bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

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Moderator: jogiwan

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buxtebrawler
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

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Bumblebee

„Die Russen werden uns sowieso alle in die Luft jagen...“

Nach fünf Michael-Bay-„Transformers“-Kinofilmen probierte man innerhalb des Franchise einmal etwas anderes aus, ritt auf dem ‘80er-Retro-Trend mit und beauftragte Regisseur Travis Knight mit seiner nach „Kubo – Der tapfere Samurai“ erst zweiten Regiearbeit, der Inszenierung des Prequel-/Spin-off-Drehbuchs Christina Hodsons („Birds of Prey: The Emancipation of Harley Quinn“). Das in US-amerikanisch-chinesischer Koproduktion entstandene, im Jahre 2018 als „Bumblebee“ in die Kinos gelangte Ergebnis ist eine Jugend-/Familien-Science-Fiction-Action-Fantasy-Komödie mit starken Abenteuer- und Coming-of-age-Anleihen.

„Keine Rebellion ist wirklich tot, bis ihr Anführer bezwungen ist!“

Auf dem Planeten Cybertron tobt eine Schlacht zwischen den Autobots und den Decepticons, den die Autobots um Anführer Optimus Prime zu verlieren drohen. So wird Autobot B-127 zur Erde entsandt, um dort eine Basis zu errichten. Auf der Erde des Jahres 1987 kracht B-127 in eine Militärübung in Kalifornien und wird daraufhin von Agent Jack Burns (John Cena, „Der Sex-Pakt“) verfolgt. Zu allem Überfluss begegnet er auch dem Decepticon Blitzwing, der B-127 gefolgt ist. Es kommt zu einem Kampf zwischen allen drei Parteien, aus dem B-127 siegreich, aber beschädigt hervorgeht. Mit defektem Sprach- und Speichermodul verwandelt er sich in einen gelben VW Käfer und landet auf einem Schrottplatz. Dort findet ihn die 18-jährige Halbwaise und Hobbyschrauberin Charlie Watson (Hailee Steinfeld, „True Grit“), die seit dem Tod ihres Vaters mit ihrer Mutter (Pamela Adlon, „Californication“), ihrem Bruder Otis (Jason Drucker, „Gregs Tagebuch – Böse Falle!“) und Stiefvater Ron (Stephen Schneider, „Lucifer“) zusammenlebt. Auf der Suche nach Ersatzteilen für die Corvette ihres Vaters entdeckt sie den VW Käfer, den der Schottplatzbetreiber Hank (Len Cariou, „Das geheime Fenster“) ihr zum Geburtstag schenkt. Durchs Anlassen des Wagens werden die Decepticons Shatter und Dropkick auf B-127 aufmerksam, während Charlie sich erst über Wandlungsfähigkeit und Eigenleben des „Käfers“ wundert, sich aber rasch mit ihm anfreundet und ihn Bumblebee tauft…

„Bist du Metal-Fan?“

Knights Film beginnt zunächst mit einem als reine Animationssequenz umgesetzten Transformers-Kampf, bevor es auf die Erde ins Jahr 1987 geht. Das dürfte auch das Jahr gewesen sein, in dem ich als Kind erstmals auf die ziemlich coole Transformers-Spielzeugreihe aufmerksam wurde, zwischen „Masters of the Universe“, „Advanced Dungeons & Dragons“ und „Super Powers“. Zwei der Actionfiguren nenne ich bis heute mein Eigen, den Status beispielsweise der „Masters of the Universe“ erlangten die Transformers bei mir jedoch nie. Das hatte mutmaßlich damit zu tun, dass ich mangels Kabelfernsehens die damals auf RTL ausgestrahlte Zeichentrickserie nie sah und auch nie einen Transformers-Comic in die Hände bekam, ich also keinen so starken Bezug zur Reihe aufbauen konnte. Als ab 2007 die Real-/CGI-Verfilmungen in die Kinos kamen, interessierte mich das nicht sonderlich, da computergenerierter Blockbuster-Actionbombast nicht zu meinen bevorzugten Genres zählt und ich seelenlose Materialschlachten befürchtete. Bis heute habe ich keinen dieser Filme gesehen.

