Was vom Tage übrigblieb ...

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Moderator: jogiwan

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Maulwurf
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Re: Was vom Tage übrigblieb ...

Beitrag von Maulwurf »

Sieben Jahre in Tibet (Jean-Jacques Annaud, 1997) 7/10

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Heinrich Harrer mag ein schwieriger Mensch gewesen sein, ein fragwürdiger Charakter und ein viel zu ehrgeiziger Bergsteiger. Er mag viele negative Seiten an sich gehabt haben, aber eines hatte er sicher: Ein aufregendes Leben!

Schon als Jugendlicher begeisterter Skifahrer und Kletterer, geprüfter Skilehrer und Bergführer, größter bergsteigerischer Triumph natürlich die Erstdurchsteigung der Eiger-Nordwand (unter der Führung von Anderl Heckmair, aber dies nur so ganz nebenbei), österreichischer Golfmeister, Erstbesteiger der Carstensz-Pyramide, des höchsten Bergs Ozeaniens, erfolgreich auf vielen vielen Expeditionen vor allem in den Himalaya, aber auch nach Ozeanien … Und natürlich persönlicher Freund des Dalai Lama.

Der Film konzentriert sich auf die Jahre in Tibet, nachdem Harrer als Mitglied einer deutsch-österreichischen Expedition im Himalaya 1939 als „Feind“ von der britischen Besatzungsmacht in Indien interniert wurde, und gemeinsam mit seinem Kameraden Peter Aufschnaiter flüchten konnte (was zugegeben sehr vereinfacht beschrieben ist, sich aber am Film orientiert und damit der groben Linie der Realität durchaus entspricht). Nach über 2000 Kilometern zu Fuß und einer strapaziösen und unglaublichen Reise durch Indien und Tibet erreichten die beiden irgendwann Lhasa, die Hauptstadt Tibets, wo sie Aufenthaltsrecht und Arbeit bekamen, und Harrer als Lehrer des Dalai Lama auch dessen Freund wurde. Eine Freundschaft, die tatsächlich bis zu Harrers Tod im Jahr 2006 hielt. SIEBEN JAHRE IN TIBET zeigt diese Freundschaft, er zeigt, wie Harrer sich unter dem Einfluss des Buddhismus im Allgemeinen und des Dalai Lamas im Besonderen vom egoistischen Arschloch allmählich zu einem (mit-) fühlenden Menschen wandelte, und er zeigt vor allem eines: Eine Welt, die auf Frieden und auf Achtung vor jedem anderen Lebewesen fußt. Eine Achtung die so tief ist, dass die Mönche, die das Fundament für ein Kino ausschachten sollen, sich weigern dies zu tun, weil sie dabei unabsichtlich Regenwürmer töten könnten. Die, so lehrt die Reinkarnationslehre des Buddhismus, immerhin ihre Vorfahren sein könnten. Und der Film zeigt auch, wie eine brutal-imperialistische Kriegsmacht diesen Frieden zerstört und die Bevölkerung in eine mittlerweile seit über 70 Jahren dauernde Knechtschaft schickt.

SIEBEN JAHRE IN TIBET schmerzt, weil man hilflos zuschauen muss, wie ein kleines Paradies unwiederbringlich zerstört und dem Götzen Macht geopfert wird. Aber trotzdem ist der Zuschauer nach dem Film nicht traurig oder am Boden zerstört. Die Botschaft, die Regisseur Jean-Jacques Annaud mit auf den Weg gibt, ist positiv konnotiert und von einer tiefen Liebe an Menschen und Leben durchdrungen. SIEBEN JAHRE IN TIBET gibt einem die Kraft, die nächste Arbeitswoche zu bestehen, die Ungerechtigkeiten des Alltags vielleicht ein wenig stoischer zu ertragen, und den eigenen Geist einfach ein klein wenig zu entspannen. Der Film ist somit ein bisschen wie eine buddhistische Entspannungsübung – Man hält den Atem an (während des ersten, spannenden, Drittels), und lässt ihn dann allmählich durch den geöffneten Mund fließen, um damit Druck und Anspannung abzubauen. Sich in den wunderschönen Bildern der tibetischen Natur zu verlieren (gedreht wurde in Argentinien, es gibt aber auch Naturaufnahmen die inkognito tatsächlich in Tibet entstanden sind). Und ein klein wenig ruhiger und gelassener zu werden.

