bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

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buxtebrawler
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Tatort: Das kalte Haus

„Das ist ein Tatort!“

„Tatort“, Team Dresden, Fall 13 für Karin Gorniak (Karin Hanczewski) und Peter Michael Schnabel (Martin Brambach), Fall 7 für Leonie Winkler (Cornelia Gröschel). Regisseurin/Autorin Anne Zohra Berrached und Co-Autor Christoph Busche gelang der vielleicht beste Dresdner „Tatort“ seit Winklers Einstieg. Die im Frühjahr 2021 gedrehte Episode wurde am Pfingstmontag 2022 erstausgestrahlt – und damit eine Woche nach dem von Berrached früher gedrehten „Tatort: Liebeswut“, ihrem eigentlichen dritten Beitrag zur öffentlich-rechtlichen Fernsehkrimireihe.

„Wir sind die Dresdner Polizei – kein Gesangsverein!“

Eigentlich wollten die Kommissarinnen Gorniak und Winkler in Gorniaks Geburtstag reinfeiern, doch kurz nach dem gemeinsamen Aufbruch meldet sich ihr Abteilungsleiter Schnabel: Man solle auf schnellstem Wege zu Simon Fischers (Christian Bayer, „Liebe Mauer“) Villa kommen. Fischer, für den Standort wichtiger Unternehmer und persönlicher Bekannter manch hohen Tiers, hat seine Frau Kathrin (Amelie Kiefer, „Blond bringt nix“) als vermisst gemeldet. Fischer selbst ist nicht zu Hause, als die Polizei eintrifft, doch kurze Zeit später läuft er Schnabel vors Auto. Er macht einen unter Schock stehenden, verwirrten Eindruck. Im Haus findet sich eine größere Menge Blut. Wo also steckt Kathrin, die sich unter „Die Glückssucherin“ auf YouTube einen Namen als Lebensberaterin machte? Fischer durchlebt ein Wechselbad der Gefühle, kann zu den Ermittlungen jedoch nicht viel beitragen. Gorniak ist sich sicher: Fischer hat seine Frau auf dem Gewissen. Winkler jedoch zweifelt. Und Brambach glaubt, dass der hochangesehene VIP-Verdächtige kein Täter sein könne…

„So ein Scheißfall!“

Kein klassisches Whodunit?, vielmehr ein Whathappened? Ist die Grundlage dieses interessanten „Tatorts“, der zunächst viel im titelgebenden, mit allerlei Smarthome-Technik zum Abgewöhnen ausgestatteten Haus spielt und nach und nach zum Psychogramm eines undurchsichtigen, schnell aufbrausenden Mannes wird. Immerhin scheint er von seiner Frau derart besessen, dass er sich immer wieder ihre Anwesenheit herbeifantasiert, visualisiert von Berrached respektive ihrem Kamerateam. Als Begleitmotiv zieht sich Gorniaks verhinderte Geburtstagsfeier durch die Szenerie, immerhin singt man ihr zu Schnabels Missfallen ein Ständchen, später gibt’s alkoholfreien Sekt und Kuchen. Der Gipfel Schnabels Empathiemangels ist sein Herausposaunen persönlicher Erinnerungen an familiäre Gewalterfahrungen, die Gorniak ihm einst anvertraut hatte. Daraus entsteht ein ernsthafter Konflikt innerhalb einer ohnehin konfliktreichen Handlung, in der die Figuren nicht nur mit diesem Fall, einem cholerischen Vielleicht-Verdächtigen, persönlichen Verwerfungen und Kompetenzgerangel zu kämpfen haben, sondern auch mit der Uhrzeit: Die Nacht wurde durchgemacht, alle sind übermüdet.

