Spring Breakers - Harmony Korine (2013)

Moderator: jogiwan

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Il Grande Silenzio
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Re: Spring Breakers - Harmony Korine (2013)

Beitrag von Il Grande Silenzio »

Der steht auch schon ein paar Monate auf meiner Liste, da es ihn nun recht günstig gibt, werde ich demnächst mal zuschlagen, unkonventionelle Filme sind schon reizvoll.
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purgatorio
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Re: Spring Breakers - Harmony Korine (2013)

Beitrag von purgatorio »

SPRING BREAKERS (SPRING BREAKERS, USA 2012, Regie: Harmony Korine)

Hmmmpf… schwer einzuordnen. Irgendwie sehr unterhaltsam und optisch eine Wucht, andererseits aber auch punktuell bocklangweilig durch die ewig gleichen Wiederholungen. Sicherlich, das gedrosselte Tempo tut dem Film gut, aber das ewig gleiche Füllmaterial nervt. Dennoch: Eine überspitzte Angelegenheit, die letztlich, wie Jogi schon feststellte, als Satire funktioniert… obwohl sie trotzdem irgendwie arm an Aussagen bleibt.
Im Prinzip funktioniere ich wie ein Gremlin:
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McBrewer
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Re: Spring Breakers - Harmony Korine (2013)

Beitrag von McBrewer »

Purgschis letzte Filmbewertung möchte ich mich vorbehaltslos anschließen: einerseits hat SPRING BREAKERS eine Handvoll nette Darstellerinnen :knutsch: (die mir gänzlich unbekannt sind, bin wohl auch sonst das falsche Zielpublikum *Disneyclub-bähhh*) & einen knalligen Look samt Hyper-Soundtrack, aber die pseudo-anti moralische Botschaft zündete nicht ganz bei mir. Auch empfand ich ihn etwas zu sehr "die Handbremse angezogen" inszeniert, für einen Film der schocken & vor den Kopf stoßen will, passiert doch zu wenig. Aber wie gesagt: falsches Zielpublikum. Wäre ich zwanzig Jahre jünger, hätte mich der Film wahrscheinlich voll geflashed wie seinerzeit Natural Born Killers .
Ich werde mir den Film bei Zeiten noch einmal versuchen, dann in Anwesenheit mit vom Alter her der richtigen Zielgruppe :popcorn:

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buxtebrawler
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Re: Spring Breakers - Harmony Korine (2013)

Beitrag von buxtebrawler »

„Spring Break forever, ihr Fotzen.“

„Kids“-Drehbuchautor und US-Indie-Kino-Ikone Harmony Korine („Trash Humpers“) entließ 2012 mit „Spring Breakers“ einen auf Skandalfilm gebürsteten Arthouse-, Pulp/Exploitation- und Coming-of-Age-Satire-Hybrid auf den durch PR-Kampagnen in seiner Erwartungshaltung aufs Glatteis geführten Kinomarkt. So stilistisch und inhaltlich interessant er ist, so häufig dürfte er missverstanden worden sein.

„Ich hab’s so dermaßen satt, jeden Tag die gleiche Scheiße sehen zu müssen. Hier sind alle so mies drauf, weil sie immer das Gleiche sehen. Sie wachen jeden Tag im gleichen Bett auf in den gleichen beschissenen Häusern.“

