Der Herr der Welt - Harry Piel (1934)

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Maulwurf
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Der Herr der Welt - Harry Piel (1934)

Beitrag von Maulwurf »

Der Herr der Welt
Deutschland 1934
Regie: Harry Piel
Walter Janssen, Sybille Schmitz, Siegfried Schürenberg, Aribert Wäscher, Willi Schur, Gustav Püttjer, Klaus Pohl, Oscar Höcker, Max Gülstorff, Otto Wernicke, Hans Hermann Schaufuß


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Roboter am Arbeitsplatz, das ist die Idee des Industriellen Heller, und Bergbauingenieur Baumann hat gleich die passende Vision dazu: Seine Bergleute, die jetzt unter Tage schuften, sollen ersetzt werden durch Maschinen. Schnitt: Kaum ist Baumann aus dem Urlaub zurück im heimischen Stollen, da geschieht schon ein schreckliches Unglück, bei dem viele Kumpels einen schrecklichen Tod sterben. Was Baumann natürlich erst so richtig anspornt.
Gleichzeitig kommt Heller nicht dazu, seine junge Ehe mit der schönen Vilma zu genießen: Vor der Geschäftsreise hatte er Professor Wolf eine Menge Geld gegeben, und der hat sich seit 12 Wochen in seinem Labor verbarrikadiert, Explosionen erzeugt und niemanden an sich herangelassen. Heller präsentiert er jetzt seine Arbeit: Einen Roboter! Eine gigantische Waffe, unbesiegbar, ideal um die Herrschaft über die Welt zu erlangen. Heller ist entsetzt ob dieser Phantasien, und bei der folgenden Auseinandersetzung stirbt er durch die Deltawellen des Roboters.
Als Baumann die frisch gebackene Witwe Vilma kennen und lieben lernt ist er seinem Ziel schon sehr nah: Alle Arbeiter werden durch Roboter ersetzt. Doch der Schock ist groß als Baumann erkennen muss, dass seine Freunde von früher nun arbeitslos geworden sind. Gemeinsam mit Vilma sucht er noch nach einem Ausweg, da grätscht Professor Wolf in das junge Glück: Er will Vilma zwingen, ihm die Heller-Werke zu überschreiben, damit er Roboterwaffen produzieren kann. Was Baumann natürlich nicht akzeptieren kann. Er will Wolf zur Rede stellen. Wolf und seinen tödlichen Roboter …

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In DER HERR DER WELT steckt so unglaublich viel drin, das man gar nicht so recht weiß wo man anfangen soll. Vielleicht am Anfang, bei einem Gespräch zwischen Bergbauingenieur und Unternehmer über den Segen der Technik, was 1934 sehr wohl noch State of the Art war: Technik als Heilsbringer der modernen Welt – heute ein fast undenkbares Sujet. Dann die starken Bilder der einstürzenden Bergbaustollen, die mir wieder einmal klar machen, was für einen tollen Bürojob ich doch habe. Und der kumpelhafte Baumann, der ganz nah bei seinen Arbeitern ist und mit ihnen gemeinsam ins Krankenhaus kommt. Standesdünkel sucht man hier vergebens, alle ziehen am gleichen Strick.
Im Gegensatz zu Heller und seiner Frau Vilma: “Ein halbes Jahr warst Du weg, fast so lange wie wir verheiratet sind.“ Und kaum ist das Frühstück gerichtet, saust er auch schon wieder los, Professor Wolf zur Rede stellen, und Vilma muss ihr einsames Schicksal mit Fassung tragen. Professor Wolf schaut aus wie eine Mischung aus einem unheimlichen Mönch und einem SS-Mann und trägt auch eine entsprechende Diabolik zur Schau. Finster und unheilvoll blickend verkündet er die zukünftige Übernahme der Weltherrschaft durch seine Kampfroboter (die ich in ähnlicher Form in den 70ern tatsächlich in den Spielzeugläden gesehen habe – die Übernahme der Welt durch die japanischen Spielzeugkonzerne war zu der Zeit bereits in vollem Gange …). Nur das Problem der Deltawellen habe er nicht ganz im Griff, ob Heller mit seinem Wissen nicht vielleicht …? Hellers entschiedenes Nein resultiert in einem frühen Tod, und Professor Wolf mutiert zum Dr. No des Vorkriegsfilms.

