bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

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Tatort: Das kalte Haus

„Das ist ein Tatort!“

„Tatort“, Team Dresden, Fall 13 für Karin Gorniak (Karin Hanczewski) und Peter Michael Schnabel (Martin Brambach), Fall 7 für Leonie Winkler (Cornelia Gröschel). Regisseurin/Autorin Anne Zohra Berrached und Co-Autor Christoph Busche gelang der vielleicht beste Dresdner „Tatort“ seit Winklers Einstieg. Die im Frühjahr 2021 gedrehte Episode wurde am Pfingstmontag 2022 erstausgestrahlt – und damit eine Woche nach dem von Berrached früher gedrehten „Tatort: Liebeswut“, ihrem eigentlichen dritten Beitrag zur öffentlich-rechtlichen Fernsehkrimireihe.

„Wir sind die Dresdner Polizei – kein Gesangsverein!“

Eigentlich wollten die Kommissarinnen Gorniak und Winkler in Gorniaks Geburtstag reinfeiern, doch kurz nach dem gemeinsamen Aufbruch meldet sich ihr Abteilungsleiter Schnabel: Man solle auf schnellstem Wege zu Simon Fischers (Christian Bayer, „Liebe Mauer“) Villa kommen. Fischer, für den Standort wichtiger Unternehmer und persönlicher Bekannter manch hohen Tiers, hat seine Frau Kathrin (Amelie Kiefer, „Blond bringt nix“) als vermisst gemeldet. Fischer selbst ist nicht zu Hause, als die Polizei eintrifft, doch kurze Zeit später läuft er Schnabel vors Auto. Er macht einen unter Schock stehenden, verwirrten Eindruck. Im Haus findet sich eine größere Menge Blut. Wo also steckt Kathrin, die sich unter „Die Glückssucherin“ auf YouTube einen Namen als Lebensberaterin machte? Fischer durchlebt ein Wechselbad der Gefühle, kann zu den Ermittlungen jedoch nicht viel beitragen. Gorniak ist sich sicher: Fischer hat seine Frau auf dem Gewissen. Winkler jedoch zweifelt. Und Brambach glaubt, dass der hochangesehene VIP-Verdächtige kein Täter sein könne…

„So ein Scheißfall!“

Kein klassisches Whodunit?, vielmehr ein Whathappened? Ist die Grundlage dieses interessanten „Tatorts“, der zunächst viel im titelgebenden, mit allerlei Smarthome-Technik zum Abgewöhnen ausgestatteten Haus spielt und nach und nach zum Psychogramm eines undurchsichtigen, schnell aufbrausenden Mannes wird. Immerhin scheint er von seiner Frau derart besessen, dass er sich immer wieder ihre Anwesenheit herbeifantasiert, visualisiert von Berrached respektive ihrem Kamerateam. Als Begleitmotiv zieht sich Gorniaks verhinderte Geburtstagsfeier durch die Szenerie, immerhin singt man ihr zu Schnabels Missfallen ein Ständchen, später gibt’s alkoholfreien Sekt und Kuchen. Der Gipfel Schnabels Empathiemangels ist sein Herausposaunen persönlicher Erinnerungen an familiäre Gewalterfahrungen, die Gorniak ihm einst anvertraut hatte. Daraus entsteht ein ernsthafter Konflikt innerhalb einer ohnehin konfliktreichen Handlung, in der die Figuren nicht nur mit diesem Fall, einem cholerischen Vielleicht-Verdächtigen, persönlichen Verwerfungen und Kompetenzgerangel zu kämpfen haben, sondern auch mit der Uhrzeit: Die Nacht wurde durchgemacht, alle sind übermüdet.

Spielt Gorniaks Psyche ihr einen Streich, verdächtigt sie Fischer aufgrund ihrer eigenen traumatischen Erfahrungen? Diese Frage steht im Mittelpunkt eines auch ohne Actioneinlagen spannend erzählten Falls, der mit seiner Ausstattung und seiner unbehaglichen Stimmung punktet und die Polizeiarbeit recht akribisch zeigt. Auf einer SD-Karte der Fischers findet sich ein peinliches privates Sexrollenspielvideo, was weniger Simon Fischer düpiert als vielmehr verständlich macht, dass er die Karte zunächst nicht herausrücken wollte und Gorniak in jenem Moment tatsächlich übergriffig war. So unsympathisch Fischers Anwalt auch auftreten mag, sein Einschreiten war hier offenbar richtig. Derlei eingestreute Ambivalenzen sind es, die konstant das Interesse an den Figuren und ihrer weiteren Entwicklung aufrechterhalten. Moralisiert wird hier nicht, stattdessen erhält man einen zwar stets punktuellen, sich langsam aber zusammenfügenden Eindruck von der bizarren Beziehung der Fischers miteinander.

Schnabel und „seine“ Kripobeamtinnen ermitteln getrennt voneinander und werden doch wieder als Team zusammengeführt. Parallel montierte Nachbarsbefragungen verdeutlichen den zeitlichen Ablauf der polizeilichen Ermittlungen ebenso wie Mobilfunkkontakte zwischen den Parteien, bis sich die Figur Simon Fischer immer mehr verselbständigt, der Fokus auf sie gelenkt und dem Fernsehpublikum doch noch ein Informationsvorsprung gewährt wird. Ein bitterer Showdown setzt den Schlusspunkt unter diesen sehr gelungenen, stark geschauspielerten und insbesondere von Martin Brambachs Schauspielkunst veredelten „Tatort“. Parallelen zu einem bestimmten David-Fincher-Thriller sind nicht von der Hand zu weisen; wie gut sich dieser jedoch fürs tiefste Sachsen adaptieren, modifizieren und fürs „Tatort“-Publikum aufbereiten lässt, ist das Verdienst Anne Zohra Berracheds und ihrem Team sowie der tollen Chemie zwischen Hanczewski, Gröschel und Brambach.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
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Total Thrash – The Teutonic Story

Dokumentationen über Metal im Allgemeinen gibt es bereits einige, auch solche, die sich speziell mit dem US-amerikanischen Thrash Metal auseinandersetzen. Was deutschen Thrash betrifft, existierten bislang lediglich der TV-Film „Thrash Altenessen“ aus den 1980ern, der die Band Kreator in den Fokus setzte, sowie die zweiteilige, auf DVD veröffentlichte Dokumentation „Lords of Depravity“, die sich detailliert der Geschichte der Band Sodom widmet. Mit „Total Thrash – The Teutonic Story” legt Daniel Hofmann nun den ersten bandübergreifenden und überregionalen Dokumentarfilm über die Entwicklung der deutschen Thrash-Szene von ihren Anfängen bis heute vor.

Hofmann ist Betreiber einer Internet- und Filmagentur, Metal-Festival-Veranstalter, Herausgeber des „Metal Striker“-Magazins und nicht zuletzt Metal-Fan. „Teutonic Thrash“ ist sein erster abendfüllender Film, der im Juni 2022 ins Kino kam.

Auf Grundlage dessen, was britische Bands wie Motörhead und Venom und schließlich, im Jahre 1983, die US-Vorreiter Metallica und Slayer geschaffen hatten, formierten sich im Ruhrgebiet gleich mehrere, aber auch in Weil am Rhein (Destruction) und Frankfurt am Main (Tankard) deutsche Pioniere der Thrash-Szene. In Form einer Oral History und erweitert um historisches wie aktuelles Bild- und Videomaterial lässt der Film ohne jeden Off-Kommentar die Protagonistinnen und Protagonisten die Entwicklung nachzeichnen, von den rohen Anfängen und beachtlichen Erfolgen auf dem Zenit in den 1980ern über die Flaute und experimentelle Phase in den 1990ern bis zum Comeback des ursprünglicheren, aggressiveren und schneller gespielten Sounds ab Ende der 1990er, das bis heute anhält und zahlreiche hungrige, junge Bands hervorbrachte.

Hofmann besucht mit seinen Interview-Partnerinnen und -Partnern zahlreiche Originalschauplätze in ganz Deutschland, an denen Thrash-Geschichte geschrieben wurde und wird, von Schrebergärten in Altenessen über Naturidylle am Rhein und Autobahnbrücken bis zu Konzertorten und Szenekneipen. Hauptsächlich kommen Musiker und immerhin auch eine knappe Handvoll Musikerinnen zu Wort (der Männerüberschuss in der Szene ist immens), aber auch ehemalige Manager sind ebenso vertreten wie Booker, Roadies, Produzenten, Label- und Plattenladenbetreiber, Journalisten und nicht zuletzt Fans. Es wird viel vom alten DIY-Geist erzählt, von Proberaumdemos, Tapetrading, eigenen Fanclubs, Kollegialität, vom Einfach mal machen. Wie diese Aufbruchsstimmung rekapituliert wird, ist höchst erfrischend, nicht selten ein bisschen selbstironisch und humorvoll, und erinnert nicht von ungefähr an den alten Punk-Spirit. Kaum eine andere Möglichkeit als erfinderisch zu werden und zu improvisieren hatte die Szene in der DDR, die Hofmann keinesfalls übersehen hat.

Mit seinem vom Steigerlied umklammerten Film hat Hofmann die Herausforderung gemeistert, die Geschichte des deutschen Thrashs im Schnelldurchlauf zu erzählen und Hunderte einzelner Gesprächsfetzen aus tonnenweise Filmmaterial so herauszupicken und aneinanderzureihen, dass es trotzdem kohärent wirkt und einen angenehmen Erzählfluss ergibt, dem man gern folgt. Das muss eine enorme Sisyphos-Arbeit gewesen sein, vor der ich meinen Hut ziehe – zumal keine große Produktion dahinterstand.