Spielt Gorniaks Psyche ihr einen Streich, verdächtigt sie Fischer aufgrund ihrer eigenen traumatischen Erfahrungen? Diese Frage steht im Mittelpunkt eines auch ohne Actioneinlagen spannend erzählten Falls, der mit seiner Ausstattung und seiner unbehaglichen Stimmung punktet und die Polizeiarbeit recht akribisch zeigt. Auf einer SD-Karte der Fischers findet sich ein peinliches privates Sexrollenspielvideo, was weniger Simon Fischer düpiert als vielmehr verständlich macht, dass er die Karte zunächst nicht herausrücken wollte und Gorniak in jenem Moment tatsächlich übergriffig war. So unsympathisch Fischers Anwalt auch auftreten mag, sein Einschreiten war hier offenbar richtig. Derlei eingestreute Ambivalenzen sind es, die konstant das Interesse an den Figuren und ihrer weiteren Entwicklung aufrechterhalten. Moralisiert wird hier nicht, stattdessen erhält man einen zwar stets punktuellen, sich langsam aber zusammenfügenden Eindruck von der bizarren Beziehung der Fischers miteinander.

Schnabel und „seine“ Kripobeamtinnen ermitteln getrennt voneinander und werden doch wieder als Team zusammengeführt. Parallel montierte Nachbarsbefragungen verdeutlichen den zeitlichen Ablauf der polizeilichen Ermittlungen ebenso wie Mobilfunkkontakte zwischen den Parteien, bis sich die Figur Simon Fischer immer mehr verselbständigt, der Fokus auf sie gelenkt und dem Fernsehpublikum doch noch ein Informationsvorsprung gewährt wird. Ein bitterer Showdown setzt den Schlusspunkt unter diesen sehr gelungenen, stark geschauspielerten und insbesondere von Martin Brambachs Schauspielkunst veredelten „Tatort“. Parallelen zu einem bestimmten David-Fincher-Thriller sind nicht von der Hand zu weisen; wie gut sich dieser jedoch fürs tiefste Sachsen adaptieren, modifizieren und fürs „Tatort“-Publikum aufbereiten lässt, ist das Verdienst Anne Zohra Berracheds und ihrem Team sowie der tollen Chemie zwischen Hanczewski, Gröschel und Brambach.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
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Total Thrash – The Teutonic Story

Dokumentationen über Metal im Allgemeinen gibt es bereits einige, auch solche, die sich speziell mit dem US-amerikanischen Thrash Metal auseinandersetzen. Was deutschen Thrash betrifft, existierten bislang lediglich der TV-Film „Thrash Altenessen“ aus den 1980ern, der die Band Kreator in den Fokus setzte, sowie die zweiteilige, auf DVD veröffentlichte Dokumentation „Lords of Depravity“, die sich detailliert der Geschichte der Band Sodom widmet. Mit „Total Thrash – The Teutonic Story” legt Daniel Hofmann nun den ersten bandübergreifenden und überregionalen Dokumentarfilm über die Entwicklung der deutschen Thrash-Szene von ihren Anfängen bis heute vor.

Hofmann ist Betreiber einer Internet- und Filmagentur, Metal-Festival-Veranstalter, Herausgeber des „Metal Striker“-Magazins und nicht zuletzt Metal-Fan. „Teutonic Thrash“ ist sein erster abendfüllender Film, der im Juni 2022 ins Kino kam.

Auf Grundlage dessen, was britische Bands wie Motörhead und Venom und schließlich, im Jahre 1983, die US-Vorreiter Metallica und Slayer geschaffen hatten, formierten sich im Ruhrgebiet gleich mehrere, aber auch in Weil am Rhein (Destruction) und Frankfurt am Main (Tankard) deutsche Pioniere der Thrash-Szene. In Form einer Oral History und erweitert um historisches wie aktuelles Bild- und Videomaterial lässt der Film ohne jeden Off-Kommentar die Protagonistinnen und Protagonisten die Entwicklung nachzeichnen, von den rohen Anfängen und beachtlichen Erfolgen auf dem Zenit in den 1980ern über die Flaute und experimentelle Phase in den 1990ern bis zum Comeback des ursprünglicheren, aggressiveren und schneller gespielten Sounds ab Ende der 1990er, das bis heute anhält und zahlreiche hungrige, junge Bands hervorbrachte.