Ein schöner Film, trotz der stellenweise schrecklichen Bilder des letzten Drittels. Ein Film, der Kraft gibt. Richtig schön!
Der Sieg des Kapitalismus ist die endgültige Niederlage des Lebens.
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Maulwurf
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Re: Was vom Tage übrigblieb ...

Beitrag von Maulwurf »

Tatort: Der unsichtbare Gegner (Hajo Gies, 1982) 6/10

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Als Schimanski einen Bankräuber observiert wird er übel niedergeschlagen. Sylvia, die Lebensgefährtin seines Kollegen Thanner, bekommt, als sie die Tür ihrer Wohnung aufmacht, einen Messerstich in den Arm. Hänschen, der treue holländische Cop und Freund, wird mit der chemischen Keule angegriffen als er auf Schimanski wartet. Irgendjemand ist hinter Schimmi her und terrorisiert alle Menschen, mit denen der Kommissar Kontakt hat. Der Grund ist, dass er bei einem Einsatz einen Mann angeschossen hat, und dieser durch einen ärztlichen Kunstfehler keine Hirnfunktionen mehr haben wird. Ergo ist Schimmi schuld, dass der Mann hirntot ist, und dafür muss er zahlen.

Wieder diese Stimmungsbilder aus einer deutschen Industriestadt der frühen 80er. Menschen am unteren Rand der Gesellschaft, verkommene Mietshäuser, dreckige Hinterhöfe. Eine Frau die auf dem Sofa sitzt und säuft, während über dem Dach ihres Hauses eine Schnellstraße verläuft, und ihr Mann als erfolgloser Handelsvertreter die Pillermänner gleich neben der Kollektion hat. Schimmi, der einem Jugendlichen das Fahrrad konfiszieren will für eine Verfolgungsjagd, doch der Youngster gibt sofort Fersengeld – Er hat das Fahrrad schließlich selber geklaut. Ein Kunstmaler, der in so einer Umgebung finanziell natürlich auf dem Zahnfleisch geht, und wie selbstverständlich in krumme Dinger reinrutscht. Und überall in dieser Umgebung die kleinen Kneipen, wo es Buletten und Flaschenbier für Zuhause gibt. In so einer Welt ist sogar der Mittelstand ganz weit weg, und zwischen all dem Müll und dem Dreck fällt selbst der Schmuddel-Bulle Schimanski (so wird er einmal genannt) nicht weiter auf. Stimmungsbilder …

Auch ganz toll die Schauspieler. Helga Engel als Frau Krage, verhärmt, verlebt, und allem und jedem misstrauend. Nicht genügend misstrauisch, wie sich zeigen wird. Werner Schwuchow als Kriminalrat Kissling, der unter der Last seiner Verantwortung schier zusammenbricht und doch so gerne die Ermittlungen leiten würde. Dieser hinreißende Zwiespalt aus Gernegroß und kleinem Geist. Wolfrid Lier als Portier der Absteige, in der Schimmi nächtigt. Immer Lust auf einen Schnaps oder zwei oder drei. Ein Hinterhofgasthof wie man ihn sich in seinen schlimmsten Träumen vorstellt. Jochen Kolenda als Vertreter in dieser Absteige. Ein Schnäpschen, die Kollektion Bodenpflegemittel, das schüttere Haar, die billige Kleidung – Ein Leben am Rande der Nacht. Will man, wenn man Kind ist, so etwas mal werden? Großartige Schauspieler in klasse Nebenrollen!