Als in den 1990ern viele Bands ihren Stil änderten – nicht selten bis zur Unkenntlichkeit –, blieben Sodom als so gut wie einzige größere deutsche Band standhaft und legten mitunter sogar noch ‘ne ordentliche Schippe drauf. Als der Film diese Phase behandelte, fragte ich mich, wann dies denn endlich einmal jemand erwähnen würde. Letztlich oblag es Sodom-Frontmann Tom Angelripper selbst, dies zu tun. Speziell für diese Tatsache haben Sodom bis heute einen dicken Stein bei mir im Brett.

Etwas schade ist es, dass ausgerechnet Mille von Kreator durch Abwesenheit glänzt. Die Geschichte Kreators wird dafür jedoch von Ventor erzählt, der das ausgezeichnet macht. Schmerzlich vermisst habe ich jemanden von Living Death, immerhin ist die Velberter Fanszene vertreten. Jüngeren deutschen Black Thrash, der nicht selten auf die Anfänge der drei großen deutschen Thrash-Bands referenziert, klammerte man leider komplett aus. An deren Stelle ist der eine oder andere Nachwuchs-Act vertreten, den ich als weniger relevant erachte.

Sei’s drum, „Total Thrash – The Teutonic Story” ist als Szeneporträt ein wichtiger, überfälliger Grundstein, der ein starkes Fundament schafft, auf dessen Grundlage die vielen angerissenen Teilbereiche gesondert vertieft werden können. Hofmann ging mit dem Film auf Kinotour durch Programmkinos in ganz Deutschland, war persönlich vor Ort, beantwortete bereitwillig Publikumsfragen und trank gern anschließend auf Aftershow-Partys das eine oder andere Bierchen mit den Zuschauerinnen und Zuschauern. Ich wünsche viel Erfolg mit diesem Film, der idealerweise auch ein Publikum über die eigene Szene hinaus findet.
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Tatort: Schattenleben

„Habt ihr gefickt?“

Regisseurin Mia Spengler blieb für ihren zweiten Beitrag zur öffentlich-rechtlichen Fernsehkrimireihe „Tatort“ dem Hamburger BKA-Team aus Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) und Julia Grosz (Franziska Weisz) treu. Sie hatte bereits für die Episode „Die goldene Zeit“ aus dem Jahre 2019 mit den beiden zusammengearbeitet. Das Drehbuch dieses 17. Einsatzes Falkes bzw. elften Falls für Grosz verfasste Lena Fakler, auf dessen Grundlage Spengler ihn im Frühjahr 2021 inszenierte. Die Erstausstrahlung erfolgte erst am 12. Juni 2022.

„Ihr spielt da mit Menschen!“

Hamburg und das Umland werden von einer Serie von Anschlägen auf Besitztümer zuvor durch Polizeigewalt aufgefallener Polizisten erschüttert. Der jüngste Anschlag erreichte dabei eine neue, traurige Dimension der Gewalt, denn er zielte auf das Wohnhaus des Polizeibeamten Bastian Huber (Robert Höller, „Wut!), dessen Ehefrau dabei ums Leben kam. Den oder die Täter vermutet man im linksautonomen Milieu. In diesem ist eigentlich Ela Erol (Elisa Hofmann, „Das Duo: Liebe und Tod“) seit längerer Zeit als verdeckte Ermittlerin tätig, verschwindet nach einem ebenso konspirativen wie mysteriösen Treffen mit ihrer alten Freundin aus Polizeischultagen, Julia Grosz, jedoch spurlos. Zuvor erreichte Grosz noch ein Hilferuf Elas. Besteht ein Zusammenhang zwischen beiden Ereignissen? Während Bundespolizist Falke zusammen mit Thomas Okonjo (Jonathan Kwesi Aikins) in der Anschlagserie ermittelt, schleust sich Grosz verdeckt in die Wohngemeinschaft feministischer Aktivistinnen ein, in die sich zuvor Ela eingeschlichen hatte. Dort lernt sie die freundliche und besonnene Maike (Jana Julia Roth, „Der Usedom-Krimi“) und die gewaltbereite, aufbrausende Nana (Gina Haller, „Sweet Disaster“) kennen. Mit letzterer hatte Ela offenbar eine Affäre…

„Schattenleben“ thematisiert und kritisiert mehrere reale Phänomene und Ereignisse: Zum einen Polizeibrutalität durch zahlreiche Beamte, die ihr Gewaltmonopol ausnutzen, um Menschen zu misshandeln, und denen aufgrund ihres Korpsgeists, rechtlicher Kniffe wie Gegenanzeigen und mangelnden Problembewusstseins seitens der Justiz keinerlei Konsequenzen drohen. In diesem „Tatort“ schlägt jemand zurück, übertritt das Gewaltmonopol und verpasst den Gewalttätern empfindliche Denkzettel. Erst der Todesfall bewirkt, dass die Bundespolizei auf die Gewaltexzesse der Kollegen aufmerksam wird. In Hamburg ist dieser Fall gut angesiedelt, denn dort hatte die Exekutive anlässlich des G20-Gipfels wochenlang die halbe Stadt in Geiselhaft genommen und sich von ihrer hässlichsten Seite gezeigt. Zudem gilt die Hamburger Polizei als rassistisch, seit sie Racial Profiling betreibt und von dieser Linie auch nicht abweicht. Die Starrköpfigkeit und Beratungsresistenz nicht nur dieser Behörde, sondern auch der Hamburger Politik kostete einst einen Verdächtigen das Leben, als er widerrechtlich zur Einnahme von Brechmitteln gezwungen wurde.

Zum anderen ist „Schattenleben“ inspiriert von den realen Fällen verdeckter Ermittlerinnen in Hamburg, die bis tief ins Privatleben von Mitgliedern linker bis linksradikaler Gruppen eindrangen und zuweilen offenbar eine solche Sympathie entwickelten, dass sie Sex mit ihnen hatten. Fuck the police wörtlich genommen. Was ein solcher Vertrauensmissbrauch mit den Menschen macht, thematisiert die Handlung sowohl anhand der verschwundenen Ela als auch der sich einschleichenden Grosz, die nach ihrer Enttarnung die Wut darüber zu spüren bekommt. Auf erzählerisch sehr versierte Weise wird die Frage aufgeworfen, ob Ela die Seiten gewechselt hat – und ob sie damit nicht sogar Recht hätte, da die Szene, die sie ausspitzeln sollte, integrer als die Polizei ist. Hier ist es eine feministische Gruppe, die u.a. Selbstverteidigungskurse organisiert und auf den FLINTA-Sammelbegriff Wert legt, um sich mit mehreren Minderheiten zu solidarisieren. Deren Mitglied Nana hat zwar eine verdammt kurze Zündschnur und trägt einen gewissen „Der Zweck heiligt die Mittel“-Zynismus vor sich her, aber ist sie auch eine Täterin?

Die Handlung charakterisiert die von Haller famos geschauspielerte Nana Stück für Stück, indem sie Grosz immer tiefer in Nanas Privatleben vordringen bzw. sich in es hineinziehen lässt. Szenen einer durchfeierten Nacht, dem Rückweg nach Hause am nächsten Morgen und der Katerstimmung danach sind von besonderer emotionaler Intensität. Damit einher geht die Fokussierung auf Grosz, wie es sie innerhalb dieses „Tatort“-Strangs bisher nicht gegeben hat. So lernen die Zuschauerinnen und Zuschauer auch diese Figur mit ihren Stärken und Schwächen mehr als je zuvor kennen, nicht nur aufgrund ihrer Freundschaft zu Ela entwickeln sich ihre Ermittlungen auch zu einem persönlichen Drama.

Auf der anderen Seite haben wir Polizisten wie Huber, der seinen Machtmissbrauch herunterspielt, dessen Kollegen, die ihn decken und sich mit ihm solidarisieren, und einen, der sich im Hamburger Vorort Pinneberg im Eigenheim niedergelassen hat und von der Lebensrealität der FLINTA-Gruppe kaum weiter entfernt sein könnte. Diese Kontraste mögen mitunter plakativ erscheinen oder sich zumindest so lesen, ihre Verarbeitung geschieht jedoch durchaus mit Zwischentönen und Ambivalenzen. Dies gilt auch für den Staatsschutzbeamten Hartmut Keiler (Christian Kerepeszki, „Killerjagd - Schrei, wenn du dich traust“), der nicht mit, sondern gegen Falke und Grosz zu arbeiten scheint. Von Falke, Okonjo und mit Abstrichen Grosz abgesehen, kommt die Polizei in diesem „Tatort“ überhaupt nicht gut weg; es dürfte sich um die seit „Verbrannt“ (2015) polizeikritischste Episode handeln. Jener Fall griff den „mutmaßlichen“ (muss man ja schreiben, weil das Pack nie verurteilt wurde) Mord rassistischer Dessauer Polizeibeamter am Asylbewerber Oury Jalloh auf, die ihn bei lebendigem Leibe in dessen Zelle verbrannten. Auch „Verbrannt“ war ein Falke-Fall, damals noch an seiner Seite: Katharina Lorenz.

