Das 3. Auge - Mino Guerrini (1966)

Bava, Argento, Martino & Co.: Schwarze Handschuhe, Skalpelle & Thrills

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Salvatore Baccaro
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Re: Das 3. Auge - Mino Guerrini (1966)

Beitrag von Salvatore Baccaro »

jogiwan hat geschrieben: Fr 29. Jul 2022, 16:20 demnächst von Arrow in der "Gothic Fantastico"-Box:

gothic fantastico.PNG
quelle: facebook
Wahrlich eine schmucke Box voller Kostbarkeiten des 60er Italo-Gothic-Horrors!

Da fällt mir eine Frage ein, die mich lange schon umtreibt: Hat irgendwer von euch einmal irgendwo irgendetwas darüber verlautbaren gehört, weshalb denn D'Amato mit BUIO OMEGA ausgerechnet Mino Guerrinis IL TERZO OCCHIO ein Remake spendiert hat? Zufall ist es ja offenkundig nicht, denn Guerrini hat für die Vorlage ja gar ein Credit bezüglich der Story im BUIO-OMEGA-Vorspann. Warum es denn diese Neuverfilmung gab, dazu habe ich bislang nicht wirklich belastbares Material gefunden. Selbst Roberto Curti schreibt im zweiten Band seiner Geschichte des "Italian Gothic Horror Films" einzig vage davon, dass D'Amato und Guerrini offenbar enge Freunde gewesen seien, was ja im Grunde implizit, dass sie sich das Remake gemeinsam ausgeheckt haben könnten.
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Arkadin
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Re: Das 3. Auge - Mino Guerrini (1966)

Beitrag von Arkadin »

Das Original zu "Buio Omega". Sogar das berüchtigte Säurebad kommt hier vor - wenn auch off-screen. Der junge Franco Nero spielt den Antihelden, der nach zwei Schicksalsschlägen recht fix in den Wahnsinn abgleitet. Toll die mir unbekannte Gioia Pascal, die danach auch nicht viel mehr gemacht hat. Sie hat quasi die Rolle von Franca Stoppi aus "Buio", sieht aber sehr viel besser aus. Und spielt das wunderbar zwischen Verlangen nach Franco Nero und Rache für jahrelange Unterdrückung. Erika Blanc hat die Doppelrolle als große Liebe Neros, wie auch deren identisch aussehende Schwester. Macht sie gut, sieht aber irgendwie gar nicht wie Erika Blanc aus. Ansonsten weiß Regisseur Mino Guerrini (lustigerweise heißt auch Franco Neros Figur Mino - sagt das was über den Regisseur und Mitautoren aus?) eine wunderbar morbide Stimmung zu zaubern. Das ganze Haus in dem die alle hausen unterstreicht noch den ganzen Verfall. Und für einen Film von 1966 überschreitet er was Sex, Gewalt und Nekrophilie angeht einiges an Grenzen. Klar, nicht so extrem wie "Buio", aber zu der Zeit dürfte das fürs Publikum schon ziemlich harter Tobak gewesen sein. Großartige, schwarz-weiße Kameraarbeit auch. Das Ende ist etwas seltsam, passt aber. Sehr guter Film.
Früher war mehr Lametta
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Salvatore Baccaro
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Re: Das 3. Auge - Mino Guerrini (1966)

Beitrag von Salvatore Baccaro »

Guerrini ist ja ein italienischer Genre-Regisseur, der mich seit jeher sehr fasziniert. Was nicht unbedingt mit seinem tatsächlichen Output zu tun hat, denn abseits von IL TERZO OCCHIO habe ich viel zu wenig gesehen, (und manches von dem, was mir unter die Augen gekommen ist, hat mich nicht wirklich angesprochen, wie z.B. die Sex- und Militärklamotten, denen er sich im Verlauf der 70er mehrheitlich widmete), sondern mit seinem Background. Nach dem Zweiten Weltkrieg gehört Guerrini ja, zu diesem Zeitpunkt zarte zwanzig Lenze alt, zu den Gründern der avantgardistischen Künstlergruppe "Forma 1", die sich auf die Fahne geschrieben hatte, sowohl auf theoretischer Ebene Marxismus und Formalismus miteinander zu versöhnen, sowie auf konkret künstlerischer Ebene die spätestens seit Beginn des 20. Jahrhunderts bestehende Spaltung zwischen Realismus und Abstraktion zu kitten. In den späten 40ern, frühen 50ern verschreibt sich Guerrini dementsprechend mit Haut und Haaren der Malerei, und es entstehen durchaus spannende Gemälde wie folgende:

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8d1d77ed-f2bc-4e2b-805d-99ab19a8bd6d_570.Jpeg (58.65 KiB) 188 mal betrachtet
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mino-guerrini-mino-guerrini-AUNKI-570.Jpeg (57.58 KiB) 188 mal betrachtet

Dann aber wendet sich Guerrini von der bildenden Kunst ab und kokettiert in zunehmenden Maße mit der siebten Kunst, und zwar dort ja wohlgemerkt nicht mit dem Experimentalfilmsektor, was bei seiner Vita naheliegend gewesen wäre, nein, er schreibt bereits 1953 das Drehbuch für einen Streifen namens VILLA BORGHESE, der nun wirklich keineswegs nach schwerer Kost ausschaut - und in dem Stil geht es munter weiter, wobei IL TERZO OCCHIO tatsächlich so etwas wie ein Ausreißer in seiner Filmographie darstellen dürfte, da ich hier dann doch ein bisschen die früheren Avantgarde-Sensibilitäten Guerrinis durchschimmern zu sehen meine. Generell besitzen die Protagonisten des italienischen Genrekinos wie Freda, Bava oder Fulci eine gewisse Nähe zur Kunst, doch mir ist kein anderer Fall bekannt, in dem ein erfolgreicher Avantgarde-Maler die Leinwände an den Nagel hängt, und stattdessen in die Unterhaltungsbranche des Kinos hinüberwechselt.

Ach ja, und wie eine Anekdote von Deodato belegt, die ich in Jonathan Rigbys umfangreichem Buch zum "Euro Gothic" gefunden habe, scheint Guerrini als Person auch jenseits seiner Künstlerkarriere ein, sagen wir, eher exzentrisches Individuum gewesen zu sein:

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582049596_1902020964060265_4966767476265517580_n.jpg (113.22 KiB) 188 mal betrachtet
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Dick Cockboner
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Re: Das 3. Auge - Mino Guerrini (1966)

Beitrag von Dick Cockboner »

Salvatore Baccaro hat geschrieben: So 1. Mär 2026, 11:13

Ach ja, und wie eine Anekdote von Deodato belegt, die ich in Jonathan Rigbys umfangreichem Buch zum "Euro Gothic" gefunden habe, scheint Guerrini als Person auch jenseits seiner Künstlerkarriere ein, sagen wir, eher exzentrisches Individuum gewesen zu sein:


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Ich finde es ehrlich gesagt nicht exzentrisch, das, wenn man sich in einem Badezimmer befindet und die Toilette benutzen muss, dies dann eben auch tut. Exzentrisch ist doch vielmehr, das Deodato und eventuell andere anwesende Personen nicht den Raum verlassen. :opa:
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Salvatore Baccaro
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Re: Das 3. Auge - Mino Guerrini (1966)

Beitrag von Salvatore Baccaro »

Dick Cockboner hat geschrieben: So 1. Mär 2026, 15:02
Salvatore Baccaro hat geschrieben: So 1. Mär 2026, 11:13

Ach ja, und wie eine Anekdote von Deodato belegt, die ich in Jonathan Rigbys umfangreichem Buch zum "Euro Gothic" gefunden habe, scheint Guerrini als Person auch jenseits seiner Künstlerkarriere ein, sagen wir, eher exzentrisches Individuum gewesen zu sein:


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Ich finde es ehrlich gesagt nicht exzentrisch, das, wenn man sich in einem Badezimmer befindet und die Toilette benutzen muss, dies dann eben auch tut. Exzentrisch ist doch vielmehr, das Deodato und eventuell andere anwesende Personen nicht den Raum verlassen. :opa:
...und dass man wegen der Verrichtung seiner natürlichen Geschäfte dann auch noch vom Produzenten geohrfeigt wird...
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