The Trouble with Being Born - Sandra Wollner (2020)

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Salvatore Baccaro
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The Trouble with Being Born - Sandra Wollner (2020)

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MV5BNDRhYjJmMTktMGI1MS00ZDQ3LThmN2ItYjU5OGMzOTk0ZTk0XkEyXkFqcGdeQXVyMjM5NjAyODU@._V1_.jpg (4.82 MiB) 223 mal betrachtet

Originaltitel: The Trouble with Being Born

Produktionsland: Österreich/Deutschland 2020

Regie: Sandra Wollner

Cast: Lena Watson, Dominik Warta, Ingrid Burkhard, Simon Hatzl, Jana McKinnon


In irgendeiner Nacht der frühen 2010er Jahren reißt mir die Hutschnur mit einem lauten Knall: Mir hängen die exzessiven Partys endgültig zum Hals heraus, die meine damalige Freundin in einer selbstverwalteten Bar direkt neben ihrem Atelier veranstaltet, wo der hochprozentige Alkohol in Strömen fließt, Joint-Qualm in Lungen strömt und weißes Pulver in schniefende Nasen, und man um drei Uhr morgens, als der Biervorrat endlich erschöpft ist, noch mit dem Taxi zur nächsten Tankstelle fährt, um aus der eigenen Brieftasche zwei, drei weitere Kästen zu finanzieren, nur damit man den Mahnruf des Bettes nicht hören muss. Nachdem ich ein Stück vom Epizentrum des Rausches fortgeschlichen bin, stoße ich auf eine verschlafene Altstadtgasse, in die ich bislang nie einen Fuß gesetzt habe. Gegenüber einer Schwulenbar setze ich mich auf die Mauer einer mittelalterlichen Kirche und lese im Straßenlaternenschein weiter in dem Buch, das mir schon die letzten Stunden halbwegs erträglich gemacht und mir über die Gewissheit hinweggeholfen hat, dass sich die Lebensrealitäten von mir und meiner Freundin inzwischen ziemlich krass auseinander dividiert zu haben scheinen: Es heißt VOM NACHTEIL, GEBOREN ZU SEIN, und erscheint 1973 in Paris. Autor ist der rumänische Philosoph Emil Cioran, der seit Ende der 30er in Frankreich lebt, und dessen Werk größtenteils aus radikalskeptischen, wenn nicht gar nihilistischen Aphorismen besteht. Obwohl er in zahllosen Büchern eine Apologie des Suizids nach der nächsten schreibt, wird er in seiner Dachgeschosswohnung im Quartier Latin über neunzig Jahre alt. Ein Satz aus VOM NACHTEIL, GEBOREN ZU SEIN könnte als Motto über dem zweiten Langfilm der österreichischen Regisseurin Sandra Wollner stehen: „Menschen sind Roboter mit Defekten.“ Dessen Titel wiederum nimmt direkt auf Cioran Bezug: THE TROUBLE WITH BEING BORN.

Ganz offensichtlich hat Wollner mehrere Semester lang die Bänke der Michael-Haneke-Schule des minimalistisch-sperrig-verstörenden Erzählens gedrückt: In THE TROUBLE WITH BEING BORN werden wir mit nüchtern-distanzierten Bildern konfrontiert, in denen im Grunde nie etwas Schlimmes zu sehen ist, dafür gähnt hinter jedem von ihnen ein Abgrund; der Ton des Films ist betont ruhig, fast schon dokumentarisch in seiner manchmal nahezu statisch anmutenden Unaufgeregtheit; lang sind die Einstellungen, träge die Kamera; ähnlich wie in Werken der Berliner Schule agiert das Schauspielensemble, als sei jede Gefühlsäußerung etwas, das man nicht über Gebühr verschwenden dürfe; extradiegetische Musik gibt es nicht, dafür eine Montage, die an Hanekes Idol Robert Bresson denken lässt: THE TROUBLE WITH BEING BORN verschweigt mehr als dass er zeigt – und in genau diesen Ellipsen tun sich besagte Abgründe auf, deren Schlünde wir zwar nie wirklich zu Gesicht bekommen, deren Gähnen wir jedoch mehr als deutlich spüren können, und die dadurch, dass wir uns selbst ausmalen müssen, was alles in ihnen lauert, umso klaffender wirken. Gerade die erste Hälfte hat mich wirklich nachträglich beklommen gemacht:

Ein kleines Mädchen und ein Mann mittleren Alters. In einem schmucken Anwesen verbringen sie den Sommer. Man plantscht im Pool, man döst in der Sonne. Vater und Tochter? Möglicherweise, aber schnell wird klar, dass da eine erotische Komponente dem Verhältnis beigemischt ist, die Unbehagen auslöst. Ständig präsentiert das Kind sich vor dem Erwachsenen splitterfasernackt; etwas zu innig muten die Zärtlichkeiten an, die er ihr schenkt, wenn er sie ins Bett bringt; und was sollen diese merkwürdigen Handgriffe, die er an dem jungen Körper vornimmt? Ohne dass es jemals explizit ausgesprochen wird, steht irgendwann fest: Elli, wie das Mädchen genannt wird, ist eine Androide, die ihr vermeintlicher Vater Georg mit dem Mindset der eigenen Tochter gefüttert hat, und die ihm nun das abwesende Kind ersetzt, - mit sämtlichen inzestuösen Implikationen, die die Beziehung von Vater und Tochter in der Realität bestimmen.

Diese Prämisse ist aber nur der Anfang einer schmerzhaften Studie über menschliche Einsamkeit, zu der sich THE TROUBLE WITH BEING BORN mehr und mehr auswächst: Präzise beobachtet Wollner ihre menschlichen Protagonisten durch die Augen ihrer non-humanen Protagonistin und zeichnet ein Bild von Großstadtisolation, unterdrückter sexueller Begierden, purer Verzweiflung, ohne dass das Ganze, wie gesagt, mit besonders heftigen Paukenschlägen auskommen müsste. Quasi nebenbei und beinahe geflüstert stellt der Film grundlegende, nachgerade philosophische Fragen, das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine betreffend: BLADE RUNNER als hermetisches Arthouse-Projekt, von dem ich mir vorstellen kann, dass es vielen zu verkopft daherkommen wird, - oder aber, dass ebenso viele von der Pädophilie- und Inzest-Thematik einen Klotz in den Hals gestopft bekommen, der sie daran hindert, sich dem Werk überhaupt nähern zu wollen. Dass THE TROUBLE WITH BEING BORN aufgrund seiner Darstellung kindlicher Nacktheit für Entrüstung gesorgt hat, (obwohl - oder gerade weil? - sämtliche Nacktszenen der minderjährigen Heldin per CGI getrickst wurden), wundert mich jedenfalls weit weniger als die Tatsache, dass diese Antithese dessen, was man gemeinhin unter Unterhaltungskino versteht, hierzulande gar im Rahmen des Kleinen Fernsehspiels des ZDFs zu sehen gewesen zu sein scheint.
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