm Canaris wurde am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg erhängt, gemeinsam mit anderen „Verschwörern“ wie Dietrich Bonhoeffer.

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Egal, welcher politischen Einflüsterung man erliegt, sicher ist, dass Canaris eine faszinierende Persönlichkeit gewesen muss. Er hat augenscheinlich ein aufregendes Leben geführt und viel erlebt, und auch wenn man ihm möglicherweise manches vorwerfen kann: Durch seine Abkehr von Hitler und seinen Sinneswandel gegenüber dessen Methoden, sowie durch seine erfolgreichen Versuche Juden zu retten einerseits, aber auch durch die mögliche Beteiligung an den Morden an Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg und seine aktive Unterstützung der putschenden Falangisten im spanischen Bürgerkrieg andererseits, polarisiert Canaris bis heute. Oder anders ausgedrückt: Wilhelm Canaris war ein Mensch, der im Laufe seines Lebens viel gesehen und getan hat, und, wie andere Menschen auch, seine geistige und politische Haltung im Lauf der Jahre allmählich veränderte. Womit er nicht einfach nur gut oder schlecht war, sondern stattdessen eigentlich ganz normal.

Nun ist es heutzutage aber üblich, Menschen, die im Dritten Reich Karriere gemacht haben, als böse Nazis abzutun (was in 95% aller Fälle auch stimmen könnte), und den Menschen hinter dem Parteigänger zu ignorieren. Auch ist es mittlerweile üblich, historische Geschehnisse aus heutiger Sicht zu beurteilen, also die Wertmaßstäbe von heute anzulegen, Und somit zum Beispiel eine sehr vorsichtige und allmählich beginnende Geschichtsaufarbeitung im Jahre 1954 als „Geschichtsverfälschung à la 1950-Jahre“ (1) herabzuwürdigen. Wenn man heute, im Jahre des Herrn 2020, sicher weiß wie etwas zu bewerten ist, dann muss das für das Jahr 1954 noch lange nicht zutreffen, aber zumindest dienen solche Ergüsse wenigstens der zuverlässigen Überhöhung der eigenen Selbstgerechtigkeit. Für den Film bedeutet dies aber die Fragestellung, ob Wilhelm Canaris nun ein böser Nazi war, ein Mitläufer, oder möglicherweise sogar jemand, der sich nicht in gängiges Schema pressen ließ …

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CANARIS also, der Film. Gedreht inmitten der Adenauer-Zeit und in einer geistigen Umgebung, welche zum einen die Verbrechen der Hitlerzeit am liebsten negiert hätte (denn auslöschen ging ja nicht mehr), zum anderen aber auch nicht andauernd daran erinnert werden wollte dass man sich ja eigentlich selber schuldig gemacht hatte. Nicht umsonst waren in den 50er-Jahren die eskapistisch angelegten Heimatfilme die erfolgreichsten Kinoschlager in Deutschland. Und das Schicksal von Wolfgang Staudtes KIRMES, der den Finger in diejenige Wunde legte, dass Deserteure auch kurz vor Kriegsende oft noch als Wehrkraftzersetzer angesehen wurden, dieses Schicksal ist dem geneigten Filmfan bekannt: KIRMES wurde von vielen Kritikern zerrissen und verschwand innert weniger Tage im Giftschrank der jungen Republik. Für die Diskussion über so ein Thema war die Zeit einfach noch nicht reif.

Und wenn man mal ehrlich ist, dann kann man den Mut der damaligen Filmemacher, Themen der allerjüngsten Vergangenheit aufzugreifen und in Filmen wie DES TEUFELS GENERAL oder eben CANARIS mit einem ersten vorsichtigen(!) Ansatz von Kritik zu beleuchten, eigentlich nur bewundern. Die Gratwanderung, den Menschen im Kino eine Form der (massentauglichen) Unterhaltung zu geben, in Kombination mit einem Rückblick auf die jüngste, schuldbeladene, Vergangenheit, diese Gratwanderung war sicher nicht einfach. Das war dem Produzenten von vornherein klar, und Alfred Weidenmann meinte dazu „Ich will ja keinen Film über den 20. Juli drehen, sondern über die Irreführung meiner Generation" (2). Und, dem Gesetz des Marktes folgend, weil Filme halt nun mal Geld erwirtschaften müssen, in einer ansprechenden Form.

