Ostwind 4 - Aris Ankunft - Theresa von Eltz (2019)

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Salvatore Baccaro
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Ostwind 4 - Aris Ankunft - Theresa von Eltz (2019)

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Originaltitel: Ostwind - Aris Ankunft

Produktionsland: Deutschland 2019

Regie: Theresa von Eltz

Darsteller: Luna Paiano, Hanna Binke, Amber Bongard, Marvin Linke, Tilo Prückner, Cornelia Froboess, Lili Epply, Sabin Tambrea, Nina Kronjäger


Abt. Salvatores Rosskur


Mika besucht ihren Hengst Ostwind in dessen andalusischer Heimat, wo sie ihn im vorherigen Film bei einer Wildpferdeherde zurückgelassen hat. Just aber, nachdem sie ihre Füße ins Tal von Ora gesetzt hat, fliegen ihr schon die ersten verkohlten Blumen entgegen: Ein Waldbrand greift um sich und Ostwind nebst Familie befindet sich direkt in dessen Epizentrum! Zwar kommen sowohl Mädchen wie Pferd mit dem Leben davon, doch unversehrt sind sie nicht: Während Mika im Koma liegt, stürzt Ostwind, der inzwischen zurück nach Gut Kaltenbach gebracht wurde, in eine schwere Depression, weigert sich, seinen Stall zu verlassen, und die ansonsten heißgeliebten Karotten anzurühren, die Stallbursche Sam ihm tagtäglich vorbeibringt. Sams Großvater, Herr Kaan, vermutet, dass das intensive Seelenband zwischen Mika und Ostwind Schuld am miserablen Zustand beider ist: Ostwind ergeht es schlecht, weil Mika sich im Koma befindet, und Mika wiederum kann solange nicht aus dem Koma erwachen, wie Ostwind nicht neuen Lebensmut findet – was ihre behandelten Ärzte dahingehend bestätigen, dass das Mädchen körperlich mittlerweile völlig gesund ist und aus medizinischer Sicht rein gar nichts dagegen spricht, dass sie jeden Moment die Augen aufschlägt.

Auftritt Ari, ein etwa dreizehnjähriges Problemkind, das Mikas Freundin Fanny während eines Jugendamtspraktikums kennenlernt. Gerade wird Ari aus der werweißwievielten Pflegefamilie herausgekickt – angeblich, weil sie den Haushund Justin Bieber gefoltert und anschließend die Tochter des Hauses vermöbelt haben soll. Die Wirklichkeit wird Fanny schnell klar: Ari hat sich vielmehr schützend vor das arme Hündchen gestellt und ist daraufhin von ihrer Pflegeschwester übel verleumdet worden. Allerdings stimmt es, dass Ari ihre Aggressionen zuweilen nicht unter Kontrolle hat: Rutscht ihr jemand zu dicht auf die Pelle, rutscht dem Mädchen flink die Faust aus – weshalb Fannys Chefin keine andere Wahl bleibt, als Ari ins Erziehungsheim zu transportieren. Noch gerade rechtzeitig kommt Fanny die rettende Idee: Wieso nicht einfach behaupten, Gut Kaltenbach sei ein Pferdetherapiezentrum für schwererziehbare Kinder? Und da offenbar niemand im Jugendamt es für nötig hält, das nachzuprüfen, findet sich Ari in der Obhut von Fanny und Sam zwischen Pferden, Misthaufen und angehenden Reiterinnen wieder.

Gewissermaßen wiederholt sich nun das Schema aus OSTWIND 1: Ari strahlt zunächst eine negative Energie aus, sodass jedes Pferd vor ihr zurückscheut; ihr passt das Bauernhofleben nicht, sie denkt an Flucht; dann aber trifft sie auf Ostwind und die beiden Außenseiter verlieben sich ineinander; Mikas alter Lehrmeister Herr Kaan nimmt auch Ari unter seine Fittiche und ihr Wunsch, unbedingt reiten zu können, ist ihm Befehl: Mittels Äpfeln, Honigwaben, im Gras verstreuten Schrauben wird der aufgebrachten Ari Geduld und Achtsamkeit beigebracht. Währenddessen ziehen einmal mehr düstere Wolken über Kaltenbach her: Die neue Mitarbeitern Isabell Herburg agiert nach außen hin zwar als Vorzeigereitlehrerin, in Wirklichkeit hat sie mit dem Pferdeflüsterer Thordur Thorvaldson einen teuflischen Pakt geschlossen – während Isabell alles daran setzt, Mikas Großmutter vom Hof zu verdrängen, (unter anderem auch dadurch, dass sie ihre Herzmedikamente heimlich durch Placebo-Arznei ersetzt), träumt Thorvaldson davon, in den Besitz Ostwinds zu gelangen. Der Alptraum ist zum Greifen nah, als Oma Kaltenbach einen Herzanfall erleidet und zur Kur muss. Kaum ist die Katze aus dem Haus, tanzen die Mäuse auf dem Tisch: Isabell führt ein hartes Regiment, wobei sie Unterstützung vom naiven Sam erhält, den das blonde Gift spielerisch um den Finger wickelt. Es scheint, als ob nur Ari, die inzwischen mit Pfeil und Bogen hantiert, als hätte sie nie etwas anderes getan, und auf dem Rücken Ostwinds wirkt wie eine kriegerische Pocahontas, dem hinterhältigen Treiben ein Ende setzen kann…