Hofmann besucht mit seinen Interview-Partnerinnen und -Partnern zahlreiche Originalschauplätze in ganz Deutschland, an denen Thrash-Geschichte geschrieben wurde und wird, von Schrebergärten in Altenessen über Naturidylle am Rhein und Autobahnbrücken bis zu Konzertorten und Szenekneipen. Hauptsächlich kommen Musiker und immerhin auch eine knappe Handvoll Musikerinnen zu Wort (der Männerüberschuss in der Szene ist immens), aber auch ehemalige Manager sind ebenso vertreten wie Booker, Roadies, Produzenten, Label- und Plattenladenbetreiber, Journalisten und nicht zuletzt Fans. Es wird viel vom alten DIY-Geist erzählt, von Proberaumdemos, Tapetrading, eigenen Fanclubs, Kollegialität, vom Einfach mal machen. Wie diese Aufbruchsstimmung rekapituliert wird, ist höchst erfrischend, nicht selten ein bisschen selbstironisch und humorvoll, und erinnert nicht von ungefähr an den alten Punk-Spirit. Kaum eine andere Möglichkeit als erfinderisch zu werden und zu improvisieren hatte die Szene in der DDR, die Hofmann keinesfalls übersehen hat.

Mit seinem vom Steigerlied umklammerten Film hat Hofmann die Herausforderung gemeistert, die Geschichte des deutschen Thrashs im Schnelldurchlauf zu erzählen und Hunderte einzelner Gesprächsfetzen aus tonnenweise Filmmaterial so herauszupicken und aneinanderzureihen, dass es trotzdem kohärent wirkt und einen angenehmen Erzählfluss ergibt, dem man gern folgt. Das muss eine enorme Sisyphos-Arbeit gewesen sein, vor der ich meinen Hut ziehe – zumal keine große Produktion dahinterstand.

Als in den 1990ern viele Bands ihren Stil änderten – nicht selten bis zur Unkenntlichkeit –, blieben Sodom als so gut wie einzige größere deutsche Band standhaft und legten mitunter sogar noch ‘ne ordentliche Schippe drauf. Als der Film diese Phase behandelte, fragte ich mich, wann dies denn endlich einmal jemand erwähnen würde. Letztlich oblag es Sodom-Frontmann Tom Angelripper selbst, dies zu tun. Speziell für diese Tatsache haben Sodom bis heute einen dicken Stein bei mir im Brett.

Etwas schade ist es, dass ausgerechnet Mille von Kreator durch Abwesenheit glänzt. Die Geschichte Kreators wird dafür jedoch von Ventor erzählt, der das ausgezeichnet macht. Schmerzlich vermisst habe ich jemanden von Living Death, immerhin ist die Velberter Fanszene vertreten. Jüngeren deutschen Black Thrash, der nicht selten auf die Anfänge der drei großen deutschen Thrash-Bands referenziert, klammerte man leider komplett aus. An deren Stelle ist der eine oder andere Nachwuchs-Act vertreten, den ich als weniger relevant erachte.

Sei’s drum, „Total Thrash – The Teutonic Story” ist als Szeneporträt ein wichtiger, überfälliger Grundstein, der ein starkes Fundament schafft, auf dessen Grundlage die vielen angerissenen Teilbereiche gesondert vertieft werden können. Hofmann ging mit dem Film auf Kinotour durch Programmkinos in ganz Deutschland, war persönlich vor Ort, beantwortete bereitwillig Publikumsfragen und trank gern anschließend auf Aftershow-Partys das eine oder andere Bierchen mit den Zuschauerinnen und Zuschauern. Ich wünsche viel Erfolg mit diesem Film, der idealerweise auch ein Publikum über die eigene Szene hinaus findet.
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Tatort: Schattenleben

„Habt ihr gefickt?“

Regisseurin Mia Spengler blieb für ihren zweiten Beitrag zur öffentlich-rechtlichen Fernsehkrimireihe „Tatort“ dem Hamburger BKA-Team aus Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) und Julia Grosz (Franziska Weisz) treu. Sie hatte bereits für die Episode „Die goldene Zeit“ aus dem Jahre 2019 mit den beiden zusammengearbeitet. Das Drehbuch dieses 17. Einsatzes Falkes bzw. elften Falls für Grosz verfasste Lena Fakler, auf dessen Grundlage Spengler ihn im Frühjahr 2021 inszenierte. Die Erstausstrahlung erfolgte erst am 12. Juni 2022.

