bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

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Kir Royal

„Wer reinkommt, das bestimm‘ ich!“

Drei Jahre nach seiner Kultserie „Monaco Franze – Der ewige Stenz“ arbeitete der Autor und Regisseur Helmut Dietl erneut mit Co-Autor Patrick Süskind für eine Fernsehserie zusammen. Die sechs Episoden à einer knappen Stunde umfassende Serie „Kir Royal“ taucht noch tiefer in die Münchner Schickeria ein, handelt es sich doch um eine Persiflage auf den Klatschreporter Michael Graeter von der Münchner Abendzeitung. Der heißt hier Baby Schimmerlos und wird von Franz Xaver Kroetz („Tatort: Spiel mit Karten“) gespielt. Ähnlich wie bei „Monaco Franze“ handelt es sich um in sich abgeschlossene Episoden, die Momentaufnahmen aus Schimmerlos‘ Leben zeigen.

„Der Strichbur, der kokainistische!“

Das titelgebende alkoholische Getränk wird insbesondere in der Auftakt-Episode ständig getrunken, denn es handelt sich dabei nicht nur um Babys favorisierten Trunk, sondern erfreut sich in der Schickeria-Szene generell großer Beliebtheit. Baby ist mit Mona (Senta Berger, „Der Mann ohne Gedächtnis“) liiert, vernachlässigt sie aber gerne mal, wenn es um seine Karriere geht, und nimmt es mit der Treue auch alles andere als genau. Sein ständiger Begleiter ist der Fotograf Herbie Fried (Dieter Hildebrandt, „Is‘ was Kanzler?!?“); seine Sekretärin Edda Pfaff (Billie Zöckler, „Neonstadt“) tippt seine Klatschkolumnen für die Münchner Allgemeine Tageszeitung, die der vermögenden Friederike von Unruh (Ruth Maria Kubitschek, „Monaco Franze – Der ewige Stenz“) gehört, zu der er hin und wieder zum Rapport muss. Diese Figuren bilden das Stammensemble der Serie.

„Isch scheiß‘ dich sowat von zu mit meinem Geld!“

Die erste Episode beginnt stilecht mit einem Sektfrühstück im Bett und dreht sich um den reichen Kleberfabrikanten Heinrich Haffenloher (Mario Adorf, „Der Mafiaboss“), der alles daransetzt, einmal in Babys Kolumne aufzutauchen, weshalb er ihn unbedingt kennenlernen will und ihm nachstellt. Baby hingegen ist darauf bedacht, seine Unabhängigkeit zu bewahren, verwehrt sich auch gegen die Versuche Herbies, die zeigefreudige Blondine Lisa (Corinna Drews, „Die Säge des Todes“) über ihn in die Schickeria einzuschleusen – muss sich am Ende aber eingestehen, letztlich auch seinen Preis zu haben. Dass Haffenloher droht, Baby über Gebühr zu bezahlen, ist der absurd anmutende Clou dieser Episode, die sowohl Babys Macht als eine Art Gatekeeper illustriert als auch den Geltungsdrang, das Streben nach Beachtung oder gesellschaftlichem Aufstieg, verschiedener Typen Mensch persifliert, die Riten sowie ungeschriebenen Gesetze der feinen Gesellschaft aufs Korn nimmt und nicht zuletzt die gehobene Gastronomie durch den Kakao zieht. Drews zeigt ihre Möpse und Adorf spielt zum Niederknien.

„Immer und überall der gleiche Fraß!“

In Episode 2 versucht Baby, einer Fernsehschauspielerin (Christine Schuberth, „Josefine Mutzenbacher“) eine Schwangerschaft anzudichten, betrügt Mona mit einer (erneut äußerst freizügigen) Blondine, verscherzt es sich dadurch mit Mona, gerät sogar in Lebensgefahr, wird vom bayrischen Ministerpräsidenten (Georg Marischka, „Die Akte Odessa“), einem Franz-Josef-Strauß-Verschnitt, gerettet, muss am Ende aber den Tod seiner Mutter (Erni Singerl, „Monaco Franze – Der ewige Stenz“) beklagen. Diese monologisiert gedanklich wie verbal in dieser Folge vor sich hin und sorgt so für nachdenkliche Momente, während ansonsten Hektik, Überstürzung und Emotionalität regieren. Eine schöne Parabel auf die rein selbstzweckhaften Mechanismen der Klatschpresse. Und was Nacktszenen betrifft, steht Kroetz den weiblichen Nebendarstellerinnen übrigens in kaum etwas nach.

