Die Trampler; Die um Gnade winseln - Albert Band, Mario Sequi (1965)

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Moderator: jogiwan

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sid.vicious
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Die Trampler; Die um Gnade winseln - Albert Band, Mario Sequi (1965)

Beitrag von sid.vicious »

Originaltitel: Gli uomini dal passo pesante
Regisseur: Albert Band, Mario Sequi
Kamera: Alvaro Mancori
Musik: Angelo Francesco Lavagnino
Drehbuch: Albert Band, Will Cook, Ugo Liberatore
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Lon Cordeen ist aus dem Sezessionskrieg zurückgekehrt und in seiner Heimatstadt El Crossing, angesiedelt im Wayne County des Staates Texas, eingetroffen. Mit großer Besorgnis registriert der Kriegsheimkehrer, dass sein Vater, Temple Cordeen, gemeinsam mit Lons Brüdern das Land mit Willkür regiert und jeden, der sich gegen seine selbst geschaffenen Gesetze auflehnt, beseitigen lässt. Ergo befolgt Lon auch nicht die Anweisung seines Vaters, den Viehzüchter Charley Garvey, der Temple Cordeens Tochter (Alice) heiraten will, mit Schimpf und Schande aus Wayne County fortzuscheuchen. Stattdessen schlägt er sich auf Charlys Seite, um gemeinsam mit Alice und Hoby (einer von Lons Brüdern) an einem anderen Ort ein neues Leben zu beginnen. Freilich will Temple Cordeen den Verrat nicht ungesühnt lassen und schon bald stehen dessen Killer vor den Geflüchteten, um Alice zurückzuholen sowie Lon und Hoby zu töten.

Der faszinierte Blick auf den Italo-Western und das einhergehende Abarbeiten des Genres belohn(t)en mich immerzu mit der Erkenntnis, dass es selbst auf den eingefahrenen Pfaden immerzu weitere Schmuckstücke zu entdecken gibt. Der neuste Stern (den ich im letzten, mittlerweile traditionellem Sonntags-Matinée vor der Glotze kennen lernen sowie genießen durfte) im subjektiven IW-Kosmos, debütierte 1966 unter dem außergewöhnlichen Titel DIE TRAMPLER (so reflektiert es das entsprechende Kinoplakat) in den bundesrepublikanischen Lichtspielhäusern. Die weniger stampfend und im höheren Maße wie liebliche Musik tönende Firmierung DIE UM GNADE WINSELN ist demgemäß mit großer Wahrscheinlichkeit der TV-Ausstrahlung respektive der Findigkeit der Sendeanstalt geschuldet. Doch welchen Rufnamen wir dem Kind auch verabreichen mögen, er wird nicht darüber hinwegtäuschen, das jener Sprössling eine exzellente Erziehung genoss, was der Musterknabe mittels einer intelligenten Story und gut agierenden Pro- wie Antagonisten jederzeit bestätigen kann. Also lassen Sie uns einfach mal loslegen.

Die Handlung siedelt sich in Texas sowie innert der Nachwehen des vierjährigen Sezessionskriegs an. Der Süden hat die Schlacht verloren, soll sich der Siegermacht fügen und fortan nach den Statuten der verhassten Yankees leben. DIE TRAMPLER setzt sich allerdings nicht, was man in diesem Kontext erwarten könnte, mit den raubenden und zu mordenden Rebellen im Dunstkreis von William Quantrill und William T. Anderson auseinander, sondern mit einem Großgrundbesitzer, der den Sieg des Nordens ebenso wenig akzeptiert. Ein Großgrundbesitzer, der nach seinen eigenen Gesetzen schaltet wie waltet, südstaatliche Bräuche und Traditionen (wie die Sklaverei) aufrecht hält, und die Spielregeln des Nordens schlichtweg ignoriert. Sein Name: Temple Cordeen, einst hochrangiger Offizier und das Oberhaupt einer Großfamilie, dessen Söhne allesamt freiwillig an der Seite ihres Vaters in den Sezessionskrieg zogen, um für die Werte des Südens zu streiten. Diese Informationen erhalten wir allesamt während der Expositionsphase. Ermittelt vom einzigen Cordeen-Sohn, der nicht in der Einheit seines Vaters landete: Lon Cordeen.

Ein Charakter, der uns als Identifikationsfigur dient, dabei allerdings nicht den typischen Antihelden, der (vornehmlich) italienischen Westernlichtspiele verkörpert, da er keinesfalls materiell und wesentlich eher ideologisch orientiert ist. Lon reflektiert gewissermaßen einen Helden, wie er uns zuhauf in den US-amerikanischen Western begegnet(e). Der saubere Held, der sich von den illegalen Praktiken sowie den abwegigen, ja, diktatorischen Prinzipien seines Vaters distanziert und somit einen Vater-Sohn-Konflikt heraufbeschwört. Dieser Konflikt erfährt seine Erweiterung, indem die gesamte Familie Cordeen in ihn hineingezogen wird, sodass es zum fatalen, internen Bruch kommt. Hoby Codeen definiert die familiäre Gesamtsituation folgendermaßen:

„Die Familie Codeen ist ein Apfel, der aus zwei Hälften besteht. Die eine ist gut und die andere Hälfte ist schlecht. Ich würde gern herausfinden, zu welcher Hälfte ich gehöre.“

Wie bereits angesprochen, regiert Temple Cordeen das Städtchen El Crossing nach seinen eigens geschaffenen Richtlinien, denn was Recht und Unrecht ist, bestimmt, so Temples Aussage, er selbst. Für ihn fungiert die Zeit vor dem Sezessionskrieg als das Maß aller Dinge. Ergo ignoriert er die Kriegsniederlage, lässt die längst überholte Vergangenheit zur Gegenwart werden und definiert sie als sakrale Zeit. Eine Zeit, die immer wieder um den, ich sage mal mit vorgehaltener Hand, uranfänglichen Süden, in dem die Sklaverei zum unerschütterlichen wie alltäglichen Bestandteil gesellschaftlicher Strukturen erblühte, kreist. Wer sich damit nicht arrangieren kann oder gar gegen diese Strukturen auflehnt, wird dem, aus Cordeens Sicht, parasitären Teil der Gesellschaft, dem allegorischen Norden, den es weiterhin zu bekämpfen gilt, zugeordnet. Und wer es wagen sollte, das Wort gegen die heilig gesprochene, sakrale Zeit zu richten, der muss sein Wagnis mit dem Tod bezahlen, was uns beispielshalber die Hinrichtung eines Journalisten, der angeblich die Sklaven gegen ihren Herrn aufhetzte, unmissverständlich demonstriert. Und jene soeben apostrophierte, während der Expositionsphase thematisierte Urteilsvollstreckung, konkretisiert den entscheidenden Punkt, welcher Lon Cordeen zum Zweifler und hernach zum Gegenspieler seines Vaters avancieren lässt.

Etwas in den Hintergrund beordert, aber nicht minder interessant wirkt der Charakter Charley Garvey (Franco Nero), der nach Ende des Kriegs ein Stück Land erworben hat und dort als Farmer ansässig wurde, was Temple Cordeens Hass emsig anspornt. Garvey, der wahrscheinlich aus dem Norden stammt, profitiert von der Verteilung von freiem Land, was der Norden bereits vor dem Krieg mit dem Slogan „Vote yourself a farm“ propagierte. Der Süden sprach entschieden gegen dieses Vorgehen, da er Land generell als öffentlichen Besitz, der nur gegen eine entsprechend hohe Geldsumme (Garvey hat das Land vermutlich kostengünstig, aber definitiv offiziell vom Staat Texas erworben) in private Hände wechseln soll, betrachtete. Da sich Temple Cordeen mit Ende des Sezessionskriegs als die alleinige Verkörperung des alten Südens sieht, ist sein Hass auf Charley Garvey simpel nachvollziehbar.

Kontrastierend zu Neros, dem Drehbuch geschuldetem, zurückhaltendem Spiel, lassen Joseph Cotten (Temple Cordeen), James Mitchum (Hoby Cordeen) und Georges Lycan (Longfellow Wiley) den Spielball mittels iberischem Tiqui-Taca durch die Reihen laufen, um schlussendlich das Runde turnusmäßig und für den Keeper unhaltbar im Eckigen zu versenken. Gerade James Mitchum hat mir als der vom Glück verlassene und eine Verrohung durchlaufende Hoby Cordeen überaus gut gefallen. Zu Cotten sei noch angemerkt, dass er schätzungsweise 2 Jahre nach DIE TRAMPLER in Corbuccis DIE GRAUSAMEN die Rolle des Colonel Jonas Morrisson, einem Südstaaten-Offizier, der wie Temple Cordeen den Sieg des Nordens nicht akzeptiert, personifizierte.

Fazit: Hinter dem gewöhnungsbedürftigen Titel DIE TRAMPLER verbirgt sich ein gut fotografierter, italienischer Western, der die flink kommunizierte Feindschaft zwischen dem Vater und dem Sohn ebenso flink zu einem handfesten internen Familienkrieg wachsen lässt. Währenddessen sowie darüber hinaus gelingt es den Verantwortlichen mithilfe einer sorgfältigen, sozialkritisch gefärbten sowie mit historischen Verweisen gespickten Inszenierung den Zuschauer zu ihrem Film zu verführen. Die Verführung zu einem Film, dessen Message besagt, dass der Süden nur mittels Gegengewalt von seiner Tyrannei befreit werden kann. Und da diese Gegengewalt das Ende der sakralen wie den Beginn der profanen Zeit bewirkt, lässt sie sich freilich als legitim interpretieren. Schließlich sind die Unbelehrbaren auf ewig gebrochen und die Zeichen stehen fortan auf Aufbruch. Auf das sich Amerika weiter neu schaffen und Texas endlich in den Weiterentwicklungsprozess einbezogen werden kann. Amen.
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