Die Charakterisierung „der“ linken Szene, die es als homogene Gruppe nicht gibt, erfolgt durchaus nicht übermäßig übertrieben, sondern der Fiktionalisierung und Dramaturgie angemessen. Spaltung, Missverständnisse und Widersprüche spiegeln sich nicht nur im Dialog Falkes mit einem Vokü-Koch wider, sie finden sich auch in den Dialogen der Feministinnen untereinander – und nicht zuletzt im Umstand, dass diese Gruppe relativ auf sich allein gestellt scheint. Auf diese eher subtile Weise schwingt also auch Kritik an linken Lebensentwürfen und Selbstverständnissen mit. Musik von u.a. Bikini Kill und Slime erfüllt ihren Zweck als Authentifizierungsmaßnahme und dürfte manch brave(n) Bundesbürger(in) am sonntäglichen Fernsehabend aufgeschreckt haben.

Fakler, Spengler und ihr Team haben einen mutigen, gesellschaftlich und politisch relevanten „Tatort“ konzipiert und umgesetzt, der den Finger in mehrere klaffende Wunden der deutschen Polizei legt und die Kriminalisierung von zumindest Teilen der, wenn man sie so nennen möchte, „linken Szene“ und das angewandte Prinzip verdeckter Ermittlungen in diesen Kreisen infragestellt. Und das ganz ohne nach hyperkorrekten Plena oder verbissener Agitprop zu müffeln, da es gelingt, die menschliche Komponente in den Fokus zu rücken und mit Kriminalthrill – insbesondere im konsequenten Finale – zu verquicken. Sehr gut, mehr davon!
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Toni Erdmann

Come as you are

„Ich hab' mir 'nen Monat freigenommen!“

Einer der aufsehenerregendsten deutschen Spielfilme des Jahres 2016 war der von Maren Ade („Alle Anderen“) mithilfe Lotte Brauns‘ geschriebene und bereits 2014 gedrehte, österreichisch koporduzierte „Toni Erdmann“. Die zweieinhalbstündige Mischung aus Familiendrama und Geschäftsweltsatire feierte ihre Premiere in Cannes, wurde vielfach ausgezeichnet und für den Oscar nominiert.

„Bist du eigentlich 'n Mensch?“

Winfried Conradi (Peter Simonischek, „Sukkubus – den Teufel im Leib“) ist ein Rentner, der anderen gern Streiche spielt, indem er in bizarre Verkleidungen schlüpft und sich als jemand anderer ausgibt. Seine einzige Tochter Ines (Sandra Hüller, „Requiem“) pflegt kaum noch Kontakt zu ihm und steckt bis über beide Ohren in der Geschäftsscheinwelt des Beratungs-, ‘tschuldigung, „Business-Consulting“-Unternehmens, bei dem sie im Öl- und Gas-Bereich angestellt ist. Als sie nach Bukarest reist, um dort wichtige Abwicklungsverhandlungen mit einem Großkunden zu führen, besucht ihr Vater sie kurzerhand – wovon Ines wenig begeistert ist und ihn schließlich abzureisen bittet. Stattdessen setzt sich Winfried Perücke auf und falsche Zähne ein, nennt sich von nun an Toni Erdmann, gibt sich als Geschäftsmann aus und scharwenzelt stets in Ines‘ Umfeld umher. Ines bringt er damit in die eine oder andere unangenehme Situation. Wird es ihm gelingen, seine Tochter daran zu erinnern, was wirklich im Leben zählt und sie dazu bringen, ihren Panzer der unterkühlten Geschäftsfrau abzulegen?

„Hast du in deinem Leben noch irgendwas vor, außer anderen ein Furzkissen unterzuschieben?!“

So, wie Winfried zu erzwingen versucht, dass Ines aus dem starren Business-Korsett ausbricht, zwingt der Film sein Publikum zur Entschleunigung, dazu, sich Zeit zu nehmen und sich auf ihn einzulassen. „Toni Erdmann“ ist sehr langsam erzählt, verzichtet vollständig auf extradiegetische Filmmusik, ist teils mit wackliger Handkamera gefilmt – und scheint einen Blick in die überstimulierte moderne Geschäftswelt im Tempo eines entspannten Rentners zu wagen. Winfried wird als exzentrisch und sympathisch in die Handlung eingeführt, während Ines permanent angespannt und unter Druck zu stehen scheint, zu Zynismus neigt und emotional verkümmert ist. Es prallen also Welten aufeinander, wenngleich beiden gemein ist, dass sie gewissermaßen Masken vor sich hertragen. Der Unterschied: Winfrieds Toni-Maske ist eine Reaktion aus die Maskerade Ines‘, hinter der sie menschliche Gefühle in einem Ausmaß versteckt, dass von der privaten Nichtgeschäftsfrau kaum noch etwas zu erkennen ist. Ihren Vater nimmt sie als Störfaktor wahr, der ihr Zeit raubt und ihre Karriere gefährdet. An sich herankommen lässt sie ihn zunächst nicht.

„This is Miss Schnuck, my secretary.”

Ines unterhält eine fragwürdige Beziehung zu einem Kollegen, die in einer bizarren So-etwas-ähnliches-wie-Sex-Szene eindrucksvoll skizziert wird. Ihr Geschäftsfeld ist männerdominiert, was sie wie alles andere auch professionell an sich abprallen lässt und offenbar durch derartige Unterwerfungsspiele auszugleichen sucht. Dass sie das für keine Sekunde glücklich macht, ist nicht zu übersehen. Obwohl sie ständig Menschen um sich herumhat, wirkt sie einsam. Ihre noble Geschäftswelt wird von einem Blick aus dem Bukarester Konferenzraumfenster kontrastiert, der die Armut der einfachen rumänischen Bevölkerung zeigt. Imposante Bilder der Metropole gibt es hingegen kaum zu sehen, der Film bleibt stattdessen nah an seinen Figuren. Als Ines ein weiteres Jahr in Bukarest bleiben soll, überdenkt sie ihre Einstellung zu den Dingen, ihrer beruflichen wie privaten Situation, allmählich.

Dieser einsetzende Prozess macht nun das Herzstück des Films aus. Langsam, aber beharrlich erreicht ihr Vater sie, der sich durchaus kritikwürdig in ihr Leben und sogar ihren Beruf drängte. Ines scheint den Spieß umdrehen zu wollen und zeigt ihm Dinge, die er sicherlich nicht hätte sehen wollen. Sie zieht Stoff vor ihm und kreuzt schließlich tatsächlich mit ihm beim Geschäftspartner auf. Diese Situationen knistern vor Konflikt- und Eskalationspotenzial. Während Winfried die Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft der einfachen rumänischen Bevölkerung kennenlernt, nötigt er Ines, von ihm am Keyboard begleitet Whitney Houstons „The Greatest Love of All“ zu singen und konfrontiert sie dadurch mit dem Text. Diese beinahe absurde Sequenz ist eine der intensivsten des Films – und lässt nicht zuletzt bestimmt dem einen oder anderen Houstons Lied in neuem Lichte erscheinen.

Ines‘ Umdenken manifestiert sich, als sie ihren ursprünglichen Plan, zu ihrem Geburtstag einen „Business-Brunch“ zu organisieren und sich zwecks „Teambuilding“ ausschließlich mit Vorgesetzten und Kolleginnen und Kollegen zu treffen, spontan ad absurdum führt, indem sie eine Nacktparty daraus macht. Der Höhepunkt des Films; nicht etwa wegen der Fleischbeschau, sondern aufgrund ihres anarchischen Humors, der Verklemmt- und gespielte Offenheit zugleich aufs Korn nimmt, und aufgrund Ines‘ unnachahmlicher Attitüde in diesen Szenen.

Das Ende ist offen gestaltet, eine „Läuterung“ Ines‘ bleibt aus. Zwar scheint sie ein gutes Stück weit lockerer geworden zu sein, doch verdingt sie sich weiterhin als Unternehmensberaterin für Kapitalistinnen und Kapitalisten. Ob es ihr zukünftig besser ergehen wird, steht in den Sternen. Ihre weitere Entwicklung kaut einem der Film nicht vor, immerhin wirkt Ines in der letzten Einstellung nachdenklich. Hier passt die alte Floskel „regt zum Nachdenken an“ perfekt. Handelte es sich bei diesem Film um eine typische, gefällige Fernsehfilm- oder Mainstream-Produktion – die man aus dem Grundsujet sicherlich hätte machen können –, würde Ines sich fürs Familienleben zu interessieren beginnen, einen Freund finden, heiraten und schwanger werden. Dies bleibt hier dankenswerterweise aus, denn es geht „Toni Erdmann“ nie darum, Ines in ein überholtes traditionelles Frauenbild zurückzudrängen. Tatsächlich lässt sich weiblicher Karrierismus (ebenso wie männlicher) mühelos kritisieren, ohne in diese Art von Chauvinismus zu verfallen. Darüber nachgedacht werden darf indes aber auch darüber, ob hier durch Übergriffigkeit eine Familienzusammenführung erzwungen werden soll – und ob und wenn ja, wie der Film dies bewertet.

„Toni Erdmann“ ist großartig geschauspielert, zumal Hüller und Simonischek häufig quasi das Schauspielern schauspielern müssen. Mit seinem Gebiss erinnert Winfried als Toni an Loriots unvergessene „Die Maske“, witzig ist neben manch wenig vorhersehbarer Situationskomik auch das permanente „Business-Deutsch“-Denglisch, saufies eine Fußnagelszene, vor der zarte Gemüter gewarnt werden müssen. Ades Film ist nicht zuletzt aufgrund seiner feinen Beobachtungsgabe und seiner Beherrschung der leiseren Zwischentöne in Kombination mit etwas sprödem Dogma-Charme intelligentes, aber nicht verkopftes deutsches Kino mit ganz eigener Note, wie es mir wirklich Freude bereitet.
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Columbo: Mord à la Carte

„Bewundernswert!“

In der Frühphase seiner Karriere wurde US-Regisseur Jonathan Demme („Das Schweigen der Lämmer“) mit der Inszenierung der zweiten Episode der siebten „Columbo“-Staffel betraut: Der TV-Krimi „Mord à la Carte“ wurde von Robert van Scoyk geschrieben, 1977 gedreht und am 30. Januar 1978 erstmals im US-Fernsehen ausgestrahlt.