„Jeder Idiot sieht, dass man von hier aus nichts sieht!“

In der dritten Episode erfährt man, dass Baby finanziell über seine Verhältnisse lebt, auch hier also mehr Schein als Sein. Es geht um windige Immobiliengeschäfte und einen krummen Deal, der bis in die Politik hineinreicht, also um handfeste Korruption. Baby glaubt, aus diesem Klüngel einen persönlichen Vorteil zu erzielen, sieht sich am Ende jedoch damit konfrontiert, lediglich ein Spielball Mächtigerer gewesen zu sein. Zugleich bereitet Mona ihm immer ausuferndere Eifersuchtsszenen. Der besondere Sprachwitz der Serie erblüht hier zu ganzer Pracht, während Methodik und Prozesse der Korruption durchexerziert werden – mit allen Konsequenzen.

„Wie sieht denn die aus? Abgefuckt madamig…“

Eine Ausnahmestellung nimmt die Episode „Adieu Claire“ ein, die als einzige von Kurt Raab geschrieben wurde. Babys skrupellose Versuche, an eine Exklusivgeschichte zu gelangen und dafür einen sterbenden jüdischen Komponisten (Curt Bois, „Casablanca“) sowie dessen alte Liebe (Marianne Hoppe, „Die seltsame Gräfin“) zu belästigen, sind der Aufhänger einer letztlich sehr einfühlsamen Folge, die sich mit Deutschlands NS-Vergangenheit auseinandersetzt. Dass in einer Nebenhandlung ausgerechnet der militärische „Marines-Look“ zur angesagtesten Frisur avanciert, die plötzlich jeder zu tragen scheint und man sogar Senta Berger mit Kurzhaarfrisur zu Gesicht bekommt, ist ebenso wenig ein Zufall wie die vielen an die Zeiten des nationalsozialistischen Terrors erinnernden Details. Man verlässt sogar für eine kurze Zeit München und unternimmt einen Abstecher nach Paris. Eine herausragende Episode, die gerade wegen ihrer Andersartigkeit besticht: Die verachtenswerten Methoden des Klatschjournalismus spielen hier nur eine untergeordnete Rolle. In einer Nebenrolle als tuntiger Friseur: Udo Kier („Suspiria“). Und als Kellner: Dirk Bach („Im Himmel ist die Hölle los“).

In der vorletzten Episode geht es ebenfalls faschistoid zu, denn die gebürtige Münchnerin und jetzige Königin (Michaela May, „Komm, liebe Maid und mache“) des (fiktionalen) Inselstaats Mandalia reist nach München, was ein gefundenes Fressen für die Boulevardpresse ist. Während Baby und Herbie sie in ihrem Hotelzimmer auf eigentlich widerwärtig voyeuristische Weise bespitzeln, bekommen sie jedoch Wind davon, dass der königliche Besuch vornehmlich dem Erwerb von Waffen dient, um die mandalische Freiheitsbewegung brutal niederzuschlagen. Dietl und Süskind erzählen auf dieser Grundlage davon, wie aus etwas Falschem etwas Richtiges erwächst, das aus den falschen Gründen zunächst verurteilt und aus anderen, nicht minder falschen Gründen dann doch gutgeheißen wird. Ein wunderbares Bildnis für den Umgang mit ausländischen Autoritäten, mit Stand und Herkunft sowie der Gewichtung von schönem Schein und Etikette gegenüber Ethik und Moral. Die auf die Schippe genommene Faszination fürs Royale erinnert bereits ein wenig an Dietls später in „Schtonk!“ verfolgten Ansatz, was das boulevardeske Interesse an Nazigrößen betrifft.

Im Serienfinale stehen die Zeichen auf Veränderung und Abschied. Baby fehlt die rechte Inspiration und erwägt einen Jobwechsel, während Mona unerwartet mit einer Gesangskarriere durchstartet. Absonderliche Extravaganzen eines milliardenschweren Tycoons treffen auf eine verborgene Talente entdeckende und sich dadurch von ihrem Lebensgefährten emanzipierende Frau. Vielleicht hätte man sich einen größeren Knall fürs Finale gewünscht, doch Dietl beherrscht auch die leiseren Töne und legt Wert auf Ambivalenzen seiner Figuren, die er karikiert, jedoch nicht bis zur völligen Überzeichnung verzerrt. Die Absurdität und das Lachhafte sind in der hier persiflierten Realität verhaftet und werden nicht etwa erst durch die Übertragung in die Komödie erweckt. So bekommen neben Baby Schimmerlos, stellvertretend für Boulevardpresse-Schmierfinken, auch die einzelnen Versatzstücke der berühmt-berüchtigten Schickeria ebenso ihr Fett weg wie Wirtschaft und Politik.

