Was vom Tage übrigblieb ...

Euer Filmtagebuch, Kommentare zu Filmen, Reviews

Moderator: jogiwan

Benutzeravatar
Maulwurf
Beiträge: 3463
Registriert: Mo 12. Okt 2020, 18:11
Wohnort: Im finsteren Tal

Re: Was vom Tage übrigblieb ...

Beitrag von Maulwurf »

The Broadcast Incident – Die Verschwörung (Jacob Gentry, 2021) 5/10

Bild

Chicago 1999: James verdient seine Brötchen damit, in einem Videoarchiv alte Sendungen zu digitalisieren. Im Zuge dieser Arbeit findet er eine Fernsehsendung aus dem Jahr 1987, die durch ein fremdes Signal gehackt wurde: Mitten in einer dümmlichen Sitcom tauchen plötzlich maskierte Gestalten auf, die seltsame Geräusche von sich geben und irgendwie … grauenhaft wirken. Eindringlinge. Die nichts Gutes wollen. Nach ein paar Sekunden geht die ursprüngliche Sendung weiter, aber der Schock bleibt. James findet heraus, dass eine Woche später, also 7 Tage nach dem ersten Hack, ein zweiter Angriff erfolgte. Das FBI schaltete sich ein, die Bänder der Ausstrahlungen wurden konfisziert, und wer immer sich nach diesen Hacks erkundigte sofort überwacht wurde. Mindestens.
James kann ermitteln, dass immer einen Tag vor der Ausstrahlung des Signals ein Mädchen verschwand. Und dass es eine dritte Ausstrahlung gab, am 23. November 1996. Einen Tag, nachdem seine Frau spurlos verschwand …

Menschen tauchen in James‘ Leben auf. Da ist dieser wilde Typ, der nach eigener Aussage seit Jahren Beweise für die dritte Ausstrahlung dafür sucht, und der darüber scheinbar seinen Verstand, auf jeden Fall aber mal seine gesicherte Existenz verloren hat. Dann der Professor, der offensichtlich mehr weiß über die letzte Ausstrahlung als er zugibt. Und natürlich das Mädchen Alice, die James zuerst verfolgt, sich dann mit ihm besäuft, sein Vertrauen gewinnt, und ihn dann irgendwann einfach sitzen lässt. Oder der unfreundliche Typ, der James und Alice den entscheidenden Hinweis gibt auf den Mann im Hintergrund. Allerdings erst, nachdem er angerufen wurde, und dann schlagartig sehr freundlich und hilfsbereit war.

Alles merkwürdige Gestalten. Jeder hat ganz offensichtlich was zu verbergen, und jeder scheint Dinge zu wissen, die James unbedingt erfahren möchte. Woher hat der Typ im Antiquitätenladen die Akte von James? Und woher weiß er so viel? Eine Verschwörung, so scheint es, ist im Gange, und James befindet sich mitten im Auge dieses Wirbelsturms, zusammen mit dem Zuschauer. Und Alice? Doch dann, urplötzlich, macht es plopp, und alle diese interessanten und mysteriösen Personen verschwinden aus der Handlung. Einfach so. Als ob eine Flasche Bleichmittel über das Drehbuch gelaufen und die letzten 40 Seiten gelöscht hätte. Aus. Vorbei. Film zu Ende, mitten in der Handlung. Mitten im Geschehen.

Hat das Geld gefehlt? Sind die Ideen ausgegangen? Wurden die Macher des Films vom FBI verhaftet, bevor der Film dreimal gezeigt werden kann?? Ich werde es wahrscheinlich nie erfahren, aber es ist einfach unwahrscheinlich schade, dass ein spannender und dichter Thriller, der gekonnt mit Heringen aller Farben, mit Verschwörungen, unwahrscheinlichen Querverbindungen und sinisteren Zusammenhängen den ersten Akte X-Staffeln locker Konkurrenz hätte machen können, dass dieser Thriller einfach mittendrin abbricht, und die Zuschauer mit einem Leck mich-Gefühl in die Nacht entlässt. Meine Frau hat dazu gesagt: Es muss ja nicht immer ein gutes Ende haben, aber wenigstens eine halbwegs plausible Erklärung. Dem möchte ich mich in diesem Falle anschließen. Offene Enden können im Normalfall sehr wohl ihren Reiz haben, und sind, cineastisch gesehen, oft der reizvollere Schluss. Aber so offen wie hier, das riecht geradezu nach einer Verschwörung. Das stinkt …

Eigentlich möchte ich THE BROADCAST INCIDENT gerne gut bewerten., Ich mag diese Nähe zu BLOW OUT – DER TOD LÖSCHT ALLE SPUREN, ich mag die hübsche Reminiszenz an BLOW UP, und überhaupt hätte der Film das Zeug gehabt, in einer Reihe mit den großen Verschwörungsthrillern der Filmgeschichte wie ZEUGE EINER VERSCHWÖRUNG genannt zu werden. Wenn er nicht ein gar so unbefriedigendes Ende hätte. So aber bleiben nach der Sichtung doch ein gar zu großes Fragezeichen und vor allem ein Loch zurück, dass einen schnell zu den bewährten und bereits genannten Klassikern greifen lässt, und diesen hier genauso schnell in den Mülleimer versenken lässt. Schade um die guten Ideen, und die größtenteils gute Umsetzung …
Was ist die Hölle? Ein Augenblick, in dem man hätte aufpassen sollen, aber es nicht getan hat. Das ist die Hölle ...
Jack Grimaldi
Benutzeravatar
Maulwurf
Beiträge: 3463
Registriert: Mo 12. Okt 2020, 18:11
Wohnort: Im finsteren Tal

Re: Was vom Tage übrigblieb ...

Beitrag von Maulwurf »

The almost perfect crime (Mario Camerini, 1966) 6/10

Irgendwo in den Tiefen des Internets begraben.jpg
Irgendwo in den Tiefen des Internets begraben.jpg (7.4 KiB) 600 mal betrachtet

Die gesehene Kopie hatte so ziemlich alles an Bord, was einem das Filmleben richtig schwer macht: Falsches Bildformat. Englische Sprache ohne unterstützende Untertitel. Einiges an Rissen im Master, und zwar in erster Linie an denjenigen Stellen, in denen in rasendem Tempo und schier unverständlicher Sprache die Handlung bzw. die Hintergründe erklärt werden. Eine englische Synchro, die regelmäßig bis zu 10 Sekunden vor oder nach den Lippenbewegungen einsetzt. Eine englisch. Eine englisch. Eine. Jetzt passt es wieder. Und das Timing war auch noch unglücklich, weil ich den Film nach einer sehr harten Arbeitswoche meinte sehen zu müssen, und tatsächlich drei Anläufe benötigt habe um den komplett durchzustehen.