„Die Eingeborenen sind sogar noch primitiver als ich dachte!“

Dass „Bumblebee“ seelenlos wäre, kann man ihm nicht vorwerfen, so viel vorweg. Die Militärübung, in die B-127 alias Bumblebee gerät, hat etwas von einem Gotcha-Spiel (und ist mit einer Anspielung auf den Grenada-Krieg gespickt). Bumblebees Point-of-view-Perspektiven sehen wie ein Computerbildschirm mit Waben aus (und gemahnen grob an „Terminator“, was jedoch bewusst in die Irre führt). Der Auftakt ist actionreich, doch im Anschluss wird mit Charlie die jugendliche Heldin eingeführt, einen The-Smiths-Song auf ihrem Walkman hörend. Sie arbeitet in einer Fressbude im Vergnügungspark und trägt abwechselnd Shirts von Motörhead, The Damned, The Rolling Stones und The Smiths. Passend dazu dominieren ‘80er-Pop- und Rock-Hits den Soundtrack. Als der Käfer sich erstmals in Bumblebee zurückverwandelt, wirkt dieser mit seiner scheuen Reaktion auf seine neue Besitzerin überaus menschlich. Generell kommen einem „E.T.“, „Das Wunder in der 8. Straße“, vor allem aber „Nummer fünf lebt!“ in den Sinn, nicht zuletzt aber auch die noch älteren Herbie- und Dudu-Filme, die ebenfalls mit einem VW Käfer als Sympathieträger wuchern.

„Schon blöd, den ganzen Tag in 'nem VW zu hocken...“

Ein großer Unterschied ist indes, dass parallel zu den Ereignissen auf der Erde immer mal wieder Szenen vom Planeten Cybertron zwischengeschoben werden und die bösen Decepticons ebenfalls auf die Erde kommen, wo sie unmittelbar Tod und Zerstörung bringen und sogar die Polizei für ihre Zwecke instrumentalisieren. Charlie übt mit Bumblebee, der sich VHS-Kassetten ansieht, Verhalten in Notsituationen, repariert sein Autoradio und legt ihre Kassetten ein. „Bumblebee“ vermittelt sentimentale Emotionen in Bezug auf Charlies Vater sowie Freiheitsgefühl während einer Spritztour zusammen mit Charlies Nachbar Memo (Jorge Lendeborg Jr., „Spider-Man: Homecoming“) und lässt Charlie Coming-of-age-typisch eine Entwicklung durchmachen, in der sie nicht nur über sich hinauswächst, sondern auch ihre Trauer bewältigt, ihre verschüttgegangene Leidenschaft fürs Turmspringen wiederentdeckt und ihr Herz für andere zu öffnen beginnt.

„Dieses Auto ist einfach nur peinlich!“

Eine Verfolgungsjagd zwischen Polizeiauto und Bumblebee in Käferform ist überaus ansehnlich geraten, Menschen zersplattern hier zu Wasser, und für nicht zu knapp Slapstick sorgt Bumblebee, wenn er versehentlich Charlies elterliche Wohnung verwüstet. Aufgrund des Defekts seines Sprachzentrums kommuniziert Bumblebee mitunter per Songausschnitten mit Charlie, was ein netter Kniff ist. Schön auch die für die deutschsprachige Fassung übersetzte Bildschirmausgabe auf Bumblebees Display, was Erinnerungen an Zeiten weckt, in denen deutsche Inserts mehr oder weniger Standard waren. Ohne einen epischen Kampf im Finale macht’s indes auch dieser Film nicht, an Spielberg gemahnenden Kitsch und Pathos inklusive, und das Ende fällt unschön prüde aus. Wer den Epilog nicht verpassen will, sollte trotzdem dranbleiben.

