Il Cuore Rivelatore - 1934 (M. Monicelli / A. Mondadori)

Grusel & Gothic, Kannibalen, Zombies & Gore

Moderator: jogiwan

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Salvatore Baccaro
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Il Cuore Rivelatore - 1934 (M. Monicelli / A. Mondadori)

Beitrag von Salvatore Baccaro »

Originaltitel: Il Cuore Rivelatore

Produktionsland: Italien 1934

Regie: Mario Monicelli, Alberto Mondadori

Darsteller: G. Buschi, G. Carta, G. Pedrini, V. Reni [mehr geben die Cast-Angaben leider nicht her]

Poe im (frühen) Kino, Folge 5:
Es ist immer wieder erstaunlich, auf welche verschüttete Kleinodien man innerhalb der nicht-kanonisierten Filmgeschichte stößt, wenn man sich nur die Mühe macht, tief genug zu graben. Bei IL CUORE RIVELATORE beispielweise handelt es sich um einen italienischen Horror-Stummfilm aus dem Jahre 1934, dessen knappe Viertelstunde darauf verwendet wird, eine außerordentlich werkgetreue Adaption der Kurzgeschichte THE TELL-TALE HEART von Edgar Allan Poe zu liefern. Besagter Text wurde bereits sechs Jahre zuvor im Geburtsland des Dichters von Charles Klein verfilmt – dass die für die italienische Variante Verantwortlichen diesen Film allerdings gesehen bzw. sich von ihm inspiriert haben lassen dürften, wage ich dann doch zu bezweifeln, denn viel zu unterschiedlich fallen die Werke letztlich nicht nur in ihrer ästhetischen Gestaltung aus, sondern auch darin, worauf sie den narrativen Fokus legen.

Charles Klein, dessen Verfilmung ich kürzlich bereits einige warme Worte gewidmet habe, auf die ich hiermit verweisen möchte, erzählt den Mord, den der namenlose Anti-Held der Geschichte an einem blinden, alten Mann, dessen eines Auge ihn auf logisch nicht erklärbare Weise um den Verstand bringt, sozusagen als einführenden Prolog, der dem eigentlichen Herzstück seines Films, nämlich dem Auftauchen zweier Polizeibeamten, die den Mordbuben in die Mangel nehmen, da Nachbarn das Todesröcheln des Alten vernommen und sie daraufhin auf den Plan gerufen haben, wie eine Exposition vorangeht. Ganz anders verfährt Mario Monicelli, Regisseur des vorliegenden Films, indem er die Polizisten erst in den allerletzten Minuten auftreten lässt und bis dahin eine Spannungskurve aufgebaut hat, in der der stetig zunehmende Wahnsinn des Protagonisten seine Klimax in der Bluttat findet. Während für Klein demnach die Interaktion zwischen Täter und Beamten am wichtigsten ist, d.h. das Verhalten, das unser Anti-Held an den Tag legt, nachdem er unschuldiges Blut vergossen hat, richtet Monicelli seine und unsere Aufmerksamkeit ganz auf die verqueren Hasensprünge, die die Psyche des späteren Killers vollführt, bis dieser dann endlich soweit ist, Hand an seinen greisen Mitbewohner zu legen. Damit sind die Unterschiede der beiden Versionen jedoch noch lange nicht erschöpft.