Von daher dürfte die Inhaltsangabe wahrscheinlich schon mal nicht ganz richtig sein: Dem Journalisten Paolo Respighi (Philippe Leroy) wird am Flughafen von ein paar Nonnen ein weiblicher Schützling namens Annie Robson (Pamela Tiffin) übergeben. Er, Paolo, möchte Annie doch bitte sicher nach Rom begleiten und darauf achten, dass sie nicht in schlechte Gesellschaft gerät. Annie ist zuckersüß und sehr charmant, und Paolo verknallt sich natürlich postwendend. Er erfährt von ihr, dass sie in ein paar Tagen nach Beirut gebracht werden soll, wo sie von ihrem Onkel, einem berühmten Numismatiker (Bernard Blier), eine Erbschaft von 10 Millionen Dollar übergeben bekommt. Als Paolo der schnuckeligen Annie beim Abschied in Rom ein wenig länger hinterherschaut sieht er, dass das Paar, von dem Annie abgeholt wird, nicht ganz koscher zu sein scheint. Paolo bekommt heraus wohin Annie gebracht wurde und dringt in das Gebäude ein: Annie ist gefesselt und geknebelt an einem Stuhl gefesselt, und zwei Gangstertypen (Luciano Pigozzi und Fernando Sancho) wollen ihm ans Leder. Bei dem Kampf kann er beide Gangster erschießen, Annie befreien und mit ihr abhauen. Parallel dazu taucht Colonel Robson, also Annies Onkel, am Flughafen auf und trifft dort – Annie, die mit einiger Verspätung angekommen ist. Alle zusammen treffen sich auf dem Schiff nach Beirut, wo Paolo natürlich ganz klar ist, dass Annie 2, also die in Begleitung von Robson, die falsche Annie sein muss. Und seine Annie die richtige. Annie 2 wiederum verliebt sich unsterblich in den gutaussehenden Reporter und versucht ihm näher zu kommen …

Das heißt letzten Endes haben wir hier zwei Gangsterbanden, die beide versuchen über eine der beiden Annies an die 10 Millionen ranzukommen. Die einen versuchen die falsche Annie im richtigen Moment bei Robson zu platzieren, die anderen versuchen die richtige Annie am Leben zu lassen und dann nach der Übergabe des Erbes zu beseitigen. Oder so ähnlich. Auf jeden Fall ist das alles ein ziemliches Durcheinander, es wird viel geredet, sehr viel grimassiert, und vor allem Philippe Leroy zeigt was er als Schauspieler alles drauf hatte. Bis hin zum Slapstick im Kugelhagel des Showdowns. Tatsächlich ist DELITTO QUASI PERFETTO dabei aber keine reine Komödie, und schon gar keine Verwechslungsklamotte, sondern ein lupenreiner Krimi mit komödiantischen Untertönen. Zumindest in der englischen Synchro, was der italienische Originalton für eine Richtung hatte, das wissen nur die Götter der misslungenen Synchronisationen …

Aber durch diese ernsthafte Grundstimmung bekommt der Film zum Schluss hin tatsächlich noch rechtzeitig die Kurve, nämlich bei der Ankunft in Beirut, wenn sich die Ereignisse überschlagen, weil beide Gangsterbanden am Rad drehen und versuchen, missliebige Zeugen zu beseitigen. Wobei natürlich der etwas unbedarfte und an Selbstüberschätzung leidende Paolo an erster Stelle des Zeugenbeseitigungsprogramms steht. Und da tauchen dann so Fragen auf wie: Wann erkennt Paolo den Unterschied zwischen Annie 1 und Annie 2? Verliebt sich Annie 1 am Ende sogar in Paolo und wird versuchen, ihn zu beschützen? Ist Colonel Robson tatsächlich nur der unnahbare Onkel, oder steckt da ein abgrundtiefer Charakter dahinter?

Und das alles in einer turbulenten und dabei doch einigermaßen spannenden Handlung … Ganz ehrlich, schlecht ist DELITTO QUASI PERFETTO nicht. Und wenn ich den jemals in Deutsch oder wenigstens mit Untertiteln zu sehen bekäme, dann wäre er sicher mindestens gut, wenn nicht sogar mehr. So aber scheitert das alles an einer unverständlichen Sprache und einer nicht wirklich verständlichen Handlung. Beim nächsten Mal also vielleicht mit einem Babelfisch im Ohr …
Was ist die Hölle? Ein Augenblick, in dem man hätte aufpassen sollen, aber es nicht getan hat. Das ist die Hölle ...
Jack Grimaldi
Benutzeravatar
Maulwurf
Beiträge: 3463
Registriert: Mo 12. Okt 2020, 18:11
Wohnort: Im finsteren Tal

Re: Was vom Tage übrigblieb ...

Beitrag von Maulwurf »

Leise töten die Spione (Mario Caiano, 1966) 6/10

Bild

Was für ein unglaublich merkwürdiges und surreales kleines Stückchen Zelluloid! Hier passt nichts, aber auch wirklich gar nichts zusammen, und trotzdem ergeben viele kleine Merkwürdigkeiten am Ende ein großes zusammengehöriges Nicht-Universum. Eine Geschichte die gar nicht existiert. Einen Film der weder Storyline, noch Schauwerte, noch irgendeine Art von Faszination hat, und trotzdem unterhält …

