Handlung:
https://www.youtube.com/watch?v=y-YRZHutDRk
Kritik:
[Enthält kleinere Mini-Spoiler, die Auflösung des Mörder-Rätsels oder bedeutendere Aufdeckungen werden allerdings nicht verraten.]
"Mord im Orient-Express" (2017) ist die beste Agatha Christie Verfilmung von Kenneth Branagh, die ich je gesehen habe. Soweit ich mitbekommen habe, hagelt es allerdings allgemein Kritik besonders an Branaghs Interpretation der berühmten Figur Hercule Poirot, doch mir fiel seine Darstellung äußerst positiv auf.
Gut, am Anfang kann man noch nicht viel über seine Performance sagen, da man zu sehr damit beschäftigt ist, auf seinen Bart zu starren, aber sobald man die Gesichtsbehaarung Branaghs kompensiert hat und sich anderen Dingen zuwenden kann, fällt auf, dass er die Wesenszüge der Romanfigur eigentlich recht gut trifft. Er wirkt auf den ersten Blick etwas lächerlich, gewinnt aber bald Respekt, er ist übertrieben höflich und elegant, kann aber auch sehr direkt werden oder Mut beweisen. Selbst die Melancholie, die in dem Film recht deutlich betont wird, ist bereits in den Romanen angedeutet. Außer, dass er keinen Eierkopf hat, ist Branaghs Darstellung der Romanvorlage durchaus ähnlich. Zudem sind seine Dialoge witzig, seine Darstellung abwechslungsreich und von dem Bart geht wirklich eine fast hypnotische Faszination aus.
Den Nebenfiguren gibt er allerdings nicht ganz so viel Aufmerksamkeit wie einige von ihnen benötigen würden. Der Schaffner und der Autoverkäufer zum Beispiel sind vollkommen vergessenswert und Pelélope Cruz als Missionarin, deren Dialog praktisch aus dem Wort "Gott" besteht, fand ich sogar etwas nervtötend. Ich denke, dem Film hätte es gut getan, wenn einige der Verdächtigen gestrichen worden wären, um den anderen mehr Zeit zu schenken. Das tat man schließlich auch bei dem "Tod auf dem Nil" mit Peter Ustinov und niemand hat sich beschwert. Ich denke, wenn Mr. Autohändler, Mr. Russe und seine Freundin und Mr. Butler nicht dabei gewesen wären, hätte es dem Film keinen Abbruch getan, auch wenn Branagh dann keine Rolle für Derek Jakobi gehabt hätte.
Auf der anderen Seite haben wir Figuren, die vielleicht auch einseitig wirken, dafür aber Spaß machen. Judi Dench ist immer toll, Michelle Pfeiffer darf sich austoben, Johnny Depp hat Freude daran richtig böse zu sein und Willem Dafoe ist nicht nur sehr dafoeig, sondern spielt - zumindest in der deutschen Synchronisation - sogar einen stereotypen österreichischen Akademiker, mit Dialekt. Super! Später stellt sich (auf eine sehr witzige Weise) heraus, dass er in Wirklichkeit Amerikaner ist und den Österreicher nur spielt. Auch alle seine rassistischen Äußerungen waren, wie er betont, nur Tarnung um... den österreichischen Akademiker glaubhafter zu mimen!? Was zum Teufel! Woher kommt dieses Vorurteil? Wir Österreicher sind ein absolut liebenswertes Volk menschenfreundlicher Gleichberechtigungsverfechter. Wären wir das nicht, würde ja schon längst eine außen-rechts Partei in unserer Regierungskoalition sitz... oh... äh... Themenwechsel!
Daisy Ridley, Leslie Odom Jr. und Josh Gad spielten vielleicht nicht so erinnerungswürdig, wie die im obigen Absatz genannten Spaßmacher, brachten ihre Rollen aber facettenreich und solide rüber. Sehr positiv überrascht war ich von der Gestaltung der Rolle des Zugbesitzers Bouc, der im Roman (soweit ich mich erinnere) eine eher langweilige Figur ist, im Film als einfältiger Lebemann aber etwas abwechslungsreicher gezeichnet wird.