Und die Story? Der Krimi? Eigentlich eine starke Idee, Schimmi einen unsichtbaren Verfolger hinterher zu schicken, und so einen Paranoia-Thriller inmitten dieser verkommenen Umgebung zu gestalten. Fast ein Neo-Noir, könnte man meinen. Aber leider ist das Drehbuch an den entscheidenden Stellen schwach und widersprüchlich, und die Aktionen Schimmis sind deutlich nur dazu gedacht, sich selber absichtlich tiefer in die Scheiße zu reiten und damit vermeintlich die Spannung zu erhöhen. Das Gegenteil ist der Fall, denn wenn Schimmi den Sender aus einer Jacke entfernt und an ein Taxi heftet, dann ist das zwar in dem Moment recht lustig, steht zu der zunehmenden Angst Schimanskis aber in krassem Gegensatz. Götz George war ein erstklassiger Schauspieler, und das gehetzte und gejagte, seine Unsicherheit und Unruhe übertragen sich schnell auf den Zuschauer. Der Aufzug fährt in einem dunklen Treppenhaus hoch und bleibt genau vor ihm in genau dem Moment stehen, als er seine Wohnungstür aus unbekannten Gründen nicht mehr öffnen kann. Ein Geräusch im Flur. Ist da jemand? Gängige Spielereien eines Verfolgungsthrillers, die ihre Wirkung nicht verfehlen und oft sehr spannend wirken. Leider steht die episodenhafte Erzählweise genauso gegen diese Spannung wie der erwähnte Umstand, dass Schimmi sich der Überwachung durch seine eigenen Leute entziehen will, gleichzeitig aber sichtlich alleine und ängstlich ist. Die Story beißt sich hier ganz furchtbar, was diese Spannung eben leider stark abschwächt.

Halt doch eine deutsche Fernsehproduktion, so denkt sich der Zuschauer, da kann man nicht so viel erwarten. Die Idee hinter der Story ist erstklassig, aber die Umsetzung ist leider wirklich auf TV-Niveau, und man wünscht sich einen Dominik Graf mit einem höheren Budget, der aus dieser kleinen und dreckigen Spannungsgeschichte wahrscheinlich einen düsteren Thriller gezaubert hätte, der den Vergleich mit den Größen des Noir nicht hätte scheuen müssen. So aber bleibt einfach eine gewisse Unzufriedenheit zurück, wie gut es hätte werden können, diese Verquickung von heruntergekommenen Straßen und gehetztem Bullen.
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Maulwurf
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Beitrag von Maulwurf »

Attentat auf Richard Nixon (Niels Mueller, 2004) 7/10

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Sam J. Bicke ist ein kleiner unscheinbarer Büromöbelverkäufer. Sam ist einer von denjenigen Menschen, die versuchen mit einem Lachen und möglichst ohne Widerworte durch das Leben zu gehen, und Unbill einfach zu ignorieren. Der Chef ist ein überhebliches und manipulatives Arschloch? Ja, hehe, aber ich bin ein guter Verkäufer, hehe, und dieses Mal das wird eine ganz große Sache, jawohl. Die Ex-Frau will sich scheiden lassen? Nein, das ist meine Frau, und wir sind auch nicht zwei Jahre auseinander sondern höchstens eines, und wir machen nur eine Phase durch, wo wir am Ende auf jeden Fall wieder zusammenleben werden. Diese Art Mensch ist Sam. Einer, der die Realität versucht auszublenden, weil sie ihm sowieso unerträglich ist. Wer ist denn schuld an dieser Realität? Wer ist denn schuld daran, dass sich alles nur noch ums Geld dreht? Dass alle Menschen sich ausbeuten lassen müssen um überhaupt über die Runden zu kommen? Und gleichzeitig die Rücksichtslosigkeit immer größer wird. Sam kommt zu einer ganz klaren Antwort: Richard Nixon, der in diesem ersten Halbjahr 1974, in dem der Film spielt, durch die Watergate—Affäre unendlich häufig im Fernsehen zu sehen war, und dessen Anhörungen zur Affäre genauso wie seine Reden Sam dazu bringen, einen Plan zu fassen: Richard Nixon muss weg. Er muss ermordet werden, um diese Gesellschaft wieder zu dem zu machen, was sie einmal war …