Geheimagent Michael Drum soll die Ermordung mehrerer Wissenschaftler untersuchen. Alle eint dabei, dass sie nicht, wie sonst in Euro-Spys üblich, geheime Waffen, Raketentreibstoffe oder superdünne und megagleitfähige Kondome erfunden haben, sondern Dinge die für die Menschheit nützlich sind. Einen Dünger beispielsweise, der aus verdorrtem Boden Getreide wachsen lässt. Michael Drum soll nun den Krebsforscher Dr. Freeman vor einem Anschlag schützen, und wird dafür nach Beirut geschickt, wo er auf Raschid und seine in schwarz gekleidete Begleiterin, seinen Schatten sozusagen höhö, Pamela Kohler trifft. Raschid stellt sich als die rechte Hand einer Organisation heraus, die die Weltherrschaft übernehmen will (Überraschung!). Und wie? Ganz einfach: „Ich habe eine Droge entdeckt, die den freien Willen des Menschen ausschaltet, ihn lähmt. Mit Hilfe dieser Droge könnte ich die absolute Diktatur aufrichten. Im Ernst, ich könnte damit praktisch die ganze Welt beherrschen. Ich könnte hunderte, tausende Menschen durch diese Droge beeinflussen, könnte sie zu unbedingtem Gehorsam zwingen. Die Wirkung ist einmalig, so etwas war noch nie da. Das erste Stadium sind Halluzinationen, Traumbilder, danach fällt der Mensch in eine Art Krampf. Seine Reaktionen werden mehr und mehr automatisch. Sein Wille ist gelähmt, sein Bewusstsein ausgeschaltet, er ist restlos meinem Willen unterworfen. Dem Willen des großen Raschid. Raschid, der den Erdball beherrschen wird. Und in diesem Zustand hat der Mensch seine Persönlichkeit verloren. Er hat sogar vergessen wer er ist. Er ist nur noch ein Instrument für mich, ein Werkzeug, verstehen Sie. Eine Maschine, die willenlos Befehle ausführt, wenn man nur auf den richtigen Knopf drückt.“ Ganz klar: Der Mann hat das Fernsehen erfunden …!

Ein psychedelischer Vorspann. Groovy Musik von Francesco De Masi. Eine Kamera, die in die Vorzüge der Frauen verliebt scheint, da alle Naslang eine Dame im Bikini vorbeischwebt. Oder zwei. Eine Frau die beim Sprung vom 2-Meter-Brett ermordet wird. Mit einem Messer! Ein Agent, der auf dem Flughafen von Beirut die vorletzte Ausgabe des deutschen Spiegel verlangt. Und bekommt!! Lang Jeffries kommt in Beirut an, fährt sofort zu einem verlassenen Palast irgendwo am Land, schickt das Taxi fort, kämpft um sein Leben, und findet hinterher sofort eine schöne Frau, deren Auto er konfiszieren kann. Mitsamt Frau selbstverständlich. Und der getötete Feind hat ja freundlicherweise sogar noch die Ausgabe des vorletzten Spiegel mit dem geheimen Treffpunkt im Hosenbund. Die Bösen verfolgen Michael im Taxi mit dem Auto, man landet in einem Park bei Nacht, alle steigen aus und laufen 2 Meter, um im Licht des Schweinwerfers zu stehen. Kalt sind die Nächte im Stadtpark von Beirut – Die Kämpfer haben Atemwolken vor dem Mund. Szenenwechsel: Die Getränke in Raschids Folterkeller werden von Frau Nippel serviert (die besser aussieht als die Erika in diesem Film). Michael hat ein Gegengift gegen eine unbekannte und völlig neue Droge im Schuhabsatz. Und zwar gleich drei Ampullen dieses unerhörten Wundermittels! Und er zerreißt Armbänder aus Metall als wäre er Chuck Norris. Es fällt aber niemandem auf, dass er ja gar nicht mehr gefesselt ist. Übrigens passen seine Strümpfe farblich gut zum Anzug! Man achte auf den Moment, wenn er die Schublade seiner Schuhabsätze öffnet. Die Schauspieler agieren höflich und unauffällig außer Erika Blanc, die sich sichtlich ganz weit weg wünscht und mit jedem einzelnen Blick dem Regisseur den Tod an den Hals wünscht. Oder schlimmeres. Und der abschließende Kampf im Auto ist dann urplötzlich brutal und so intensiv, als wäre er aus einem Actionfilm der heutigen Zeit. Wie BOURNE, nur ohne die hektischen Schnitte …

Ein Film, der bei Nostalgikern Tränen der Begeisterung erwecken wird ob der Stadtansichten, der schönen alten Autos und der aufregenden Frauen. Und bei allen Cineasten Schüttelkrämpfe ob dieses unglaublichen Schwachsinns. Wer aber sich nicht scheut, Filme anzuschauen die aus einem Hauch von Nichts bestehen, und dies mit wunderschönen Bildern geschickt kaschieren können, wer ein Herz hat für surrealistische Drogenfantasien und dadaistisch aneinander gehängte Darstellungen und Szenerien, der wird hier reichhaltig belohnt werden. Bloß einen in sich logisch aufgebauten und stringenten Film, den darf man natürlich nicht erwarten.
Was ist die Hölle? Ein Augenblick, in dem man hätte aufpassen sollen, aber es nicht getan hat. Das ist die Hölle ...
Jack Grimaldi
Benutzeravatar
Maulwurf
Beiträge: 3463
Registriert: Mo 12. Okt 2020, 18:11
Wohnort: Im finsteren Tal

Re: Was vom Tage übrigblieb ...

Beitrag von Maulwurf »

Zwei Freundinnen (Claude Chabrol, 1968) 6/10

Bild

Claude Chabrol. Einer der ganz großen französischen Regisseure. Sein Lieblingsthema ist es, zu zeigen, wie sich die bessere Gesellschaft selbst zerfleischt. Dafür, und für seinen galligen und hintergründigen Humor, wird er geliebt und gefeiert, und Chabrol hat so ungefähr den gleichen Status wie ein Alfred Hitchcock: Alle seine Filme sind gefälligst Meisterwerke, und die wenigen Filme die es nicht sind, sind trotzdem immer noch genial. So der Kanon, und da kommt dann so ein kleiner Maulwurf und muss halt leider konstatieren, dass er zu dumm ist für einen Film wie ZWEI FREUNDINNEN. Oder zu viele Western gesehen hat und einfach nur verdorben ist …

Die reiche Unternehmerin Frédérique kommt aus Paris wieder zurück in ihre Villa nach St. Tropez und hat ein neues Spielzeug dabei: Eine Herumtreiberin und Pflastermalerin namens Why, die sie ziemlich attraktiv findet und mit der sie gerne im Bett herumturnt. Zumindest so lange, bis Why auf einer Party den Architekten Paul kennenlernt, sich in ihn verliebt und die Nacht mit ihm verbringt. Geht ja gar nicht, dass eines ihrer Spielzeuge einen eigenen Willen hat. Frédérique verführt Paul und muss dabei die schreckliche Erfahrung machen, dass sie sich ebenfalls in den charismatischen Mann verliebt. Und er in sie. Die beiden Hofnarren Riais und Robègue fliegen aus der Villa, und fortan lebt man als Menage à Trois zusammen. Aber dies ist keine freie Liebe, trotzdem wir uns im Jahr 1968 befinden – Frédérique und Paul sind ein Liebespaar, und Why erstickt fast an ihren Emotionen. Spürt sie Hass? Eifersucht? Die nie versiegte Liebe zu Paul? Oder die immer noch wache Liebe zu Frédérique?