„Die dunkelsten Nächte bringen die hellsten Sterne hervor.“

Von einem wirklichen Meisterwerk ist „Bumblebee“ noch einige Highway-Meilen entfernt. Er transferiert seine CGI-Action nach 1987 und wirkt ein bisschen, als habe man schlicht die ‘80er durch eine KI gejagt und das daraus entstandene Konzept von Cyborgs umsetzen lassen. Dennoch entsteht dadurch ein reizvoller Kontrast und sorgt bedingt durch die Nähe zu dem, was man populärkulturell in der westlichen Hemisphäre für gewöhnlich mit den 1980ern in Verbindung bringt, für einen nicht von der Hand zu weisenden Wohlfühleffekt. Ja, hier ist viel Essenz dessen drin, was die ‘80er und ihr Jugendkino ausmachten, und damit meine ich weniger die Anspielungen auf Alf, den Kalten Krieg, Pong, Miami Vice und die noch nicht eingeführte Helmpflicht für Mofafahrerinnen und -fahrer als vielmehr die Vermittlung von Mut, Zuversicht und Empowerment im Coming-of-age-Abenteuer-Stil – hier nur eben einmal nicht mit Kids on bikes, sondern einer gerade volljährig Gewordenen in einem Transformer-Käfer. Und das ist sie, die eingangs erwähnte Seele, das Herz des Films, der relativ anspruchslose, nichtsdestotrotz sympathische Unterhaltung bietet und dem es gelingen sollte, sowohl eine ‘80er-affine Zuschauerschaft der Generation X als auch das zeitgenössische junge Publikum für sich zu gewinnen.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
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Blap
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

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Die Hummel liegt auf Halde. Muss mich endlich weiter durch das Franchise arbeiten. Teil 1 & 2 mag ich. Danach fehlt Megan Fox, daher blieb der spätere Stoff noch unberührt.
Das Blap™ behandelt Filme wie Frauen
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buxtebrawler
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

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Der Sommer nach dem Abitur

„Madness forever!“

Komödiant Bastian Pastewka tritt immer mal wieder als Hauptdarsteller von Spielfilmen in Erscheinung, so beispielsweise im von Marc Terjung geschriebenen „Mutter muss weg“ aus dem Jahre 2012. Terjung schrieb auch „Der Sommer nach dem Abitur“, in dem Pastewka Teil eines Hauptrollen-Trios ist. Die von Eoin Moore (Rostocker „Polizeiruf 110“) inszenierte TV-Roadmovie-Dramödie feierte ihr Debüt am 4. Juli 2019 auf dem Internationalen Film Festival München, die Fernseherstausstrahlung folgte am 28. Februar 2020 auf Arte.

„Weißt du, wie lange ich keinen Sex mehr hatte?!“

Paul (Hans Löw, „Toni Erdmann“), Alexander (Bastian Pastewka, „Pastewka“) und Ole (Fabian Busch, „Er ist wieder da“) waren in ihrer Schulzeit große Fans der britischen Two-tone-Ska-Band Madness, verpassten aber leider deren damaliges Reunion-Konzert. Als sie erfahren, dass Madness auf dem fränkischen „Family. For. Fun.“-Festival auftreten, reanimieren sie ihre alte Freundschaft und planen ein gemeinsames Camping-Wochenende mit Festivalbesuch. Paul erwirbt dafür eigens einen 1er-Golf, wie ihn Alex einst fuhr. Doch mit dem Beginn der Reise beginnen auch die Probleme: Dass Alexanders versehentlich auf dem Parkplatz stehengelassener Koffer mit seinen Medikamenten in die Luft gesprengt wird, ist nur eines. Schwerer wiegt, dass alte Geschichten und Konflikte wieder hochkochen und sich Lebenslügen offenbaren…