Sam J. Bicke ist ein kleiner unscheinbarer Büromöbelverkäufer. Einer von denjenigen Menschen die unsicher sind, voller Selbstzweifel, und die ihre Unsicherheit mit sichtlich gezwungener Heiterkeit zu überdecken versuchen. Wir alle kennen solche Menschen, und ich bin sicher, dass der ein oder andere sogar sich selbst in dieser Figur erkennt. Sean Penn spielt Sam J. Bicke. Nein, das ist nicht richtig. Richtig wäre: Sean Penn ist Sam J. Bicke. Was dieser Ausnahmeschauspieler hier als Fast-One-Man-Show bietet, das ist so beängstigend in seiner Intensität und seiner Energie, dass es kaum zum Aushalten ist, und der Fremdschämfaktor schnellt in ungeahnte Höhen, wenn Sam es partout nicht verstehen will, dass seine Noch-Ehefrau einfach nichts mehr mit ihm zu tun haben will, und ein eigenes Leben führt. Schier unglaublich die Szene, wenn Sam im Büro der Black Panthers sitzt, 170 Dollar spendet und erklärt, dass Zebras schwarz und weiß sind. Und dass es weiße Menschen gibt, die mit den Schwarzen mitfühlen können. Und dass, wenn die Black Panthers sich diesen Menschen öffnen würden, sie mit einem Schlag eine Million mehr Mitglieder hätten. Erwähnte ich schon das mit dem Fremdschämen …?

Auf der anderen Seite tut einem dieser Mann einfach nur unendlich leid. Von seinem Chef wird er ausgenutzt, von seiner Noch-.Ehefrau zurückgestoßen, und selbst der kreditbewilligende Bankberater, der anfänglich sehr wohl hilfsbereit ist, macht irgendwann einen Bogen um ihn, weil Sam nicht weiß wo die Grenze zwischen Druck machen und impertinent sein liegt. Sam hat nie gelernt, sich im Leben so zu verhalten, dass er eben nicht zurückgestoßen wird. Und er hat auch nie gelernt sich so zu verhalten, dass sein Anderssein nicht so auffällt. Beim Abendessen bei seinem besten Freund (beziehungsweise seinem einzigen Freund) hält er dessen Sohn zu lange und zu fest in den Armen. Viel zu lange und viel zu fest … Und wenn die Noch-Ehefrau sagt, dass er am Sonntag nach 10 Uhr versuchen soll anzurufen, dann setzt er sich am Sonntag morgen vor die Uhr und wartet darauf, dass es 10 Uhr ist und er anrufen kann. Und wenn sie nicht ans Telefon geht, dann fährt er halt rüber und wartet auf sie. Bis in die Nacht hinein, wenn es sein muss … Wer sagt da Soziopath? Man könnte auch sagen vom Leben entsetzlich enttäuscht.

Mitleid. Fremdschämen. Ungläubigkeit. Entsetzen. Die Gefühlsklaviatur, auf der Sean Penn hier spielt, ist immens, und bringt den ruhig erzählten Film in sicheres Fahrwasser. Die allmähliche Radikalisierung eines Mannes? Nein, das trifft es nicht. Richtiger wäre das allmähliche Abgleiten eines Mannes in eine Wahnwelt, in welcher der Tod Richard Nixons die gesamte amerikanische Gesellschaft wachrütteln und wieder zu etwas Gutem gestalten würde. Eine Wahnwelt, in die Sam sich heillos verstrickt, mit fatalen Konsequenzen. Und trotzdem ATTENTAT AUF RICHARD NIXON auf das Jahr 2004 datiert, sind die Parallelen zur aktuellen amerikanischen Gesellschaft unübersehbar und erschreckend. Würde man die Gedankenwelt des Sam J. Bicke in das Heute transferieren, würde der Film stattdessen wahrscheinlich Sturm auf das Capitol heißen …