Insbesondere aber wirft „Kir Royal“ ein Schlaglicht auf Persönlichkeit und Selbstverständnis eines Klatschreporters, dessen Arbeit mit Journalismus nicht viel zu tun hat und der sich für wichtiger hält, als er es eigentlich ist. Dass man ihm permanent das Gefühl gibt, es zu sein, ist Teil eines gesellschaftlichen Spiels, in dem er wenig mehr als ein Bauer ist. Trotz mitunter auftretender bayrisch-hochdeutscher Sprachbarriere ist der hintergründige Humor dieser Serie verdammt gut gealtert und gilt „Kir Royal“ zurecht als ein Stück deutschen ‘80er-Fernsehkults.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
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Das war der wilde Osten – Go Trabi Go 2

„Blauer Himmel über Bitterfeld!“

Gut eineinhalb Jahre nach der so köstlichen wie erfolgreichen Roadmovie/Wende-Komödie „Go Trabi Go“ lancierte man eine Fortsetzung in die gesamtdeutschen Kinos. Der Experte für hintersinnige ostdeutsche Komödien, Peter Timm, führte diesmal jedoch nicht die Regie und war auch nicht am Drehbuch beteiligt. Übrig waren nur Reinhard Klooss, Co-Autor des Vorgängers, geblieben, der sich nun die Regie mit dem Populär- und Subkultur-affinen Wolfgang Büld („Punk in London“, „Gib Gas – Ich will Spaß“) teilte und das Drehbuch zusammen mit dessen Intimus Stefan Cantz verfasste – und natürlich das Familie Struutz mimende Ensemble um den Kabarettisten Wolfgang Stumph.

„Jetzt wird investiert!“

Als Familie Struutz, bestehend aus Deutschlehrer Udo (Wolfgang Stumph), seiner Frau Rita (Marie Gruber, „Dornröschen“) und der gemeinsamen Tochter Jacqueline (Claudia Schmutzler, „Polizeiruf 110: Eine unruhige Nacht“), mit ihrem bunten Cabrio-Trabant „Schorsch“ aus dem abenteuerlichen Italienurlaub in ihre Heimat Bitterfeld zurückkehrt, erkennt sie diese nicht wieder: Ihr Wohnhaus wurde abgerissen, ein US-Investor will dort einen Golfplatz („Mit 16 Löchern!“) errichten. Doch es gibt auch eine gute Nachricht: Udo hat eine die Gartenzwergfabrik „Rote Mütze“ im nahe Dresden gelegenen Landwitz geerbt. Diesen ehemaligen VEB plant Bürgermeister Kuhn (Uwe Friedrichsen, „Schwarz-rot-gold“) eigentlich für eine lumpige D-Mark zu erstehen, um ihn für eine Autobahn plattzumachen. Doch nicht mit Udo Struutz! Dieser tut sich mit dem westdeutschen Charlie (Rolf Zacher, „Der Formel Eins Film“) zusammen, der die Gartenzwerge mithilfe eines Investors international vermarkten möchte. Ehefrau Rita umgarnt derweil den Bürgermeister, natürlich aus rein taktischen Erwägungen heraus, und Jacqueline wird langsam flügge…

„Anarchistenflittchen!“ – „Kapitalistenschlampe!“

„Go Trabi Go 2“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Ausverkauf Ost satirisch-komödiantisch aufs Korn zu nehmen. Vermutlich durch den Erfolg des ersten Teils konnte man eine übers Stammensemble hinausgehende interessante Besetzung zusammentrommeln, von der ostdeutschen Moderatoren- und Entertainer-Legende Wolfgang Lippert als Boutiqueverkäufer über Komödiant Jochen Busse als mit Wirtschaftsworthülsen um sich werfendem Abwicklungsbeamten und den Sänger und Moderator Gunther Emmerlich als singendem Mittelalterkneipenwirt bis hin zu Rolf Zacher als geschäftstüchtigem Wessi, der Kondome in Deutschlandfarben verkauft.

„Was sind Sie denn?“ – „Gelernter DDR-Bürger.“

Zusätzlich begegnet man Pseudoskins, wie sie damals nicht nur im Osten Deutschlands aus allen Löchern krochen, sowie sich wie Kolonialherren aufführenden Wessis. Udo und Charlie besuchen einen Empfang in der Semperoper, wo Udo unablässig Goethe zitiert, und mit seinen Gartenzwergen geht’s sogar nach New York. Für eine leicht anregende Komponente sorgt Jacqueline, die mit ihrer Freundin nur in Unterwäsche bekleidet im Nachtclub, in dem sie nun jobbt, tänzelt. Trabi Schorsch spielt leider nur noch eine untergeordnete Rolle.