„Wie ist das eigentlich, wenn man so alt ist?“

Dass ein deutscher Fernsehfilm der britischen Musiklegende Madness huldigt, ist schon Grund genug, sich ihn anzusehen. Eingebettet in ein humoriges Drama um drei verdammt „erwachsen“ gewordene alte Schulfreunde, denen ihr Alter nicht unbedingt zum Vorteil gereicht, entspinnt sich ein mit Madness-Hits gespicktes Roadmovie der deutschen Prä-Covid-19-Gegenwart. Alex ist ein Lobbyist und ziemlicher Spießer geworden, der eine Medikamentenabhängigkeit entwickelt hat, Ole verdingt sich als nicht sonderlich erfolgreicher Autor von Ratgeber-Büchern und Paul entpuppt sich als kriminelles Charakterschwein. Auf ihrer Reise treffen sie auf verschiedene gealterte Vertreter unterschiedlicher Subkulturen, unter anderem Hardrocker (die sich als Zahnärzte und Steuerberater herausstellen) und einen Robert-Smith-Verschnitt, außerdem auf Charly Hübner als schmierigen Supermarktleiter und Anneke Kim Sarnau als Apothekerin – aufs Rostocker „Polizeiruf 110“-Ensemble also und somit für Regisseur Moore vertraute Gesichter.

„Wir waren Freunde, das hat mit Mögen nicht so viel zu tun!“

Es kommt zu sinnlosen, provinziell und alles andere als alterskonform anmutenden Musik- bzw. vielmehr Image-Diskussionen à la AC/DC versus Madness; Zeitkolorit findet sich, wenn erwähnt wird, dass Erstgenannte gerade mit Axl Rose unterwegs sind. Und auf dem Campingplatz läuft plötzlich Heino, ironisch gehört von Jugendlichen – was zum Anlass für einen großartigen Dialog wird. In Ermangelung seiner Medikamente beginnt Alex zu kiffen und zu philosophieren, veranschaulichend gefilmt mit wankender Kamera. Dass das Trio zwei Mädels – Kellnerin Babette (Alessija Lause, „Heiter bis tödlich – Koslowski & Haferkamp“) und Sängerin Stephanie (Pegah Ferydoni, „Türkisch für Anfänger“) – und somit Love oder zumindest Sex Interests kennenlernt, verkompliziert naturgemäß alles und führt zu Missmut untereinander. Ein spontaner Umweg über Schweinfurt wird angetreten, da Paul seinen unehelichen Sohn kennenlernen will, dessen Mutter er einst sitzenließ. Ein Verkehrsunfall gerät zum weiteren Baustein eines katastrophalen Ausgangs des gar nicht mehr so nostalgischen Spaßtrips.

„So was kann man einfach nicht wiederholen!“

Um dies dem eine Komödie erwartenden Publikum nicht einfach vor den Latz zu knallen, folgen zumindest noch eine alles etwas abfedernde, Perspektiven aufzeigende Wendung und ein halboffenes Ende. Und tatsächlich funktioniert der komödiantische Teil mit seiner Situationskomik und eher subtilem Humor inklusive vieler Überraschungen recht gut, wenngleich man keinen Pastewka erwarten darf, wie man ihn aus seiner Serie und seinen Shows kennt. Er ordnet sich hier Drehbuch und Inszenierung unter. Schön auch, wie das Trio in einem ausgelassenen Moment „One Step Beyond“ im Auto choreographiert und das Phänomen Madness in Dialogform erläutert wird – wer Madness bisher eventuell gar nicht kannte, dürfte nach diesem Film eine Vorstellung davon haben, worum es geht. Die unnötig despektierlichen Äußerungen über Whitney Houston hätte man sich hingegen kneifen können.

„Der Sommer nach dem Abitur“ erzählt auf ansprechende und vergnügliche Weise davon, wie schlecht sich Jugend konservieren lässt und wie unwirtlich das Erwachsenenleben sein kann – was umso bitterer wirkt, wenn dieses selbstgemacht ist. Ein gewagter, mit der Wohlfühlfilm-Publikumserwartung brechender Spagat zwischen Komödie und Drama also, der aller karikierenden und dramaturgischen Übertreibung zum Trotz viel Wahres enthält, aus dem man aber sicher auch noch mehr hätte herausholen können: Zuweilen wirkt der Film dann eben doch auch wie eine etwas schaumgebremste TV-Produktion.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
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Lolita

„Sie sterben auf alle Fälle!“

Als Ausnahmeregisseur Stanley Kubrick („Wege zum Ruhm“) Vladimir Nabokovs Pädophilendrama „Lolita“ zu verfilmen beschloss, mutete er sich nicht nur eine Mammutaufgabe zu, sondern musste auch auf die damalige Zensur Rücksicht nehmen. Erschwerend hinzu kam, dass er mit dem von Nabokov persönlich verfassten Drehbuch nichts anfangen konnte, weshalb er ein eigenes verfasste. Das in britisch-US-amerikanisch koproduzierte Ergebnis, das im Jahre 1962 in die Kinos kam, war ein 154 Minuten langes Schwarzweiß-Drama, das mit Nabokovs Skandalroman nicht mehr viel zu tun hatte.