Von der Figurenzeichnung abgesehen bin ich mit dem Drehbuch von Michael Green nicht sonderlich zufrieden. Die Änderungen, die er an Christies Vorlage vornimmt stören mich nicht per se, allerdings schafft er es nicht, sie gut in die restliche Handlung einzubauen, weswegen die Änderungen wie Fremdkörper hervorstechen. Zwei Beispiele: Im Prolog hat man Poirot einen übertriebenen Symmetriewahn verpasst: Seine Frühstückseier müssen exakt gleich groß sein, er kann es nicht ertragen, wenn eine Krawatte schief sitzt und - besonders albern - wenn er mit einem Schuh in Tierausscheidungen steigt, muss er den anderen auch hinein setzen. Aber gut, wenn sie die Figur zu Monk machen wollen, sollen sie die Figur zu Monk machen. Das Problem ist aber, dass dieser Charakterzug, den sie im Prolog soooooo sehr unter die Nase reiben aus dem restlichen Film verschwindet. Oder: Gegen Ende gibt sich ein Verdächtiger scheinbar als Mörder zu erkennen, macht einen auf Psychopath und schießt Poirot an. Gut so, haben wir eine zusätzliche Action-Szene, warum nicht. Doch gleich danach befindet sich Mr. Gemeingefährlich bei der großen Auflösung UNGEFESSELT einfach so unter den anderen Verdächtigen.
Also die Ergänzungen zu der Originalgeschichte haben ihre Schwächen, dafür ist die Bild- und Tongestaltung sehr lobenswert ausgefallen. Musik ist wie immer bei Branagh von Patrick Doyle und das ist gut so. Die Kamera hat einige sehr schöne Landschaftsaufnahmen, die durch den Computereinfluss zwar oft artifiziell wirken, aber trotzdem hübsch sind. Und die Abgeschiedenheit des Niemandslandes, in dem der Zug strandet ist perfekt vermittelt.
Inszenatorisch lässt sich also wenig aussetzen, wäre da nicht das Ende. Als es an die Auflösung geht wechselt der gute Branagh in Theatralik-Übermodus. Die Stimmung ist düster bis ins Lachhafte, Poirots Gewissen kommt an seine äußersten Grenzen und die Aufreihung der Verdächtigen wirkt so, als ob das "Letzte Abendmahl" Vorbild gewesen wäre. (Anm.: Den Vergleich mit dem letzten Abendmahl zog ich, um das Übertriebene dieser Mise en Scene hervorzuheben. Später las ich nach, dass dieses Gemälde TATSÄCHLICH Branaghs Vorbild für die Szene war. Oh, Ken, du liebst die Theatralik so sehr und ich kann dir einfach nicht deswegen böse sein.
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Fazit:
"Mord im Orient-Express" (2017) ist weit davon entfernt die ultimative Agatha-Christie-Verfilmung zu sein, bietet allerdings eine Übermittlung des Stoffs, die von Anfang bis Ende gut unterhält. Egal ob man sich an den Darstellungen von Branagh, Pfeiffer, Depp, Dench, Dafoe und anderen Schauspielern erfreut oder zwei Stunden lang auf Branaghs Bart starrt, langweilig wird es wahrscheinlich nicht. Außerdem hat Branagh in Aussicht gestellt, bei einem Kinoerfolg weitere Poirot-Filme zu drehen. Und da ich bei seiner melancholischen Interpretation der Rolle gerne sehen würde, wie er den Roman "Vorhang" verfilmt, sollten wir uns alle "Mord im Orient-Express" ansehen.
And if this, by any chance, is read by Kenneth Branagh himself:
Dear Mr. Branagh!
First of all: I really like your work. When I heard that you are going to play Hercule Poirot, I was very excited, although I thought, it will be extremely stupid. But you really pulled it off very well. You were great as the Belgian detective. With that in mind, here is a list of other literary characters that seem unlikely for you, but I would appreciate it, if you would play one or two of them in the future: Miss Marple; Conan the barbarian; Alice from "Alice in Wonderland"; Moby Dick; and of course every single character from Shakespeare's "The Merry Wives of Windsor" played simultaneously. Could you please do that?
Best wishes and - to quote Shakespeare - one man in his time plays many parts.