Positives und Negatives halten sich bei OSTWIND 4 die Waage, (was aber dafür ausreicht, dass mir der Film besser gefallen hat als der arg in New-Age-Mystizismus schwimmende Vorgängerstreifen): ARIS ANKUNFT ist flott inszeniert, noch randvoller an Ideen als AUFBRUCH NACH ORA, was zumindest keinen (spirituell verbrämten) Leerlauf entstehen lässt, und gibt Figuren aus den ersten beiden Teilen wieder mehr Screentime als sie im nahezu komplett in Spanien spielenden dritten Teil erhalten hatten, namentlich: Cornelia Froboess als Mikas Großmutter und Tilo Prückner als Herr Kaan, der hier noch einmal vollends in seiner Rolle als weiser, alter Pferdetrainer aufgehen darf; Gastauftritte absolvieren Detlev Buck als (lüsterner!) Veterinärmediziner sowie Nina Kronjäger als Mikas Mutter, (während Jürgen Vogel, der in Teil 1 und 2 ihren Gatten verkörperte, durch Abwesenheit glänzt, und mit keiner Silbe erwähnt wird: Stets hält die Mutter allein am Krankenbett ihrer komatösen Tochter Wache.) Überrascht hat mich, dass das Drehbuch Mika selbst zu einer Nebenfigur degradiert: Einen Großteil der Laufzeit verbringt Hanna Binke im Tiefschlaf beziehungsweise als Traumgestalt in Aris Träumen, und wenn sie endlich erwacht, trennen uns bloß noch wenige Minuten vom Abspann. Da haben die Verantwortlichen wohl gemutmaßt, dass Mika für die anvisierte Zielgruppe inzwischen ein wenig zu alt ist, um noch immer eine perfekte Identifikationsfigur abzugeben, weshalb man eben in Gestalt der jüngeren Ari eine noch präpubertäre Heldin in den Mittelpunkt stellt. Milan übrigens, (der in einer Dialogzeile nunmehr offiziell als Mikas „Freund“ bezeichnet wird), befindet sich angeblich mit Ostwinds Liebster, der Stute 34, in Kanada, „irgendwas mit Mustangs oder so“, und ist nicht mal telefonisch zu erreichen. Auch das am Ende von Teil 3 zur Welt gekommene Fohlen, die Liebesfrucht Ostwinds und 34s, sieht und hört man zu keinem Zeitpunkt.

Statt also sich irgendwelche plausiblen Gründe für die Absenz wichtiger Figuren auszudenken oder überhaupt den Mika-Strang ernsthaft weiterzuführen, entscheidet sich OSTWIND 4 dafür, Plattform für eine neue Generation zu sein. Der Film ist komplett auf Ari zugeschnitten, die, wie bereits erwähnt, nahezu exakt dieselben Stationen durchlaufen muss, um zur inneren Reife zu gelangen, wie Mika im ersten Teil. Nebenbei entwickelt sich dann doch, (stellenweise relativ isoliert vom Ari-Plot), die Intrige Isabelles und des sogenannten „Magiers“ Thordur, der wirkt wie eine Karnevalsvampir, inklusive langem schwarzen Mantel, Hut, stechendem Blick. Zuweilen erreichen die Machenschaften der beiden Seifenopern-Niveau: Da werden unbedarfte Jünglinge (Sam) becirct; da lässt man lebensnotwendige Medikamente im Kaminfeuer verschwinden; da feuert man unliebsame Angestellte im Sekundentakt. Ganz hat sich mir zwar nicht erschlossen, wie die Coming-of-Age-Story um Ari und die Versuche Isabells, sich Gut Kaltenbach unter den Nägel zu reißen, nun punktuell narrativ zusammenhängen, aber leidlich unterhaltsam ist das allemal, (auch wenn man erneut mit unfassbar haarsträubenden Plot-Entwicklungen rechnen muss, die man wirklich problemlos hätte vermeiden können.) Als größtes Manko des Skripts empfinde ich jedoch, dass wir darüber, was Ari überhaupt erst dazu gebracht hat, in Pflegefamilien unterkommen zu müssen, exakt NICHTS erfahren - denn, nein, ein familienfreundlicheres Äquivalent zu SYSTEMSPRENGER ist vorliegender Film beileibe nicht: Aris Vergangenheit bleibt eine komplett weiße Landkarte, die nicht die geringste Andeutung ein bisschen verdunkelt – weswegen sich dann, zumindest auf meiner Seite, weniger Sympathien für die Ronja-Räubertochter-Reinkarnation einstellt als seinerzeit bei OSTWIND 1 für Mika, deren Charakter uns der Film ausführlich dargestellt hat.

Lobend aber muss erwähnt werden: Der Popsong-Soundtrack ist noch erträglicher als in Teil 3, sprich, bis auf ein, zwei Stücke ist mir kein Track unangenehm aufgestoßen. Ach ja, und die Darstellerin von Aris Pflegeschwester zu Beginn macht ihre Sache wirklich überzeugend: Meine Güte, jenseits von D’Amatos ROSSO SANGUE habe ich selten ein derart furchtbares Kino-Kind erlebt – zur Erinnerung: sie fackelt ihrem Schoßhund, den sie zu allem Überfluss Justin Bieber getauft hat, die Barthaare mit einem Feuerzeug ab, um danach, als Ari ihr die Fresse poliert, einen trommelfellzerfetzenden Schreikrampf zu erleiden!

OSTWIND 5 - DER GROSSE ORKAN wurde ja längst in den Kasten gebracht, sein Kinostart aufgrund naheliegender Gründe allerdings bislang immer wieder verschoben. Ich hoffe mal, dass ich, falls die Lichtspielhäuser im Juli ihre Pforten wieder öffnen, dann auch dieses Kapitel der neueren Filmgeschichte endlich abschließen kann, (denn OSTWIND 5 soll offizieller Abschlussfilm der Reihe sein), um mich anschließend wieder relevanteren Dingen wie, ehm, obskuren Mondos zuzuwenden...

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