Schöne Bilder, toll gefilmt, die winterlich-kalte Atmosphäre eines nur im Sommer zu Leben erwachenden Badeortes, großartige Schauspieler, Stéphane Audran so atemberaubend wie selten … Aber wo ist der Funke, der das alles zum Leben erweckt? Claude Chabrol lässt sich viel Zeit seine Geschichte zu erzählen, und er baut sein Netz sehr langsam und sorgfältig auf - Das Netz aus Gefühlen und Abgründen, aus Obsessionen und vor allem aus demjenigen, was die Welt immer noch am Zweitmeisten drehen lässt: Der Liebe. Irregeleitete Liebe, fehlgeschlagene Liebe, nie versiegende Liebe … Ganz allmählich spürt der Zuschauer, wie die Figuren sich in Irrwege und Abgründe stürzen und eine Katastrophe sich anbahnt, aber dabei wird nie wirklich klar, in welche Richtung diese Katastrophe sich denn entwickeln könnte. Dreh- und Angelpunkt der Geschichte ist dabei die labil wirkende Why, die der perfekte Gegensatz zur dominierenden Frédérique ist, während Paul zum Sex taugt und zu sonst sehr wenig. Bis zum Schluss ist nicht klar, ob Why Frédérique hasst, weil diese sich in ihren eigenen Liebhaber verliebt hat. Oder ob sie Frédérique liebt, und Paul gleich mit …

Doch mir persönlich fehlt der Wahnsinn, um aus dieser Mischung aus einer herrsch- und kontrollsüchtigen Diva, einem Liebhaber schöner Frauen und einem Mädchen mit Stimmen im Kopf eine brodelnde Masse zu machen. In der unterkühlten Stimmung bleiben auch die Gefühle der Protagonisten immer unter Verschluss, und nur Why gönnt sich, ganz Kind ihrer Zeit, den Luxus von Tränen und von Berührungen, die zu völlig falschen Resultaten führen werden. Es mag gut sein, dass Chabrol die Gefühlskälte der oberen Klassen anprangern wollte, und zur Verdeutlichung seine Story in das winterliche St. Tropez verlegt hat. Dies ist nicht das St. Tropez eines Gendarms Cruchot, sondern ein kalter und unwirtlicher Ort, der in den kahlen Räumen der Villa seine Fortsetzung genauso findet wie in den Beziehungen der Figuren untereinander.

Und so künstlerisch wertvoll und abgehoben dies auch alles klingt, so stellt es sich letzten Endes dann auch dar. Niemand der mal aus sich herausgeht, und selbst der Rausschmiss der dekadenten Nervbatzen Riais und Robègue endet nicht in Geschrei und gegenseitigen Vorwürfen sondern in einer eisigen Übergabe größerer Geldmengen, Hauptsache die Clowns verschwinden endlich und Chabrol kann genüsslich die Demontage der Haute Volée vorantreiben.

Schöne Bilder, toll gefilmt, die winterlich-kalte Atmosphäre eines nur im Sommer zu Leben erwachenden Badeortes, großartige Schauspieler, Stéphane Audran so atemberaubend wie selten … Aber wo ist der Funke, der das alles zum Leben erweckt? Der Emotionen auf die Leinwand bringt? Gefühlsausbrüche, Liebe, Hass, Dramatik? Alles Dinge, die doch eigentlich das Kino ausmachen. Und die so einen Stoff erst mit Leben füllen … Nein, so ganz ist das meines nicht, trotz der überwältigend schönen Stéphane Audran. Das Lexikon des internationalen Films gibt mir durch die Blume recht wenn es den Film wie folgt beschreibt: [Ein] „Thriller, der hinter seiner vermeintlich kolportagehaften Handlung auf subtile Weise die Psychologie des reichen Bürgertums, seine Ängste und Neurosen entlarvt, sich freilich selbst nie für eine moralische Wertung entscheidet.“ Sowas kann ja nur in die Hose gehen …
Was ist die Hölle? Ein Augenblick, in dem man hätte aufpassen sollen, aber es nicht getan hat. Das ist die Hölle ...
Jack Grimaldi
Benutzeravatar
Maulwurf
Beiträge: 3463
Registriert: Mo 12. Okt 2020, 18:11
Wohnort: Im finsteren Tal

Re: Was vom Tage übrigblieb ...

Beitrag von Maulwurf »

Was geschah wirklich mit Miss Jonas? (Erwin C. Dietrich, 1974) 3/10

Bild

DER TEUFEL IN MISS JONAS ist einer der Höhepunkte in Erwin C. Dietrichs Filmschaffen, ein psychotronisch-erotisches Meisterwerk mit tollen Schauspielern und ungeheuer viel Spaß. Nun ja, Dietrich war nie dumm, und ihm war wohl auch klar, was er da für einen Reißer geschaffen hat. Also produzierte und drehte er noch im gleichen Jahr eine Art Prequel, in dem wir den Weg von Christa Free bis hin zum Star verfolgen: Dem Privatdetektiv Jim Bent werden 50.000 Franken geboten, wenn er für einen reichen alten Mann dieses unbekannte Pinup aus einer Zeitschrift auftreibt – Eben Christa Free. Die Suche führt Jim quer durch die Fotostudios, Tanzbars und vor allem WGs Zürichs, bis er Christa irgendwann findet. Die aber ist mittlerweile beim Film gelandet, hat Probeaufnahmen für DER TEUFEL IN MISS JONAS gedreht, und wird als kommender Star gehandelt.