„Welch ein Jammer, dass es so zu Ende geht…“

Fernsehkoch Paul Gerard (Louis Jourdan, „Der Graf von Monte Cristo“) ist zudem ein hochgeschätzter Feinschmecker und Restaurantkritiker, dessen Meinung in der Gastronomie-Branche viel zählt. Manch gute Kritik ist jedoch teuer erkauft, Gerard presst u.a. den italienischen Gastronom Vittorio (Michael V. Gazzo, „Testament in Blei“) aus wie eine Zitrone: 25 Prozent seiner Einnahmen soll er an Gerard abtreten. Offiziell fließt dieses Geld an einen Restaurantförderungsverein, landet über Umwege jedoch in Gerards Taschen. Zusammen mit seiner Sekretärin Eve (Shera Danese, „New York, New York“) möchte er alsbald das Geld durchbringen, muss sich aber vorher noch des abtrünnigen Vittorios entledigen, der nicht mehr zahlen will. Dafür nutzt er das Gift des Kugelfischs, einer Delikatesse, die jedoch äußerst vorsichtig zubereitet werden muss, will man nicht mit ihrem tödlichen Gift in Berührung kommen. Inspektor Columbo (Peter Falk) wird mit der Aufklärung des Todesfalls betraut und hat gleich den richtigen Riecher, weiß nur noch nicht, wie Gerard das angestellt hat…

„Probleme und Mord gehören irgendwie zusammen…“

Demme eröffnet seine leider einzige „Columbo“-Episode mit TV im TV, genauer: einer Fernsehsendung Gerards über die japanische Küche, der auch das Geheimnis der Kugelfischzubereitung entstammt. Die Herren, die sich ums Gerät versammelt haben und etwas aushecken, könnte man fälschlicherweise zunächst für Ganoven halten – zu diesem Zeitpunkt weiß man noch nichts von Gerards wahrem Gesicht. Dieser unterhält eine Affäre zu seiner Sekretärin, mit der er sich in Kürze absetzen möchte, die er bisher aber eher auf Distanz hielt; erste Indizien für seine Charakterschwächen.

„Solange Sie an dem Fall arbeiten, werden Sie nie Hunger leiden.“

Columbo stellt sich dem Verdächtigen wie so oft als Fan vor, taucht in die Gastro-Szene ein und muss feststellen, dass nicht jeder gut auf Gerard zu sprechen ist. Und das Schöne ist: Wo immer er ermittelt, bekommt er die feinsten Spezialitäten aufgetischt – gratis. Gewissermaßen der Running Gag dieser Episode, neben den gewohnten Anspielungen auf Mrs. Columbo. Gerards Mordplan ist nahezu perfekt ausgeklügelt und eine harte Nuss für den Inspektor. Zudem beweist Gerards Nervenstärke, präsentiert sich stets als aalglatter, kultivierter Connaisseur, der kein Wässerchen trüben kann, bleibt kontrolliert und zeigt sich nie gegenüber Columbo genervt. Dies macht die Aufeinandertreffen beider Parteien zu einem besonderen Vergnügen, wenngleich wie so oft auch hier der Täter Opfer seiner eigenen Überheblichkeit wird. Etwas Hilfe erhält Columbo vom Neffen Vittorios, der kein Englisch spricht und sich mit ihm auf Italienisch unterhält, wodurch die Handlung auf Columbos italienische Wurzeln referenziert. Auch Eve leistet Columbo (unfreiwillige) Schützenhilfe, indem sie sich verplappert und dadurch ein Stück weit das Klischee des etwas tumben Blondchens erfüllt, andererseits aber schlicht in eine geschickte Falle des Inspektors tappt und sich mit ihrem anschließenden Verhalten Gerards gegenüber rehabilitieren darf.

„Ich wünschte, Sie wären Koch geworden!“

Neben überlebenswichtigem Wissen über Kugelfische vermittelt „Mord à la Carte“ desillusionierende Einblicke in eine Branche, die man gemeinhin mit Genusskultur in Verbindung bringt, in der aber nicht nur in der Küche mit harten Bandagen gekämpft wird. Habitus und Duktus innerhalb der Haute cuisine werden leise persifliert, zudem ein kritisches Schlaglicht auf Einfluss und Macht von Kritikerinnen und Kritikern geworfen (was ich gerade in einer Kritik schreibe – langsam wird’s meta). „Mord à la Carte“ dürfte zu den Höhepunkten der Reihe zählen, hat einigen unterschwelligen Humor und gewitzte Dialoge zu bieten, ist pointiert erzählt und wartet trotz Whodunit?-Verzichts mit der einen oder anderen Überraschung auf. Mit ihren anheimelnden Restaurant-Interieurs und Gerards etwas protziger Privatwohnung (inkl. Geishas beim japanischen Abend) ist diese Episode hübsch ausgestattet – und nicht zuletzt, spätestens wenn Columbo im Finale ein altes Familienrezept zubereitet, appetitanregend.

Wer wissen will, welche Rolle Patronen in diesem Fall ohne jeden Schusswaffengebrauch spielen, sollte bei sich bietender Gelegenheit einschalten.
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Die Geschichte der Menschheit – leicht gekürzt

Aus offenbar lizenzrechtlichen Gründen geht es aus dem Filmtitel nicht hervor, aber der von Chris Geletneky, Erik Haffner, Claudius Pläging und Roland Slawik geschriebene und von Erik Haffner inszenierte „Die Geschichte der Menschheit – leicht gekürzt“ ist im Prinzip „Sketch History – Der Film“. Jene Comedy-Serie wurde von 2015 bis 2019 im ZDF ausgestrahlt und Teile des Teams arbeiteten auch für diese deutsch-schweizerisch produzierte Kinoadaption aus dem Jahre 2022 zusammen.

Im Jahre 1977 entsendet die NASA einen goldenen Bildtonträger an Bord der Raumsonde „Voyager“ ins All, auf der sich für etwaige außerirdische Intelligenzen gedachte Informationen über die Menschheit und ihre Geschichte befinden. Tatsächlich finden Außerirdische diesen Datenträger im Jahre 2050 und sehen sich an, wie Dr. Georg Friedle (Christoph Maria Herbst, „Stromberg“) die Geschichte der Menschheit, von der Steinzeit bis zur Gegenwart, rekapituliert…

Die „Sketch History“-Reihe habe ich seinerzeit nicht stringent verfolgt, lediglich hin und wieder reingezappt. In meiner Erinnerung hielten sich Licht – allem voran Max Giesingers Klaus-Kinski-Parodien in historischen Zusammenhängen – und Schatten – z.B. miese Honecker/Krenz-Parodien und manch müder Gag – in etwa die Waage. Für diesen Kinofilm wurde das Darsteller(innen)-Team starbesetzt erweitert (neben den im weiteren Verlauf Genannten u.a. Hannes Jaenicke, Heino Ferch und Uwe Ochsenknecht) und eine computeranimierte Science-Fiction-Rahmenhandlung um den Fund der goldenen Datenplatte durch Außerirdische ersonnen. Eine Art weitere Rahmenhandlung ist die Moderation Dr. Friedles, die als Bindeglied zwischen den einzelnen Sketch-Episoden fungiert. Beide sind mehr als nur Beiwerk und werden in der übergeordneten Dramaturgie gegen Ende entscheidende Rollen spielen.

Die Episoden verfügen jeweils über zwei Humorebenen: Die komödiantische bis satirische Aufarbeitung geschichtsträchtiger Ereignisse zum einen, zum anderen – und das macht den besonderen Reiz aus – deren Verbindung mit Anachronismen, die moderne zivilisatorische Verhaltensweisen, populärkulturelle Phänomene oder gesellschaftspolitische Entwicklungen persiflieren. Das können reaktionäre Progressionsbremsen wie beim köstlichen Aufeinandertreffen von Neandertalern (u.a. Holger Stockhaus, „Friesland“) und Homo sapiens mit überraschendem Ausgang sein oder auch ähnlich witzige frühe Versuche von Wikingerinnen und Wikingern (u.a. Ulrich Tukur, Wiesbadener „Tatort“), politisch korrekter zu brandschatzen. Griechische Philosophen (u.a. Axel Prahl, Münsteraner „Tatort“) werden nicht nur gefeiert wie Popstars, sondern verhalten sich auch so, die chinesische Mauer soll von der Berliner Firma Konopke (die verdächtig an die Firma Kasallek aus „Sketch History“ erinnert…) erbaut werden, was neben frühkaiserlichem Größenwahn den Habitus und Duktus Berliner Handwerker aufs Korn nimmt. Das sind alles schöne Schmunzler, auch der etwas zu sehr in die Länge gezogene (höhö) Penishumor in der Michelangelo-Episode funktioniert aufgrund des subtil frivolen Spiels Jasmin Schwiers‘ („Die Füchsin“). Einer der Höhepunkte ist jedoch die Jesus-Christus-Parodie, in der Max Giermann seine Paraderolle als Klaus Kinski respektive Jesus einmal mehr ausspielen darf. Die Geschichte Jesus‘ und der Geburt des Christentums wird hier auf blasphemischste Weise neugeschrieben, dass es jedem Atheisten eine wahre Freude sein dürfte.

