Ostwind 3 - Aufbruch nach Ora - Katja von Garnier (2017)

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Salvatore Baccaro
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Ostwind 3 - Aufbruch nach Ora - Katja von Garnier (2017)

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Oiginaltitel: Ostwind - Aufbruch nach Ora

Produktionsland: Deutschland 2017

Regie: Katja von Garnier

Darsteller: Hanna Binke, Amber Bongard, Marvin Linke, Nicolette Krebitz, Lea van Acken, Cornelia Forboess, Tilo Prückner, Jannis Niewöhner


Abt. Pferdegulasch


Erneut wird Mika von rätselhaften Alpträumen malträtiert, in denen sich die Orientierungslosigkeit und Freiheitssehnsucht unserer inzwischen zur Teenagerin herangereiften Heldin spiegeln: Wiederkehrendes Motiv sind nicht nur durch die Steppe rasende Wildpferde, sondern auch ein seltsames kreisförmiges Symbol, dessen Bedeutung Mika auf der Zunge zu liegen scheint, sich ihr aber doch sofort entzieht, wenn sie kurz davor steht zu begreifen, was es mit dem Zeichen auf sich hat. Hilfe bringt ihr Freund Milan, der inzwischen, wie sie, auf dem Gut ihrer Großmutter angestellt ist: Er zeigt sich verwundert, dass Mika nie bemerkt habe, dass ihr Hengst Ostwind an seinem Gesäß ein Brandzeichen trägt – und dass dieses exakt mit dem Symbol aus ihren Träumen übereinstimmt. Eine kleine Recherche in der großmütterlichen Pferdeliteraturbibliothek später weiß Mika, dass es sich bei dem Brandmal um das Erkennungssymbol des sagenumwobenen Ortes Ora in Andalusien handelt, und dass Ostwind offenbar dort seine Wurzeln haben muss. Da Mika mit dem Alltag auf Gut Kaltenbach sowieso nicht ausgelastet ist und sie vor allem die blasierten Klienten anöden, die ihre Pferde zu ihr in die Verhaltenstherapie bringen, wobei jedoch nahezu immer die Menschen, nicht die Tiere das eigentliche Problem sind, packt sie kurzerhand ihre Siebensachen und beschließt, mit Ostwind zu dessen Geburtsstätte zu reisen, - was ihr weder Milan, mit dem sie eine keusche Liebe pflegt, noch ihre Großmutter auszureden versuchen. Als sie bei der Mittelmeerüberfahrt ihr Smartphone in den Wellen verliert, ist unsere Heldin endgültig auf sich allein gestellt und schlägt sich auf dem Rossrücken bis nach Ora durch, wo sie jedoch eine Ernüchterung erlebt: Von dem legendären Pferdeparadies ist nicht mehr viel übrig, stattdessen bestellt die kesse Samantha mit ihrem Vater Pedro einen 0815-Pferdehof. Sich kurzerhand die Identität eines seit Tagen erwarteten Au-Pair-Mädchens aus Deutschland gebend, findet unsere Heldin Zugang in den Familienbetrieb und bringt ihre Zeit fortan als bessere Haushaltshilfe zu.

Doch je weiter das Eis zwischen Samantha und ihr taut desto mehr Einblicke erhält sie in deren Familiengeschichte und das Geheimnis von Ora: Pedro nämlich hat sich einst mit seiner Schwester Tara zerstritten, und während er den Mainstream-Pferdehof bewirtschaftet, hat sich Samanthas spirituell veranlagte Tante in die Wildnis zurückgezogen, konkret: an den Platz, wo vor Dekaden alljährlich das sogenannte „Rennen von Ora“ stattgefunden hat, und wo sie mit einer Rudel Wildpferde lebt. Als Pedro seine Ländereien an die Gemeinde verkauft, deren Bürgermeister aber dahingehend wortbrüchig wird, dass er Ora gegen Pedros Willen an einen Großkonzern weiterreicht, der alsbald Arbeiter mit Kettensägen anrücken lässt, um die Idylle dem Erdboden gleichzumachen, bleibt Mika erneut nichts anderes übrig als mit ihren ihr inzwischen hinterhergereisten Freunden Fanny und Sam zum dritten Mal in den Turnierring zu steigen: Das Rennen von Ora soll neu aufleben, sodann als spanisches Kulturgut deklariert werden, und damit die Vernichtung Oras aufgehalten werden. Während Mika eifrig mit Ostwind trainiert, kristallisiert sich jedoch ein Haken an dem Plan heraus: Um den Status einer schützenswerten Kulturveranstaltung zu erlangen, müssen am Tag des Rennens mindestens 200 zahlende Gäste auf den Zuschauerrängen der verfallenen Anlage Platz nehmen – und es sieht nicht danach aus, dass Mika, Samantha, Fanny und Sam genügend die Werbetrommel rühren können, um diese Anforderung zu erfüllen...

