Klaus Kinski - Mein liebster Feind - Werner Herzog

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buxtebrawler
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Klaus Kinski - Mein liebster Feind - Werner Herzog

Beitrag von buxtebrawler »

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Originaltitel: Klaus Kinski - Mein liebster Feind

Herstellungsland: Deutschland / Finnland /Großbritannien / USA

Regie: Werner Herzog
Nachdem er in über 100 Filmen mitgespielt hat, trifft Klaus Kinski auf Werner Herzog. Im Verlauf ihrer Hassliebe schreiben der geniale Regisseur und sein egomanischer Star Filmgeschichte. Aus ihrer Zusammenarbeit erschaffen die beiden Pioniere des deutschen Autorenfilms nach immensen Wutausbrüchen und Mordversuchen legendäre Werke wie Cobra Verde und Fitzcarraldo. Acht Jahre nach dem Tod seines „liebsten Feindes“ geht der Regisseur dem Mythos Kinski nach, reist zurück an die Drehorte in Peru und präsentiert unglaubliche Szenen zwischen zwei Besessenen...
Quelle: www.ofdb.de
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
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buxtebrawler
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Re: Klaus Kinski - Mein liebster Feind - Werner Herzog

Beitrag von buxtebrawler »

Der deutsche Autorenfilmer Werner Herzog („Nosferatu – Phantom der Nacht“) erzählt in der 1999, also acht Jahre nach Kinskis bedauerlichem frühem Tod, entstandenen Dokumentarfilmproduktion von seiner Zusammenarbeit mit Klaus Kinski, die insgesamt fünf Spielfilme lang hielt. Dafür reist er zurück nach Peru, wo Filme wie „Aguirre, der Zorn Gottes“ und „Fitzcarraldo“ entstanden und berichtet von der Hassliebe zweier Männer, eines manischen Exzentrikers und eines besonnenen, aber nicht weniger von seiner Arbeit besessenen Regisseurs, die eine ganz eigenartige gegenseitige Faszination füreinander und fruchtbare Inspiration miteinander verband.

Wie kaum ein Zweiter hatte Herzog Kinski gefordert und ihm anspruchsvolle Hauptrollen zugeteilt, die wenig mit Kinskis Engagements in europäischen, häufig italienischen Genrefilmen gemein hatten. Herzogs historische Dramen forderten alles von Kinski und dieser war gern bereit, genau dies zu geben – steigerte sich jedoch gleichzeitig, vielleicht gerade deshalb, immer wieder in wahnwitzige Wut- und Gewaltausbrüche und cholerische Anfälle, die die ohnehin schwierigen Produktionsbedingungen weiter verschärften und die Projekte bisweilen ernsthaft gefährdeten. Offensichtlich war es die Professionalität aller Beteiligten, die persönliche Befindlichkeiten den großen Zielen, der Fertigstellung der Filme, unterordneten und unnachgiebig an den Erfolg glaubten, die vorzeitigen Abbrüche der Dreharbeiten verhinderten.

Nun war Kinski ja auch schon vor Herzogs Film als Enfant terrible bekannt und berüchtigt, Gerüchte von (Beinahe-)Mord und (Beinahe-)Totschlag während der Dreharbeiten machten die Runde und ließen den Boulevardblätterwald rauschen. Kinskis Autobiographien lassen kein gutes Haar an Herzog und beschimpfen ihn aufs Übelste. Herzog greift diese Themen mit einigen Jahren Abstand auf und erzählt auf spannende Weise seine Sicht der Dinge, holt sich bisweilen „Schützenhilfe“ von Zeitzeugen, die ihn bestätigen, lässt aber auch die Schauspielerinnen und Drehpartnerinnen Kinskis Eva Mattes und Claudia Cardinale zu Wort kommen, die ausschließlich Positives über Kinski zu berichten wissen. Wähnt man sich zunächst noch in einer moralisch fragwürdigen, späten Abrechnung eines in seiner Würde gekränkten Kinski-Opfers mit einem sich nicht mehr wehren könnenden Verstorbenen, entsteht so mit der Zeit ein differenziertes Bild, das sich bei aller Emotionalität immer wieder um Sachlichkeit und vor allem Fairness bemüht.