Mangelndes Ironieverständnis führt beinahe dazu, dass Klaus Störtebeker (Kostja Ullmann, „Wuff“) nicht seinen Kopf verliert, doch verlässt sich diese Episode zu sehr auf diesen einen Gag und wirkt zu sehr gestreckt. Columbus (Gustav-Peter Wöhler, „Der Zimmerspringbrunnen“) wird auf seiner Entdeckungsfahrt zum Opfer zahlreicher Streiche, was durchaus seine Momente hat, sich aber leider dann doch zu wenig an den wahren geschichtlichen Ereignissen orientiert. Hier wäre eine Columbus‘ Ankunft auf dem amerikanischen Kontinent verarbeitende Episode reizvoller gewesen. Die Erfindung der Guillotine wird zu einer launigen Musical-Nummer mit singendem Bela B. als Joseph-Ignace Guillotine, die von ihrem launigen Zynismus lebt. Den unterschiedlichen Umgang mit Praktikantinnen und Praktikanten in Betrieben verballhornt die Episode zum Untergang der Titanic, was insbesondere aufgrund der herrlich genervten Praktikantin Jessica (Jasmin Schwiers) zum Vergnügen wird. Weniger gelungen ist der Auftritt schwäbischer Frauen (u.a. Komödiantin Carolin Kebekus) auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs, die dort einen Junggesellinnenabschied feiern. Die absurde Idee verschießt ihr Humorpulver recht schnell, wirkt einmal mehr zu lang und hat eine eher schwache Pointe.

Dafür entschädigt Bastian Pastewka („Pastewka“) als aufgedunsener Al Capone, der sich mit seinem Opfer rhetorisch mithilfe sinnfreier Redewendungen duelliert – dadaistischer Sprachwitz dominiert diese Episode. Dass Hitler-Attentäter Stauffenbergs (Tom Schilling, „Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe“) Plan trotzdem aufging, erfährt man in einer Episode, in der sich amüsanterweise jemand in die Verschwörerrunde veirrt, der damit eigentlich gar nichts zu tun hat. Auch hier zieht die Pointe leider den Kürzeren gegenüber dem einleitenden Gag, zudem stößt die Reduktion des NS-Terrors auf die Person Adolf Hitlers in ihrer Geschichtsvergessenheit etwas sauer auf. Der anschließende Fäkalhumor an Bord eines U-Boots in der „Das Boot“-Persiflage ist selbst mir dann zu primitiv.

Ähnlich wie in der Serie auch hier also Licht und Schatten, wobei die gelungenen Episoden überwiegen. Bereits die vielen verschiedenen Kostüme und Kulissen sind aller Ehren wert. Nichtsdestotrotz hätte gern noch etwas mehr ausgeteilt werden dürfen, das Provokationspotenzial der Jesus-Christus-Episode steht relativ allein auf weiter Flur. Angesichts der Tatsache, wie sich bereits über diese über weite Strecken eher leichte Komödie ewiggestrige Eiferer das Maul zerreißen und von erhobenen linken Zeigefingern fabulieren, wäre es ein Fest gewesen, die Reaktionen zu beobachten, hätte der Film zu einem schmerzhafteren, satirischeren Rundumschlag ausgeholt. Anlässe bietet die Geschichte der Menschheit ebenso wie ihre Gegenwart schließlich genug.

Erfreulich sind indes die klare und ironiefreie Absage an sämtliche Religionen, das meiner Kritik zum Trotz zweifelsohne vorhandene Aufgreifen aktueller gesellschaftlicher Debatten und Strömungen sowie das kinogerecht aufbereitete große Finale, das mit einer den Praktikantinnen-Gag wiederaufnehmenden Wendung aufwartet und in ein konsequent apokalyptisches Ende mündet. Dieses passt wunderbar in die aktuelle Zeit mit ihren wissenschaftlichen Erkenntnissen und dem Unvermögen der Menschheit, adäquat auf sie zu reagieren, und wartet mit einem schmissigen „Die Party ist vorbei“-Ohrwurm auf. Der Weltuntergang muss tanzbar sein!
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Tatort: Rechnung mit einer Unbekannten

„Sie können doch nicht einfach verschwinden!“

Der bereits dreizehnte Fall der Essener „Tatort“-Kommissare Heinz Haferkamp (Hansjörg Felmy) und Willy Kreutzer (Willy Semmelrogge) entstand einmal mehr unter der Regie des Stammregisseurs Wolfgang Becker, der damit zum siebten Mal mit Felmy und Semmelrogge für die öffentlich-rechtliche Krimireihe zusammenarbeitete und zwischenzeitlich mit „Die Vorstadtkrokodile“ einen Ruhrpott-Kultfilm erschaffen hatte. Für den am 23. April 1978 erstausgestrahlten „Rechnung mit einer Unbekannten“ verfilmte er ein Drehbuch Peter Hemmers.

„Alles wie in einer erstklassigen Inszenierung!“

Brennstoffhändler Josef Rosenkötter (Peter Matić, „Der Himmel kann warten“) hat sich in einer Kontaktanzeige als Witwer ausgegeben und darüber die alleinstehende Roswitha Mattusch (Edith Hancke, „Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett“) kennengelernt. Bei ihrer ersten Verabredung erschießt er sie und lässt es wie Raubmord aussehen. Die ermittelnden Kommissare Haferkamp und Kreutzer haben gleich den richtigen Riecher und verdächtigen Rosenkötter, der die Tote als seine Ehefrau (Gertrud Kückelmann, „Frucht ohne Liebe“) ausgibt, die wiederum die Identität Frau Mattuschs annimmt. Die Polizei steht vor einem Rätsel und die Rosenkötters scheinen an alles gedacht zu haben. Nicht einmal ein mögliches Motiv ist erkennbar. Doch Haferkamp vertraut seinem Instinkt – und Rosenkötter, der seinen sinistren Plan ohne Wissen seiner Frau weitergesponnen hat, hat die Rechnung ohne ihren Kampfgeist gemacht…

„Danach bist du allein!“

Die Verabredung, der kaltblütige Mord, das fehlende Motiv – anfänglich ist man als Zuschauerin oder Zuschauer zwar etwas schlauer als die Polizei, kennt aber Rosenkötters Plan noch nicht. Auf der Feier, die der Täter nach seiner Tat aufsucht, ist man aus den alkoholgeschwängerten Dialogen ein Motiv herauszuhören geneigt, jedoch ohne Erfolg. Ungefähr zur Hälfte der Laufzeit wird der raffinierte Dreiecksplan klar, der indes nicht ganz zu Ende gedacht scheint, dafür aber immer finsterer wird. Achtung, Spoiler: Rosenkötter hat es nicht nur auf ein erkleckliches Versicherungssümmchen abgesehen, sondern möchte, nachdem sie als nützliche Idiotin für ihn fungierte, auch seine Frau aus dem Weg schaffen, um mit seiner Mieterin Karin Distler (Susanne Beck, „Drei Männer im Schnee“) ein neues Leben zu beginnen.

„Jetzt nehmen Sie doch Vernunft an!“ – „Ich darf nix annehmen, ich bin Beamtin.“

Das Blatt wendet sich für Rosenkötter, trotzdem erschüttert ein weiterer Mord die Szenerie. Die inhaltliche Härte dieses „Tatorts“ hat bei allem Kalkül beinahe etwas Psychopathologisches, wenn zwei Frauen aufgrund narzisstisch anmutender Kaltblütigkeit einer- und emotionaler Aufgewühltheit andererseits sterben müssen – und sich die Täter im auf eine befremdliche Weise melancholischen Ende fast wieder in den Armen liegen, sich über die Taten nähergekommen zu sein scheinen und von nun an eine Art Schicksalsgemeinschaft bilden.

Kreutzer ermittelt diesmal eng an Haferkamps Seite und philosophiert gern einmal über den Polizeiberuf, gemeinsam betrinkt man sich in einer Kneipe. Haferkamps Ex-Frau Ingrid spielt diesmal leider lediglich in den dortigen Dialogen eine Rolle. Der sich im winterlichen Ambiente abspielende und gut geschauspielerte Fall wird von stimmig zwischen Klassik und Moderne changierender Klavier- und Synthesizer-Musik (Richard Clayderman, Pink Floyd, The Alan Parsons Project, Vangelis) begleitet und macht zunächst neugierig, um dann gekonnt spannende Unterhaltung zu bieten.

Dabei gelingt es ihm über weite Strecken zu verschleiern, dass der Plan etwas überkonstruiert und eigentlich von vornherein zum Scheitern verurteilt ist, da so ein Identitätsklau doch mit einigen Herausforderungen mehr einhergehen dürfte, als es hier arg vereinfacht dargestellt wird. Letztlich hätte die Polizei das falsche Spiel wesentlich eher durchschauen können, doch dann wäre dieser „Tatort“ viel zu schnell vorbei gewesen. Blendet man diese Aspekte aus, unterhält „Rechnung mit einer Unbekannten“ vorzüglich.