Und so geben Regisseur Niels Mueller und sein kongenialer Fast-Alleindarsteller Sean Penn Einblicke in die Entstehung sogenannter Verschwörungstheoretiker und moderner Staats-Leugner, sowie dem, was dann als Konsequenz aus diesem Gedankenkonstrukt wird. Ein Film, der führenden Politikern vorgespielt werden sollte, damit diese begreifen, wo ihre Fehler liegen. Warum sie so viele Menschen nicht mehr erreichen. Und was mit diesen Menschen, die am politischen Horizont verschwinden, danach passiert. Natürlich ist Richard Nixon aus heutiger Sicht und mit dem heutigen Wissen ein Schwein gewesen, es darf aber nicht übersehen werden, dass er damals hoch angesehen und immerhin der Präsident der USA war – Dass danach noch eine ganze Menge mehr und größerer Arschlöcher auf diesen Thron folgen werden, das war 1974 nicht abzusehen und 2004 höchstens zu erahnen. ATTENTAT AUF RICHARD NIXON ist bei genaueren Betrachten somit erheblich aktueller und aufrüttelnder als man glaubt, und gerade die Ruhe des Films, und die methodische Darstellung Sean Penns, Sam nicht als aufgedrehten Wirrkopf sondern als kleinen Staatsbürger wie Du und ich zu zeigen, gerade diese Elemente lassen den Film so unglaublich zeitlos wirken. Erschreckend und intensiv. Für alle politisch interessierten Pflichtprogramm, und für alle, die zeitlos gutes Kino mögen, ebenfalls.
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Maulwurf
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A lawless street (Joseph H. Lewis, 1955) 6/10

Randolph Scott-roundup.jpg
Randolph Scott-roundup.jpg (18.65 KiB) 52 mal betrachtet

1876 ist Colorado ein vollwertiger Bundesstaat der USA geworden, aber davor war er ein sogenanntes Territorium. Ein assoziierter Landstrich, der zwar der US-Gerichtsbarkeit direkt unterstand, aber eben noch kein eigenständiger Staat mit eigener Legislative, geschweige denn Exekutive, war. Für Recht und Ordnung mussten dann Bundesmarshals sorgen, die durch das Land zogen und die Gesetzlosigkeit versuchten im Zaum zu halten. Calem Ware ist so ein Marshal, der von Ort zu Ort reitet, schießt, sich prügelt und als Zielscheibe durch die Nacht läuft. Seine Frau konnte das irgendwann nicht mehr aushalten und ging fort. Ein Verlust, den er nie wirklich überwunden hat. Seit drei Jahren ist er nun in Medicine Bend. Er lebt in einem Hotelzimmer und hat genau zwei Freunde: Die Hotelwirtin und den Doktor. Und vielleicht noch den Rancher Asaph Dean, der sich darauf freut, wenn Colorado endlich zu einem Staat wird, und er seine Rinderherden kreuz und quer durch die USA treiben kann. Aber der Rest der Bewohner ist Calem weitgehend fremd geblieben. Er spricht ein wenig mit dem Saloonbesitzer Cody, der Wetten drauf annimmt, dass der Gesetzlose Dingo Brion heute Calem umlegen wird, und er nimmt vielleicht sogar die Liaison zwischen dem Theaterbesitzer Throne und Deans Frau Cora wahr. Was eine bemerkenswerte Affäre ist, denn heute kommt eine Kutsche mit einer berühmten Schauspielerin an, die im Theater ein Gastspiel gibt, und der Thorne vor aller Augen einen Heiratsantrag macht: Tally Dickenson, die in Wirklichkeit die verheiratete Ms. Ware ist.
Tally möchte schon gerne wieder mit Calem, und Calem mit Tally, die beiden haben nie aufgehört sich zu lieben. Aber als Tally an diesem Tag aus dem Fenster schaut ist wieder alles wie früher: Dingo Brions Bruder Dooley zerlegt den Saloon, und Calem geht ihn um ihn zu stoppen. Nichts hat sich geändert, und immer noch ist Calem eine wandelnde Zielscheibe. Doch, etwas ist anders, denn Dooley wurde von Cody aufgestachelt auf Calem loszugehen. Cody und Thorne wollen die Stadt übernehmen, sie wollen die alleinige Macht im Ort haben, und der einzige Mann, der ihnen im Weg steht - Ist Marshal Calem Ware. Aus diesem Grund haben sie einen Mörder angeheuert, der mit Ware sowieso noch eine Rechnung offen hat. Und der erschießt Calem!

