Mord in der Hochzeitsnacht - Otto Preminger (1945)

Moderator: jogiwan

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Maulwurf
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Mord in der Hochzeitsnacht - Otto Preminger (1945)

Beitrag von Maulwurf »

 
Mord in der Hochzeitsnacht
Fallen angel
USA 1945
Regie: Otto Preminger
Alice Faye, Dana Andrews, Linda Darnell, Charles Bickford, Anne Revere, Bruce Cabot, John Carradine, Percy Kilbride, Dorothy Adams, Robert Adler, Herbert Ashley, Matthew 'Stymie' Beard, Betty Boyd, Chet Brandenburg, Paul E. Burns, Chick Collins, Jimmy Conlin


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Die Weiterfahrt nach San Francisco kostet Zweidollarfuffzig, und die hat er nicht, also fliegt Eric Stanton aus dem Bus. Irgendwo im kalifornischen Hinterland, in einem Kaff namens Walton. Wo es eine kleine Kaffeebar gibt mit einem alten Mann und einer schönen Bedienung, Stella. Eric will diese Stella haben, und da Stella im Grunde ihres Herzens ein anständiges Mädchen ist, und keine Lust mehr hat auf Männer die nur vögeln wollen und danach wieder fort sind, verweigert sie sich den Avancen Erics, auch wenn sie deutliches Interesse signalisiert. Denn der Weg zu Stella Herz führt nur über eine gesicherte Zukunft namens Geld, und genau dieses hat Eric, der im Prinzip als eine Art Hochstapler auftritt, eben nicht. Aber Stella verweist auf June Mills, denn June Mills hat Geld. 12.500 Dollar um genau zu sein, wenngleich gut bewacht von der altjüngferlichen älteren Schwester. Also wird June umgarnt. Es gibt ein Heiratsversprechen. Eine Hochzeit. Und einen Mord. In der Hochzeitsnacht …

Auch wenn die meisten der klassischen Noirs in den Sümpfen der Großstädte spielen, so ist die Verquickung von Kleinstadt und Verbrechen doch in hohem Maße genauso Noir-kompatibel. Gerade im ersten Drittel hatte ich oft das Gefühl, eine Weiterführung von Hitchcocks IM SCHATTEN DES ZWEIFELS zu sehen: Das Böse kommt in die kleine kalifornische Stadt und verführt die Menschen zu Alkohol, Tanz und Mord, so scheint es, und die Szenerie wirkt öfters einmal wie das verträumte Santa Rosa, in das Joseph Cotten mit schwarzem Rauch einfährt. Aber das ist natürlich Unfug, denn MORD IN DER HOCHZEITSNACHT ist ganz anders aufgebaut und hat ganz andere Qualitäten als der verkannte, zwei Jahre zuvor gedrehte, Hitchcock-Klassiker. Qualitäten wie etwa den stoischen und toxisch-männlichen Dana Andrews als Eric, der aussieht wie ein junger Sean Connery und mit dem gleichen raubeinigen Charme versucht, beide Frauen gleichzeitig um die Finger zu wickeln, um mit dem Geld der einen an die Brüste der anderen ranzukommen. Eric kann hervorragend reden, damit hat er früher sogar mal Geld verdient, er ist absolut selbstsicher, reaktionsschnell und schaut gut aus. Aber macht ihn das auch zu einem Mörder? Eine andere vorhandene Qualität ist Linda Darnell als Stella, ein wahrer Stern am Himmel der Liebe. Christian Keßler schreibt über sie, dass sich Zigaretten bei dieser Frau von selbst rauchen, eine lockere Untertreibung, wenn man Brünette mag. Die Frau ist ein 500 Grad heißer Ofen, an dem man sich schnell mal die Finger verbrennen kann. Ihre darbenden Blicke, ihre zum Kuss dargebotenen Lippen, ihr resigniert-aufreizendes Lachen – Ein wahrhaft gefallener Engel auf der Suche nach männlichen Seelen. Oder ist doch June der gefallene Engel? Die Sängerin Alice Faye, die ihre Hollywood-Karriere nach diesem Film beendete, weil sie enttäuscht war über die vielen herausgeschnittenen Szenen, wirkt mit ihren 40 Jahren oft wie ein Hausmütterchen, wie ein unattraktives älteres Mauerblümchen beim Collegeball, das seit 20 Jahren auf den Richtigen wartet, und durch den Einfluss der Schwester dazu verdammt ist, von ihren Büchern und ihrem sonntäglichen Orgelspiel in der Kirche niemals wegzukommen. Doch was für ein eisenharter Wille verbirgt sich hinter dem altklugen Blick. Ein Wille, vor dem auch Eric irgendwann kapitulieren muss …

MORD IN DER HOCHZEITSNACHT mag keiner der großen Noirs aus der klassischen Zeit sein, und man darf auf keinen Fall den Fehler machen, ihn mit Otto Premingers Erstling LAURA aus dem Vorjahr zu vergleichen. Aber für sich allein gesehen ist er ein kleiner, schmutziger Krimi mit einer geschickt aufgemachten Mördersuche, viel stimmiger Atmosphäre und einer Frau, die ihre Blicke direkt aus dem lodernden Zentrum der Hölle zu schicken scheint, mittenmang in das Herz eines vermeintlich eiskalten Mannes. Spannend!

7/10
Der Sieg des Kapitalismus ist die endgültige Niederlage des Lebens.
(Bert Rebhandl)
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