Bin ich jetzt Justitia?“ „Pygmalion bist Du!!“ „Die ist doch so ordinär …

Doch leider entpuppt sich WAS GESCHAH WIRKLICH.. nicht als würdiger Nachfolger eines Meisterwerks, sondern als archetypischer ECD-Film, komplett mit Nonstop-Kalauern aus dem Off, nackten Frauen die nichts anderes machen als nackt da zu stehen und mit den Hüften zu wiegen, und ausgesprochen unerotischen Dekors. Der ein oder andere Kalauer ist bei der Dauerbeschallung aus dem Hintergrund durchaus vorhanden („Hauptrollen spielen sich von selber.“), und Christa Free ist sehr schön anzuschauen, wenngleich auch nicht so aufregend in Szene gesetzt wie in DER TEUFEL IN MISS JONAS. Ausgesprochen interessant sind die Szenen rund um den Film, bis hin zu der Einstellung, in welcher der Zuschauer aus Sicht des Schauspielers sieht wie Dreharbeiten so aussehen. Da Christa in diesem Augenblick komplett nackt ist (was sie in diesem Film eigentlich fast immer ist) kann sich der Zuschauer sehr gut vorstellen wie es ist, sich nackt auf einem Fell zu räkeln, während ein Haufen desinteressierter Männer einen anstarren. Spannend!

Wenn Sie weiter so Terror machen lege ich die Regie nieder!“ „Das glaube ich nicht, das haben sie mir schon zu oft versprochen.

Ein paar hübsche Aufnahmen von Zürich, viele hübsche Bilder von Christa Free, und sehr viel Leerlauf ergeben in Summe etwas, was man sich getrost sparen kann. Dann lieber den ersten Teil noch mal, der lohnt wirklich …
Was ist die Hölle? Ein Augenblick, in dem man hätte aufpassen sollen, aber es nicht getan hat. Das ist die Hölle ...
Jack Grimaldi
Benutzeravatar
Maulwurf
Beiträge: 3463
Registriert: Mo 12. Okt 2020, 18:11
Wohnort: Im finsteren Tal

Re: Was vom Tage übrigblieb ...

Beitrag von Maulwurf »

Das Rätsel der grünen Spinne (Franz Marischka, 1960) 7/10

Deutscher Krimikult.jpg
Deutscher Krimikult.jpg (24.46 KiB) 544 mal betrachtet

Die Nachtclubsängerin Maria wird in ihrer Garderobe ermordet aufgefunden, und so ziemlich jeder ist verdächtig: Die Besitzerin des Clubs Elena sowieso, weil sie Maria hasste und ihr den Erfolg neidete. Die Bedienung Yvonne, weil sie alle Sängerinnen hasst die erfolgreich sind. Das Tanzpaar Fred und Lilly, weil Fred mit Maria offensichtlich ein Verhältnis hatte, und Lilly dahinter kam. Der Amerikaner Bill, weil … Na gut, jemand der aussieht und singt wie Bill Ramsey ist nicht verdächtig, das wird auch die nicht so helle Bedienung Anita (oder so ähnlich) irgendwann feststellen. Der Sensationsreporter Peter Thorsten versucht herauszubekommen, wer hinter dem Mord steckt. Und kabbelt sich dabei automatisch mit Kommissar Bock, der natürlich das gleiche will. Bertha, die versoffene Garderobenfrau, weiß mehr, die hat wahrscheinlich den Mörder gesehen. Aber sie sagt nichts. Und Ted Wagner, der erfolgreiche Trompeter? Der mit Elena mal was hatte, aber nach dem gewaltsamen Tod von Yvonnes Mutter urplötzlich für fünf Jahre in Südamerika war? Der hat auf jeden Fall ein wasserdichtes Alibi, denn der stand während der Tatzeit auf der Bühne …

Ein Musikkrimi, so steht es im Vorspann, und dann ist auch klar was hier zu erwarten ist: Eine nicht immer ganz ausgewogene Mischung aus Schlagerdarbietung und Kriminalfilm. Das Nachtclubambiente bietet natürlich die Möglichkeit, von Schlagerstars(?) wie Detlef Engel bis Jacqueline Boyer allerlei Musik abzubilden, und das Orchester Hazy Osterwald bietet dazu den passenden und swingenden Rahmen. Eingebettet in die Musik ist dann eben diese Krimihandlung, und was überhaupt nicht selbstverständlich ist: Dieser Krimi funktioniert ausgesprochen gut. Bis auf ein paar wenige Szenen in Peters Wohnung spielt der gesamte Film im Club, die Kamera fährt genüsslich die vielen Stiegen und Gänge ab, und das Theaterflair, das dabei aufkommt, ist sicher mehr als nur beabsichtigt. Aber das passt gut, zusammen mit der alle paar Minuten aufbrandenden Musik kommt man sich tatsächlich vor wie in einem Theater, wozu auch die oft sehr statische Kamera gehört. Die Konzentration geht jedenfalls komplett auf die Mördersuche, Subplots oder störende Nebenhandlungen sucht man hier genauso vergeblich wie technische Fisimatenten, und vor allem zum Schluss hin wird der Film sogar richtig spannend – Die Entlarvung des Mörders und der Showdown sind mit allen Tricks szenischer Darstellung gelöst, und die labyrinthischen Gänge des Clubs führen schnell in das Zentrum eines Mörderjagd-Irrgartens.

Jochen Brockmann als Kommissar poltert sich hardboiled durch die Ermittlungen. Adrian Hoven gibt den leichtlebigen Reporter Peter Thorsten ohne große Mühe, eine Paraderolle für den damals schwer angesagten Österreicher. Aber vor allem Renate Ewert begeistert mit ihrer sexy Ausstrahlung und dem völligen Aufgehen in der Rolle der Yvonne, die zwei Jahre im Irrenhaus einsaß, und die jetzt wieder am Rande eines völligen Nervenzusammenbruchs steht. Ist vielleicht sie die Mörderin, und weiß es dabei gar nicht? Die zu Beginn kurzen Momente filmischer Genialität, wenn die Hauptpersonen dem Auftritt Marias zuschauen und wir dabei ihre Gedanken hören, machen zwar bald einer konventionellen, fast könnte man sagen langweiligen, standardisierten Inszenierung Platz, aber das Karussell der Verdächtigen und der immer neu aufgedeckten kleinen und großen Lügen dreht sich so schnell, dass man fast ein wenig dankbar sein kann für die biedere Darstellung.

