Tre croci per non morire (Drei Kreuze, um nicht zu sterben) - Sergio Garrone (1968)

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sid.vicious
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Tre croci per non morire (Drei Kreuze, um nicht zu sterben) - Sergio Garrone (1968)

Beitrag von sid.vicious »

Originaltitel: Tre croci per non morire
Regisseur: Sergio Garrone
Kamera: Sandro Mancori
Musik: Vasili Kojucharov, Elsio Mancuso
Drehbuch: Franco Cobianchi, Sergio Garrone
Darsteller: Craig Hill, Ida Galli Giovanni Cianfriglia, Jean Louis, Franco Cobianchi, Amedeo Timpani, Giovanni Ivan Scratuglia, Raffaele Di Mario, Bruno Arié, Giuseppe Castellano, Mariangela Giordano, Vittorio André, Arrigo Peri, Renato Lupi, Sandro Scarchilli, John Bartha, Enrico Chiappafreddo, Franco Gulà, Valerio Tordi, Franco Ukmar
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tre_croci_per_non_morire-282809834-large.jpg (79.66 KiB) 155 mal betrachtet
In Mason City steuert die Verbrechensquote seit jeher hohe Werte an. Doch in dieser Woche gehen den Ordnungshütern gleich drei Gesetzesbrecher in die Falle, sodass der Pferdedieb Paco, der gerissene Jerry und der eiskalte Killer Reno ein minder lauschiges Plätzchen im örtlichen Kittchen zugewiesen bekommen. Dort trifft das Trio auf Francesco Ortega. Ein zu Unrecht einsitzender junger Mann, dessen Gnadengesuch soeben abgelehnt wurde, was gleichbedeutend mit seinem Todesurteil ist. Nachdem Francesco in eine andere Zelle, die Todeszelle, verlegt wurde, wird dem Trio wie von Geisterhand die Zellentür geöffnet und demgemäß die Flucht ermöglicht. Den Grund erfahren die drei Halunken von einem Vertreter der katholischen Kirche: Sie sollen innerhalb von 10 Tagen den wahren Schuldigen finden und Francesco Ortega vor dem Galgen retten. Als besonderen Anreiz stellt Francescos Vater dem Trio eine nicht unbeträchtliche Belohnung (ein fünfstelliger Dollarbetrag) in Aussicht.

Sergio Garrone startete seine Karriere (vermutlich) als Drehbuchautor und lieferte mit seinem ersten Skript definitiv ab, denn der von Giuseppe Vari inszenierte FÜR DOLLAR INS JESEITS ist schon ein verflucht geiler IW, den Garrone obendrein als Produzent betreute, was in doppelter Hinsicht für Garrones Fähigkeiten spricht. Sein Regiedebüt feierte er kraft des eher mittelprächtigen Western ANDERE BETEN - DJANGO SCHIEßT. Noch im selben Jahr sollte TRE CROCI, PER NON MORIRE folgen. Ein italienischer Western, der niemals in den deutschen Lichtspielhäusern aufgeführt wurde und seine deutsche Firmierung (DREI KREUZE, UM NICHT ZU STERBEN) mittels einer 1:1 Übersetzung erhielt. Ich tue mich generell und zu Recht schwer mit deutschen Firmierungen von Filmen, die niemals in der BRD aufgeführt, niemals als VHS respektive in digitalisierter Form veröffentlicht und niemals im deutschen TV ausgestrahlt wurden, sodass ich in derartigen Fällen generell zum Originaltitel tendiere und diesen auch fortan verwenden werde.

Garrone verfasste die Drehbücher zu seinen Westernregiearbeiten allesamt selbst. Ob er die Personalunion passabel oder beispielhaft absolvierte - müssen Sie selber entscheiden. Ich persönlich siedle seine Westernarbeiten zwischen mittelprächtig bis (sehr) gut an. Kontrovers wird es in der zweiten Hälfte der 1970er, als sich Garrone in den Sadiconazista-Zyklus einbrachte, Kontexte banalisierte, einhergehend sexualisierte und in letzter Konsequenz gar Historisches verfälschte, was jetzt allerdings nicht unser Gesprächsthema sein soll.

Fragt mich jemand nach den besten Garrone-Western, könnte ich mich nicht auf Anhieb entscheiden und würde neben DJANGO UND DIE BANDE DER BLUTHUNDE definitiv auch TRE CROCI, PER NON MORIRE ins Gespräch bringen, denn TRE CROCI bietet Überraschungen, plot twists und mag hin und wieder nicht wirklich mit den IW-Regeln konform gehen. Die Exposition liefert uns beispielsweise drei Charaktere, die kollektiv ins Zentrale treten. Wer von den Dreien der dominante Antiheld sein wird, meint der Zuschauer zwar an seinen fünf Fingern abzählen zu können, aber ob er tatsächlich richtig liegt?