Und es gibt eine Premiere: Nicole Heesters („Drei Männer im Schnee“) feiert als Kommissarin Buchmüller ihren „Tatort“-Einstand und bekommt im Anschluss, von 1978 bis 1980, drei ganz eigene Fälle auf sich zugeschnitten.
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Phantom Kommando

„Nicht zu glauben, dieser Macho-Scheißdreck!“

US-Genre-Regisseur Mark L. Lester drehte zwischen „Der Feuerteufel“ und „Zwei unter Volldampf“ den Actionfilm „Phantom Kommando“ nach einem Drehbuch Steven E. de Souzas. Der 1985 veröffentlichte Kinofilm präsentiert den Bodybuilder und gebürtigen Österreicher Arnold Schwarzenegger, der sich zuvor bereits mit den „Conan“-Filmen und „Terminator“ einen Namen in Hollywood gemacht hatte, in der Hauptrolle.

„Ich werde nirgendwo hingehen!“

Dem ehemaligen US-Eliteofizier Colonel John Matrix (Arnold Schwarzenegger) ist Töchterchen Jenny (Alyssa Milano, „Wer ist hier der Boss?“) abhandengekommen: Arius (Dan Hedaya, „Begierde“), ein ehemaliger lateinamerikanischer Diktator, den Matrix einst vom Sockel zu stoßen half, hat sie entführt. Und er will sie ihm nur dann zurückgeben, wenn Matrix den demokratischen Präsidenten beseitigt, der Arius beerbte, und Arius zurück zur Macht verhilft. Doch statt sich auf dieses schmutzige Geschäft einzulassen, stellt er sich als Ein-Mann-Armee Arius und dessen Schergen entgegen und metzelt ohne Rücksicht auf Kollateralschäden alles und jeden nieder…

„Es geht doch nichts über alte Kriegskameraden!“

Das sieht dann wie folgt aus: Zunächst einmal erschießen zwei falsche Müllmänner jemanden und drehen auch weiterhin kräftig am Rad. Matrix wird durch Detailaufnahmen auf seine Muckis eingeführt, während er fröhlich einen Baumstamm durch die Gegend schleppt. Unheimlich kitschige Bilder einer Vater-Tochter-Idylle in der Natur sollen sein friedliches Leben im Soldaten-Vorruhestand illustrieren, dazu spielt Musik wie aus der „Schwarz(enegger)waldklinik“ und man erwartet, dass jeden Moment Heintje um die Ecke biegt und zu singen beginnt. Um dämlich homophobe Sprüche à la „Warum nennt er sich nicht einfach Girl George statt Boy George? Das würde die Leute nicht so verwirren.“ ist Matrix indes nicht verlegen. Der Film liefert ohne jeglichen Spannungsaufbau oder sonstige dramaturgische Kniffe direkt, wonach das Actiongülle-Publikum verlangt: Autostunts, Explosionen und Schießereien. Bizarr: Ilona Christen gehört zu den Handlangern der Bösen, ein anderer trägt ein Häkelleibchen. Matrix reißt Autositze und Telefonzellen heraus, verprügelt das Sicherheitspersonal eines Einkaufszentrums, verwickelt es in eine etliche Todesopfer fordernde Schießerei und bringt eine zunächst harmlose Frau namens Cindy (Rae Dawn Chong, „Beat Street“) in Lebensgefahr, die er entführt und deren Auto er zu Schrott fährt... und die ihm trotz allem helfen will, statt möglichst schnell das Weite zu suchen. Mit einem Raketenwerfer ballert sie nicht nur im Straßenverkehr herum, sondern schießt damit auch noch auf den Polizeitransporter, in dem Matrix sitzt, um diesen zu befreien, nachdem er sich beim Einbruch in ein Ladengeschäft hat erwischen lassen. Wie er das Gebäude am Ende in die Luft sprengt, weiß niemand – beim Präparieren von Sprengstoff hat man ihn jedenfalls nicht gesehen. Und dass seine Tochter nicht evtl. genau dort festgehalten wird, konnte er gar nicht wissen… Egal, et hätt noch immer jot jejange!

„Ein Mann, dem ich jahrelang vertraut habe, versucht mich zu töten!“ – „Ich versteh' den Mann...“

„Phantom Kommando“ ist ein ultratrashiger Oberkörper-frei-Rambo-Epigone und hochgradig schwachsinniger und unglaubwürdiger US-One-Man-Army-Actionstuss, in dem Arnie als nomineller Held kurzsilbig zynische Einzeiler raushaut und mit stoischer Miene für Verstümmelungen und Leichenberge sorgt – erst schießen, auch dann nicht fragen. Logiklöcher so groß wie das Vakuum im Hirn des Autors tun sich auf und die Stuntmen wähnen sich mit ihrer Akrobatik offenbar beim Turmspringen. Auf beinahe alles, was andere Actionfilmer wenigstens noch als Feigenblatt integriert haben – Dramaturgie, Spannung, Dynamik, über „Selbstjustiz, yeah!“ hinausgehende Subtext-Ansätze, Bindestriche – wird hier zugunsten einer lachhaften Story und Inszenierung verzichtet. Eine Beleidigung jeglicher Intelligenz und einer der dümmsten Filme, die ich jemals gesehen habe.

Doch er erlaubt verschiedene Lesarten: Zum einen die einer bewussten Genre-Parodie. „Phantom Kommando“ ist derart überzeichnet, dass er sein Sujet zu persiflieren scheint. Zum anderen bewies Regisseur Lester hiermit, dass man dem tumben Actionpublikum wirklich die allerletzte Grütze vorsetzen konnte. Eine bewusste Vorführung von Genre-Fans also? Beides darf bezweifelt werden, da sich Lester anscheinend nie dahingehend äußerte. Der vordergründige Humor des Films untermauert vielmehr seinen Zynismus. Zudem entstammt er einer Zeit, der Reagan-Ära, in der das Trivialkino vor martialisch bemuskelten Steroidopfern mit umso überlebensgrößeren Schwanzersatzwummen in den Händen nur so strotzte und der Markt mit Variationen des Immergleichen gemolken wurde bis zum Geht-nicht-mehr, von der hochbudgetierten und vom US-Militär gesponsorten A-Produktion, die propagandistisch US-Kriege rechtzufertigen helfen sollten, über Versuche, den Vietnamkrieg wenigstens im Kino und auf Video zu gewinnen und damit der angeknacksten reaktionären US-Volksseele zu neuem Selbstvertrauen zu verhelfen, bis hin zu in Anspruch und/oder Budget billigsten Produktionen aus Italien oder Fernost, die fleißig plagiierten und ihren Teil vom toxisch männlichen oder ironisch allesglotzenden Trash-Publikum abzugreifen versuchten. Insofern fällt „Phantom Kommando“ als einer der stumpfsinnigsten Vertreter seiner fragwürdigen Zunft vermutlich am ehesten unter Realsatire.
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Tatort: Lockruf

„Ok, ich hab‘ gelogen!“

Fall Nummer 14 der Essener „Tatort“-Kommissare Heinz Haferkamp (Hansjörg Felmy) und Willy Kreutzer (Willy Semmelrogge) ist der zweite im Jahre 1978 erstausgestrahlte „Tatort“ des damaligen Stammregisseurs Wolfgang Becker. Am 2. Juli jenes Jahres flimmerte der von Herbert Lichtenfeld geschriebene „Lockruf“ über die bundesdeutschen Mattscheiben und präsentierte neben einem Mord und der polizeilichen Ermittlungsarbeit vor allem eine Familientragödie.

„So viel Blödheit muss ja bestraft werden!“

Architekt Peter Huck (Herbert Fleischmann, „Raumpatrouille“) betrügt seine Ehefrau Helga (Agnes Fink, „Sternsteinhof“) mit seiner Geliebten Simone Karelus (Gracia-Maria Kaus, „Das Spukschloss von Baskermore“) im an einem Waldsee gelegenen Wochenendhaus, das Helga und ihm gehört. Ihr hat er gesagt, er befände sich auf einer Geschäftsreise in Frankfurt am Main. Den Frankfurter Hotelportier hat er geschmiert, damit er mitspielt und Helgas Anrufe zu ihm weiterleitet. Der gemeinsame Sohn Heiko (Dieter Schidor, „Der Seewolf“) gräbt derweil die aus einem Jugendheim ausgerissene Sabine Knoop (Sonja Jeannine, „Ekstase – Der Prozeß gegen die Satansmädchen“) in einer Kneipe an. Obwohl sie zunächst abweisend wirkt, hat er bald Erfolg bei ihr. Sie nimmt ihn mit in ihre kleine Hütte auf dem Bahnhofsgelände, wo sie sich häuslich eingerichtet hat. Anschließend fährt man gemeinsam zum Wochenendhaus, das Heikos Vater und dessen Geliebte gerade verlassen haben. Doch seine Mutter hat mittlerweile herausgefunden, was wirklich los ist, und erschießt Sabine, während Heiko Lebensmittel einkaufen gefahren ist. Sie hat sie mit ihrer Nebenbuhlerin verwechselt und ahnt noch nicht, dass es sich um die junge Freundin ihres Sohns handelte…

„Das ist mir zu überzeugend!“

Dieses Drama aufzuklären obliegt nun Haferkamp und Kreutzer, die erst nach ungefähr einem Drittel ins Spiel kommen. Zuvor hat Heiko die Tote gefunden und rasch alle Spuren beseitigt, da er fürchtete, der Tat verdächtigt zu werden. Und tatsächlich hat die Polizei zunächst ihn auf dem Kieker, denn sein Vater hat war schließlich in Frankfurt und die Befragung seiner Mutter hat nichts ergeben. So gerät hier also ein Unschuldiger in Schwerverdacht, während dessen Vater enervierend oft betont, in Frankfurt gewesen zu sein – bis dieser die Schuld auf sich nimmt, um ihn zu schützen. Doch Haferkamp glaubt ihm kein Wort. Eine verfahrene Situation, die erst durch weibliche Hilfe von außen gelöst wird: Einmal mehr ist es Haferkamps Ex-Frau Ingrid (Karin Eickelbaum), die hier entscheidende Hinweise gibt, als ihr Ex-Mann während einer Verabredung mit ihr nicht aus seiner Haut kann und schnell wieder dienstlich wird.

