Gesetz der Bravados - José Luis Borau (1963)

Helden, Halunken, staubige Dollars, Pferde & Colts

Moderator: jogiwan

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sid.vicious
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Gesetz der Bravados - José Luis Borau (1963)

Beitrag von sid.vicious »

Originaltitel: Cavalca e uccidi
Herstellungsland: Italien, Spanien
Erscheinungsjahr: 1963
Regie: José Luis Borau
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Irgendwann, als der Wilde Westen gar nicht mehr so wild war, die Inbesitznahme längst vollzogen und unzählige Ortschaften aus den Böden schossen, wird ein Teil des neu Geschaffenen, das Städtchen Losatumba und dessen nähere Umgebung, von Schutzgelderpressern terrorisiert. Sie sind die kaltblütigen Boten eines Rackets, das mit den einflussreichsten Stadtbürgern besetzt ist. Wer sich gegen die kompromisslosen Methoden auflehnt, der muss, wie der trotzköpfige Sheriff Clymer, die tödlichen Konsequenzen tragen. Ergo benötigt die Ortschaft einen neuen Ordnungshüter, und das Racket forscht nach einer förderlichen Lösung, um ihren gesetzwidrigen Habitus weiterhin aufrecht zu halten. Demgemäß kann man sich mit der Wahl des scheinbar kraft-, mut- und nutzlosen Alkoholikers Brandy prächtig arrangieren. Doch Brandy hat Dank der Saloondame Eva einen Weg aus seiner Trunksucht gefunden und fühlt sich in seiner neuen Rolle deutlich wohler als es der korrupten Oberschicht von Losatumba lieb ist.

Der 1976 im UK aufkeimende Punk-Rock wusste zu Beginn überhaupt nicht, wie er sich zu schmücken hatte, um innert der Musikwelt aufzufallen. Folglich forschten die Londoner Punkmusikavantgardisten im R&B, im Rock´n´Roll wie freilich innerhalb der New Yorker Musikszene nach Inspirationen, um diese einwirken zu lassen und in schrillerer, schnellerer und lauterer Form zu reflektieren. Ähnlich erging es dem frühen Italo-Western respektive seinen Produzenten und Regisseuren, die sich in den frühen 1960er Jahren an einem Genre versuchten, das einen rein amerikanischen Anstrich besaß. Demgemäß orientierten sich die italienischen und spanischen Regisseure (jedenfalls so lang bis Sergio Leone den stiefelländischen Westernproduktionen eine individuelle Fasson verabreichte) an den amerikanischen Vorbildern sowie gelegentlich auch an den Karl May-Western. Eine dieser frühen, mit späteren Größen (Claudio Undari, Renzo Palmer, Luis Induni) des italienischen Genrekinos besetzte Westernarbeit firmiert in der Bundesrepublik unter dem Namen GESETZ DER BRAVADOS und könnte dem ein oder anderem alten Haudegen noch aus seiner/ihrer guten alten Videothekenzeit bekannt sein. Das damit angesprochene VHS-Tape, welches ich ca. 1995 in einem An- und Verkauf für 3 DM geschossen habe, präsentiert den durchaus unterhaltsamen Film jedoch in einer arg geschnittenen Version, worauf ich allerdings erst später zu sprechen komme.

„Herr, nimm´ seine Seele zu dir und befreie dieses Land von seinen Peinigern.“

Tja, damit hat der Pfaffe bereits einiges gesagt, sodass wir früh registrieren, dass jenes eingangs genannte Westernstädtchen Losatumba sowie dessen benachbarte Farmen von diversen Spitzbuben und Galgenstricken, hinter denen sich ein mit Unternehmern und Politikern besetztes Racket verschanzt, drangsaliert werden. Hinter der Fassade ehrenhafter Stadtbürger lauern schlitzohrige Zeitgenossen, die ihren einflussreichen Ring der Korruption stets vergrößern und dementsprechend wichtige Posten mit manipulierbaren Personen besetzen, um einhergehend die politischen wie wirtschaftlichen Geschäfte der Region zu kontrollieren und emsig harte Dollar in die eigenen Kassen zu spülen. Im Gegensatz zu HERR DES WILDEN WESTENS (den ich gern zu Vergleichszwecken heranziehe, wenn ein Film die eben skizzierten Ingredienzien eines Wide Open Town-Westerns zueigen hat) machen sich bei GESETZ DER BRAVADOS gleich mehrere (bei HERR DES WILDEN WESTENS wird primär Jeff Surret fokussiert und zum Machtmonopol erklärt), gleichberechtigte Partner im Racket breit. Ihre hauptsächliche Einnahmequelle sind Schutzgelder, die sie von Kleinunternehmern sowie den angesiedelten Farmern erpressen. Und sofern die Geldeintreiber auf Widerstand stoßen, wird dieser postwendend mit dem Colt oder mittels einer mehr oder minder cleveren, aber stets tödlichen Gaunerei beantwortet.