Nachdem OSTWIND 2 dahingehend einen sicheren Kurs gefahren hat, dass das Sequel zum Kassenerfolg OSTWIND im Grunde dieselbe Geschichte noch einmal erzählt hat, (inklusive identischem Schauspielerensemble, identischer Kulisse, identischer dramaturgischer Struktur), und sich vom Vorgänger eigentlich nur dadurch unterschied, dass er sowohl Mika wie ihrem Ross ein Objekt der Begierde vom jeweils anderen Geschlecht an die Seite stellte, entschieden sich die Verantwortlichen beim nunmehr dritten Teil der Pferdesaga dafür, einen radikalen Ortswechsel zu vollziehen: Einzig der Anfang und das Ende spielen noch auf Gut Kaltenbach, beim kompletten Mittelteil verschlägt es Mika und Ostwind nach Andalusien, (wo der Film auch größtenteils on location gedreht worden ist); in den ersten beiden Teilen wichtige Charaktere wie Mikas Großmutter oder ihr Lehrmeister Herr Kaan haben entweder nur völlig vernachlässigbare Kurzauftritte oder tauchen überhaupt nicht mehr auf – ein Schicksal, das vor allem Mikas Eltern ereilt, die tatsächlich während der gesamten fast zwei Stunden Laufzeit mit keiner einzigen Silbe erwähnt werden. Um wiederum Mikas Freundin Fanny und Stallburschen Sam nach Südspanien zu bekommen, muss das Drehbuch Haken schlagen wie ein fliehender Hase, - was aber sowieso etwas ist, das der Plot die meiste Zeit tut. Wem es bereits äußerst unwahrscheinlich schien, dass ein Mädchen, das noch nie seine Nase in einen Stall gesteckt hat, im ersten OSTWIND-Film innerhalb eines Monats zur besten Dressurreiterin aller Zeiten avanciert, dem werden die unwahrscheinlichen Entwicklungen in AUFBRUCH NACH ORA noch viel weniger schmecken, wie vor allem Mikas Reise nach Andalusien, die sie zunächst in Milans Auto beginnt, dann per Mittelmeerfährte fortsetzt, bevor sie anschließend allein mit ihrem Pferd durch die Fremde reitet, (wohlgemerkt ohne über die geringsten Spanischkenntnisse verfügen) - wobei es aber Sprachbarrieren sowieso nicht zu geben scheint, denn jede Person, der Mika auf der Iberischen Halbinsel begegnet, spricht fließend Deutsch, was der Film wiederum zu keinem Zeitpunkt thematisiert, sodass mir bis zum Ende nicht klargeworden ist, ob es sich bei Pedro, Tara und Samantha nun um Exilbundesbürger handelt, die sich im Süden eine neue Existenz aufgebaut haben, oder ob sie gebürtige Spanier sein sollen, die zufällig feinstes Hochdeutsch beherrschen.