Freilich ist das genannte Trio, wie im IW üblich, auf finanzielle Bereicherung erpicht. Dazu müssen sie allerdings einen ehrenhaften Auftrag erfüllen und die Beweise für die Unschuld des Francesco Ortega (der bereits in der Todeszelle sitzt) erbringen. Während dieser Suche erfahren wir, dass das Trio sehr wohl darauf bedacht ist, seinen Auftrag erfolgreich abzuschließen, um Francescos Kopf zu retten. Kraft dieser Tatsache gelingt es Garrone, den Zuschauer zum Komplizen dieser zwielichtigen Halunken zu machen. Und was man anfänglich für nahezu utopisch hielt, verfestigt sich mit wachsender Spielzeit, nämlich die Tatsache, dass alle drei Figuren (Jerry, Reno, Paco - the Good, the Bad and the Ugly) mit einem Identifikationspotential ausgestattet sind.

Die Infos, die man über die Vergangenheit der drei Personen erfährt sowie ihre gegenwärtigen Neigungen lassen drei unterschiedliche Wege, die der Film einschlagen könnte, vermuten. Jeder der drei besitzt ein Fachgebiet, welches ihm jederzeit Ärger mit dem Gesetz einbringen könnte. Demgemäß lernen sie sich auch im örtlichen Kittchen kennen. Doch ausgerechnet die katholische Kirche ermöglicht ihnen die Flucht, mit dem Ziel die suspekten Personen in ihre ehrenhaften Pläne einzuspannen. Im Zuge dessen wird ein zweites Genre aufgerufen, nämlich der Kriminalfilm mit seinen auf den ersten Blick eindeutigen clues, die Ihnen zu jeder Zeit und allerorten den Mittelfinger zeigen und zu red herrings transformieren können.

Das Gesamtwerk wurde äußerst spannend inszeniert, sodass man gebannt von der Glotze sitzt und sich von - in blutiges Rot getauchten - Rückblenden zusätzlich fesseln lässt. Daraus ziehen wir Informationen über den Tod von Señor Ortega und lernen die mit zahlreichen Fragezeichen verwobene Dolores kennen. Eine geschundene wie leidende Frau, verkörpert von Ida Galli. Irgendwie konnte ich die Frau nie so Recht leiden, was ich mittlerweile überhaupt nicht mehr nachvollziehen kann, denn Ida Galli besitzt eine geheimnisvolle wie anziehende Ausstrahlung. Sie gibt in ihren Filmrollen oftmals den kühlen Frauentyp, deren Gefühlskälte viele Male einem vorangegangenen Leiden geschuldet ist. Ida Galli reflektiert das Gegenteil einer Edwige Fenech. Man kann sie mit den charismatischen Schönheiten wie Claudia Cardinale und Elga Andersen vergleichen.

Auch der Rest der Belegschaft konnte mich überzeugen. Craig Hill (Jerry) gibt die gewohnte Bank. Franco Cobianchi (Paco) ist ein ordentlicher Vertreter für die handelsübliche Fernando Sancho-Rolle. Giovanni Cianfriglia (Reno) ist ebenfalls gut dabei - seine Optik erinnert mich etwas an Gesichtsruine Gordon Mitchell. Und die von Jean Louis an eine Mixtur aus Anton Diffring und Dennis Hopper. Gute Mischung? Klar, das ist auch ein guter Western mit einer dito guten Besetzung.

Fazit: TRE CROCI, PER NON MORIRE präsentiert ein gekonnt inszeniertes Wechselspiel zwischen Western und Kriminalfilm, welches peu a peu die notwendigen Informationen zur Lösungsfindung liefert. Ein Film, der den Zuschauer gar hin und wieder an der Nase herumführen kann, zwar kein X für ein U vormacht, aber den Erwartungshaltungen sehr wohl einen Streich spielen könnte. Ob der Film dabei mit den IW-Regeln konform geht oder sie außer Kraft treten lässt? Finden Sie es selber raus. Sehen sie es als ein kleines Pokerspiel, und zwar als eines mit verdeckten Karten. Lassen Sie sich bluffen oder lassen Sie sich verblüffen? Oder ziehen Sie ihr eigenes, fortwährend kaltschnäuziges Scheuklappenspiel durch? So what, denn am Ende siegt nicht nur der IW-Routinier.
https://italo-cinema.de/item/drei-kreuz ... zu-sterben
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