Tatort / Polizeiruf 110 - Kritiken und Diskussionen

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buxtebrawler
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Re: Tatort / Polizeiruf 110 - Kritiken und Diskussionen

Beitrag von buxtebrawler »

Tatort: Schattenleben

„Habt ihr gefickt?“

Regisseurin Mia Spengler blieb für ihren zweiten Beitrag zur öffentlich-rechtlichen Fernsehkrimireihe „Tatort“ dem Hamburger BKA-Team aus Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) und Julia Grosz (Franziska Weisz) treu. Sie hatte bereits für die Episode „Die goldene Zeit“ aus dem Jahre 2019 mit den beiden zusammengearbeitet. Das Drehbuch dieses 17. Einsatzes Falkes bzw. elften Falls für Grosz verfasste Lena Fakler, auf dessen Grundlage Spengler ihn im Frühjahr 2021 inszenierte. Die Erstausstrahlung erfolgte erst am 12. Juni 2022.

„Ihr spielt da mit Menschen!“

Hamburg und das Umland werden von einer Serie von Anschlägen auf Besitztümer zuvor durch Polizeigewalt aufgefallener Polizisten erschüttert. Der jüngste Anschlag erreichte dabei eine neue, traurige Dimension der Gewalt, denn er zielte auf das Wohnhaus des Polizeibeamten Bastian Huber (Robert Höller, „Wut!), dessen Ehefrau dabei ums Leben kam. Den oder die Täter vermutet man im linksautonomen Milieu. In diesem ist eigentlich Ela Erol (Elisa Hofmann, „Das Duo: Liebe und Tod“) seit längerer Zeit als verdeckte Ermittlerin tätig, verschwindet nach einem ebenso konspirativen wie mysteriösen Treffen mit ihrer alten Freundin aus Polizeischultagen, Julia Grosz, jedoch spurlos. Zuvor erreichte Grosz noch ein Hilferuf Elas. Besteht ein Zusammenhang zwischen beiden Ereignissen? Während Bundespolizist Falke zusammen mit Thomas Okonjo (Jonathan Kwesi Aikins) in der Anschlagserie ermittelt, schleust sich Grosz verdeckt in die Wohngemeinschaft feministischer Aktivistinnen ein, in die sich zuvor Ela eingeschlichen hatte. Dort lernt sie die freundliche und besonnene Maike (Jana Julia Roth, „Der Usedom-Krimi“) und die gewaltbereite, aufbrausende Nana (Gina Haller, „Sweet Disaster“) kennen. Mit letzterer hatte Ela offenbar eine Affäre…

„Schattenleben“ thematisiert und kritisiert mehrere reale Phänomene und Ereignisse: Zum einen Polizeibrutalität durch zahlreiche Beamte, die ihr Gewaltmonopol ausnutzen, um Menschen zu misshandeln, und denen aufgrund ihres Korpsgeists, rechtlicher Kniffe wie Gegenanzeigen und mangelnden Problembewusstseins seitens der Justiz keinerlei Konsequenzen drohen. In diesem „Tatort“ schlägt jemand zurück, übertritt das Gewaltmonopol und verpasst den Gewalttätern empfindliche Denkzettel. Erst der Todesfall bewirkt, dass die Bundespolizei auf die Gewaltexzesse der Kollegen aufmerksam wird. In Hamburg ist dieser Fall gut angesiedelt, denn dort hatte die Exekutive anlässlich des G20-Gipfels wochenlang die halbe Stadt in Geiselhaft genommen und sich von ihrer hässlichsten Seite gezeigt. Zudem gilt die Hamburger Polizei als rassistisch, seit sie Racial Profiling betreibt und von dieser Linie auch nicht abweicht. Die Starrköpfigkeit und Beratungsresistenz nicht nur dieser Behörde, sondern auch der Hamburger Politik kostete einst einen Verdächtigen das Leben, als er widerrechtlich zur Einnahme von Brechmitteln gezwungen wurde.

Zum anderen ist „Schattenleben“ inspiriert von den realen Fällen verdeckter Ermittlerinnen in Hamburg, die bis tief ins Privatleben von Mitgliedern linker bis linksradikaler Gruppen eindrangen und zuweilen offenbar eine solche Sympathie entwickelten, dass sie Sex mit ihnen hatten. Fuck the police wörtlich genommen. Was ein solcher Vertrauensmissbrauch mit den Menschen macht, thematisiert die Handlung sowohl anhand der verschwundenen Ela als auch der sich einschleichenden Grosz, die nach ihrer Enttarnung die Wut darüber zu spüren bekommt. Auf erzählerisch sehr versierte Weise wird die Frage aufgeworfen, ob Ela die Seiten gewechselt hat – und ob sie damit nicht sogar Recht hätte, da die Szene, die sie ausspitzeln sollte, integrer als die Polizei ist. Hier ist es eine feministische Gruppe, die u.a. Selbstverteidigungskurse organisiert und auf den FLINTA-Sammelbegriff Wert legt, um sich mit mehreren Minderheiten zu solidarisieren. Deren Mitglied Nana hat zwar eine verdammt kurze Zündschnur und trägt einen gewissen „Der Zweck heiligt die Mittel“-Zynismus vor sich her, aber ist sie auch eine Täterin?

