Niemand ist bei den Kälbern - Sabrina Sarabi (2021)

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Salvatore Baccaro
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Niemand ist bei den Kälbern - Sabrina Sarabi (2021)

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Originaltitel: Niemand ist bei den Kälbern

Produktionsland: Deutschland 2021

Regie: Sabrina Sarabi

Cast: Saskia Rosendahl, Rick Okon, Godehard Giese, Andreas Döhler, Nico Ehrenteilt, Hendrik Heutmann, Elisa Schlott


Ein Kuhdorf im nördlichen Mecklenburg-Vorpommern. Es ist Hochsommer, und die schwüle Hitze lässt die Alltagsmonotonie, in der sich die 24-jährige Christin gefangen fühlt, nur noch drückender wirken. Viel zu erleben gibt es in ihrem Heimatort nämlich nicht: Man kann an der einzigen Bushaltestelle weit und breit herumhängen, man kann versuchen, den überschaubaren Bewohnern der nicht mehr als fünf Häuser umfassenden Gemeinschaft noch mehr aus dem Weg zu gehen als sowieso schon, man kann sich mit billigem Fusel betäuben. Liiert ist Christin mit dem ein Jahr älteren Jan, und lebt auf dem Milchwirtschaftshof seines Vaters. Von Liebe kann keine Rede sein: Vielmehr ist Christin die Beziehung offenbar nur eingegangen, um von ihrem eigenen Vater loszukommen, einem Säufer, der in einer Sozialwohnsiedlung der nächstgelegenen Kleinstadt vor sich hinvegetiert, und den Christin nur noch besucht, um wenigstens ein bisschen für Ordnung in dem Drecksloch zu sorgen, sprich, das Erbrochene ihres Erzeugers wegzuwischen, ihm aus der vollgepinkelten Unterhose zu helfen, die Bataillons an leeren Flaschen zu entsorgen. Ihre Kindheit hat Christin unter Neonazis und Pitbull-Terriern verbracht, ihr Erwachsenenleben fristen sie nunmehr an der Seite des zu Gefühlen anscheinend unfähigen Jan, der sich alle Jubeljahre dazu bequemt, vor dem Einschlafen Sex von ihr einzufordern: Sie kocht ihm sein Essen, melkt die Kühle, füttert die Kälber – und nutzt jede Gelegenheit, einen kräftigen Schluck aus den überall herumstehenden Schnaps- und Likörflaschen zu nehmen. Ihre einzige Freundin steht gerade kurz davor, sich aus dem Staub zu machen; ihr selbst blüht demgegenüber, dass sie ihre Tage bis zum letzten Atemzug so weiterführen wird. Eines Tages lernt sie den Windkraftingenieur Klaus kennen. Zwanzig Jahre älter als sie ist er, hat Frau und Kind – und in Christin erwachen eigentlich längst sedierte Wünsche nach Lust und Leidenschaft...

…und was sich auf dem Papier anhört wie ein Wendepunkt in diesem bitteren, lichtblickfernen Drama, das entwickelt sich nicht etwa zu einer befreienden Affäre mit Potential zur Flucht aus dem dörflichen Mief, sondern macht die Dinge nur noch schlimmer. Wesentlich herbere Kost als in NIEMAND IST BEI DEN KÄLBERN, basierend auf dem (mir unbekannten) gleichnamigen Roman von Alina Herbing, darf man vom derzeitigen Mainstream-Arthouse-Kino wohl dann auch nicht erwarten: Die Tristesse klebt einem beim Schauen permanent wie ein grauer Schleier vor den Augen, fast so, als sei man selbst dauerhaft drauf auf kostengünstigen Alkoholika; die reservierte, stoische Art, mit der Hauptdarstellerin Saskia Rosendahl agiert, erinnert sicher nicht zufällig an Bresson-Heldinnen wie MOUCHETTE, an die ich während meiner Sichtung permanent denken musste; Montage, Kamera, die komplette Mise en Scène entspricht den gängigen Standards, wie ein Spielfilm sein muss, um nicht primär als Unterhaltung zu gelten, sprich, es gibt wenige Dialoge, dafür viele Leerstellen, viel Unausgesprochenes, viele Ellipsen innerhalb der unaufgeregt, fast schon stagnierend erzählten Handlung; die Bilder sind ostentativ schlicht, schnörkellos, semi-dokumentarisch in ihrem Realitätsanspruch; Schauwerte braucht man gar nicht erst zu erwarten, stattdessen endlose Einstellungen, die einfach nur das Gefühl vermitteln wollen, wie es ist, wenn man in einem entlegenen Kaff nichts anderes zu tun hat, als Milch aus Kuheutern zu quetschen, menschenleere Felder anzustarren, oder sich einen hinter die Binde zu kippen, wenn gerade niemand hinsieht. Anders gesagt: NIEMAND IST BEI DEN KÄLBERN verpackt ein gähnendes Nichts, aus dem der Alltag seiner Hauptfigur nun einmal besteht, in eine ästhetisch ansprechende Form, sperrig genug, dass der Film nicht leicht wegzukonsumieren ist, und dennoch zugänglig genug, dass ihn die intellektuelle Kritik nicht von der Bettkante schubsen wird.