„Der Weg in die Zukunft ist der Weg in den Osten!“

Die Dialoge sind witzig, auf ihnen schien ein Hauptaugenmerk zu liegen. Die Handlung hingegen ist etwas konfus und unfokussiert, die Pointe gar schwach und das Happy End unnötig in die Länge gezogen. Als Satire ist „Go Trabi Go 2“ etwas trocken, dann wieder reichlich albern. Eine humoristische Offenbarung ist diese Fortsetzung somit sicher nicht, in ihren Ansätzen jedoch sehr gut und durchaus sozialkritisch-bissig. Große Teile des hörenswerten Soundtracks stammen von den britischen Glam-Rockern Slade. Auffallend sind auch die beeindruckenden Landschaftskulissen von Elbsandsteingebirge und Konsorten, die Büld und Klooss augenscheinlich ein Anliegen waren.

Alles in allem war Timms erster Teil aber wesentlich charmanter, während die Fortsetzung mal über- und mal unterambitioniert und dadurch letztlich etwas sehr bemüht wirkt. Immerhin lernen wir: „New York ist auch nicht viel anders wie Dresden!“
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
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Polizeiruf 110: Der Dicke liebt

„Trinken, um zu vergessen. Trinken, um zu vergessen, dass man trinkt. Trinken aus Frustration.“

Zum 50. Jubiläum der Fernsehkrimireihe „Polizeiruf 110“ hatte man mit Henry Koitzsch (Peter Kurth, „Good Bye, Lenin!“) und Michael Lehmann (Peter Schneider, „Als wir träumten“) ein neues Hallenser Ermittlerduo eingeführt, das Ende Mai 2021 in „An der Saale hellem Strande“ erstmals aktiv werden durfte. Lange Zeit war zu befürchten, dass es bei dieser einen Ausnahme bleiben und kein zweiter Fall folgen sollte. Diese Sorge erwies sich jedoch als unbegründet, denn knapp drei Jahre später, am 21. April 2024, gab es in der Episode „Der Dicke liebt“ ein erneut von Clemens Meyer und Thomas Stuber geschriebenes und von Stuber auch inszeniertes Wiedersehen mit den beiden.

„Bitte stapeln Sie diese Kugeln.“

Der alternde Hallenser Kriminalhauptkommissar Henry Koitzsch verliert seinen Führerschein wegen Trunkenheit am Steuer und sieht sich nicht nur dadurch mit seinem Alkoholproblem konfrontiert, mit dem er jedoch relativ gelassen umgeht. Eine andere Konfrontation schmerzt mehr; ein Schmerz, den der Alkohol zu betäuben hilft: Die achtjährige Inka (Merle Staacken, „Zwei Weihnachtsmänner sind einer zu viel“) wird in einer Kleingartenkolonie ermordet und missbraucht aufgefunden. Koitzsch ermittelt zusammen mit seinem jüngeren Kollegen Michael Lehmann, unternimmt aber auch Alleingänge. So lernt er Inkas Eltern (Katrin Hansmeier, „Das letzte Schweigen“ und Matthias Walter, „Stubbe – Von Fall zu Fall“) ebenso kennen wie Inkas Mathe- und Nachhilfelehrer Herrn Krein (Sascha Nathan, „Im Westen nichts Neues“), einen alleinstehenden adipösen Sonderling mit exorbitanter Plüschteddy-Sammlung, der einen guten Draht zum Opfer hatte und sich nun auffallend stark um seine kleine Schülerin Juli (Romy Miesner) kümmert. Nicht nur für die Polizei wirkt er dadurch verdächtig. Bei der stellvertretenden Rektorin an seiner Schule handelt es sich ausgerechnet um Monika Hollig (Susanne Böwe, „Herbert“), mit der Koitzsch einst ein Blind Date hatte. Wird sie entscheidende Hinweise geben können?