Die Handlung charakterisiert die von Haller famos geschauspielerte Nana Stück für Stück, indem sie Grosz immer tiefer in Nanas Privatleben vordringen bzw. sich in es hineinziehen lässt. Szenen einer durchfeierten Nacht, dem Rückweg nach Hause am nächsten Morgen und der Katerstimmung danach sind von besonderer emotionaler Intensität. Damit einher geht die Fokussierung auf Grosz, wie es sie innerhalb dieses „Tatort“-Strangs bisher nicht gegeben hat. So lernen die Zuschauerinnen und Zuschauer auch diese Figur mit ihren Stärken und Schwächen mehr als je zuvor kennen, nicht nur aufgrund ihrer Freundschaft zu Ela entwickeln sich ihre Ermittlungen auch zu einem persönlichen Drama.

Auf der anderen Seite haben wir Polizisten wie Huber, der seinen Machtmissbrauch herunterspielt, dessen Kollegen, die ihn decken und sich mit ihm solidarisieren, und einen, der sich im Hamburger Vorort Pinneberg im Eigenheim niedergelassen hat und von der Lebensrealität der FLINTA-Gruppe kaum weiter entfernt sein könnte. Diese Kontraste mögen mitunter plakativ erscheinen oder sich zumindest so lesen, ihre Verarbeitung geschieht jedoch durchaus mit Zwischentönen und Ambivalenzen. Dies gilt auch für den Staatsschutzbeamten Hartmut Keiler (Christian Kerepeszki, „Killerjagd - Schrei, wenn du dich traust“), der nicht mit, sondern gegen Falke und Grosz zu arbeiten scheint. Von Falke, Okonjo und mit Abstrichen Grosz abgesehen, kommt die Polizei in diesem „Tatort“ überhaupt nicht gut weg; es dürfte sich um die seit „Verbrannt“ (2015) polizeikritischste Episode handeln. Jener Fall griff den „mutmaßlichen“ (muss man ja schreiben, weil das Pack nie verurteilt wurde) Mord rassistischer Dessauer Polizeibeamter am Asylbewerber Oury Jalloh auf, die ihn bei lebendigem Leibe in dessen Zelle verbrannten. Auch „Verbrannt“ war ein Falke-Fall, damals noch an seiner Seite: Katharina Lorenz.

Die Charakterisierung „der“ linken Szene, die es als homogene Gruppe nicht gibt, erfolgt durchaus nicht übermäßig übertrieben, sondern der Fiktionalisierung und Dramaturgie angemessen. Spaltung, Missverständnisse und Widersprüche spiegeln sich nicht nur im Dialog Falkes mit einem Vokü-Koch wider, sie finden sich auch in den Dialogen der Feministinnen untereinander – und nicht zuletzt im Umstand, dass diese Gruppe relativ auf sich allein gestellt scheint. Auf diese eher subtile Weise schwingt also auch Kritik an linken Lebensentwürfen und Selbstverständnissen mit. Musik von u.a. Bikini Kill und Slime erfüllt ihren Zweck als Authentifizierungsmaßnahme und dürfte manch brave(n) Bundesbürger(in) am sonntäglichen Fernsehabend aufgeschreckt haben.

Fakler, Spengler und ihr Team haben einen mutigen, gesellschaftlich und politisch relevanten „Tatort“ konzipiert und umgesetzt, der den Finger in mehrere klaffende Wunden der deutschen Polizei legt und die Kriminalisierung von zumindest Teilen der, wenn man sie so nennen möchte, „linken Szene“ und das angewandte Prinzip verdeckter Ermittlungen in diesen Kreisen infragestellt. Und das ganz ohne nach hyperkorrekten Plena oder verbissener Agitprop zu müffeln, da es gelingt, die menschliche Komponente in den Fokus zu rücken und mit Kriminalthrill – insbesondere im konsequenten Finale – zu verquicken. Sehr gut, mehr davon!
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
Ein-Mann-Geschmacks-Armee gegen die eingefahrene Italo-Front (4/10 u. 9+)
Diese Filme sind züchisch krank!

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