Last Exit. Punk: Leben im toten Herz der Städte

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Moderator: jogiwan

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sid.vicious
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Last Exit. Punk: Leben im toten Herz der Städte

Beitrag von sid.vicious »

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Die Autoren Boris Penth und Günter Franzen philosophieren gleich zu Beginn als gäb's kein Morgen mehr (eine Zukunft gab es ja eh nie). Dabei treten einige Satzkompositionen zu Tage, die ich nicht nur klasse fand, sondern die mich gar dazu anreg(t)en die Sachen weiterzuspinnen. Ordnung im Inneren, Absicherung und Verteidigung nach außen. In der Gemütlichkeit erreicht der deutsche Hausgedanke seinen höchsten Ausdruck.

Anschließend gibt es Interviews mit HANS-A-PLAST, BETONTOD und KORPUS KRISTI sowie mit einigen 78er-Punks und vermutlich späteren Sozialarbeitern, Alfred Hilsberg und Jäki Eldorado. Vivianne Westwood quatscht ein wenig über Punk-Mode.

Das Aufkeimen von Punk ist für die Autoren eine logische Konsequenz dessen, was ihm (dem Punk) voran ging – gesellschaftlich Maßreglungen, gesellschaftliche Normen, der latente Drang zum Aufbegehren einer verlorenenen Generation. Die Autoren reden nichts schlecht, sie scheinen sich in der Szene alles andere als unwohl gefühlt zu haben. Halt Intellektuelle, die nicht den Intellektuellen raushängen lassen, keine Jugendkultur verurteilen und dem Klartext verbunden sind. Der Schwerpunkt liegt natürlich auf der bundesdeutschen Punk-Szene. Neben Problemen mit der Staatsgewalt werden Hausbesetzungen angesprochen und der berechtigt böse Blick in Richtung BILD-Zeitung rundet das Ganze ab. Die Establishment-Allegorie der 1960er, die Jungens und Mädels über 30, die „Traue keinem über 30“-Fanfare, hatte freilich einen festen Platz in der frühen Punk-Szene, aber Hilsberg stellt sie zumindest in Frage.

Das Buch ist nichts für Iroträger, die besoffen auf dem Asphalt sitzen und sich lallend darüber beschweren wie scheiße ihnen das Leben doch mitgespielt habe. Das Buch richtet sich vielmehr an jene Leute, die 1 und 1 zusammenzählen können. Leute, welche die bundesrepublikanische Punk-Zeit von 1976 (das sind ganz wenige) bis zur 83er Spätlese miterlebten, werden sich hier irgendwie, irgendwo und irgendwann wieder finden.
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karlAbundzu
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Re: Last Exit. Punk: Leben im toten Herz der Städte

Beitrag von karlAbundzu »

Sehr schön.
Als junger Typ habe ich mich den Sachen ja immer auf mehreren Ebenen genähert. Und neben den Schallplatten und älteren Punks waren mir Leseratte ja auch Bücher ein Quell. Gab ja aber nicht viel. Dieses hier und eine Zusammenfassung früher Fanzines ( Ott/Skai: wir waren Helden für einen Tag) war eigentlich alles, tauschte ich gegen ein paar Metalplatten ein.
jogiwan hat geschrieben: solange derartige Filme gedreht werden, ist die Welt noch nicht verloren.
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FarfallaInsanguinata
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Re: Last Exit. Punk: Leben im toten Herz der Städte

Beitrag von FarfallaInsanguinata »

Ich kenne das Buch selbstverständlich aus dem damaligen Durchblättern im Buchladen, komplett gelesen habe ich es nie.
Der linke Buchladen im Bremer Viertel hatte auch alle Bücher über unsere Subkultur im Programm, die ab 1982 schlagartig zunahmen. Den Buchladen gibt es übrigens an selber Stelle bis heute, ich bin allerdings 2007 zur deutlich cooleren Konkurrenz direkt gegenüber gewechselt. :wink:
Das Buch machte auf mich einen semi-interessanten Eindruck, war auch offensichtlich von Szenefremden verfasst. Ich habe damals lieber "Der große Schwindel" gekauft, das ich nach wie vor empfehlenswert finde.

Mein Leben is'n Bus ... Leute steigen ein ... und aus.
('Schloss Einstein'-Charakter Joyce)
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