Ich persönlich halte dieses Experiment im vorliegenden Fall für ausgesprochen gelungen. Vom filmischen Aspekt gesehen ist CANARIS auf jeden Fall eine mitreißende Sache: Die Geschichte ist über einen Zeitraum von 10 Jahren flüssig erzählt (nämlich von Canaris‘ Ernennung zum Abwehrchef 1935 bis zu seinem Tod), und enthält neben der zentralen Figur Canaris (immerhin reden wir hier von einem Biopic) auch etwas für s Herz (Barbara Rütting ist einfach nur bezaubernd) sowie ein paar sehr spannende Momente im Leben eines Geheimagenten (Adrian Hoven beim Spionieren in Le Havre oder hinter den feindlichen Linien in der Sowjetunion). Die Mischung ist sehr gut, nur in den Jahren ab 1942 geht es manches Mal ein wenig zu Hopplahopp. Da überschlagen sich die Ereignisse öfters mal im Purzelbaum, und das Wissen um die tatsächliche Historie der Geschehnisse hilft bei der heutigen Sichtung des Films ungemein. 1954 war dieses Wissen freilich vorhanden, und für das damalige Publikum ist CANARIS schließlich auch gedreht worden. Nein, filmisch ist der Film erstklassig geworden: Spannend, gut erzählt, schön fotografiert.

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Die Figuren und ihre Darstellung sind es halt, die so manchem heutigen Rezipienten einen Kloß in den Hals pressen. O.E. Hasse als Canaris gibt den gütigen alten Mann mit Liebe zum Detail, und letzten Endes wirkt er schon öfters mal wie der Weihnachtsmann persönlich. Seine Weigerung zum Mittel des Mordes zu greifen (historisch verbürgt), seine grundgütige und menschliche Art, das freundschaftliche Verhältnis zum klavierspielenden Nachbarn (historisch verbürgt), die Tierliebe (ebenfalls historisch verbürgt) … Dass der Mann als Chef der Spionageabwehr eines hochindustrialisierten und kriegsvorbereitenden Landes in Wirklichkeit ein eiskalter Hund gewesen sein muss gibt uns die Erfahrung aus Unmengen von US-amerikanischen Agentenfilmen vor, genauso wie unsere Menschenkenntnis uns das sagt. Aber diese Seite verschweigt der Film, denn mit dem netten Onkel von nebenan funktioniert der Film natürlich erheblich besser. Die positive Charakterisierung Canaris‘ fügt dem Film die dramatische Note dazu, und lässt den Zuschauer mitfiebern – Der Versuch, über einen schwedischen Mittelsmann zu Waffenstillstandsverhandlungen mit den Alliierten zu gelangen, ist beispielsweise atmosphärisch und erzählerisch hochdramatisch, und der Zuschauer empfindet Canaris‘ Verzweiflung über das Scheitern fast wie sein eigenes, persönliches Scheitern. Was natürlich nicht funktionieren würde, wäre die Hauptfigur ein Unsympath …