„Du hast lange kein Disziplinarverfahren am Hals gehabt!“

Die hier beide im Büro biertrinkenden Haferkamp und Kreutzer geraten sogar in Streit miteinander, als Kreutzer der mittlerweile verdächtigen Helga eine Falle stellen will, Haferkamp dies aber strikt ablehnt. Diese Sequenz ist eines von mehreren Elementen, die diesen „Tatort“ mit von vornherein bekannter Täterin und bekanntem Motiv fürs Publikum aufpeppen. Neben der eher diffusen Thematisierung von Generationskonflikten und dem Sozialchauvinismus insbesondere Helga Hucks, der der Umgang Heikos mit „einer wie Sabine“ ohnehin nicht recht gewesen wäre, ist es eben jene Sabine bzw. Schauspielerin Sonja Jeannine, die für Schauwerte sorgt: Sie konnte in diversen Sexreport- und Erotikfilmchen, aber auch im anspruchsvolleren internationalen Genrekino („Mannaja – Das Beil des Todes“) bereits Erfahrungen sammeln und zeigt sich hier vor ihrem Rollentod oben ohne, räkelt sich nackt im Bett, und die Kamera hält jeweils drauf. Dadurch erhält dieser „Tatort“ einen nicht ungefähren Sleaze-Faktor.

Dieter Schidor sieht in der Rolle Sabines Kurzzeitliebhabers Heiko hingegen alt aus, will sagen: zu alt für eine Rolle, die gerade einmal 18 Jahre jung sein soll. Tatsächlich war er bei den Dreharbeiten bereits fast 30. Heikos Trauer indes hält sich sehr in Grenzen; unklar ist, ob auch diese Rolle bewusst wenig sympathisch angelegt wurde oder es seitens der Autorschaft bzw. der Regie ein Unvermögen in Empathie für sie gab. Definitiv nicht als klassische Sympathieträger taugen die Eheleute, wobei Vater Peter immerhin einen liberaleren Eindruck als Mutter Helga macht, im Endeffekt hier aber viel zu gut wegkommt – seine zumindest moralische Mitschuld ist irritierenderweise kaum ein Thema und seine Frau ihm nach ihrer Überführung nicht mehr im Wege. Das mutet beinahe zynisch an. Musikalisch unterlegt wurde dieser ansonsten aber ansprechend erzählte und unterhaltsame „Tatort“ wiederkehrend von Pink Floyds „Shine on you crazy Diamond“.
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Die Trotzkis

„Willkommen im geeinten Deutschland!“

Die ostdeutsche Antwort auf die SitCom „Motzki“ mit ihrem besserwisserischen Ossi-Hasser als titelgebende Hauptrolle wurden „Die Trotzkis“, eine von 1993 bis 1994 produzierte und ebenfalls lediglich eine Staffel à dreizehn ca. 25-minütige Episoden umfassende SitCom, die von Dezember 1993 bis März 1994 in der ARD ausgestrahlt wurde. Für die Inszenierung verantwortlich zeichnet der verdiente DDR-Regisseur Günter Meyer („Spuk im Hochhaus“), der auch für „Die Trotzkis“ mit echten Ostdeutschen drehte.

„Benehmen Sie sich ganz natürlich!“

Kern der Serie ist die Leipziger Familie Trotzki um das grantelige und mit der Gesamtsituation unzufriedene Familienoberhaupt Herbert Trotzki (Heinz Rennhack, „Spuk im Hochhaus“), Mitte fünfzig und Taxifahrer. Seine Frau Rosa (Christine Harbort, „Wir können auch anders“) ist Kindergärtnerin, seit dem Ende der DDR aber arbeitslos. Man nennt sich gegenseitig Mama und Papa. Tochter Margot (Diana Urbank, „Die gläserne Fackel“) ist eine blonde Sexbombe und arbeitet als Hotelrezeptionistin; ihr Bruder Benno (Michael Stutz, „Kinderspiele“) ist ein tumber Pummel, der sich in erster Linie für Bier und den VfB Leipzig interessiert. Gemeinsam muss man sich in der ersten Hälfte der 1990er-Jahre mit den Veränderungen durch den Anschluss der DDR ans BRD-Staatsgebiet auseinandersetzen und ist sich gern mal untereinander spinnefeind, hält meist aber zusammen, wenn äußere Einflüsse die Familie bedrohen. Die Trotzkis sind eine proletarische Familie ohne außerordentlichen Besitz oder übermäßig hohen Bildungsstand, haben aber ihren Stolz und sind, wenn es darauf ankommt, nicht auf den Kopf gefallen.

„Ich will keine Ossis mehr in der Sendung haben!“ – „Das hättet ihr im Westen euch früher überlegen müssen.“

Die Konstellation aus tumbem Sohn und Sexbombe als Tochter kennt man natürlich aus „Eine schrecklich nette Familie“. Bis auf den leider vollständigen Verzicht auf Gesächsel ist hier ansonsten aber vieles authentisch deutsch, angefangen bei der Wohnungseinrichtung, die eigentlich permanent im Bild ist: Die Serie verzichtet beinahe vollständig auf Außenszenen und spielt ausschließlich in den Kulissen der Trotzki’stischen Wohnung, in die in jeder Episode jemand Fremdes von außen eindringt und den Alltag der Familie auf den Kopf zu stellen droht.

„Unsere Tochter zieht sich aus, wenn sie sich anzieht!“

In der ersten Episode rauben die Trotzkis einem Fernsehteam mit Mike Krüger als Gameshow-Moderator den letzten Nerv, in Episode 2 geht das Weihnachtsfest reichlich daneben, weil Rosa eine depressive Bekannte (Martina Gedeck, „Tiger, Löwe, Panther“) eingeladen hat, an der die Männer des Haushalts Gefallen finden. In der dritten Episode werden erstmals spezielle Umstände der Nachwendezeit betont wie der eigene Telefonanschluss, Telefonsex und Tittenheftchen. Hier sind es April Hailer und der deutsche Möchtegern-Al-Bundy Lutz Reichert, beide vornehmlich bekannt aus der damaligen RTL-Verbraucherschutz-Show „Wie bitte?!“. Deren Kind will Coca- statt Klub-Cola, während die Eltern mit den Trotzkis um Wohnungsbesitzansprüche streiten. Herbert kontert mit markigen Sprüchen (und wird von seiner Frau mit Ekel Alfred verglichen), die sog. Wiedervereinigung wird verstärkt thematisiert und die Serie kommt in Fahrt.

Rosa wird in Episode 4 brutal überfallen, was zu Beginn bereits passiert ist und nur als Aufhänger der folgenden Ereignisse genutzt wird: Margot fährt den Verbrecher (Pascal Breuer, „Bluterbe“) mit dem Auto an, ohne zu wissen, dass das der Mann ist, der ihre Mutter überfallen hat. Sie nimmt ihn mit nach Hause, um ihn zu verarzten… Diese Folge ist überaus slapsticklastig und Herbert formuliert besonders viele Spitzen gegen seine Ehe. Die fünfte Episode beschert den Trotzkis fünf Richtige im Lotto, woraufhin sie große Pläne schmieden. Weil Rosa eine Boutique eröffnen möchte, kommt ein schmieriger Kredithai (Max Herbrechter, „Der Kroatien-Krimi“) zu Besuch, wie es sie in der DDR natürlich nicht gab. Naiv fällt man auf ihn herein. Herbert reüssiert daraufhin sogar Karl-Eduard von Schnitzler. Langsam werden die beengten Kulissen albern: Das Wohnzimmer wird Rosas Strickboutique – und zwar allem Anschein nach lediglich deshalb, weil sich die Produktion keine zweite Kulisse leisten konnte. Plötzlich haben die Trotzkis auch einen großen Hund, mit dem sie den Kredithai schließlich bedrohen. Das muss dann auch als Quasi-Pointe einer schwachen, pointenlosen Episode herhalten.

Schon besser mundet Episode 6, in der eine superaufgestrapste Margot ihrem Vater beizubringen versucht, dass sie mit ihrem Stuttgarter Freund Jürgen von Kaltenbach (Burkhard Heyl, „Stilles Land“) zusammenziehen will – in die elterliche Wohnung… ausgerechnet, als Herbert wegen der Pleite seines Arbeitgebers plötzlich auch arbeitslos geworden ist. Es kommt zum perfekten Chaos, aber Jürgen vergibt Taxilizenzen und Herbert versucht, über ihn wieder in Lohn und Brot zu kommen. Margot und Jürgen wollen heiraten – letzterer ist dann jedoch verhindert, weil die Polizei ihn beim Fälschen einer Taxilizenz für Herbert erwischt hat... Arbeitslosigkeit, Lug und Trug, flügge werdende Kinder – nein, Herbert hat es wirklich nicht leicht in diesem neuen Deutschland.