Die emsigste Hilfskraft des Rackets, der Mann für die ganz schmutzigen Vertragsabschlüsse, hört auf den Namen Moody. Ein von Claudio Undari verkörperter Halsabschneider, der jede von seinen Auftraggebern geplante Schurkerei mit offenen Türen empfängt, um sie möglichst fies in die Tat umzusetzen. Ein Westernbösewicht, der kraft seiner komplett schwarzen Schale gar die infantilen Vorstellungen vom Butzemann bestätigt, was mit Blick auf die simplen Dresscodeformeln, die Gut und Böse unleugbar trennen, beinahe schon putzig wirkt. Ihm gegenüber stehen zwei Charaktere, die, ungeachtet ihrer ehrenhaften Absichten, nicht wirklich die Vorstellungen von den für Gerechtigkeit und Gesetz streitenden Helden mit den blütenweißen Westen bestätigen. Einerseits der ehemalige Strafgefangene Donald Stevens, der mithilfe der Rancherin Alice McCornick auf Bewährung aus dem Gefängnis entlassen wurde. Anderseits ein (dem Charakter Dude aus RIO BRAVO nachempfundener) Alkoholiker namens Brandy. Was simultan einige Zitate (die nicht allein Borrachón verpflichtet sind und sich u. a. auch in musikalischer Manier niederschlagen) aus genanntem Hawks-Western auf den Plan ruft. Folglich treten eine Schnapsdrossel und ein Ex-Knacki für die Wiederherstellung der Ordnung, ergo für Recht und Gesetz in Losatumba ein. Shakespeare würde mittels Mirandas und Douglas Hickox mittels Edward Lionhearts Munde verkünden:

„Wackre neue Welt, die solche Bürger trägt!“

Ungeachtet des beckmesserischen Einwurfs befinden sich beide Personen auf dem Weg zur Rehabilitation, da ihr Auflehnen ehrenvollen Absichten geschuldet ist, was sie adelt und gleichlaufend zu wertvolleren Menschen reifen lässt. Der Grund für Brandys Alkoholsucht wird uns nicht mitgeteilt, womit die Skizzierung von Howard Hawks Charakterzeichnungen, Dude (RIO BRAVO) wie auch J. P. Harrah (EL DORADO), divergiert. Beide zuletzt genannten Charaktere wurden bekanntlich durch eine Lebenskrise (die unglückliche Liebe zu einer Frau) aus der Bahn geworfen und klammerten sich an die Whiskeyflasche, um ihren rasanten wie unaufhaltsamen Absturz auszublenden. Brandys Vergangenheit kann dementgegen einem Buch mit sieben Siegeln gleichgesetzt werden, da wir nichts aus seiner Biografie erfahren. Sofern man sich damit nicht abfinden mag, greift freilich immer noch die Theorie, dass ihn, wie auch andere Schluckspechte der Westernlichtspiele, die ihn überfordernde Veränderung des einst wilden und nun zivilisierten Westens, in die Identitätskrise gleiten ließ.

Gemessen an den südländischen Filmfirmierungen (ins Deutsche übersetzt: „Brandy, der Sheriff von Losatumba“ und „Reiten und töten“) zeigte sich der bundesrepublikanische Filmverleih wesentlich kreativer und zauberte den deutlich dekorativeren Titel GESETZ DER BRAVADOS, der höchstwahrscheinlich an den Taufnamen von Henry Kings Western THE BRAVADOS angelehnt ist, mit dessen Sujet allerdings nichts zu schaffen hat. Der Film orientiert sich stattdessen, wie ich es bereits anklingen ließ, an den US-amerikanischen Wide Open Town Western sowie RIO BRAVO. Und sofern man sich das Finale genau anschaut, lässt sich nebst dem Verweis in Richtung DER MANN, DER LIBERTY VALANCE ERSCHOSS gar eine Sache dechiffrieren, die etwas vorweg nimmt, das (schnallen Sie sich an, denn wir springen flink von Ford zurück zu Hawks) rund vier Jährchen später innert EL DORADO seine Umsetzung fand und die Unfairness eines eigentlich sauberen Helden allumfassend legitimiert.

Fazit: GESETZ DER BRAVADOS lässt sich als ein in der dritten Epoche der realen Historie Amerikas angesiedelter, früher italienischer Western umschreiben, der auf unspektakuläre, nicht sonderlich spannende, aber unterhaltsame Weise eine Geschichte erzählt, die uns in ähnlicher Bauart bereits in aberhunderten US-amerikanischen Westernvehikeln begegnet(e). Was den Film individualisiert, ist die Konstruktion seiner Hauptfigur. Ein von der Gesellschaft abgeschriebener Trunkenbold, der mit dem Colt nicht umgehen kann und sich nichtsdestotrotz zur Zivilcourage ermuntern wie ermutigen lässt, was ihn simultan zu jenem wertvollem Menschen reifen lässt, dem es gelingt, den Weg in eine vermutlich bessere Zukunft vorzubereiten.

Der Film wurde in unterschiedlichen Versionen veröffentlich respektive von den Sendeanstalten ausgestrahlt. Die mir vorliegende Version von RAI erreicht inklusive der Anfangs und Abschlusstexttafel eine Laufzeit von knapp 85 Minuten und ist selbstredend der deutschen VHS (ca. 70 Minuten lang und mit der Laufzeit der TV- Ausstrahlung des Senders VOX nahezu identisch) klar vorzuziehen. Ungeachtet dessen wurde ein munteres Regieraten entfacht, das bis dato anhält und die Fragen nach den Verantwortlichen weiterhin offen lässt. So bringt beispielsweise Marco Giusti in seinem Buch „Dizionario del western all'italiana“ den Drehbuchautoren José Mallorquí ins Spiel. Andere gestehen wiederum Mario Caiano eine größere Funktion zu, als es die Rolle des Co-Regisseurs von José Luis Borau (dessen inszenatorische Hauptverantwortlichkeit von Claudio Undari bestätigt wurde) schlussendlich erwarten lässt.
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