Werner Herzog zeigt Originalaufnahmen von Filmproduktionen, die er aus dem Off kommentiert, besucht alte Weggefährten und steht selbst vor der Kamera, im Hintergrund die beeindruckende Kulisse der peruanischen Berglandschaft. In ruhigem, unaufgeregten Tonfall geht er detailliert auf Kinskis Persönlichkeit ein, betont bei allen negativen Merkmalen aber auch Kinskis Talent und erwähnt die vielen schönen und positiven Momente ihrer Zusammenarbeit. Jedoch räumt er unmissverständlich auf mit jeglichem Mythos eines aufbrausenden und harschen, aber letztlich gerechten, autoritätsfeindlichen sozialen Revoluzzers Kinski. Er beschreibt, wie Kinski auch auf harmlose Statisten losging und diese schwer verletzte, wie Kinski in seiner Eitelkeit sich als naturverbundener Mensch in den Regenwäldern für die Öffentlichkeit ablichten ließ, nur im sich im nächsten Moment über Ungeziefer zu beschweren und wie er stets versuchte, im Mittelpunkt zu stehen und dabei jegliches Fingerspitzengefühl vermissen ließ, wenn er beleidigt war, weil ausnahmsweise einmal nicht alle Aufmerksamkeit ihm galt, sondern einem Produktionshelfer, der sich mit einer Kettensäge nach einem Schlangenbiss seines Armes entledigen musste – woraufhin sich Kinski divenhaft über lauwarmen Kaffee beschwerte. Welche Dimensionen speziell die Konflikte zwischen einem besserwisserischen, selbstverliebten Kinski und einem zwangsläufig Pragmatismus und Diplomatie verpflichteten Regisseur zeitweilig einnahmen, beweisen erschreckende Vorkommen von gegenseitigen Todesdrohungen und sowohl angedachten, als auch angebotenen Mordkomplotten – was es fast wie ein Wunder wirken lässt, dass sich die beiden komplexen Charaktere nicht gegenseitig zerfleischt haben. Die kontrastreichen Facetten von Kinskis Persönlichkeit unterstreichen dann auf der anderen Seite Aufnahmen seines liebevollen und vollkommen entspannten Spiels mit einem erstaunlich zahmen Schmetterling, um nur das extremste Beispiel zu nennen.

Ernüchternd ist das von Herzog nachgezeichnete Bild Kinskis für all diejenigen, die den Schauspieler idealisiert und glorifiziert haben. Hochinteressant ist „Mein liebster Feind“ aber für alle, die an einem Blick hinter die Fassade, die Kinski der Öffentlichkeit bot, interessiert sind und einen authentischen Eindruck davon vermittelt bekommen möchten, wie nah Genie und Wahnsinn beieinander liegen können und wie unterschiedlich ausgeprägt die menschliche Psyche sein kann – gerade auch in Extremsituationen, die kollegiale Zusammenarbeit beim Streben nach einem gemeinsamen Ziel erfordern. Ich habe nicht den Eindruck, dass Herzog seinen Dokumentarfilm inszenierte, um schmutzige Wäsche zu waschen oder sich auf dem Rücken Kinskis wieder ins Gespräch zu bringen, wenngleich er sein Licht auch nie unter den Scheffel stellt und sich nicht ohne Stolz als Kinski-Bändiger und aufopferungsvoller Filmemacher präsentiert. Nun kann ich den Wahrheitsgehalt natürlich nicht verifizieren und bin ich auch mit Herzogs Schaffen bisher reichlich wenig vertraut, da ich zugegebenermaßen als sensationslüsterner Krawalltourist zuerst zu genau diesem Film aus der Herzog/Kinski-Box griff. Ich kann aber mit Sicherheit sagen, dass mir a) Herzog mit seinem Film Kinski nicht vorgeführt, sondern als extremen Charakterkopf differenziert näher gebracht hat, mich b) für seine Filme interessiert hat und mich c) erstklassig unterhalten hat, denn mitunter ist „Mein liebster Feind“ der reinste Psycho-Thriller.