Das Gegenstück ist dann der dämonische und nationalsozialistisch-bösartige Reinhard Heydrich. Überzeugter Nazi, intrigant, selbstsicher, erfolgreich im Ränkeschmieden, und einfach von Grund auf … BÖSE. In Großbuchstaben. Martin Held kniet sich ungemein in seine Rolle hinein und gibt dieser schablonenhaften Figur eine unglaubliche Tiefe. Seine Bosheit und Verworfenheit, seine, die Abgründe nur mühsam übertünchende Jovialität, ist in jeder Sekunde zu spüren und macht tatsächlich Angst. Ein Antagonist wie er im Buche steht …
Es darf halt auch nicht übersehen werden, dass erst im Zuge der 68er-Nachwehen es in Deutschland überhaupt möglich gewesen wäre, einen Film über Heydrich zu drehen, mit Heydrich als Hauptfigur wohlgemerkt. 1954 ging das noch nicht, der Film wäre in der Versenkung verschwunden. Fritz Langs AUCH HENKER STERBEN von 1943 wurde in Deutschland erst 1958 aufgeführt (über den Erfolg kann ich leider nichts sagen), und Douglas Sirks Propagandafilm HITLER’S MADMAN, ebenfalls von 1943, ist niemals in Deutschland gelaufen. Filme mit richtig bösen Menschen als Protagonisten waren damals halt einfach noch nicht so angesagt, und es gilt nach wie vor: Filme haben Geld zu erwirtschaften, gleich wie der Filmkritiker 70 Jahre später darüber denken mag …

Beide Schauspieler, O.E. Hasse als Canaris und Martin Held als Heydrich, haben tatsächlich eine starke äußere Ähnlichkeit mit den jeweiligen Charakteren, und vor allem Martin Held spielt Heydrich als ginge es um sein Leben. Barbara Rütting als Love Interest, Adrian Hoven als junger Agent Althoff und Wolfgang Preiss als Freund und Kollege Holl können mit ihrer Präsenz dagegenhalten, und mit ihren mehr als verlässlichen Darstellungen viel Sympathie einfahren. Was nach dem Film aber vor allem in Erinnerung bleibt ist die starke Fotografie von Franz Weihmayr. Viel Schatten, der von allen Seiten herandräut und die Figuren bedrängt, wenig Raum, viel Enge. In praktisch allen Szenen, die in geschlossenen Räumen spielen, ist die Decke zu sehen, was eine oft klaustrophobische Atmosphäre erzeugt, und unterbewusst viel Druck aufbaut. Canaris wird oft leicht von unten gefilmt, in schwere Schatten gehüllt und mit nachdenklichem Gesicht. Als vollständiger Kontrast dann dagegen Heydrich, der unbeschwert und frei daherkommt, der im Licht steht und vor weiten und offenen Räumen steht. Hinter Heydrich steht das Reich, hinter Canaris der Tod …

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Erwähnte ich schon, dass CANARIS, der ganz klar als klassischer Noir zu sehen ist, filmisch gesehen erstklassig ist? Woran man erkennen mag, wie druckvoll und stark der Film ist - Die Schauspieler, die Kameraführung, die Dramatik, das alles spielt auf dem Niveau der Hollywood-Filme, die 10 Jahre vorher entstanden sind. Dass das Thema ein schwieriges ist, das ist klar, und die familientaugliche Umsetzung macht die Auseinandersetzung mit dem Stoff nicht einfacher. Das war 1954 nicht anders als 70 Jahre später, und das wird auch in weiteren 70 Jahren sicher noch für Diskussionen sorgen. Aber sehenswert ist CANARIS allemal – Nicht nur filmisch, sondern auch inhaltlich. Denn wie ich aus der eigenen Familie weiß, sind Menschen, die im Dritten Reich Karriere gemacht haben, nicht immer und alle böse Nazis. Und wer dem Mitläufer Versagen vorwirft, der darf sich gerne Paul Verhoevens BLACK BOOK anschauen und sich in die Haut der gefolterten Widerstandskämpfer versetzen. Das ist nämlich auch so etwas, was in CANARIS deutlich gemacht wird: Dass Widerstand in einem Terrorregime nicht mal so einfach geht, sondern sehr viel persönlichen Mut kostet. Und sehr viel Überwindung benötigt wird um die eigene Komfortzone zu verlassen und ein Leben in Angst zu leben …

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(1): https://de.wikipedia.org/wiki/Canaris_(Film)
(2): https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-28956849.html

8/10

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