Derweil lernt Baumann die schöne Vilma kennen und verliebt sich. Bei vorsichtig schmachtenden Blicken und gemeinsamen Schachspielen wäre die Welt in Ordnung, wenn Baumann nicht schon wieder urplötzlich durch die Welt reisen müsste. Wieder ist Vilma traurig, trägt aber Tapferkeit zur Schau, während auf Baumann der bereits erwähnte Schock seines Lebens wartet: Durch den Einsatz der Roboter werden alle seine früheren Freunde arbeitslos! Jetzt müssen sie zwar nicht mehr ihr Leben riskieren, können aber auch nicht mehr ihre Familien ernähren. Das hätte Baumann nicht gedacht, genauso wenig wie den Fakt, dass den Herren aus den oberen Etagen diese Umstände herzlichst schnurz sind. Eine Lösung muss her!
Vilma muss sich derweil den Annäherungen der Anwälte der Heller-Werke erwehren, die das Werk an Professor Wolf übertragen wollen. Nur Vilmas Unterschrift fehlt noch, doch im letzten Moment kommt Baumann durch die Tür und kann diese ruchlose Tat verhindern. Man will Wolf zur Rede stellen, und der zeigt daraufhin sein wahres Gesicht: Der böse und kriegslüsterne Wolf wirft seinen Schafspelz ab, sperrt Baumann ein und bedrängt Vilma.

Das klingt jetzt alles ein wenig leicht lustig, und im Nachhinein wirkt das auch sicher alles so. Ich kann aber versichern, und damit kommen wir zu den starken Seiten des Films, dass dies alles ausgesprochen packend inszeniert ist. Klar, die Spezialeffekte haben nicht das Niveau von heute, sind aber außerordentlich gut gemacht. Und auch wenn der Roboter eher zum Lächeln animiert, wirkt er doch genauso unaufhaltsam wie Professor Wolf es sagt. Seine Amokfahrt in Richtung Tür assoziiert ganz klar die Fahrt durch feindliche Soldaten, die ihn hilflos sterbend nicht aufhalten können. Beeindruckend!
Zu den Spezialeffekten gehören aber zum Beispiel auch die Szenen in der einstürzenden Grube, und die sind wirklich hammerhart. Explodierende Gasleitungen, Feuer, einstürzende Schächte und Gänge – Das geht auch heute noch unter die Haut, allerdings hat Regisseur Harry Piel hier leider den Blick auf die Uhr vergessen, weswegen die Szenen ein klein wenig zu lang geraten sind und an Intensität verlieren. Irgendwann wünscht man sich als Zuschauer leider nur noch, dass das Inferno mal vorbei sein mag. Allerdings werden die Bergleute, die so etwas Schreckliches in der Wirklichkeit erleben müssen, wohl das gleiche denken …

Womit das weite Feld der Interpretation geöffnet werden darf, denn die verschiedenen Aussagen des Films lassen Raum für wildeste Vermutungen über die Intentionen des Regisseurs. Harry Piel, einer der deutschen Superstars der 20er Jahre, war 1933 in die NSDAP eingetreten und wurde auch förderndes Mitglied der SS, unterstütze sie also finanziell. Man kann wohl mit Fug und Recht davon ausgehen, dass Piel entweder ein unglaublicher Opportunist war, oder, wahrscheinlicher, ein überzeugter Nationalsozialist. Und in diesem Zusammenhang sind vor allem die Darstellungen der verschiedenen Gesellschaftsschichten hochinteressant: Die einfachen und sympathischen Arbeiter, der heimatlichen Scholle und der Freundschaft untereinander fest verschworen, auf der einen Seite. Die arroganten Bonzen im Management, die sich nur für Kostenminimierung und Gewinn interessieren, aber nicht für die ehrlichen Jungs unten in den Gruben, auf der anderen Seite. Die Charakterisierung ist einfach und klar, und man hat als Zuschauer keinerlei Probleme eine Identifikationsfigur zu finden, nämlich Bergbauingenieur Baumann, der burschikos und als Hansdampf in allen Gassen, teutonisch und supersympathisch, und mit enormer Street Credibility inszeniert wird. Siegfried Schürenberg wirkt in seiner ersten Hauptrolle (und zweiten Filmrolle überhaupt) trotz eines gelegentlichen Anflugs von Conrad Veidt wie ein verjüngter Hans Albers. Wie Siegfried, der den finsteren Wissenschaftler Alberich im dunklen Kämmerchen besiegt. Wie ein wahrhaft germanischer Recke.