Wenn man mit alter Schlagermusik wenig Probleme hat ist DAS RÄTSEL DER GRÜNEN SPINNE ein Fest für den Krimifan. Wenn man allerdings dieser Art Musik kritisch gegenüber steht sollte man besser einen groooooooooßen Bogen um den Film machen, den er besteht tatsächlich zu fast 50 Prozent aus Musik. Er ist oft laut und schrill, was ihn etwas anstrengend macht, aber unterhalten tut er dabei ganz kolossal!
Was ist die Hölle? Ein Augenblick, in dem man hätte aufpassen sollen, aber es nicht getan hat. Das ist die Hölle ...
Jack Grimaldi
Benutzeravatar
Maulwurf
Beiträge: 3463
Registriert: Mo 12. Okt 2020, 18:11
Wohnort: Im finsteren Tal

Re: Was vom Tage übrigblieb ...

Beitrag von Maulwurf »

Young Guns (Christopher Cain, 1988) 4/10

Bild

Es ist ganz ganz viele Jahre her, dass ich YOUNG GUNS 2 – BLAZE OF GLORY mal per Zufall im Nachtprogramm erspäht habe. Und einen Heidenspaß hatte ob der Lockerheit und der Coolness der Typen und der ganzen Erzählung. Wie ich dann den ersten Teil mal irgendwann auf einem Flohmarkt günstigst abstauben konnte griff ich natürlich zu, in der Gewissheit, dass erste Teile eigentlich immer besser sind als zweite Teile …

Der Engländer John Tunstall betreibt eine Rinderfarm in New Mexico, und als Aufpasser für das Vieh stellt er junge Herumtreiber und Tunichtgute ein, denen er als Chef und Vater in Personalunion vorsteht, ihnen Lesen und Schreiben beibringt, und halt einfach ein Zuhause gibt. Sein neuester Wildfang nennt sich William H. Bonney und kann schießen wie die Hölle. Das tut auch Not, denn Tunstalls größter Konkurrent Lawrence G. Murphy besitzt mehr Rinder, mehr und gewissenlosere Männer, den Sheriff, den Gouverneur, und so ziemlich alle Verwaltungsposten dazwischen. Es kommt was kommen muss: Murphy lässt Tunstall ermorden, und die jungen Männer laufen Amok. Zwar werden sie als Hilfssheriffs vereidigt und haben rein prinzipiell das Gesetz hinter sich, aber vor allem Bonney, genannt Billy the Kid, neigt eher dazu zuerst zu schießen, bevor eventuelle Fragen überlegt werden. Der Status als Deputy wird schnell wieder aberkannt, und die nun gesetzlosen Youngster ziehen in den Krieg gegen Murphys Übermacht.

Das Wort Krieg wird hier auch mal im Mund geführt, und bezieht sich selbstverständlich auf den Rinderkrieg in Lincoln County im Jahre 1878, in dem Billy the Kid als Anführer der sogenannten Regulatoren eine herausragende Rolle hatte. Die hat er in YOUNG GUNS durchaus auch, nur das mit dem Krieg wird hier nicht wirklich deutlich. Vielmehr sehen wir einer Gruppe Revolverhelden zu wie sie kreuz und quer durch das Land flüchten, Drogen nehmen, sich verlieben, und am Ende in eine Falle laufen. Ab und zu gibt es, schließlich befinden wir uns in einem Western, eine Schießerei, was dann bis auf eine Ausnahme auch immer sehr gut gefilmt wurde, und dazwischen werden persönliche Befindlichkeiten diskutiert oder eben völlig unnötige Liebesgeschichten eingeflochten. Aus der historischen dreitägigen Schlacht von Lincoln wird eine knapp eintägige Hausbelagerung (ja ja, ich weiß, die Dramaturgie), und am Ende obsiegt das Pathos über die Gerechtigkeit. Im Ernst, wenn ich in der Wikipedia die Geschichte des Lincoln-County-Rinderkrieges nachlese staune ich, wie nah sich der Film an die historische Wahrheit hält. Aber leider vergisst das Drehbuch dabei, dass ein Film auch gerne spannend sein darf. YOUNG GUNS beginnt stark mit der Zusammenstellung der Young Guns und mit der Ermordung Tunstalls, lässt dann auf der Reise durch New Mexico immer mehr nach, und endet ganz schwach in unnötigen Zeitlupenaufnahmen mit Popmusik aus den späten 80ern des 20. Jahrhunderts. Vor allem der knallharte Übergang von Billy the Kid-staubige Wüste-Wildwestromantik-Cowboy reitet in den Sonnenuntergang zum musikalisch(?) unterlegten Abspann knallt so richtig rein und vertreibt den geneigten Westernfreund schnellstens aus dem gemütlichen Sessel.

Da können auch die drei Frontmänner Estevez, Sheen und Sutherland einen noch so guten Job machen, wenn das Drehbuch nicht passt sind die Schauspieler halt nun mal verlassen. Und das Drehbuch seichtet zum Ende hin so sehr aus, dass auf der Seite des Zuschauers der Ärger immer mehr überhandnimmt. Oder anders ausgedrückt: Weniger Liebe, weniger Charaktere vom Reißbrett, und dafür mehr Showdown würden auch mehr Freude bereiten. Terence Stamp und Jack Palance sind genial wie immer, aber vor allem letzterer kann halt gegen seine schablonenhafte Figur nicht viel ausrichten. Die stereotype Figur des Bösen Murphy ist weder dämonisch noch überwältigend böse noch furchterregend, sondern einfach nur platt. So platt wie die Wüste in New Mexico und wie das Drehbuch dieses Films. Schade drum, die Chance auf einen guten Western wurde komplett vergeben. Und der zweite Teil scheint, zumindest in der Erinnerung, doch der Bessere zu sein …

Zur Vertiefung:
https://de.wikipedia.org/wiki/Lincoln-C ... inderkrieg
https://de.wikipedia.org/wiki/Billy_the ... inderkrieg
Was ist die Hölle? Ein Augenblick, in dem man hätte aufpassen sollen, aber es nicht getan hat. Das ist die Hölle ...
Jack Grimaldi
Benutzeravatar
Maulwurf
Beiträge: 3463
Registriert: Mo 12. Okt 2020, 18:11
Wohnort: Im finsteren Tal

Re: Was vom Tage übrigblieb ...