„Ihr spielt da mit Menschen!“

Hamburg und das Umland werden von einer Serie von Anschlägen auf Besitztümer zuvor durch Polizeigewalt aufgefallener Polizisten erschüttert. Der jüngste Anschlag erreichte dabei eine neue, traurige Dimension der Gewalt, denn er zielte auf das Wohnhaus des Polizeibeamten Bastian Huber (Robert Höller, „Wut!), dessen Ehefrau dabei ums Leben kam. Den oder die Täter vermutet man im linksautonomen Milieu. In diesem ist eigentlich Ela Erol (Elisa Hofmann, „Das Duo: Liebe und Tod“) seit längerer Zeit als verdeckte Ermittlerin tätig, verschwindet nach einem ebenso konspirativen wie mysteriösen Treffen mit ihrer alten Freundin aus Polizeischultagen, Julia Grosz, jedoch spurlos. Zuvor erreichte Grosz noch ein Hilferuf Elas. Besteht ein Zusammenhang zwischen beiden Ereignissen? Während Bundespolizist Falke zusammen mit Thomas Okonjo (Jonathan Kwesi Aikins) in der Anschlagserie ermittelt, schleust sich Grosz verdeckt in die Wohngemeinschaft feministischer Aktivistinnen ein, in die sich zuvor Ela eingeschlichen hatte. Dort lernt sie die freundliche und besonnene Maike (Jana Julia Roth, „Der Usedom-Krimi“) und die gewaltbereite, aufbrausende Nana (Gina Haller, „Sweet Disaster“) kennen. Mit letzterer hatte Ela offenbar eine Affäre…

„Schattenleben“ thematisiert und kritisiert mehrere reale Phänomene und Ereignisse: Zum einen Polizeibrutalität durch zahlreiche Beamte, die ihr Gewaltmonopol ausnutzen, um Menschen zu misshandeln, und denen aufgrund ihres Korpsgeists, rechtlicher Kniffe wie Gegenanzeigen und mangelnden Problembewusstseins seitens der Justiz keinerlei Konsequenzen drohen. In diesem „Tatort“ schlägt jemand zurück, übertritt das Gewaltmonopol und verpasst den Gewalttätern empfindliche Denkzettel. Erst der Todesfall bewirkt, dass die Bundespolizei auf die Gewaltexzesse der Kollegen aufmerksam wird. In Hamburg ist dieser Fall gut angesiedelt, denn dort hatte die Exekutive anlässlich des G20-Gipfels wochenlang die halbe Stadt in Geiselhaft genommen und sich von ihrer hässlichsten Seite gezeigt. Zudem gilt die Hamburger Polizei als rassistisch, seit sie Racial Profiling betreibt und von dieser Linie auch nicht abweicht. Die Starrköpfigkeit und Beratungsresistenz nicht nur dieser Behörde, sondern auch der Hamburger Politik kostete einst einen Verdächtigen das Leben, als er widerrechtlich zur Einnahme von Brechmitteln gezwungen wurde.

Zum anderen ist „Schattenleben“ inspiriert von den realen Fällen verdeckter Ermittlerinnen in Hamburg, die bis tief ins Privatleben von Mitgliedern linker bis linksradikaler Gruppen eindrangen und zuweilen offenbar eine solche Sympathie entwickelten, dass sie Sex mit ihnen hatten. Fuck the police wörtlich genommen. Was ein solcher Vertrauensmissbrauch mit den Menschen macht, thematisiert die Handlung sowohl anhand der verschwundenen Ela als auch der sich einschleichenden Grosz, die nach ihrer Enttarnung die Wut darüber zu spüren bekommt. Auf erzählerisch sehr versierte Weise wird die Frage aufgeworfen, ob Ela die Seiten gewechselt hat – und ob sie damit nicht sogar Recht hätte, da die Szene, die sie ausspitzeln sollte, integrer als die Polizei ist. Hier ist es eine feministische Gruppe, die u.a. Selbstverteidigungskurse organisiert und auf den FLINTA-Sammelbegriff Wert legt, um sich mit mehreren Minderheiten zu solidarisieren. Deren Mitglied Nana hat zwar eine verdammt kurze Zündschnur und trägt einen gewissen „Der Zweck heiligt die Mittel“-Zynismus vor sich her, aber ist sie auch eine Täterin?