Und überhaupt, der Wissenschaftler. Dieser Professor Wolf, der in seiner schwarzen Kleidung und dem getragen-diabolischen Gestus einem Dr. Mabuse locker das Wasser reichen kann. So ganz verstehe ich diese Rolle nicht: Dass die Nazis den militärisch-industriellen Komplex glorifiziert haben ist nichts Neues (auch wenn der Begriff als solches erst einige Jahre später erfunden wurde), aber Professor Wolf repräsentiert diesen Komplex wie kein anderer. Er hat Allmachtsphantasien, er hat teilweise Möglichkeit diese auch auszuleben – aber er ist definitiv der Böse in diesem Film. Er bietet keinerlei Projektionsfläche, man hat als Zuschauer kein Mitleid, kein Quentchen Sympathie – der Mann ist einfach nur abgrundtief schlecht. Man beachte schon den Namen: Das personifizierte Böse in mystischer Tiergestalt …

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Interessant an DER HERR DER WELT ist somit, wie der Film es schafft, diese Darstellung einer eigentlich nationalsozialistischen Idealwelt, also Weltherrschaft durch militärische Überlegenheit und sonst nichts, wie diese Idealwelt geschickt als Ausgeburt der Hölle dargestellt wird, während das Gegenstück, die heile Welt mit Frau und Kind und Haus und Hof, als erstrebenswertes Ideal romantisiert wird. Der Schluss des Films, wenn Baumann und Vilma durch eine hochgradig kitschige und künstliche Einfamilienhaus-Welt fahren, in der jeder der früheren Kumpel seinen eigenen Hof mit Selbsternährung hat, der schmerzt schon ziemlich. Das hat mit Realität aber auch gleich gar nichts mehr zu tun. Obwohl: Die offiziell dargebotene NS-Ideologie vom glücklichen Bauern und zufriedenen Arbeiter, der auf dem, unter Einsatz perfekt organisierter Kriegsmaschinerie befreiten, Siedlungsraum sein Leben in den Dienst des Volkes und des Staates stellt, diese Ideologie wird perfekt bedient. Womit beide Seiten der Ideologie in einem spannenden Phantastik-Thriller vereint wären

Was spätestens an dieser Stelle fasziniert ist der Umstand, dass 1934 die filmische Propagandamaschinerie der Nazis noch nicht so großartig lief wie in den späteren Jahren. Goebbels als der zuständige Minister wusste zwar bereits um die Wirkung des Mediums Film, hatte aber noch andere Schwerpunkte in seiner Arbeit. Und trotzdem hat Harry Piel diese Maschinerie so perfekt bedient, als ob die Vorgaben des Propagandaministeriums bereits fertig auf dem Tisch gelegen wären.

Bemerkenswert ist an der Stelle, das ich beim Ansehen nie das Gefühl hatte, dass mir diese unsägliche “Wir sind die Größten“-Botschaft KOLBERG-mäßig um die Ohren gehauen wird. Ganz im Gegenteil, ich meinte immer, dass Piel eigentlich etwas ganz anderes sagen möchte, dass er versucht die nationalsozialistische Grundstimmung umzuformen in etwas grundsätzlich Gutes. Und das ist das eigentlich Perfide: Ich bin ein relativ belesener (glaube ich jedenfalls) Bildungsbürger der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit einem starken Interesse an Geschichte, Politik und Film. Ich behaupte von mir, dass ich Propaganda erkenne wenn ich sie lese oder sehe. Nicht immer, aber immer öfter. Aber wie ist DER HERR DER WELT einem einfachen Menschen der frühen 30er-Jahre erschienen? Wie hat ein Arbeiter oder Angestellter diesen Film im Kino, auf der großen Leinwand, empfunden? Was hat er hinterher gedacht? Mit welcher Stimmung ist er am nächsten Tag in die Arbeit (so er eine hatte)? Hier setzt die eigentliche Hinterfotzigkeit an. Nicht bei offensichtlichen Parteifilmen im Stil von SA-MANN BRAND (bei der Bavaria 1933 entstanden) oder HITLERJUNGE QUEX (ebenfalls 1933 bei der Ufa gedreht), sondern bei Filmen wie eben DER HERR DER WELT oder Luis Trenkers DER REBELL (1932). Felix Moeller trifft den Kern, wenn er schreibt: “Die Zahl der politisch akzentuierten Filme dieser Zeit liegt zwar bei genauerer Analyse höher als gemeinhin unterstellt wird, jedoch nicht als Ergebnis einer neuen Filmpolitik, sondern dank des willfährigen Opportunismus und der deutschnationalen Kontinuität bei Teilen der Filmindustrie“. (1)

Ein interessantes Thema, aber ich schweife ab. Fakt ist, dass DER HERR DER WELT ein spannender Abenteuerfilm ist, der flott voranschreitet, tolle Schauspieler hat, einige sehr packende Actionszenen und gleichzeitig noch einiges zum Nachdenken bietet. Und der mir mit allen gebotenen Reibflächen und Kritikpunkten gut gefallen hat. Sowohl als Spannungsvehikel wie auch als Zeitdokument. Und wie DER HERR DER WELT beim Publikum ankam ist auch überliefert: Der Film wurde bei der Premiere in Berlin im August 1934 ausgelacht und ausgepfiffen …

(1): Felix Moeller: Der Filmminister, Berlin 1998, S. 153 f.

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