Beitrag von Maulwurf »

Angel of destruction (Charles Philip Moore, 1994) 7/10

Irgendwo in den Tiefen des Internets begraben.jpg
Irgendwo in den Tiefen des Internets begraben.jpg (7.4 KiB) 478 mal betrachtet

Herrlich altmodische Action-Gülle, die in einer unfassbaren Parallelwelt spielt. Einer Welt, in der weibliche Cops in Tanktops ermitteln, die 4 Nummern zu klein sind. Mindestens. Oder bauchfrei. Oder beides. In der eine Polizistin mit den Schurken den Boden aufwischt, derweil sie nur und ausschließlich einen String-Tanga trägt. Wo polizeiliche Ermittlungsarbeit aus den Aufgabenblöcken Prügeln, Schießen und bereits Wissen besteht. Eine Welt, in der Gut und Böse klar getrennt sind, und daran sauber unterschieden werden können, dass die Bösen scheiße schießen, und die Guten mit jedem Schuss treffen. Auch wenn es durchaus Spaß macht, ein ganzes Magazin in irgendeine Kackfratze reinzuballern. Und Gut und Böse sowieso klar an der Größe ihrer Wummen zu unterscheiden sind: Die Bösen haben handliche Waffen (sogenannte Hand-Feuerwaffen), die Guten haben Kanonen mit denen sie ganz Honolulu wegpusten können.

In der OFDB kann folgende Inhaltsangabe nachgelesen werden: „Eine umstrittene Rocksängerin wird durch ein eindeutiges "Geschenk" von einem psychopathischen Fan bedroht. Man setzt die Undercoverpolizistin Brit Alwood auf den Fall an. Aber Brit ist dem verrückten Killer nicht gewachsen und wird ermordet. Als Brits junge Schwester Jo von dem Verbrechen erfährt, schwört sie, bittere Rache zu nehmen. Jo landet im gefährlichen Sog einer erotisch aufgeladenen Welt aus Sex, Drogen und Rock ‘n‘ Roll. Aber das ist erst der Anfang. Völlig unerwartet wird sie mit dem Wahnsinn eines schrecklichen Serienkillers konfrontiert.“

Bild Bild

Das mag so stimmen, durchaus. Ich kann es aber nicht mit Sicherheit bestätigen, da die Zusammenhänge der einzelnen Szenen meine Sprachkenntnisse mindestens genauso überfahren haben wie mein narratives Verständnis. Aber darum geht es auch nicht in ANGEL OF DESTRUCTION. Es geht darum, dass eine Sängerin, die mit ihrer Freundin auf der Bühne und in ihren Videos fast nackt tanzt, dass diese Sängerin bedroht wird, und eine fast nackte Polizistin sie beschützt. Es geht darum, dass der Manager der Sängerin ein Schwein ist und mit einem Gangster zusammenarbeitet der ein noch viel größeres Schwein ist, des Weiteren dass Maria Ford bei so ziemlich jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit ihre Brüste in die Kamera hängt, und dass sie am Ende mit der Riesenzimmerflak unterm Arm mächtig aufräumt. Ihr T-Shirt hat dabei sicher nur zufällig die Farben des Superman-Kostüms, ganz sicher …

Wer hier Sinn oder Verstand sucht hat definitiv den falschen Film ausgesucht. Wer nackte Frauenbrüste sehen will und reichlich Baller- und Prügelaction, am besten noch in Kombination und untermalt von miesestem 90er-Ami-Seicht-Rock, der ist hier goldrichtig. In dem Fall kann ich eine Menge Spaß versprechen! Halt Spaß von der Sorte, der die niedersten Instinkte anspricht.

Bild Bild

Bild Bild
Was ist die Hölle? Ein Augenblick, in dem man hätte aufpassen sollen, aber es nicht getan hat. Das ist die Hölle ...
Jack Grimaldi
Benutzeravatar
Maulwurf
Beiträge: 3463
Registriert: Mo 12. Okt 2020, 18:11
Wohnort: Im finsteren Tal

Re: Was vom Tage übrigblieb ...

Beitrag von Maulwurf »

Herrscher ohne Krone (Harald Braun, 1957) 6/10

Bild

Für solche Filme wurde das Label Melodram erfunden: Ende der 60er-Jahre des 18. Jahrhunderts wird der Altonaer Arzt Struensee an den dänischen Hof gerufen, um seine Meinung über den geisteskranken König abzugeben. Struensee (was im Film meistens wie Struuunz ausgesprochen wird) kuriert den Mann auf seine Art: Für den Liebeskummer schaut er, dass die Dame des Königsherzens, Königin Mathilde, an den Hof zurückkehrt, und die lokalen Widersacher und Schmarotzer werden einer nach dem anderen verjagt. König Christian wird schnell wieder gesund und macht seinen neuen besten Freund Struensee zum Minister und Berater. Er ahnt nicht, dass Struensee und Mathilde sich ineinander verliebt haben und ihrer Liebe auch viel Raum geben. Das ganze Königreich lacht, nur der König ist ahnungslos und liebt sowohl seine Frau wie auch seinen Freund aus ganzem Herzen. Eines Tages trägt die Königin ein Kind unter dem Herzen – Von welchem der beiden Männer?

Nun ja, wer sich in dänischer Geschichte auskennt, und wer tut das nicht, der weiß natürlich von wem das Kind ist, und ahnt den Ausgang dieses Dramas schon relativ früh. Dabei ist Struensee eigentlich ein sehr sympathischer welcher. Er trägt die Worte von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit im Mund (was historisch zwar nicht ganz zutreffen dürfte, aber sei’s drum), er hat ein großes Herz für die Nöte der geknechteten Landbevölkerung (was historisch schon besser passt), und er sieht den geistesgestörten König nicht einfach als frisch aus der Klapse entlaufen, sondern er kümmert sich um den Mann und kann den verwirrten Geist tatsächlich wieder auf Kurs bringen. Und ihm beibringen, dass er nicht nur der König der Privilegierten ist, sondern aller Dänen. Auch derjenigen, die in seinem eigenen Folterkeller und in seinem Namen gerade gequält werden.