Brit (Ashley Benson, „Girls United: Alles auf Sieg“), Candy (Vanessa Hudgens, „High School Musical“), Cotty (Rachel Korine, „Septien“) und Faith (Selena Gomez, „Die Zauberer vom Waverly Place“) haben ihren langweiligen Alltag irgendwo im US-Nirgendwo satt und würden nur zu gerne an den diesjährigen „Spring Break“-Feierlichkeiten, jenen paar Tagen Semesterferien, an denen zahlreiche US-Teenies sich hemmungslosen Exzessen hingeben, partizipieren. Leider fehlt ihnen dafür das nötige Kleingeld, weshalb Brit, Candy und Cotty einen Bullettenbräter überfallen und sich zusammen mit der Beute und der mit diesen kriminellen Machenschaften nicht ganz einverstandenen, frommen Faith nach Florida absetzen. Doch auf Suff, Drogen und Sex folgt die Ernüchterung in Form der Polizei, die das attraktive Bikini-Quartett kurzerhand einbuchtet. Unverhoffte Hilfe wird ihnen jedoch von Rapper und White-Trash-Gangster Alien (James Franco, „Good Time Max“) zuteil, der die Kaution stellt und sich der jungen Frauen annimmt. Der sein Geld vornehmlich mit Drogenhandel verdienende Alien gewinnt nach und nach das Vertrauen zumindest Brits, Candys und Cottys, während Faith irgendwann alles zu viel wird und sie sich zurück nach Hause begibt. Konfliktpotential birgt jedoch der Disput zwischen Alien und seinem ehemaligen Kumpel Big Arch (Gucci Mane, „Beef 4“), der zum erbitterten Konkurrenten im Drogengeschäft wurde…

„Ich will nicht so enden wie die. Ich will hier einfach nur noch weg!“

„Spring Breakers“ verfügt über eine beeindruckende, durchstilisierte Ästhetik: Im Musikvideo-Stil reihen sich überdurchschnittlich viele Schnitte aneinander, wird mit Verfremdungen, Zeitlupen und Effekten gearbeitet und alles in unnatürliche Neonfarben getaucht. Achronologische Szenen, die späteren Entwicklungen vorgreifen, werden immer wieder eingestreut. Pseudodokumentarisch anmutende Partyszenen mit viel nackter Haut gehen über in ein Spiel mit der Erwartungshaltung des Publikums, das eigentlich davon ausgehen darf, dass ein böser Wolf (bzw. Alien) früher oder später vier Naivchen das Leben zur Hölle machen wird, zumal neben Sex und Körperkult vor allem mit Drogen und Waffen hantiert wird. Tatsächlich kommt es zu unangenehmen übergriffigen Szenen, jedoch bricht Korine mit üblichen weiblichen Opferklischees und damit mit den Zuschauer(innen)prognosen: Die skrupelbehaftete Faith wird zwar bedrängt, aber nicht vergewaltigt und kann unbehelligt die Szenerie verlassen, bricht ins traute Heim auf. Die übrigen drei Mädels sind keine Opfer, sondern Täterinnen, die nur zu gern gemeinsame Sache mit Alien machen, der sich bisweilen sogar von ihnen dominieren lässt. Outlaws mit dicken Wummen in Bermudas und Bikinis.

Nichtsdestotrotz bleibt das präsentierte Frauenbild in vielerlei Hinsicht unrealistisch, was Teil des Inszenierungskonzepts ist: In „Spring Breakers“ ist schlichtweg nichts authentisch oder realistisch, alles ist überzeichnet. Von den pseudodokumentarischen Bildern zu Beginn bis hin zum dann gar mehr in Videospiel- denn in Musikclip-Ästhetik gefilmten Finale handelt es sich ausschließlich um eine Selbstinszenierung sämtlicher Figuren, die Rollenbilder aus der Popkultur, aus Film, TV, Musik und Game, mehr oder weniger unbewusst nachspielen. Popkultur und Konsumfetisch sind die Realität dieser Figuren, von der für Reporter-Teams vermeintlich entfesselt johlenden, mit Titten und Ärschen wackelnden Feiermeute am Strand über Scarface-/Hip-Hopper-Bastard Alien bis hin zu den das Spektrum von Britney Spears bis zu Gangsta-Bitches und Ego-Shootern abdeckenden Mädels. Entsprechende Popkultur-Artefakte werden beständig zitiert, mal unauffällig im Hintergrund, mal demonstrativ – einer der Höhepunkte des Films ist eine bizarre Performance des Britney-Spears-Hits „Everytime“. Zwar wird aus dem Off regelmäßig aus Nachrichten zitiert, die die Protagonistinnen nach Hause absetzen, wirklich persönliche Dialoge finden jedoch keine statt. Man lernt die Figuren kaum kennen, als befänden sie sich in einer Art Vakuum. Was während der Erstsichtung des Films wie ein Schwachpunkt wirken mag, erschließt sich letztlich als dieser Popkultur-Karikatur immanent und als bewusstes Stilmittel gewählt. Zum artifiziellen Charakter des Films passt seine musikalische Untermalung mit seelenloser synthetischer Musik wie Dubstep und Ähnlichem.