„Ein kleines Mädchen, das so einen netten Namen hat. Er klang so lyrisch, so poetisch...“ – „Lolita!“

Der 37-jährige Literaturprofessor Humbert Humbert (James Mason, „Der unsichtbare Dritte“) lernt die Witwe Charlotte Haze (Shelley Winters, „Die Nacht des Jägers“) in New Hampshire kennen – und deren Tochter, die 14-jährige, frühreife Dolores (Sue Lyon, „Die Nacht des Leguan“). Er verliebt sich in Dolores und nennt sie fortan Lolita. Um in Dolores‘ Nähe sein zu können, heiratet er ihre Mutter. Als diese ahnt, worum es ihrem Mann wirklich geht, entsendet sie ihre Tochter in ein Camp, kommt kurz darauf aber bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Humbert holt Dolores aus dem Camp zurück und reist mit ihr durch die USA, wobei er sich als ihr Vater ausgibt. Tatsächlich entwickelt sich eine Affäre zwischen Dolores und Humbert, doch ein Mann namens Clare Quilty (Peter Sellers, „Ladykillers“) verfolgt die beiden…

„Lolita – die Koseform von Dolores. Tränen und Rosen.“

Aus dem Päderasten – also jemandem, der auf Kinder steht und seine Triebe in die Tat umsetzt – der Literaturvorlage wird unter Kubrick ein Parthenophiler, also jemand, der auf heranwachsende Mädchen, im Prinzip also Jugendliche steht, die bereits geschlechtsreif sind. Das ist nicht schön, aber dann doch noch einmal etwas anderes als Pädophilie. Statt zwölf ist Dolores dementsprechend hier 14 Jahre jung, sie wird auch nicht von Humbert vergewaltigt, und Humbert ist im Film bisher offenbar auch noch nicht durch psychische Probleme aufgefallen oder hätte gar Aufenthalte in der Klapsmühle hinter sich.

Humbert erschießt bereits im Prolog den betrunkenen Quilty, bevor die eigentliche Handlung, wie es so weit kommen konnte und wer diese Männer überhaupt sind, in Form einer vier Jahre zuvor einsetzenden Rückblende mit Humbert als aus seinem Tagebuch zitierendem Off-Erzähler gestaltet wird. Dies gibt der Figur Humbert die Möglichkeit, seine Gedankengänge ausführlich darzulegen, wovon Kubrick wiederholt Gebrauch macht. Humbert missbraucht und objektifiziert Dolores nicht, sondern verliebt sich in sie bzw. in seine Vorstellung von ihr – und lässt sich von ihr an der Nase herumführen und ausnutzen, bis es zur Katastrophe kommt.

Kubricks „Lolita“ geht auf Nummer sicher und verzichtet (bis auf etwas Fußfetischismus) komplett auf erotisch konnotierte oder gar Sexszenen, schickt Humbert stattdessen mit Dolores ins Autokino, wo sie sich einen Frankenstein-Film mit Peter Cushing ansehen. Alles in allem ist die Handlung dieses überlangen Films dialogreich, dabei leider ereignisarm und arg gedehnt. Man beobachtet Humbert bei seinem Verfall in eine Art Wahnsinn, dem er, wie es bei unglücklich Verliebten vorkommt, kaum noch Ratio entgegenzusetzen hat. Er zerbricht nicht nur an seinen Gefühlen, sondern an einer kalten, egoistischen, nur auf den eigenen Vorteil bedachten Welt, die auch längst von Dolores Besitz ergriffen hat. „Lolita“ wird unter Kubrick zu einem persönlichen Drama mit einer 14-jährigen Göre als Femme fatale, was gegenüber dem Roman also offenbar so etwas wie eine Täter-Opfer-Umkehr bedeutet, wenn man es so nennen will, jedoch ohne faden Beigeschmack oder sexploitative Tendenzen.