Die Handlung charakterisiert die von Haller famos geschauspielerte Nana Stück für Stück, indem sie Grosz immer tiefer in Nanas Privatleben vordringen bzw. sich in es hineinziehen lässt. Szenen einer durchfeierten Nacht, dem Rückweg nach Hause am nächsten Morgen und der Katerstimmung danach sind von besonderer emotionaler Intensität. Damit einher geht die Fokussierung auf Grosz, wie es sie innerhalb dieses „Tatort“-Strangs bisher nicht gegeben hat. So lernen die Zuschauerinnen und Zuschauer auch diese Figur mit ihren Stärken und Schwächen mehr als je zuvor kennen, nicht nur aufgrund ihrer Freundschaft zu Ela entwickeln sich ihre Ermittlungen auch zu einem persönlichen Drama.

Auf der anderen Seite haben wir Polizisten wie Huber, der seinen Machtmissbrauch herunterspielt, dessen Kollegen, die ihn decken und sich mit ihm solidarisieren, und einen, der sich im Hamburger Vorort Pinneberg im Eigenheim niedergelassen hat und von der Lebensrealität der FLINTA-Gruppe kaum weiter entfernt sein könnte. Diese Kontraste mögen mitunter plakativ erscheinen oder sich zumindest so lesen, ihre Verarbeitung geschieht jedoch durchaus mit Zwischentönen und Ambivalenzen. Dies gilt auch für den Staatsschutzbeamten Hartmut Keiler (Christian Kerepeszki, „Killerjagd - Schrei, wenn du dich traust“), der nicht mit, sondern gegen Falke und Grosz zu arbeiten scheint. Von Falke, Okonjo und mit Abstrichen Grosz abgesehen, kommt die Polizei in diesem „Tatort“ überhaupt nicht gut weg; es dürfte sich um die seit „Verbrannt“ (2015) polizeikritischste Episode handeln. Jener Fall griff den „mutmaßlichen“ (muss man ja schreiben, weil das Pack nie verurteilt wurde) Mord rassistischer Dessauer Polizeibeamter am Asylbewerber Oury Jalloh auf, die ihn bei lebendigem Leibe in dessen Zelle verbrannten. Auch „Verbrannt“ war ein Falke-Fall, damals noch an seiner Seite: Katharina Lorenz.

Die Charakterisierung „der“ linken Szene, die es als homogene Gruppe nicht gibt, erfolgt durchaus nicht übermäßig übertrieben, sondern der Fiktionalisierung und Dramaturgie angemessen. Spaltung, Missverständnisse und Widersprüche spiegeln sich nicht nur im Dialog Falkes mit einem Vokü-Koch wider, sie finden sich auch in den Dialogen der Feministinnen untereinander – und nicht zuletzt im Umstand, dass diese Gruppe relativ auf sich allein gestellt scheint. Auf diese eher subtile Weise schwingt also auch Kritik an linken Lebensentwürfen und Selbstverständnissen mit. Musik von u.a. Bikini Kill und Slime erfüllt ihren Zweck als Authentifizierungsmaßnahme und dürfte manch brave(n) Bundesbürger(in) am sonntäglichen Fernsehabend aufgeschreckt haben.

Fakler, Spengler und ihr Team haben einen mutigen, gesellschaftlich und politisch relevanten „Tatort“ konzipiert und umgesetzt, der den Finger in mehrere klaffende Wunden der deutschen Polizei legt und die Kriminalisierung von zumindest Teilen der, wenn man sie so nennen möchte, „linken Szene“ und das angewandte Prinzip verdeckter Ermittlungen in diesen Kreisen infragestellt. Und das ganz ohne nach hyperkorrekten Plena oder verbissener Agitprop zu müffeln, da es gelingt, die menschliche Komponente in den Fokus zu rücken und mit Kriminalthrill – insbesondere im konsequenten Finale – zu verquicken. Sehr gut, mehr davon!
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Toni Erdmann

Come as you are

„Ich hab' mir 'nen Monat freigenommen!“

Einer der aufsehenerregendsten deutschen Spielfilme des Jahres 2016 war der von Maren Ade („Alle Anderen“) mithilfe Lotte Brauns‘ geschriebene und bereits 2014 gedrehte, österreichisch koporduzierte „Toni Erdmann“. Die zweieinhalbstündige Mischung aus Familiendrama und Geschäftsweltsatire feierte ihre Premiere in Cannes, wurde vielfach ausgezeichnet und für den Oscar nominiert.