Seine Protagonistinnen und ihre Taten zeigt „Spring Breakers“ durch und durch fetischiert, insbesondere das Finale. Erotik- und Softsex-Szenen hat man zuvor bereits wesentlich expliziter gesehen, hier sei auf die Sexploitation-Welle verwiesen, Schießereien und Gewaltexzesse wurden auch schon wesentlich blutiger und exploitativer auf die Leinwand gebracht. Doch daran ist, wie oben beschrieben, Korine gar nicht gelegen. Es geht weder darum, „Natural Born Killers“ zu übertrumpfen, noch den Sleaze-Thron zu besteigen. Vielmehr kann „Spring Breakers“ als bissiger Kommentar zum American Way of Life gelesen werden: Freiheit und Spaß bzw. das, was man in einer auf permanenten Konsum ausgerichteten Gesellschaft dafür hält, werden mit Gewalt erzwungen. Moralische Konsequenzen sind nicht zu befürchten.

Aktricen der Disney’schen sterilen Familienunterhaltung wie Ashley Benson und Selena Gomez für einen Film wie diesen zu verpflichten, ist natürlich ein geschickter Schachzug, der nicht nur für mediales Interesse und Neugier sorgt, sondern auch insofern passt, als sie auch in erster Linie als Role Models aufgebaut und wahrgenommen wurden, nur eben gemeinhin positiv konnotierte. Für „Spring Breakers“ wurden ihre Rollenbilder gewissermaßen invertiert. Unter Korines Regie beweist das gesamte Ensemble Wandlungsfähigkeit und Mut, was manch Freund der heilen „High School Musical“-Welt sauer aufgestoßen haben dürfte. Nichtsdestotrotz erzeugte „Spring Breakers“ nicht viel mehr als ein Skandälchen, das recht bald verpuffte. Dies mag damit zusammenhängen, dass die Skandalwirkung recht deutlich intendiert erschien, beinahe erzwungen, und dass das Publikum schnell Gefahr läuft, an der Oberfläche des Films gerade auch aufgrund seiner Schauwerte abzuprallen und ihn lediglich wie ein x-beliebiges Mainstream-R’n’B-Musikvideo als Unterhaltungs-Fast-Food wahrzunehmen. Das ist schade, denn ich hätte mir gewünscht, dass über diesen Film mehr geredet würde. Erschließen sich Subtext und Meta-Ebene nicht, funktioniert er aber nur bedingt, wie ich im Zuge meiner Erstsichtung selbst erfahren musste. Daher ist „Spring Breakers“ ein Film, dem man auch nach anfänglicher Enttäuschung unbedingt eine zweite Chance einräumen sollte.

Eine zweite Chance bekam auch der deutsche Verleih „Wild Bunch Germany“, um die Kinofreigabe ab 16 Jahren durchzudrücken: Er montierte eine Texttafel vor den Abspann, der moralinsauer beschreibt, was aus zwei der Täterinnen wurde, und stellt damit Pointe und Aussage auf den Kopf...
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
Ein-Mann-Geschmacks-Armee gegen die eingefahrene Italo-Front (4/10 u. 9+)
Diese Filme sind züchisch krank!
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