Fahrenheit 11/9 - Michael Moore (2018)

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Fahrenheit 11/9 - Michael Moore (2018)

Beitrag von buxtebrawler »

Fahrenheit 11-9.jpg
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Originaltitel: Fahrenheit 11/9

Herstellungsland: USA / 2018

Regie: Michael Moore

Mitwirkende: Michael Moore, Brooke Baldwin, Ashleigh Banfield, Steve Bannon, Roseanne Barr, Joy Behar, Ruth Ben-Ghiat, Barry Burden, Pat Caesar, April Cook-Hawkins, Tasha Dixon, Rodrigo R. Duterte u. A.
Kaum eine Wahl hat die Öffentlichkeit so stark beschäftigt wie die von Donald Trump zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten. Als einer der wenigen, die das Ergebnis vorhergesagt haben, offenbart Oscar®-Preisträger Michael Moore die Umstände und Mechanismen, die zur Machtergreifung des umstrittenen Kandidaten geführt haben. Im Fokus seiner Kritik steht dabei nicht nur der Präsident selbst, sondern vor allem auch das Versagen der Demokraten. Furchtlos, provokativ und hochgradig unterhaltsam seziert Michael Moore die politischen und gesellschaftlichen Prozesse bis zu Donald Trumps Amtseinführung und prangert soziale Ungleichheit an. Dabei bleibt er nicht bei der Frage, wie es dazu kommen konnte, sondern ruft alle Amerikaner zu politischem Engagement und Widerstand auf.
Quelle: Weltkino Filmverleih

Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
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Re: Fahrenheit 11/9 - Michael Moore (2018)

Beitrag von buxtebrawler »

Michael Moore, Star des politischen US-amerikanischen Dokumentarfilms, vertauschte für seinen nach „Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte“ (2009) und „Where to Invade Next“ (2015) jüngsten Film „Fahrenheit 11/9“ aus dem Jahre 2018 schlicht die Zahlen seines Erfolgsfilms „Fahrenheit 9/11“ (2004), in dem er sich kritisch mit George W. Bushs verheerender Präsidentschaft auseinandersetzte. Anhand der mehr oder weniger überraschenden Präsidentschaft des Milliardärs Donald Trump seit 2016 ergründet er den Zustand der US-amerikanischen Gesellschaft und ihres politischen Systems.

Zunächst einmal zeichnet er ein Bild von Trump als Medienphänomen, das den meisten außerhalb der USA unbekannt gewesen sein dürfte: Wie Trump durch Partizipation an irgendwelchen Unterhaltungssendungen überhaupt erst als Präsidentschaftskandidat ins Gespräch kam, was anfänglich noch gar nicht ernstgemeint war. Was daraus wurde ist Geschichte und wie es dazu kam Gegenstand von Moores Analysen. Es ist das Totalversagen der Gegenspieler Trumps: der Demokratischen Partei. Diese verfügt über keinerlei proletarisches Profil mehr, ist durchzogen von Korruption und fälschte sogar die Ergebnisse parteiinterner Abstimmungen, um eine falsche Schlange wie Hillary Clinton zur Präsidentschaftskandidatin hochzujazzen – die Ehefrau eines der miesesten ehemaligen demokratischen US-Präsidenten sollte Nachfolgerin des Schaumschlägers Obama werden, der vor allem mit Drohnenmorden und der Verurteilung von Whistleblowern auffiel. Trump hingegen schien die Demokraten links zu überholen, als er versprach, mit Kriegen schlusszumachen und die Soldatinnen und Soldaten zurück in die USA zu holen. Das kam ebenso gut an wie seine Anti-Politestablishment-Attitüde. Moore hatte Trumps Wahlsieg vorhergesagt und damit den wesentlich besseren Riecher bewiesen als der Großteil sog. Wahlforscher und -beobachter.

Mit dem Skandal um die Wasserversorgung in Moores Heimatstadt Flint, die der republikanische Gouverneur Rick Snyder im Interesse der Privatwirtschaft auf vergiftetes, bleihaltiges Wasser umgestellt und damit zahlreiche Todesfälle und nachhaltige Vergiftungen zu verantworten hat, hat Moore das perfekte Beispiel für die Perfidie des US-Kapitalismus und dessen Steigbügelhalter, der Republikanischen Partei, gefunden – und für das Enttäuschen aller in die Demokraten gesetzten Hoffnungen: Obama entblödete sich während seiner Präsidentschaft nicht, mit viel Brimborium persönlich nach Flint zu reisen, um das Problem kleinzureden und mehrmals so zu tun (!) als trinke er vom vergifteten Leitungswasser, um zu demonstrieren, wie harmlos es angeblich sei.

Apropos Wasser: Aus Protest Trump zu wählen ist natürlich wie aus der Kloschüssel zu trinken, wenn das Bier nicht schmeckt, wie Moore anhand der kritischen Betrachtung Trumps anschaulich darlegt. Jedoch hatte Trump – wie einst Bush jr. – gar nicht die Mehrheit aller Stimmen erhalten. Statt sich gegen seine eigenen Landsmänner und -frauen in Antiamerikanismus zu ergehen, entlarvt er das US-System als kapitalistische Scheindemokratie. Anhand von Umfrageergebnissen zu verschiedenen Themen rückt er das sich gerade im Ausland manifestierende Bild vom reaktionären, stumpfsinnigen US-Bürger zurecht und skizziert das Volk als ein mehrheitlich durchaus progressiv orientiertes. Und statt in Desillusion und Agonie zu verfallen, proträtiert Moore diverse erfolgreiche Aktionen von NGOs und in die Politik drängende unkorrumpierte Menschen, die zu den Hoffnungsträgern dieses Films werden.

Moore wird häufig vorgeworfen, mit populistischen Mitteln zu arbeiten. Ein Teil davon ist bestimmt der hierzulande ungewohnten US-amerikanischen Debattenkultur geschuldet. Nichtsdestotrotz ist es sicherlich grenzwertig, wenn Moore durch Schnittcollagen Trump in die Nähe eines inzestuösen Familienvaters rückt – und vor allem, wenn er Aufnahmen Adolf Hitlers mit Reden Trumps unterlegt, um eindringlich die Parallelen aufzuzeigen und vor der Entwicklung der USA zu einer diktatorischen Autokratie zu warnen. Das Anliegen ist ein hehres, jedoch kann es Hitler-verharmlosend wirken: Autokraten und Diktatoren sind schlimm genug, der industrielle Völkermord Hitlers und seiner Schergen ist jedoch noch einmal von ganz anderer „Qualität“. Doch wie dem auch sei: Die bevorstehende US-Präsidentschaftswahl wird zurzeit mit Spannung erwartet und es würde wohl niemanden wundern, wenn diese nicht reibungslos über die Bühne ginge.

Unterm Strich hat Moore mit „Fahrenheit 11/9“ sehr vieles richtig gemacht: Sachverhalte anhand konkreter Beispiele verdeutlicht, Klartext gesprochen und anhand nachprüfbarer Daten untermauert, zwecks Authentisierung auf zahlreiches Archivmaterial zurückgegriffen und statt auf Frust auf Konstruktivität gesetzt, indem er seinem Publikum engagierte Mitmenschen als Vorbilder präsentiert – und nicht zuletzt seinen zweistündigen Film derart unterhaltsam montiert und geschnitten (bzw. schneiden lassen), dass er kurzweilig anmutet, aber lange nachwirkt.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
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