Und während „Mein liebster Feind“ mit krawalligen Ausschnitten aus Kinskis „Jesus Christus Erlöser“-Tournee begann, endet er mit Ausschnitten aus dessen Herzensprojekt „Paganini“, mit dem er sich kurz vor seinem Tod seinen Lebenstraum erfüllte. Ein versöhnlicher Ausklang.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
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DrDjangoMD
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Re: Klaus Kinski - Mein liebster Feind - Werner Herzog

Beitrag von DrDjangoMD »

Sehr schön beschrieben :nick: Ich hab diese Doku auch schon ein paar Mal gesehen, Crazy Klaus macht einfach immer total viel Spaß! Ich find's ja besonders interessant, dass er seine Mitmenschen entweder aufs tiefste vergrault hat oder sich total mit ihnen anfreundete oder zumindest einen rein positiven Eindruck hinterließ, so wie Bux schon schrieb mit Claudia Cardinale und Eva Mattes. Mich persönlich hat's ja immer interessiert wie er sich mit den diversen Italo-Regisseuren vertragen hat, immerhin hat er mit solchen Größen wie Sergio Corbucci, Antonio Margheriti oder Joey D'Amato zusammengearbeitet die alle zu meinen liebsten Lieblingen gehören, darüber konnte ich aber weniger finden. Besonders neugerig wäre ich auf seine Stellung zu diesen Herren, da wir schon oft genug hören wie er sich bei einem visionären Regisseur wie dem ollen Wernerich verhält, da frage ich mich wie er bei einem Regisseur drauf ist der einfach Unterhaltung schaffen will oder billigste Exploitation produziert. Bis jetzt habe ich diesbezüglich aber nur diesen kurzen Ausschnitt aus dem "Commando-Leopard"-Making-Of gesehen wo er sich mit Onkel Antonio recht gut zu verstehen scheint. In den diversen Biographien liegt der Schwerpunkt ja auch meist auf seinen frühen Filmen oder auf den Arbeiten mit Werner Herzog, oder könnt ihr mir da ein spezielles Kinski-Buch empfehlen, das sich mehr seinen unbekannteren Filmen widmet?
untot
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Re: Klaus Kinski - Mein liebster Feind - Werner Herzog

Beitrag von untot »

Die Doku mag ich auch sehr und hab sie schon oft gesehen, aber ich frag mich wirklich immer wieder, wer von den beiden nun den größeren Hau hatte, ich denke nämlich Herzog steht Kinski in nichts nach, der ist wieder auf ne ganz andere, nur etwas leisere Art total irre!! :kicher:
Trotzdem zwei begnadete Wirrköpfe haben sich gesucht, gefunden und haben unglaubliches auf die Leinwand gezaubert und so muss das sein!!! :nick:
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Arkadin
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Re: Klaus Kinski - Mein liebster Feind - Werner Herzog