Aber auch ohne Moralismus, was dem Film zugutekommt. Er ist nicht schlecht, unter bildästhetischen und schauspielerischen (Sue Lyon debütierte) Gesichtspunkten in jedem Falle sehenswert, aber er ist auch keines der Meisterwerke Kubricks. Zwiespältig ist zudem der Einfluss zu betrachten, den der Film (vielleicht sogar eher dessen Vermarktung) auf Populärkultur und den Erotikmarkt ausübte, wo nun überall „Lolitas“ in sexualisierten Posen zu sehen waren und Parthenophilie zum guten Ton zu zählen schien. Dafür kann Kubrick vermutlich wenig, zum Zerrbild der ursprünglichen Lolita dürfte er mit seinem Film aber beigetragen haben.
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Der Mann mit der eisernen Maske

„Jeder, dem zwei Söhne geboren werden, würde Gott dafür danken. Nur für mich, den König, bedeutet es Unglück.“

Für die erste Tonverfilmung des Romans „Der Mann mit der eisernen Maske“ des Schriftstellers Alexandre Dumas zeichnet niemand Geringerer als „Frankenstein“-Regisseur James Whale verantwortlich. Das in Schwarzweiß gedrehte Mantel-und-Degen-Abenteuerdrama erschien im Jahre 1939.

„Die Zukunft Frankreichs steht auf dem Spiel!“

Der französische König Ludwig XIII. (Albert Dekker, „Dr. Zyklop“) wird im Jahre 1683 Vater von Zwillingen (Louis Hayward, „Das letzte Wochenende“). Um Konflikte bei der Wahl seines Thronfolgers zu umgehen, hält er einen seiner Nachkommen der Öffentlichkeit gegenüber geheim. So gilt Ludwig als offiziell einziger Sohn, während man Philippe dem Musketier D’Artagnan (Warren William, „Der Wolfsmensch“) anvertraut. Als Philippe als junger Mann nach Paris zurückkehrt, bekommt es sein mittlerweile zum König gekrönter Bruder Ludwig XIV. mit der Angst zu tun und lässt Philippe einkerkern, inklusive dessen Gesicht verdeckender schmiedeeiserner Maske…

„Der Staat hier, der bin ich alleine!“

Mantel-und-Degenfilme assoziiere ich in erster Linie mit Männern in tuntiger Montur; das Morbide, das der Geschichte um den Mann mit der eisernen Maske innewohnt, und der Umstand, dass James Whale diese inszenierte, ließ mich jedoch neugierig auf dieses barocke Kostümabenteuer werden, in das eine kurze Texttafel einführt. Dass der Arzt (Wyndham Standing, „Dracula“) und die Hebamme (Dorothy Vaughn, „Nach dem dünnen Mann“) getötet werden, weil sie zu viel wissen, wird lediglich angedeutet und nicht gezeigt, und schon bald folgt ein durch eine weitere Texttafel eingeführter Zeitsprung. Thronfolger Ludwig XIV. ist ein eitles Ekel geworden, das sich an Hinrichtungen erfreut. Der königliche Berater Nicolas Fouquet (Joseph Schildkraut, „Rendezvous nach Ladenschluss“) intrigiert aus politischen Gründen gegen D’Artagnan und Philippe, Kurzum: Ein einziger monarcher Sauhaufen – doch bis zur französischen Revolution werden leider noch ein paar Jahre ins Land ziehen.