Eine Handlung, die in sich erstmal relativ komplex klingt, zumindest für eine Filmdauer von sage und schreibe 78 Minuten. Auf der anderen Seite wird auch schnell klar, dass EIN MANN WIE EIN TEUFEL kein Anthony Mann-Western ist, schon gar kein 12 UHR MITTAGS und nicht einmal ein STADT DER VERDAMMTEN. Eher versucht Joseph H. Lewis, der als Noir-Regisseur einige wirkliche Perlen zu verantworten hatte, sich an den letztgenannten Western anzuhängen, baut dafür aber leider ein wenig zu viel, nennen wir es mal, Soap-Elemente ein. Klar ist die Nebenhandlung um Cora und Throne nicht unwesentlich für das Showdown, und klar ist die Schilderung des Ehelebens ein Handlungselement, ohne welches die wenigsten 50er-Jahre-Western auskamen, schließlich müssen auch in den harten Frontier-Dramen die Werte einer Familie als Keimzelle der Nation hochgehalten werden. Aber genau diese Dinge sind es, die den eigentlich knackigen Grundton, der sich tatsächlich ein klein wenig an Zinnemanns oben genanntem Klassiker orientiert, verwässert. Die stärksten Szenen hat EIN MANN WIE EIN TEUFEL dann, wenn Calem tot ist, und in der Stadt die geschäftlich angeordnete Anarchie ausbricht: Whisky für alle, keine Sperrstunde, keine Gesetze, nur die Vorgaben der beiden Schurken zählen noch – Und alle alle machen mit. Die Nacht wird mittels Feuer zum Tag gemacht, ein Einpeitscher trommelt das Lied des rücksichtslosen Vergnügens, und der Weg bis zu THE PURGE ist nicht mehr weit. Der Originaltitel A LAWLESS STREET wird dann am nächsten Tag zur Wahrheit, wenn das Überqueren der Straße wegen der dort stattfindenden Pferde- und Kutschenrennen zum Va Banque-Spiel um das eigene Leben wird. Wobei die Rennen selbstverständlich wichtiger sind als das Leben irgendeines Ortsbewohners …

Diese Szenen bleiben dann entsprechend auch hängen: Der Marshal ist noch nicht mal richtig tot, da verkündet Cody bereits, dass die Stadt offen ist, dass die nächste Runde aufs Haus geht, und alle braven (?) Bürger jubeln. Am nächsten Tag werden diejenigen Geschäftsleute, die bisher zu Calem gehalten hatten, gezwungen ihre Geschäfte aufzugeben, und insgesamt kann die Stimmung im Deutschen Reich am 01. Februar 1933 kaum anders gewesen sein.

Aber bis wir dahin kommen hat es eben auch die erwähnten Soap Opera-Elemente. Calem und Tally die sich um den Hals fallen. Und Cora, die dies sieht und vermeintlich Oberwasser bekommt in Bezug auf Thrones Heiratspläne mit Tally – Ja verdammt, wen interessiert das denn? Viel düsterer und interessanter ist doch die Figur des Dooley Brion, mit dem Calem sich prügeln muss (eine sehr harte Auseinandersetzung, in der es spürbar um Leben und Tod geht), und dessen Verhältnis zu Calem später so wichtig wird für den Verlauf der Handlung. Eine ambivalente und düstere Figur, dieser Dooley, der gerne mehr Screentime hätte haben dürfen, um die einfach gestrickte Handlung ein wenig aufzupeppen. Auch die beiden Erz-Schurken Thorne und Cody, die später in dieser Form in unzähligen Italo-Western den (Anti-) Helden das Leben schwer machen werden, sind im Grund sehr interessante Charaktere. Vor allem der Opportunist Cody, der so freundlich tut, mit seiner Wettleidenschaft auch gegen das Leben des Marshals nicht hinter dem Berg hält, und dabei doch so ein stilles und tiefes Wasser ist. Diese Figuren geben dem Film Fleisch, geben ihm Ausdruckskraft, und versuchen vergeblich, gegen das völlig überstürzte und hektisch daherkommende Ende anzukämpfen, das wie eine billige Parodie auf 12 UHR MITTAGS und das Ende des McCarthyismus wirkt.