Beitrag von Arkadin »

buxtebrawler hat geschrieben:Ich habe nicht den Eindruck, dass Herzog seinen Dokumentarfilm inszenierte, um schmutzige Wäsche zu waschen oder sich auf dem Rücken Kinskis wieder ins Gespräch zu bringen, wenngleich er sein Licht auch nie unter den Scheffel stellt und sich nicht ohne Stolz als Kinski-Bändiger und aufopferungsvoller Filmemacher präsentiert.
Das hat Herzog einerseits auch nicht nötig und andererseits lebt er eh in seiner eigenen Welt, da interessiert es ihn sicherlich nicht besonders im Gespräch zu bleiben.
Ich mag Herzog wirklich gerne, aber mit "Mein liebster Feind" werde ich einfach nicht warm. Dass Herzog mit Kinski abrechnen möchte, glaube ich auch nicht. Was er aber tut ist, einerseits Kinki zu einem typischen Herzog-Helden zu stilisieren, andererseits seine eigene Person als Verstärker zu nutzen, damit Kinski diese Rolle auch ausfüllt. Gut, das praktiziert er auch in anderen Filmen so (z.B. "Die große Ekstase des Bildschnitzers Steiner"), aber hier wirkt es auch mich plötzlich unsympathisch. Aber wenn der Film Dich dazu gebracht hat, dich näher mit den Herzog-/Kinski-Kolloborationen auseinanderzusetzen (ein guter Anfang, danach bitte mit den frühen Filmen weitermachen, um später bei den Dokumentationen zu landen), dann ist ja alles gut. :D
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Re: Klaus Kinski - Mein liebster Feind - Werner Herzog

Beitrag von buxtebrawler »

DrDjangoMD hat geschrieben:Sehr schön beschrieben :nick: Ich hab diese Doku auch schon ein paar Mal gesehen, Crazy Klaus macht einfach immer total viel Spaß! Ich find's ja besonders interessant, dass er seine Mitmenschen entweder aufs tiefste vergrault hat oder sich total mit ihnen anfreundete oder zumindest einen rein positiven Eindruck hinterließ, so wie Bux schon schrieb mit Claudia Cardinale und Eva Mattes. Mich persönlich hat's ja immer interessiert wie er sich mit den diversen Italo-Regisseuren vertragen hat, immerhin hat er mit solchen Größen wie Sergio Corbucci, Antonio Margheriti oder Joey D'Amato zusammengearbeitet die alle zu meinen liebsten Lieblingen gehören, darüber konnte ich aber weniger finden. Besonders neugerig wäre ich auf seine Stellung zu diesen Herren, da wir schon oft genug hören wie er sich bei einem visionären Regisseur wie dem ollen Wernerich verhält, da frage ich mich wie er bei einem Regisseur drauf ist der einfach Unterhaltung schaffen will oder billigste Exploitation produziert. Bis jetzt habe ich diesbezüglich aber nur diesen kurzen Ausschnitt aus dem "Commando-Leopard"-Making-Of gesehen wo er sich mit Onkel Antonio recht gut zu verstehen scheint. In den diversen Biographien liegt der Schwerpunkt ja auch meist auf seinen frühen Filmen oder auf den Arbeiten mit Werner Herzog, oder könnt ihr mir da ein spezielles Kinski-Buch empfehlen, das sich mehr seinen unbekannteren Filmen widmet?
Danke, Doc2. Ich kann dir diesbzgl. nichts empfehlen, mir aber gut vorstellen, dass Kinski in dem Bewusstsein an solche Projekte heranging, eher triviale Unterhaltungsfilme zu drehen und nicht unbedingt Hauptrollen einzunehmen, so dass er wesentlich entspannter war, weil er ohnehin nichts Großartiges erwartete. Vielleicht taten Sprachbarrieren auch ihr Übriges, nach dem Motto: "Der blöde Itaker würde ja eh nicht verstehen, was ich hier herumbrülle" :D
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Re: Klaus Kinski - Mein liebster Feind - Werner Herzog

Beitrag von buxtebrawler »

Eine Neuauflage auf DVD erscheint morgen bei Arthaus:

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Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
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Re: Klaus Kinski - Mein liebster Feind - Werner Herzog

Beitrag von buxtebrawler »

Erscheint voraussichtlich am 03.12.2015 innerhalb der "Rolling Stone Videothek" bei Arthaus noch einmal auf DVD im Digipak:

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