Trotz allem (oder gerade deswegen) hat mich Sabrina Sarabis Film nicht so gepackt wie ich es mir gewünscht hätte: Zu oft verkommt Christins Heimatdorf zur bloßen Staffage; dass wir wirklich eintauchen würden in den Mikrokosmos des Ortes, seine Einwohner kennenlernen würden, ein Panoramabild über deren sozialen Beziehungen untereinander geliefert bekämen, kann ich leider nicht bestätigen; vielmehr fokussiert der Film nahezu ausschließlich seine Hautfigur – was freilich kein Manko sein muss; bei einem Film, dem es indes ein Anliegen zu sein scheint, doch etwas mehr zu erzählen über das Leben auf dem Land, allerdings dazu führt, dass NIEMAND IST BEI DEN KÄLBERN die rein individuelle Geschichte Christins bleibt, und nie allgemeingültiger etwas aussagt über dörfliche Strukturen in der ehemaligen DDR dreißig Jahre nach der Wende. Vieles in diesem Anti-Heimatfilm wirkt klischeehaft, vieles wird bloß angerissen, vieles bleibt, wie gesagt, bloße Kulisse, sodass ich mich frage, ob jemand wie Christin nicht ein ganz ähnliches Schicksal hätte erleiden können, wenn sie in einer westdeutschen Kleinstadt aufgewachsen wäre: Lieblosigkeit, Alkoholismus, zermürbenden Alltagstrott – muss man dafür wirklich in die Mecklenburgische Provinz abtauchen? Zumal die titelgebenden Kälber so gut wie keine Screentime erhalten – und das bemängle ich nicht nur, weil ich Kälber per se süß finde, sondern weil der Film völlig verspielt, seinen dokumentarischen Ansatz noch weiter auszubauen: Hätte Sarabi uns nicht detailliert zeigen können, wie solch eine dörfliche Milchwirtschaft in ihrem Kern funktioniert? Hätte sie uns nicht vor Augen führen können, welche Verwerfungen agrarwirtschaftliche Nutztierhaltung mit sich bringt? Hätte der Film es sich nicht überhaupt auf die Fahne schreiben müssen, Christins Martyrium lediglich als Ausgangsbasis dafür zu nutzen, einen ganzen Reigen an präzisen Beobachtungen über das Dorfleben vor uns aufzufächern, angefangen von all den Ritualen wie sonntäglichem Kirchgang und abendliche Besäufnisse in der Ortskneipe inklusive Stammtischparolen, in denen aktuelle politische Ereignisse verhandelt werden? Was mir bei den fast zwei Stunden Laufzeit schmerzlich fehlte, ist ein Hinausschreiten über die reine Story, ein Zurückzoomen der allzu sehr auf Christin fixierten Kamera hin zum Milieu, das die junge Frau umgibt, ein Statement, das mehr bringt als sich darin zu erschöpfen, dass auf dem Land eine toxische Männlichkeit das Regiment führt, niemand sich am Dorfrand am Sonnenuntergang berauscht, und man schon gar nicht mit Kälbchen und Kätzchen auf dem Schoß im Einklang mit der domestizierten Natur lebt.

Ein weiterer Film, an den ich mich stets erinnert fühlte, ist Hanekes DAS WEISSE BAND - auch deshalb, weil an der Peripherie der Handlung von NIEMAND IST BEI DEN KÄLBERN eine mysteriöse Brandstiftungsszenerie grassiert, der letztlich der Hof von Jans Eltern zum Opfern fällt, und von der nie geklärt wird, wer denn nun eigentlich hinter den Zündeleien steckt: Wo Hanekes sich im Subtext möglicherweise gar ein bisschen übernimmt und nicht nur ein gesamtes Dorf am Vorabend des Ersten Weltkriegs soziologisch seziert, sondern gleich eine Zustandsbeschreibung der gesamtdeutschen Gesellschaft zu geben versucht, wirkt Sarabis Film demgegenüber regelrecht schüchtern, viel zu verhalten, kälbchenhaft.
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