„Bist du eigentlich 'n Mensch?“

Winfried Conradi (Peter Simonischek, „Sukkubus – den Teufel im Leib“) ist ein Rentner, der anderen gern Streiche spielt, indem er in bizarre Verkleidungen schlüpft und sich als jemand anderer ausgibt. Seine einzige Tochter Ines (Sandra Hüller, „Requiem“) pflegt kaum noch Kontakt zu ihm und steckt bis über beide Ohren in der Geschäftsscheinwelt des Beratungs-, ‘tschuldigung, „Business-Consulting“-Unternehmens, bei dem sie im Öl- und Gas-Bereich angestellt ist. Als sie nach Bukarest reist, um dort wichtige Abwicklungsverhandlungen mit einem Großkunden zu führen, besucht ihr Vater sie kurzerhand – wovon Ines wenig begeistert ist und ihn schließlich abzureisen bittet. Stattdessen setzt sich Winfried Perücke auf und falsche Zähne ein, nennt sich von nun an Toni Erdmann, gibt sich als Geschäftsmann aus und scharwenzelt stets in Ines‘ Umfeld umher. Ines bringt er damit in die eine oder andere unangenehme Situation. Wird es ihm gelingen, seine Tochter daran zu erinnern, was wirklich im Leben zählt und sie dazu bringen, ihren Panzer der unterkühlten Geschäftsfrau abzulegen?

„Hast du in deinem Leben noch irgendwas vor, außer anderen ein Furzkissen unterzuschieben?!“

So, wie Winfried zu erzwingen versucht, dass Ines aus dem starren Business-Korsett ausbricht, zwingt der Film sein Publikum zur Entschleunigung, dazu, sich Zeit zu nehmen und sich auf ihn einzulassen. „Toni Erdmann“ ist sehr langsam erzählt, verzichtet vollständig auf extradiegetische Filmmusik, ist teils mit wackliger Handkamera gefilmt – und scheint einen Blick in die überstimulierte moderne Geschäftswelt im Tempo eines entspannten Rentners zu wagen. Winfried wird als exzentrisch und sympathisch in die Handlung eingeführt, während Ines permanent angespannt und unter Druck zu stehen scheint, zu Zynismus neigt und emotional verkümmert ist. Es prallen also Welten aufeinander, wenngleich beiden gemein ist, dass sie gewissermaßen Masken vor sich hertragen. Der Unterschied: Winfrieds Toni-Maske ist eine Reaktion aus die Maskerade Ines‘, hinter der sie menschliche Gefühle in einem Ausmaß versteckt, dass von der privaten Nichtgeschäftsfrau kaum noch etwas zu erkennen ist. Ihren Vater nimmt sie als Störfaktor wahr, der ihr Zeit raubt und ihre Karriere gefährdet. An sich herankommen lässt sie ihn zunächst nicht.

„This is Miss Schnuck, my secretary.”

Ines unterhält eine fragwürdige Beziehung zu einem Kollegen, die in einer bizarren So-etwas-ähnliches-wie-Sex-Szene eindrucksvoll skizziert wird. Ihr Geschäftsfeld ist männerdominiert, was sie wie alles andere auch professionell an sich abprallen lässt und offenbar durch derartige Unterwerfungsspiele auszugleichen sucht. Dass sie das für keine Sekunde glücklich macht, ist nicht zu übersehen. Obwohl sie ständig Menschen um sich herumhat, wirkt sie einsam. Ihre noble Geschäftswelt wird von einem Blick aus dem Bukarester Konferenzraumfenster kontrastiert, der die Armut der einfachen rumänischen Bevölkerung zeigt. Imposante Bilder der Metropole gibt es hingegen kaum zu sehen, der Film bleibt stattdessen nah an seinen Figuren. Als Ines ein weiteres Jahr in Bukarest bleiben soll, überdenkt sie ihre Einstellung zu den Dingen, ihrer beruflichen wie privaten Situation, allmählich.