Wie man in meiner Kurzkritik zu THE TELLTALE HEART nachlesen kann, ist Kleins Adaption eine, die stilistisch viel dem deutschen Stummfilmexpressionismus verdankt. Die Stube, in der der namenlose Mörder, den man übrigens zu einem Poe-Double ausstaffiert hat, gemeinsam mit dem Alten lebt, könnte gut und gerne das Atelier sein, in dem die Architekten, die für die Kulissen von Wienes CALIGARI verantwortlich zeichneten, ihre ersten Trockenübungen an schräg durcheinanderwachsenden Möbeln absolvierten. Im Prinzip alles in THE TELLTALE HEART verweigert sich einer Ordnung wie wir sie kennen und vielleicht nicht lieben. Schief sitzt die Zimmertür in den Angeln, ein Tisch im Vordergrund ist kaum noch als Tisch zu erkennen, erinnert eher an ein wahlloses Sammelsurium aus Krummbalken, und die Darsteller sind, vielleicht mit Ausnahme des alten Mannes, reichlich überzeichnet, im Falle der Polizeibeamten, die wie zwei synchron tuckernde Maschine agieren, weit über den Rand des Grotesken hinaus. Monicelli demgegenüber wählt zwar keinen wirklich naturalistischen Ansatz, um Poes psychologische Schauermär zu bebildern, aber doch einen, der auf den ersten Blick wesentlich karger, wesentlich trostloser wirkt. Die Stube, in der der junge und der alte Mann zusammenleben, ist eingerichtet wie eine Gefängniszelle. Ein Gitterbett steht an die Wand gerückt, darüber hängt ein Kreuz mit Christus, daneben öffnet sich ein Fenster, vor dem ein offensichtlich gemalter, blätterloser, schwarzastiger Baum sowie eine einsame Straßenlaterne sich nicht regen. Abgesehen von dem Tisch und einigen Schüsseln, Gläsern, Besteck bildet das die einzigen Zutaten, mit denen das bedrückende Zimmer, in dem der gesamte Film sich abspielt, bestückt ist. Rau, ruppig, nahezu unbehauen oder unbeholfen mutet auch mancher Schnitt an, manche Kamerabewegung, das, im Vergleich zu THE TELLTALE HEART, weitaus zurückgenommenere, realistischere Spiel der Akteure. Sicher kann man die Ungeschliffenheit der technischen Seite, die voller Ecken und Kanten ist, an denen sich zu stoßen leicht fällt, auf die Unerfahrenheit Monicellis zurückführen, dessen Film-Debut IL CUORE RIVELATORE immerhin bildet, andererseits helfen gerade diese vermeintlichen Fehler, dem Film einen ganz eigenen und eigenwilligen Charme zu verleihen, der mich tatsächlich ein bisschen an die ähnlich schroffen, tristen und dennoch poetischen Frühwerke eines Philippe Garrel erinnert.

Ein weiterer Aspekt, der IL CUORE RIVELATORE für mich auszeichnet, ist seine Freude an bizarren Einfällen. Klar, die hat es bei THE TELLTALE HEART ebenfalls gegeben, doch wirken sie dort eingebettet in die Filmgeschichte, sind Reaktion auf etwas bereits Dagewesenes, berufen sich auf eine bestimmte Tradition, nämlich eben die, in der Dr. Caligari und Graf Orlok sich die krallenhaften Hände reichen. IL CUORE RIVELATORE indes erzielt, wenn er denn einmal aus seiner missmutigen Monotonie ausbricht, Effekte, die irgendwo zwischen grauenerregend und albern changieren und für mich irgendwie kaum zuordenbar bleiben. Ähnlich wie Klein stellt Monicelli das blinde Auge des Alten in den Vordergrund, indem er es von dessen Gesicht löst und, als führe es ein Eigenleben, durchs Bild huschen, sich vervielfältigen lässt. Wo Klein seine Augen jedoch als eine Art Kaleidoskop anordnet, dessen einzelne Bestandteile sich lediglich um sich selbst drehen, kommt Monicelli auf den irren Einfall, jeweils drei Augen zu zwei Grüppchen links und rechts im Bild zu ordnen und die Kamera in Schlingerbewegungen über eine Aufnahme des Christus an der Zimmerwand hin und her zu schwenken, sodass die Äuglein, einem Insektenschwarm ähnlich, um das Kreuz herum zu summen scheinen. Dieses Auge ist freilich auch eine Sache für sich. Bei Klein und bei Poe liegt einzig ein trüber Schleier über ihm, bei Monicelli muss es gleich eine überaus merkwürdig anzuschauende und viel zu große Prothese sein, die dem Darsteller des Alten förmlich ins Gesicht gepfropft worden ist. Aus diesem glotzt es dann in einer Weise hervor, die an keinem Bianchi-Zombie negativ auffallen würde. Auch die eigentliche Mordszene ist bei Monicelli weitaus gewagter, schleicht sich dort der Mörder doch mit einer Axt ins Schlafgemach des Alten und darf ihn, freilich fast völlig von Schatten verhüllt, nichtsdestotrotz aber in reichlich rasender Wut und eindeutigen Gesten quasi on-screen in Stücke hauen. Meine liebste Szene ist jedoch eine andere: der Protagonist sitzt am Abendmahltisch und trinkt Wein, der ihm offensichtlich so wenig mundet, dass er sich richtig anstrengen muss, ihn überhaupt die Kehle hinabzubringen. Er würgt, streckt die Zunge heraus, schüttelt sich vor Ekel – und trinkt trotzdem weiter. Etwas in seiner Alltäglichkeit zugleich derart Witziges und derart Schauriges habe ich tatsächlich schon lange nicht mehr zu Gesicht bekommen.