„Versuchte Penetration mit einem Gegenstand.“

Koitzsch fährt Schlangenlinien. Koitzsch muss zum Rapport. Koitzsch tauscht Jack-London-Zitate mit dem Amtsarzt aus. Der Auftakt gehört ganz ihm. Szenenwechsel, Grundschule, Mathe-Unterricht: Dass Schülerin Inka verschwunden ist, lässt ein eingespieltes Telefonat der Mutter wissen – eines der ersten von vielen achronologisch über die Handlung gelegten Erzählelementen, die sich durch den Stil dieser Episode ziehen. Koitzschs und Lehmanns Büro sieht aus wie ein Kellerverschlag, Baustellenlärm inklusive. Das wirkt mindestens so abgerockt wie Koitsch. Jüngere Kolleginnen und Kollegen führen Befragungen durch, denn die Mordkommission ist noch gar nicht zuständig. Dies wird sie erst nach dem Leichenfund im Kleingarten. Vorher hat man als Zuschauerin oder Zuschauer bereits Lehrer Krein kennengelernt, ihm dabei zugesehen, wie er der kleinen Juli Nachhilfe gibt und wie er einkaufen geht, Bekanntschaft mit seiner Teddybärensammlung auf dem heimischen Sofa gemacht.

„Manchmal bin ich froh, dass ich keine Kinder hab‘…“

Dieser (von Sascha Nathan überragend zwischen bemitleidenswert, bedrohlich und abstoßend gespielte) scheint bei seiner Befragung auch sehr angefasst. Der Täter soll jedoch recht schwer gewesen sein, was den übergewichtigen Krein zusätzlich verdächtig macht. Davon unabhängig werden polizeibekannte Pädophile abgeklappert, ein Vorbestrafter wohnt gar nahe der Schule – und verstößt gegen seine Auflagen. Zu wichtigen Zeugen werden ausgenüchterte Obdachlose, die sich in der Nähe des Tatorts aufhielten. Ähnliches gilt für eine demente alte Dame, die man in ihrem Pflegeheim behutsam befragt. Derweil macht ein wütender Mob (u.a. Johannes Kienast, „Neue Vahr Süd“) bereits Jagd auf Lehrer Krein. Dieses Figurenpanoptikum passt zu diesem sozialrealistisch „Polizeiruf“, in dem es keinerlei Platz für optimistische Heldenfiguren gibt und der die Belastungen der beiden Ermittler aufzeigt, die nicht nur an Fällen wie diesem zu zerbrechen drohen, sich sogar untereinander in die Haare kriegen und dennoch fieberhaft nach Hinweisen suchen; so auch, als Koitzsch den „Tag der Volkspolizei“ mit Rechtsmediziner Reinhold (Andreas Leupold, „Kriegerin“) und seinem Ex-Kollegen Thomas Grawe (DDR-„Polizeiruf 110“-Veteran Andreas Schmidt-Schaller) feiert. Bei einer erneuten Inspektion des Tatorts findet man tatsächlich etwas. Klassische trifft auf unkonventionelle Polizeiarbeit in einem trotz bestem Sommerwetter düsteren sozialen Panorama.

„Manchmal ist es besser, wenn du als Ermittler nur am Rand stehst…“

Auch wenn „Der Dicke liebt“ trotz Whodunit? kein vornehmlich auf Spannung ausgerichteter Fall ist, wird seinem Publikum erst im letzten Drittel ein Wissensvorsprung gegenüber den Ermittlern gegönnt – der aber nur kurz währt. Am Ende dürfte sich jeder einen anderen Ausgang gewünscht haben, doch Meyer und Stuber ersparen ihren Zuschauerinnen und Zuschauern nichts. So wirkt denn das in die Sprachlosigkeit platzende „Summertime“-Lied ausgesprochen zynisch. Der nachdenkliche Epilog verwischt die Grenzen zwischen dem fertig wirkenden, lakonischen und direkten Gesetzeshüter Koitzsch und verurteilten Straftätern, wenn Koitzsch hinter Gefängnismauern mit einem Knacki wieder zur Flasche greift.

Die in einem modernen, zeitgemäßen Post-Neo-noir-Stil gehaltene Episode mit ihren verlangsamten Bildern, den Unschärfen, der sehr getragenen musikalischen Untermalung und den Kinderstimmen als Geräuschkulisse, diese fatalistische Abhandlung über Vorverurteilung, Selbstjustiz und Einsamkeit, ist ein Film wie ein Onkelz-Song (das Getragene, der negative Blick auf die Gesellschaft, die Kinderschänder-/mörder-Thematik, der Alkohol…); ein hervorragend gemachter Downer, nach dem man sich am liebsten die Decke über den Kopf zieht und sich eng an den/die Liebste(n) kuschelt – oder an seinen Lieblingsteddy…

Ein wie schon sein Vorgänger „An der Saale hellem Strande“ herausragender Beitrag zur „Polizeiruf 110“-Reihe, in dem lediglich die Zeit für ein ausführlicheres Täterporträt zu knapp bemessen scheint. 8,5 von 10 Jack-London-Zitaten dafür.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
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