Dieser einsetzende Prozess macht nun das Herzstück des Films aus. Langsam, aber beharrlich erreicht ihr Vater sie, der sich durchaus kritikwürdig in ihr Leben und sogar ihren Beruf drängte. Ines scheint den Spieß umdrehen zu wollen und zeigt ihm Dinge, die er sicherlich nicht hätte sehen wollen. Sie zieht Stoff vor ihm und kreuzt schließlich tatsächlich mit ihm beim Geschäftspartner auf. Diese Situationen knistern vor Konflikt- und Eskalationspotenzial. Während Winfried die Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft der einfachen rumänischen Bevölkerung kennenlernt, nötigt er Ines, von ihm am Keyboard begleitet Whitney Houstons „The Greatest Love of All“ zu singen und konfrontiert sie dadurch mit dem Text. Diese beinahe absurde Sequenz ist eine der intensivsten des Films – und lässt nicht zuletzt bestimmt dem einen oder anderen Houstons Lied in neuem Lichte erscheinen.

Ines‘ Umdenken manifestiert sich, als sie ihren ursprünglichen Plan, zu ihrem Geburtstag einen „Business-Brunch“ zu organisieren und sich zwecks „Teambuilding“ ausschließlich mit Vorgesetzten und Kolleginnen und Kollegen zu treffen, spontan ad absurdum führt, indem sie eine Nacktparty daraus macht. Der Höhepunkt des Films; nicht etwa wegen der Fleischbeschau, sondern aufgrund ihres anarchischen Humors, der Verklemmt- und gespielte Offenheit zugleich aufs Korn nimmt, und aufgrund Ines‘ unnachahmlicher Attitüde in diesen Szenen.

Das Ende ist offen gestaltet, eine „Läuterung“ Ines‘ bleibt aus. Zwar scheint sie ein gutes Stück weit lockerer geworden zu sein, doch verdingt sie sich weiterhin als Unternehmensberaterin für Kapitalistinnen und Kapitalisten. Ob es ihr zukünftig besser ergehen wird, steht in den Sternen. Ihre weitere Entwicklung kaut einem der Film nicht vor, immerhin wirkt Ines in der letzten Einstellung nachdenklich. Hier passt die alte Floskel „regt zum Nachdenken an“ perfekt. Handelte es sich bei diesem Film um eine typische, gefällige Fernsehfilm- oder Mainstream-Produktion – die man aus dem Grundsujet sicherlich hätte machen können –, würde Ines sich fürs Familienleben zu interessieren beginnen, einen Freund finden, heiraten und schwanger werden. Dies bleibt hier dankenswerterweise aus, denn es geht „Toni Erdmann“ nie darum, Ines in ein überholtes traditionelles Frauenbild zurückzudrängen. Tatsächlich lässt sich weiblicher Karrierismus (ebenso wie männlicher) mühelos kritisieren, ohne in diese Art von Chauvinismus zu verfallen. Darüber nachgedacht werden darf indes aber auch darüber, ob hier durch Übergriffigkeit eine Familienzusammenführung erzwungen werden soll – und ob und wenn ja, wie der Film dies bewertet.

„Toni Erdmann“ ist großartig geschauspielert, zumal Hüller und Simonischek häufig quasi das Schauspielern schauspielern müssen. Mit seinem Gebiss erinnert Winfried als Toni an Loriots unvergessene „Die Maske“, witzig ist neben manch wenig vorhersehbarer Situationskomik auch das permanente „Business-Deutsch“-Denglisch, saufies eine Fußnagelszene, vor der zarte Gemüter gewarnt werden müssen. Ades Film ist nicht zuletzt aufgrund seiner feinen Beobachtungsgabe und seiner Beherrschung der leiseren Zwischentöne in Kombination mit etwas sprödem Dogma-Charme intelligentes, aber nicht verkopftes deutsches Kino mit ganz eigener Note, wie es mir wirklich Freude bereitet.
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