EIN MANN WIE EIN TEUFEL bleibt in seinen Ausdrucksmöglichkeiten leider doch „nur“ ein B-Western. Wir lernen, dass Angela Lansbury auch als 30-jährige Frau bereits ausgesehen hat wie ihre eigene Großmutter. Wir lernen, dass Joseph H. Lewis nicht nur Klassiker des Noir-Krimis gedreht hat. Und wir lernen, dass Randolph Scott vor dem Ranown-Zyklus mit Regisseur Budd Boetticher offensichtlich nochmal Luft geholt hat. EIN MANN WIE EIN TEUFEL ist kein schlechter Western, aber man sieht so ein wenig die Möglichkeiten die er gehabt hätte. Und so was ist halt immer schade …
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Re: Was vom Tage übrigblieb ...

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Sensations (Lasse Braun, 1975) 7/10

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Ich glaube, dass die meisten Menschen bei der Frage, was das eigene Leben am meisten bereichert, sich einig wären, dass die Antwort ein erfülltes Sexualleben ist. Gleich ob hart oder zärtlich, ob mit Männlein oder Weiblein oder beidem, ob von vorne oder von hinten – Wenn die Sexualität passt, ist der Wohlfühlfaktor in der eigenen Existenz doch gleich viel höher, oder etwa nicht?

Und damit wäre die Handlung von Lasse Brauns Erfolgsfilm SENSATIONS hinreichend beschrieben: Die junge Amerikanerin Margaret lernt die Französin Veronique kennen, und gemeinsam erlebt man in Amsterdam sexuelle Abenteuer. Das heißt, Veronique erlebt etwas, Margaret ist sehr unsicher und schüchtern, und scheut vor den Vergnügungen, die ihre Freundin so erlebt, zurück. Während einer Orgie bei dem älteren Kunstliebhaber Lord Weatherby lässt sie sich überreden, es auch einmal mit fremden Männern zu treiben.

Schöne Menschen also, die schöne Dinge tun. Außer Margarets proletenhaftem Freund David und natürlich dem Faktotum?/Ehemann? von Liza ist niemand hier auch nur annähernd schlecht aussehend. Die Herren bis auf die beiden Ausnahmen nicht, und die Frauen schauen sowieso eine besser aus als die andere. Das Ambiente ist bis auf das Porno-Studio von David erlesen und der unbedingte Wille zu Stil ist überall zu sehen. Gleich ob auf dem holländischen Schloss zu Beginn oder bei Lord Weatherby, die Einrichtungen sind edel, einladend und fordern zum Ausziehen geradezu heraus. Spannend, dass der dabei zu hörende Glam Rock-Soundtrack trotzdem erstklassig passt, und gleichzeitig damit einen groovenden Zeitbezug herstellt.
Der Sex? Vieles findet mit dem Mund statt, die Szenen sind kurz und ansprechend gefilmt, die Damen werden verwöhnt ohne Ende, und die einzige Szene die ein klein wenig härter ist findet wiederum bei David statt, ist aber ebenfalls sehr erotisch. Das ist überhaupt etwas, was ich allen Szenen hier konstatieren muss: Sie sind wirklich sexy, sie sind anregend, sie machen Lust darauf, freizügige Abenteuer zu entdecken. Der philosophische Unterbau dazu wird in den Dialogen gleich mitgeliefert, aber er erdrückt die Spielszenen nicht. Das Gefühl des Films ist das absoluter Freiheit: Die Freiheit, die eigene Lust und den eigenen Körper zu entdecken, sich wohlzufühlen, und sich aus dem Korsett spießbürgerlicher Vorstellungen zu lösen und völlig unkompliziert zu ficken. Kein Wunder, dass SENSATIONS als Klassiker des Genres läuft …

SENSATIONS entlässt den Zuschauer mit einem Nachklang dieser Freiheit. Und auch wenn völlig klar ist, dass wir hier von einem Märchen für Erwachsene reden, und dass im Jahr 1975 die sogenannte freie Liebe schon längst wieder Geschichte war, so bleibt doch aus heutiger Sicht dieser nostalgisch-sehnsüchtige Blick zurück in eine Zeit, in der vieles möglich schien. Genauso realistisch wie die Geschichte vom Froschkönig, sicher, aber dafür unendlich anregender und schöner. Als ob Klaus Lemke einen Porno gedreht hätte, und dabei erheblich erotischer und lustfördernder als der geistig verwandte 2006-er-Schnarcher SHORTBUS …
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