„Vertraut nie einem König!“

Damit das Filmpublikum die Übersicht wahrt, informieren weitere, übrigens hübsch wie alte Buchseiten gestaltete Texttafeln über jeden Ortswechsel. Als Philippe während der Feier seines 22. Geburtstags verhaftet werden soll, entbrennt ein flott inszenierter Degenkampf, dem er letztlich unterliegt. Maria Theresia (Joan Bennett, „Gefährliche Begegnung“) kommt zu Besuch, Ludwig XIV. will sich mit ihr verloben. Sie kritisiert die Armut der Bevölkerung, die gegen die Salzsteuer zu rebellieren beginnt. Doch der König reagiert mit Folterungen. Der Beginn einer solchen Szene liegt auf meiner DVD auf Englisch mit deutschen Untertiteln vor, die mehrere Rechtschreibfehler in nur einem Satz enthalten… puh.

„Ihr sauft zu viel, ihr Brüder!“

Dies ändert indes nichts an der Kraft der Bilder, besonders ein abgemagertes Folteropfer wird eindringlich in Szene gesetzt. Endlich wird ein Attentat auf Ludwig XIV. geplant. Die Ähnlichkeit seines gefangenen Bruders mit ihm wird ihm zugetragen und Philippe zu ihm gebracht, auf den Ludwig erstaunt reagiert. Aufgrund des drohenden Attentats soll Philippe Ludwigs Rolle einnehmen. Philippe stimmt zu, weil er hofft, damit seine verhafteten Freunde retten zu können. Damit einher geht aber auch, dass er gegen die Rebellen fechten muss, womit der Film seine nächste Actionszene bekommt. Dennoch gelingt ein konstruktiver Dialog mit den Rebellen, die daraufhin wieder zu ihm, dem vermeintlichen König, stehen. Philippe übernimmt auch weitere „Jobs“, was für die arme Marie Theresia zu einem Wechselbad der Gefühle wird. Doch die Strippen im Hintergrund ziehen ohnehin andere, nicht die Brüder selbst. Ja, dieses politische Intrigenspiel um einen ehrlosen Sausack von König sagt mir zu, funktioniert unter Whales Regie als dramaturgisch effektives Narrativ.

„Ich habe Mitleid mit ihm, obwohl ich ihn hassen müsste.“

Philippe jedenfalls kann seine seine Freunde befreien, soll aber gehenkt werden. Der noch nicht völlig amoralische Berater Jean-Baptiste Colbert (Walter Kingsford, „Tödliche Strahlen“) packt daraufhin aus, was Ludwig jedoch den teuflischen Plan um die titelgebende Maske entwickeln lässt. Diese wird geschmiedet, ihren einzigen Schlüssel trägt Ludwig an seiner Halskette. Toll gemacht: Überblendeffekte symbolisieren Philippes Isolation, Verzweiflung und seine Erinnerungsfetzen. Als zynischer Euphemismus wird sein Kerker fortan als „Königreich der Majestät“ bezeichnet. Als auch gegen Colbert intrigiert wird, schalten sich D’Artagnan und seine Musketiere ein, Maria wird reiner Wein eingeschenkt, ein Befreiungsversuch gelingt, auf eine pathetische Ansprache Philippes gegenüber seinem Bruder folgt der neuerliche Identitätstausch – und die Ereignisse überschlagen sich. Ich hänge gebannt vor der Glotze, voller Verachtung für die königliche Mischpoke, doch voller Sympathie für Philippe und dessen Haudegen und freue mich, wie gut mich als Mantel-und-Degen-Skeptiker dieser Film mitsamt seiner hochdramatischen Geschichte unterhält.

Ich habe Dumas nie gelesen und daher keinen Schimmer, wie werkgetreu diese Leinwandadaption ist. Ich habe bisher auch keine andere Verfilmung gesehen und wusste vorher nur grob, worum es geht. Vermutlich aufgrund meiner Unkenntnis habe ich Whales Film als aufregend und spannend empfunden. Dass es unter Whale jedoch so wirkt, als sei Philippe nur relativ kurz eingekerkert gewesen, dürfte nicht im Sinne des Erfinders gewesen sein. Unterm Strich aber ein schöner, kämpferischer Film vor recht frei ausgelegtem historischem Hintergrund, der mit liebevollen deutschen Inserts aufwartet und in dem niemand Geringerer als der ehrenwerte Peter Cushing in einer Nebenrolle als Offizier seinen Kinoeinstand gab.
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