Guerrini ist ja ein italienischer Genre-Regisseur, der mich seit jeher sehr fasziniert. Was nicht unbedingt mit seinem tatsächlichen Output zu tun hat, denn abseits von IL TERZO OCCHIO habe ich viel zu wenig gesehen, (und manches von dem, was mir unter die Augen gekommen ist, hat mich nicht wirklich angesprochen, wie z.B. die Sex- und Militärklamotten, denen er sich im Verlauf der 70er mehrheitlich widmete), sondern mit seinem Background. Nach dem Zweiten Weltkrieg gehört Guerrini ja, zu diesem Zeitpunkt zarte zwanzig Lenze alt, zu den Gründern der avantgardistischen Künstlergruppe "Forma 1", die sich auf die Fahne geschrieben hatte, sowohl auf theoretischer Ebene Marxismus und Formalismus miteinander zu versöhnen, sowie auf konkret künstlerischer Ebene die spätestens seit Beginn des 20. Jahrhunderts bestehende Spaltung zwischen Realismus und Abstraktion zu kitten. In den späten 40ern, frühen 50ern verschreibt sich Guerrini dementsprechend mit Haut und Haaren der Malerei, und es entstehen durchaus spannende Gemälde wie folgende:

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Dann aber wendet sich Guerrini von der bildenden Kunst ab und kokettiert in zunehmenden Maße mit der siebten Kunst, und zwar dort ja wohlgemerkt nicht mit dem Experimentalfilmsektor, was bei seiner Vita naheliegend gewesen wäre, nein, er schreibt bereits 1953 das Drehbuch für einen Streifen namens VILLA BORGHESE, der nun wirklich keineswegs nach schwerer Kost ausschaut - und in dem Stil geht es munter weiter, wobei IL TERZO OCCHIO tatsächlich so etwas wie ein Ausreißer in seiner Filmographie darstellen dürfte, da ich hier dann doch ein bisschen die früheren Avantgarde-Sensibilitäten Guerrinis durchschimmern zu sehen meine. Generell besitzen die Protagonisten des italienischen Genrekinos wie Freda, Bava oder Fulci eine gewisse Nähe zur Kunst, doch mir ist kein anderer Fall bekannt, in dem ein erfolgreicher Avantgarde-Maler die Leinwände an den Nagel hängt, und stattdessen in die Unterhaltungsbranche des Kinos hinüberwechselt.
Ach ja, und wie eine Anekdote von Deodato belegt, die ich in Jonathan Rigbys umfangreichem Buch zum "Euro Gothic" gefunden habe, scheint Guerrini als Person auch jenseits seiner Künstlerkarriere ein, sagen wir, eher exzentrisches Individuum gewesen zu sein:

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