Corsage - Marie Kreutzer (2022)

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Salvatore Baccaro
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Corsage - Marie Kreutzer (2022)

Beitrag von Salvatore Baccaro »

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Originaltitel: Corsage

Produktionsland: Österreich / Luxemburg / Deutschland / Frankreich 2022

Regie: Marie Kreutzer

Cast: Vicky Krieps, Florian Teichtmeister, Katharina Lorenz, Colin Morgan, Jeanne Werner, Alma Hasun, Manuel Rubey


Auf eine strenge Chronologie und historische Akkuratesse der geschilderten Ereignisse hat die SISSI-Trilogie, die Ernst Marischka in den 50ern mit Romy Schneider in der Hauptrolle dreht, wenig Wert gelegt. Auffallend wird das besonders in den Finalen von Teil 2 und 3: SISSI – DIE JUNGE KAISERIN (1956) endet mit der Reise Sissis und Franz Josephs nach Ungarn, wo die beiden zu König und Königin gekrönt werden – ein Zeremoniell, das, wie die Geschichtsbücher lehren, im Jahre 1867 stattfand. SISSI – SCHICKSALSJAHRE EINER KAISERIN (1957) wiederum handelt im Schlusstakt davon, wie sich die Bevölkerung Norditaliens gegen das österreichische Kaiserpaar auflehnt: Erst kommt es in Lombardo-Venetien zum Skandal, dann bringen ihnen die Bürger Venedigs bei einer öffentliche Veranstaltung einzig Abneigung gegenüber. Natürlich ist es Elisabeth selbst, die den Tag rettet: Es reicht aus, dass ihr die eigene kleine Tochter in die Arme springt, und schon sind die Venezianer zu Tränen gerührt, brechen in „Viva-la-Mamma!“-Rufe aus, die schließlich von der österreichischen Nationalhymne übertönt werden – das im Grunde perfekte, weil über alle Gebühr kitschige Ende einer Filmtrilogie, die den Begriff „Kitsch“ quasi neu definiert hat. Da Venetien allerdings bereits 1856 im Zuge des Risorgimento Österreich abspenstig gemacht wurde, müssen die italienischen Episoden faktisch eigentlich vor dem Finale des zweiten Teils angesiedelt sein.

Sei’s drum: In jedem Fall kann man in Bezug auf Marie Kreutzers vierten Spielfilm CORSAGE, für den es derzeit Preise hagelt, der gar für die Oscar-Verleihung 2023 als österreichischer Beitrag ausgewählt wurde und der ansonsten aufgrund der sexuellen Präferenzen seines Hauptdarstellers in die (Negativ-)Schlagzeilen geriet, festhalten, dass sich der Streifen in kompletter und sicherlich ganz bewusster Opposition zu den weltberühmten Melodramen Marischkas positioniert. Das fängt allein damit an, dass CORSAGE gewissermaßen dort einsetzt, wo SISSI endet: Zu Beginn von Kreutzers Film erfahren wir, dass Kaiserin Elisabeth ihren vierzigsten Geburtstag gefeiert hat, sprich, für die damalige Zeit schon fast kurzdavorsteht, ins Greisinnenalter einzutreten. Das Jahr, in dem CORSAGE startet, ist demnach 1877, zehn Jahre nach SISSI -SCHICKSALSJAHRE EINER KAISERIN, und in der Dekade zwischen den beiden Interpretationen des Lebens der österreichischen Kaiserin hat sich vor allem ästhetisch einiges getan:

Die stellenweise kaum erträgliche süßliche Ästhetik SISSIs mit ihren pastellfarbenen Farben, den überladenden Dekors und Kostümen, dem unbedingten Stilwillen, die K-u-K-Monarchie im Stil verklärender Postkarten zum Leben zu erwecken ist einer distanziert-kühlen Inszenierung gewichen, wie sie mir für das zeitgenössische Arthouse-Kino symptomatisch scheint, - gewiss, Marie Kreutzer beäugt ihre Figuren nicht ansatzweise emotionslos wie es Cyril Schäublin im etwa zeitgleich in die Lichtspielhäuser gelangten, ungefähr zur selben Zeit spielenden Historienstoff UNRUEH tut, und dennoch umschifft Kreutzer weitgehend etwaige dramatische Auswüchse, versteckt tragische Vorfälle, emotionale Ausbrüche, Verletzungen und Schmähungen, die Elisabeth erleiden muss, oft lieber in der Ellipse zwischen zwei Schnitten, statt pathetische Exzesse zu feiern wie es Marischka seinerzeit tat. Ebenso dem Realismus verbunden sind die Schauspieler, - gerade Vicky Krieps agiert betont naturalistisch, äußert Gefühle über kleine Gesten, unscheinbare Blicke, liefert lieber einen Hinweis auf ihre seelische Situation zu wenig als einen zu viel, und steht dadurch in deutlichem Kontrast zum Schmachten, Seufzen, Schwelgen, das Romy Schneiders Adaption der Figur bestimmt hat. Nicht zuletzt ist natürlich der Fokus bei Kreutzer ein ganz anderer: Als „feministische SISSI“ wurde CORSAGE irgendwo bezeichnet, und wenig überraschend erzählt der Film eben keine rührselige Liebesgeschichte im Monarchisten-Milieu, bei der die Politik eine bloße Randerscheinung einnimmt, sondern folgt stattdessen dem Leidensweg einer Frau, die im titelgebenden Korsett gesellschaftlicher Konventionen eingeschnürt ist: Elisabeth langweilt sich, da sie ihr Franzl partout nicht bei den Regierungsgeschäften beteiligen möchte, und es am liebsten sieht, wenn sie bei öffentlichen Auftritten an seiner Seite eine gute Figur macht; Elisabeth sehnt sich nach Liebe, Zärtlichkeit, Sexualität, weil sich ihr Intimkontakt mit dem Gatten auf mechanische Hand Jobs beschränkt, und jede Möglichkeit einer außerehrlichen Affäre sofort im Keim erstickt wird, so unter anderem von der eigenen Schwester, die es Kaiser Franz sogleich meldet, als Elisabeth bei einem Englandaufenthalt mit ihrem Reitlehrer anzubandeln droht; Elisabeth rebelliert zunehmend gegen das ihr übergestülpte Korsett, gegen den Jugendwahn, dem sie sich unterworfen sieht, fingiert Ohnmachtsanfälle, nimmt nicht mehr an Bällen und Kundgebungen teil, befolgt die Befehle Franzens nicht mehr, erhebt Widerspruch wie ein trotziges Kind, weswegen der Kaiser Ärzte einschaltet, die Elisabeths Geisteszustand untersuchen, ihr Aufbegehren gegen die fixe Rolle geflissentlich pathologisieren sollen, denn wenn eine Frau gegen ihren Mann die Revolte beginnt, dann kann bei ihr ja wohl etwas im Oberstübchen nicht ganz stimmen. Einiges Trostpflaster: Cousin Ludwig II., mit dem Elisabeth eine Seelenverwandtschaft verbindet, und der der Einzige ist, mit dem sie beispielweise offen über ihre Suizidgedanken sprechen kann.

Überrascht hat mich von alldem nichts: Die Erwartungshaltung, die ich CORSAGE gegenüber hegte, hat sich zu einhundert Prozent bestätigt gefunden. Weder die Mise en Scène noch der dargestellte (innere) Konflikt der Hauptfigur oder die verhandelten gesellschaftlich-politischen Themen hatte ich nicht ganz genauso vorausgesehen, wie sie der Film letztlich präsentiert, - und das hat weniger mit besonderen Sehergaben meinerseits zu tun, sondern wohl eher damit, dass CORSAGE ein Register bedient, das man, ganz ohne Wertung, vielleicht als Arthouse-Mainstream bezeichnen könnte. Mancher Anachronismus entzückt freilich, wenn eine Harfistin Sixties-Popsongs anstimmt, oder wenn Requisiten im Bild erscheinen, die definitv nicht zu Lebzeiten Elisabeths existiert haben dürften; die Szenen, in denen Sissi mit dem Photo-Pionier Louis Le Pince zusammentrifft, und er primitive Bewegtbilder von ihr anfertigt, bergen interessante metareflexive Kommentare, die den Film über sich selbst nachdenken lassen; im Finale interpretiert Kreutzer die Historie dann doch neu, beziehungsweise schreibt sie eigenhändig um, womit ich dann doch nicht gerechnet hätte. Alles in allem ist CORSAGE demnach sicherlich ein sehenswerter Film, jedoch einer, bei dem ich nach kurzem Blickkontakt mit dem Poster im Grunde sofort wusste, worauf ich mich einlasse.
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