Fragwürdiger als solche naiven narrativen Anwandlungen, die ich einem Kinder- und Jugendfilm gerne nachsehe, habe ich indes den schalen New-Age-Mystizismus empfunden, den OSTWIND 3 pausenlos evoziert. Während in den beiden vorherigen Filmen immer nur am Rande, (und meist von Herrn Kaan), davon gesprochen wurde, dass Mika über eine besondere „Gabe“ verfügt, die sie in Pferdeseelen quasi hineinhorchen lasse, reizt der dritte Aufguss diese Karte bis zur Erträglichkeitsgrenze aus: Jede einzelne Szene mit Nicolette Krebitz als Tara wirkt wie ein Werbefilm für ein Wildpferdemeditationskurs an der örtlichen Volksschule; unaufhörlich ist davon die Rede, dass Ostwind seinem sowohl physischen wie transzendenten Ursprung zugeführt werden müsse; als Kontrast zur oberflächlichen Schwärmerei wird, (wie schon im zweiten Teil), das Schreckgespenst von Materialismus und Kapitalismus aufgebaut, diesmal in Form eines Konzerns, der mitleidlos um des schnöden Mammons willen unschuldige Natur zerstört. Man hört es meinen distanzierten Worten wahrscheinlich schon an: Während mir OSTWIND 1 durchaus gefallen hatte und mir OSTWIND 2 zumindest noch nette eineinhalb Stunden bescherte, gelang mir der Zugang zu OSTWIND 3 nicht so problemlos: Zu sehr übertreibt es der Film diesmal mit der Überästhetisierung seiner Landschaftsbilder, die stellenweise nahezu surreal in bunten Farben glänzen, im Sonnenschein flirren, in ihrem schieren Willen, Erhabenheit auszustrahlen, beinahe schon wieder gefällig wirken; zu vollgestopft ist mir das Drehbuch mit Ideen, die sich nicht immer harmonisch miteinander verbinden, und die in ihrer Fülle dem Ensemble wenig Raum zur Entfaltung lassen, (gerade Neuzugang Lea van Acken, die ich in Dietrich Brüggemanns KREUZWEG geliebt habe, hat als Samantha so wenig zu tun, dass sie problemlos aus dem Skript hätte gestrichen werden können); zu wenig pointiert erzählt der Film seine Parabel von Loslassen- und Freiheitschenkenkönnen – und die mannigfachen Szenen, in denen spanischem Lokalkolorit gehuldigt wird, dass ich mir vorkommen wie in einen plakativen Touristikkatalog gestolpert, haben mir ebenso wenig geholfen, mich dem Streifen wirklich anzunähern, wie die Pop-Songs, die die Handlung einmal mehr penetrant aus dem Off beschallen, (immerhin scheinen diese diesmal weniger zu sein als in den Vorgängern, und generell nicht ganz so unerträglich, und wenn meine Ohren sich nicht getäuscht haben, schafften es gar ein paar Takte der wundervollen Sigur Rós in den Soundtrack.)

Am interessantesten fand ich letztlich den Umgang, den der Film mit dem Thema Sexualität pflegt, denn einen derart keuschen, nahezu verklemmten Streifen habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Obwohl Mika längst die Pubertät überwunden haben dürfte und obwohl im vorherigen Teil mehr als nur angedeutet wurde, dass sie und Milan sowie ihre beste Freundin Fanny und Stallbursche Sam in Partnerschaften eingetreten sind, spart OSTWIND 3 nunmehr nahezu jegliche Hinweise hierauf völlig aus. Einmal abgesehen davon, dass Fanny und Sam am Ende des Films gemeinsam nach Barcelona reisen und sich zwischendurch subtile Eifersuchtsszenen liefern, wenn die eine oder der andere einem fremden Knaben oder einem fremden Mädchen hinterherschauen, wirken die Beiden eher wie gute Kumpels statt wie ein Liebespaar. Etwas eindeutiger wird’s bei der Konstellation Mika-Milan, denn diese dürfen sich zumindest zu Beginn mehrmals gestehen, dass sie einander wichtig sind – und dann gibt es noch die Abschiedsszene am Strand, bevor Mika gen Spanien einschifft, wo ein Kuss zwar angedeutet wird, die Inszenierung dann aber doch hastig zurückrudert: Statt dass wir sehen, wie sich Mikas und Milans Lippen berühren, fällt unserer Heldin wie zufällig das Haupthaar ins Gesicht und verschleiert, ob ihre Münde wirklich aufeinandertreffen oder ob sie vielleicht bloß die Nasenspitzen aneinander reiben. Ich frage mich ja ernsthaft, ob man dem (minderjährigen) Publikum nicht mal einen schüchternen Kuss zumuten kann. Ja, OSTWIND 3 ist von der FSK ab 0 Jahren freigegeben: Aber wäre das schon zu viel an Körperlichkeit? Kurioserweise gelten diese prüden Regeln für die Tierwelt jedoch nicht, denn Ostwind hat durchaus Sex – wenn auch natürlich im Off, (wir sind ja nicht bei LA BÊTE): Im Finale gebiert nämlich die Stute, die Milan und Mika in Teil 2 aus den Fängen des Pferdemetzgers gerettet haben, einen Sohn des in Spanien zurückgebliebenen Hengstes.

Alles in allem ist OSTWIND 3 jedenfalls der für mich mit Abstand unbefriedigendste Teil dieser fünf Folgen umfassenden Reihe: Props dafür, dass man nach dem generischen zweiten Teil etwas Neues ausprobieren wollte, aber, ergh, nein, das ist mir dann doch zu sehr das filmische Äquivalent zu pseudo-esoterischer Pferdeflüsterer-Literatur...

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