Dieser Teil der Geschichte ist etwas mühsam erzählt, und bei aller Hochachtung vor der Leistung Horst Buchholz‘ als König Christian: Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass die Manierismen des Herrschers irgendwann ganz furchtbar nerven. Es ist hübsch mitanzusehen, wie das soziale Gewissen Struensees allmählich auf den König übergeht und diesen beeinflusst. Der historische Struensee war in dieser Zeit tatsächlich ein Herrscher ohne Krone, stand er doch hinter dem König, lenkte und leitete diesen in allen Dingen, und brachte Dänemark damit eine Menge prä-demokratischer Segnungen. Struensee war die Macht, Christian das repräsentative Moment. Bis, ja bis Struensee und Königin Mathilde entdecken, dass sie füreinander geschaffen sind. Ein geradezu entsetzlicher Moment, wenn Christian wohlgemut und lachend in Mathildes Gemach kommt, und irgendwann Struensee dort entdeckt. Im Zimmer seiner Königin! Er ahnt was da vor sich gegangen sein könnte, doch Mathilde opfert sich um der Liebe zu Struensee willen und lenkt Christian ab. Ein dichter und intensiver Moment im Film, der das kommende dunkel und schwer vorbereitet. Denn natürlich weiß Christian irgendwann Bescheid, und die allmächtige Königsmutter, die listige Königin Juliane, treibt mit ihren Getreuen ein böses Spiel, um den ungeliebten Struensee ins Verderben zu stoßen. Dieser Teil der Geschichte ist gut erzählt, ist düster, ist schwermütig, und auch wenn Odile Versois als Mathilde so hölzern und ungelenk spielt wie eine alte Linde, so ist die Story an sich hier sehr kraftvoll und kann Versois‘ Unvermögen locker ausgleichen. O.W. Fischer wiederum steht natürlich über jeder Kritik, sein Struensee wechselt die Stimmungen leicht und gekonnt, und es ist einfach eine Freude, dem Mann bei seinem Spiel zuzusehen. Was wäre gewesen, wenn Mathilde von Ruth Leuwerik gespielt worden wäre? Fischer und Leuwerik, eines der Traumpaare der 50er-Jahre, wie hätte der Film durch dieses Paar gewonnen …?

Trotz dieser kleinen Kritikpunkte ist HERRSCHER OHNE KRONE ein schön anzuschauender Film. Man darf halt keinen historischen Actionfilm erwarten, keinen FANFAN und schon gar keine ANGÉLIQUE, und die ganz großen Gefühle sind bei O.W. Fischer nicht und bei Odile Versois noch viel weniger zu erwarten. Es liegt am purzelig aufspielenden Horst Buchholz, das stellenweise etwas statische Drama aufzulockern und dabei gleichzeitig die tragischen Schwerpunkte zu setzen. Aber spätestens, sobald alle drei Schauspieler gleichzeitig zu sehen sind und sich die Bälle zuspielen, ist die Freude über dieses gelungene Melodram auf jeden Fall auf der Seite des Zuschauers.
Was ist die Hölle? Ein Augenblick, in dem man hätte aufpassen sollen, aber es nicht getan hat. Das ist die Hölle ...
Jack Grimaldi
Benutzeravatar
Maulwurf
Beiträge: 3463
Registriert: Mo 12. Okt 2020, 18:11
Wohnort: Im finsteren Tal

Re: Was vom Tage übrigblieb ...

Beitrag von Maulwurf »

Karin Schubert: Orgien der Wollust (Paolo Di Tosto, 1987) 6/10

Bild

Karin ist geil. Immer geil. Dauergeil. Ihr Ehemann Giuliano ist völlig am Ende („Wir haben fünf Nummern geschoben heute Nacht. Ich kann nicht mehr, ich bin völlig leer.“ „Daraus schließe ich, dass Du mich nicht mehr liebst!!“), doch Karin will immer noch mehr. Sie geht zu einem Psychiater der ihr rät, ihr Sexleben völlig ausufern zu lassen, und ihren Fantasien freien Lauf zu lassen. „Nehmen Sie sich den nächstbesten Mann“, sagt der Psychiater. Nun gut, der nächstbeste Mann ist der Hausangestellte („Ein befreundeter Arzt hat mir empfohlen mit Dir zu schlafen …“). Danach kommt dessen Frau dran, und als es Giuliano dann endgültig reicht und es zum Streit kommt, geht Karin halt zu ihrer Schwester. Denn deren Mann kann immer, und sein Ding wird nach jedem Orgasmus nur noch härter („Und jetzt wollen wir mal sehen wie Dein Mann mich fickt.“). Doch selbst der Psychiater wirft nach einem Einsatz mit mehreren Vibratoren entnervt das Handtuch – Karin will einfach zu viel …

Viele Füllszenen hat es nicht. Karin beim Autofahren, Karin schaut sich ein Video an („Jetzt will ich doch mal wissen, ob die Leute vom Cover auch im Film vorkommen.“), und zwar müsste das Giorgio Grands SEXLIFE BIZARRE a.k.a THE DEVIL IN MR. HOLMES aus dem gleichen Jahr sein. Aber der Rest des Films ist wildestes Herumgebumse unter dem Einsatz größtmöglicher Behaarungen. Nicht immer sauber gefilmt, flackert das Licht auch gerne einmal, oder sind Dinge an den Darstellern zu sehen, die man eigentlich nicht gerne sehen möchte. Aber im Großen und Ganzen macht DIE ANDEREN WÜNSCHE VON KARIN sehr wohl Spaß, auch wenn die deutsche Synchro oft genug zum Fremdschämen ist, und auch wenn es auffällig ist, dass Karin Schubert im Ganzkörpereinsatz nur selten zu sehen ist. Spannenderweise werden meist nur einzelne Körperteile oder das Gesicht in die Kamera gerückt, die anderen Schauspieler sind da wesentlich mehr gefordert.

Trotzdem macht der Film auf einem nicht allzu hohen Niveau durchaus Spaß und ist auf jeden Fall ziemlich sexy. Wobei die Bewertung zugegebenermaßen einen sehr hohen Karin Schubert-Bonus enthält …
Was ist die Hölle? Ein Augenblick, in dem man hätte aufpassen sollen, aber es nicht getan hat. Das ist die Hölle ...
Jack Grimaldi
Antworten