Eruieren, in welchem Kontext IL CUORE RIVELATORE denn nun eigentlich entstanden ist, konnte ich bislang leider nicht. Offenbar handelt es sich um ein reines Avantgarde-Werk, außerhalb der kommerziellen italienischen Filmindustrie in Szene gesetzt – wenn auch die inflationären Großaufnahmen des Christuskreuzes, mit dem der Film letztlich auch abschließt, zumindest für meine Augen wie der Versuch aussehen, christlich-moralische Untertöne in ein Werk zu mischen, das den faschistischen Zensoren möglicherweise dann doch zu radikal, zu progressiv hätte erscheinen können. Diese Vermutung würde stützen, dass in Poes short story von Religion nicht die Spur zu lesen ist und der Christus sich zwar visuell ganz hübsch in den Film einfügt, inhaltlich jedoch rein gar nichts beizutragen hat, außer dass er eben gekreuzigt an der Zimmerwand herumhängt. Mehr Gesichertes gibt es über die Hauptverantwortlichen des Films zu berichten. Monicelli beispielweise hat sich später zu einem kommerziellen Regisseur gemausert, dessen heute bekanntestes Werk sein Beitrag zu dem Episodenfilm BOCCACCIO '70 von 1962 sein dürfte, den er gemeinsam mit Luchino Visconti, Federico Fellini und Vittorio de Sica realisiert hat. Monicellis Co-Regisseur Alberto Mondadoris Name ist vor allem mit seiner späteren Publizistentätigkeit verbunden und Alberto Lattuada, seines Zeichens Setdesigner von IL CUORE RIVELATORE, hat in seiner folgenden, seinerzeits recht erfolgreichen Regiekarriere ebenfalls unter anderem mit Fellini zusammengearbeitet.

Doch selbst ohne große Namen ist IL COURE RIVELATORE ein Film, den ich jedem ans Herz lege, dem der Sinn nach einem Viertelstündchen steht, in dem man dem Heraufdämmen des italienischen Horrorkinos wie wir es lieben quasi in nuce beiwohnen kann - vorausgesetzt natürlich, man hat, wie ich, ein Faible für nicht wirklich im klassischen Sinne professionell inszenierte 16mm-Experimentalfilme ohne Ton.

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Salvatore Baccaro
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Re: Il Cuore Rivelatore - 1934 (M. Monicelli / A. Mondadori)

Beitrag von Salvatore Baccaro »

Die Bildqualität ist freilich nichts für verwöhnte Augen und tatsächlich noch etwas mauer als die der von mir gesichteten Kopie, jedoch kann man IL CUORE RIVELATORE, von dem ich bis eben annahm, dass ihn außer mir kein einziger Mensch jemals gesehen hat, tatsächlich in seiner ganzen Pracht unter folgendem Link abfeiern:


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Count Yorga
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Re: Il Cuore Rivelatore - 1934 (M. Monicelli / A. Mondadori)

Beitrag von Count Yorga »

Dieser Kurzfilm war bisher an mir vorbeigegangen - eine erstaunliche cineastische Wiederentdeckung. :thup:

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