So wird dann auch in der siebten Episode die letzte Packung Tempolinsen aus dem eisernen Vorrat für schlechte Zeiten aufgetischt. Zurück vom Arbeitsamt ist Herbert aber in Feierlaune, weil er jetzt Vertreter für Alarmanlagen ist. Er glaubt, damit Reibach machen zu können, muss aber erst 300 Mark für eine Schulung abdrücken. Genaugenommen wurde er vom Amt an einen Scharlatan vermittelt, ohne dies zu bemerken. Er soll sogar selbst eine Alarmanlage für 3.000 DM kaufen und spricht Motivationssprüche in sein Spiegelbild. Am ersten Arbeitstag lässt er sich zu allem Überfluss von einem seiner potenziellen Kunden einen Staubsauger andrehen. Und als sein Chef Dr. Schneider (Ulli Kinalzik, „Das Stundenhotel von St. Pauli“) zu Besuch kommt, verkauft dieser seiner Frau eine Alarmanlage – die Dr. Schneider aber ihrerseits über den Tisch zieht. Dieser vorläufige Höhepunkt der Serie persifliert köstlich und bissig den kapitalistischen Konsumwahnsinn „in a nutshell“, lässt Familie Trotzki aber erhobenen Hauptes aus diesen Erfahrungen herausgehen. Dies beweist, dass die Serie Sympathien für ihre Figuren hegt und vermittelt – denn die Trotzkis mögen zwar zahlreiche Ossi-Klischees erfüllen, sind moralisch aber integrer als es die „soziale Marktwirtschaft“ ist.

In Episode 8 bekleidet Herbert Trotzki ein Ehrenamt: Es wird zum Generalsekretär (sic!) der Bürgerbewegung, die gegen den Bau einer Autobahn demonstriert, die u.a. direkt am Haus der Trotzkis entlangführen soll. Hier lernt die Familie die Korruptionsmechanismen des Systems kennen, wenn Herbert sich von einer Abgesandten (Billie Zöckler, „Go Trabi Go“) des zuständigen Bauunternehmens Honig ums Maul schmieren, bestechen und für dessen Zwecke einspannen lässt. Doch die Demonstrationen seiner Familie scheinen erfolgreich zu sein. Kurz nachdem sie erfahren hat, dass ausgerechnet das Familienoberhaupt das schwarze Schaf der Bewegung ist, platzt ein Journalist herein, der von den Bestechungen Wind bekommen hatte, und konfrontiert Herbert mit den Vorwürfen. Die zweite Wendung dieser Geschichte: Rosa behauptet, dass ihr Mann das Geld nur zum Schein angenommen habe – und zieht selbst mit Zaster von dannen. Eine schöne Lehrstunde in Sachen „demokratische Abläufe“, nicht nur für die Trotzkis oder ein ostdeutsches Publikum.

Vielleicht hat Herbert bald auch keine Bestechungsgelder mehr nötig, denn in der neunten Episode wird er zumindest zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Der hier erstmals thematisierte Konsumwahn seiner Frau und seiner Tochter greift das überwältigende Angebot an Konsumgütern nach der Vereinigung Deutschlands auf und zeigt die Probleme, die auftreten, wenn man damit noch nicht so recht umgehen kann – begleitet von herrlich ätzenden Sprüchen Herberts. Obwohl man schon Inkasso-Ärger hat, werden weiter Klamotten bestellt und Ratenzahlungen vereinbart. Bis der Fernseher gepfändet wird… Nun ist’s an Benno, er soll endlich einmal arbeiten gehen. Herbert vermittelt ihm eine Job in einer Bank – oder vielmehr, dass er sich dort überhaupt um eine Lehrstelle bewerben darf. Zuhause wird die Situation mittels Bewerbungsrollenspielen trainiert. Schließlich bekommt Benno einen Job – ausgerechnet bei einem Inkassounternehmen… Die Handlung um Benno ist hier neben den großartigen Dialogen sekundär. Die deutsche Massenarbeitslosigkeit der 1990er schlägt sich hier ebenso nieder wie eingangs erwähnter Konsumwahn, und mittendrin ein arbeitsloser Familienvater, der dem Ganzen hilflos gegenübersteht und dem auch noch eines seiner letzten Vergnügen – der Fernseher – genommen wird. Tragikomisch!

Und dann ist da ja noch die verdammte Bundeswehr, die plötzlich Benno einziehen will. Der Nichtsnutz türmt natürlich, und zwar vor allem deshalb, weil er gerade erst tatsächlich ein attraktives und nettes Mädchen kennengelernt hat. Doch als die Feldjäger bei den Trotzkis eindringen, haben diese noch ein besonderes Ass im Ärmel… Denn ist keine Seltenheit, dass sich ehemalige Mitglieder einer repressiven staatlichen Exekutive nach einem Systemwechsel mir nichts, dir nichts in die nächste Uniform schwingen. Diese zehnte Episode greift nur leidlich das Thema Ossis in der Bundeswehr auf, und Bennos Romanze hat eher Seifenoper-Charakter – dafür punktet die Pointe mit einem Seitenhieb auf Stasi, Militär und Funktionsträger innerhalb bewaffneter Organe generell, in Ost wie West.

Karneval, Fasching oder wie auch immer man es nennen will wurde auch in der DDR gefeiert, die Trotzkis halten in der elften Episode an dieser Tradition fest. Man ist schon kostümiert und will gerade losgehen, als es zwischen Rosa und Herbert zu Eifersüchteleien und Streit wegen alter Frauengeschichten Herberts kommt. Daraufhin zieht er allein los, während Rosa frustriert zu Hause bleibt. Herbert kommt natürlich sturztrunken zurück und ist am nächsten Tag schwer verkatert. Und offenbar hatte er wieder etwas zu nahen Kontakt zu anderen Frauen… Rosa reicht’s jedenfalls. Sie versucht, ihn eifersüchtig zu machen, indem sie sich dem örtlichen Kamasutra-Guru (Wilfried Baasner, „Coconuts“) verschreibt. Dieser kommt zu den Trotzkis nach Hause, zieht seine Show ab und will Rosa an die Wäsche, doch Herbert entlarvt dessen faulen Zauber. Das ist wenig Ossi-spezifisch, nimmt es doch esoterische und spirituelle Scharlatanerie ebenso aufs Korn wie notgeile Gurus, aber auch die nach etlichen Jahren Ehe noch bestehende Eifersucht. Prinzipiell wäre hier mehr drin gewesen, beispielsweise eine naive Rosa Trotzki, die, mit sozialistischem Realismus sozialisiert, erstmals mit Lifestyle-Spiritualität und entsprechend unseriösen Angeboten konfrontiert wird. Schade.

Ausgerechnet als Rosas und Herberts Silberhochzeit bevorsteht, taucht in der vorletzten Episode wie aus dem Nichts eine junge Frau (Cosima von Borsody, „Frauenarzt Dr. Markus Merthin“) auf, die sich als uneheliche Tochter Herberts zu erkennen gibt und entsprechende Forderungen stellt. Ja, das vereinte Deutschland brachte manch Überraschung mit sich, wie in diesem Falle vermeintliche Familienzusammenführungen. Die Betrügereien, die auch mit dieser Masche versucht wurden, hat diese Episode zum Inhalt, die außerdem mit einigen krass frauenfeindlichen Sprüchen Herberts aufwartet.

Einen würdigen Abschluss der Serie bereitet die finale Episode. Hier quartiert sich Herr Cornelsen (Ilja Richter, „Musik, Musik - da wackelt die Penne“) von einem westdeutschen demoskopischen Institut bei den Trotzkis ein, um ihren Alltag und ihr Konsumverhalten als ostdeutsche Durchschnittsfamilie zu beobachten und zu protokollieren. Hierbei prallen erwartungsgemäß Ost- und Westklischees ordentlich aufeinander und die Handlung entwickelt eine diebische Freude daran, damit zu spielen. Am Ende gilt wie immer: Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast!

Nein, „Die Trotzkis“ ist gewiss kein politisches Kabarett, die Serie verfügt auch nicht über den zynischen Biss eines Motzkis. In einigen Karikaturen und Überzeichnungen tendiert man gern einmal etwas zu sehr ins Alberne, manch Gag ist eher flach. Dafür ist diese Serie leichter verdaulich und großartig geschauspielert, der spröde Billigcharme passt zudem zur porträtierten Familie. Während „Motzki“ häufig zu Unrecht reaktionäre Ossi-Feindlichkeit vorgeworfen wurde, weil man die Rolle Motzkis mit der Aussage der Serie verwechselte, wurden „Die Trotzkis“ mitunter als Wessie-feindliches Pendant aufgefasst. Dieser Vergleich hinkt jedoch arg und ist schlicht unangemessen, denn Herbert Trotzki ist weder ein alter Stalinist noch möchte er die DDR zurück. Er ist vielmehr ein Mann, der mit den Folgen des Anschlusses an die BRD zwangsläufig zu kämpfen hat. Er wird, ebenso wie seine Familie, in gleichem Maße selbst persifliert, wie die Serie diejenigen aufs Korn nimmt, die mit der Familie konfrontiert werden oder ihr zusätzlichen Schaden zufügen möchten.

„Die Trotzkis“ ist sicherlich keine humoristische Offenbarung im deutschen Fernsehen gewesen, insgesamt aber ein sehenswertes Kind seiner Entstehungszeit und eine mal mehr, mal weniger spaßige Dokumentation sowohl damaligen Humors als auch damaliger gesellschaftlicher Herausforderungen im Ostteil Deutschlands.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
Ein-Mann-Geschmacks-Armee gegen die eingefahrene Italo-Front (4/10 u. 9+)
Diese Filme sind züchisch krank!

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