The Loveless - Kathryn Bigelow & Monty Montgomery (1982)

Moderator: jogiwan

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Maulwurf
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The Loveless - Kathryn Bigelow & Monty Montgomery (1982)

Beitrag von Maulwurf »

The loveless
The loveless
USA 1982
Regie: Kathryn Bigelow & Monty Montgomery
Willem Dafoe, Robert Gordon, Marin Kanter, J. Don Ferguson, Tina L'Hotsky, Lawrence Matarese, Danny Rosen, Phillip Kimbrough, Ken Call, Liz Gans, Jane Berman, Bob Hannah


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Männer in schwarzen Lederhosen, unter den nietenbesetzten Lederjacken schmutzige Unterhemden. Schwere Stiefel, Lederkäppi schief auf dem Kopf, unter dem Arsch eine röhrende Harley-Davidson. Wie nennt man solche Männer? Rocker? Eine Gruppe dieser Reisenden bleibt um 1960 herum in einem Kaff in Georgia hängen. Vance (Willem Dafoe) findet die Bedienung im Diner nicht völlig unattraktiv, Davis (Robert Gordon) spielt mit Messern, La Ville (Lawrence Matarese) flippert und giert allem hinterher was einen Rock trägt und Sportster Debbie (Tina L’Hotsky) steht auf Davis. Die Gruppe macht eigentlich gar nichts, aber durch ihre Anwesenheit wirkt sie wie ein Katalysator auf die Befindlichkeiten der Eingeborenen: Die junge Telena (Marin Kanter) wirft sich mitsamt ihrer Corvette an den Hals von Vance, was wiederum ihrem Vater, der meint in jeder(!) Hinsicht ein Besitzrecht auf die Tochter zu haben, gar nicht passt. Die Chefin des Diners findet Rocker zum Kotzen und bedient sie gar nicht erst, und die Bedienung findet Vance gar nicht so unattraktiv und strippt nachts in einer Lounge Bar. In dieser Bar treffen sich abends auch alle Menschen aus dem Ort, und dort kommt es auch zur Konfrontation der wilden und freien Männer, die auf die provinziellen und spießigen Dörfler treffen, die mit den modernen Gegenstücken zur Mistgabel Monster jagen wollen.

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So funktioniert der Mythos des Biker-Films, und so wollen es uns Kathryn Bigelow und Monty Montgomery verkaufen. Doch bis dahin ist der Weg lang, steinig, und vor allem unglaublich theatralisch, denn THE LOVELESS erinnert in seiner Schauspielkunst meistens eher an ein Theater als an einen Film. Gekünstelte Fragen treffen auf geschwurbelte und kryptische Antworten (wenn überhaupt), und die Rocker, die eigentlich auf dem Weg zu einem Motorradrennen in Daytona sind, legen teilweise ein Benehmen an den Tag wie abgelegte Tucken morgens um 5 in einer Lederbar. An Homosexuelle erinnert das Outfit auch sehr oft. Die knallengen Lederhosen, die engen Lederjacken, die schweren Stiefel und vor allem die Ledermütze – Alles Attribute, die man sicher aus DER WILDE kennt, die aber in der heutigen(!) Wahrnehmung eher mit Schwulenbars assoziiert werden und nicht mit dem Geruch von Motorrad und Freiheit. Und wenn dann auch noch dieser dünne Typ mit dem auf den Handrücken tätowierten Hakenkreuz sich benimmt wie eine Mischung aus einer schlecht gelaunten Diva und einem überambitionierten Schauspielschüler in seiner ersten Aufführung, dann braucht mir niemand zu kommen mit Realismus oder Biker-Genre. Man vergleiche die hochstilisierten Fragen und ihre tiefphilosophischen Fragen aus THE LOVELESS mal mit den entsprechenden Dialogen aus sagen wir, DAS TODESRENNEN DER WILDEN ENGEL. Selbst der ein Jahr später entstandene RUMBLE FISH, der bewusst in einer artifiziellen Welt angesiedelt war, hatte da natürlichere Dialoge …

Das Problem könnte tatsächlich die heutige Sicht der Attribute sein, auf der anderen Seite krankt THE LOVELESS aber sehr ernsthaft an dieser Künstlichkeit der Darstellung. Alle Darsteller zelebrieren ihre Auftritte, dehnen sie bis zum Äußersten um nur möglichst viel Symbolik hineinzulegen, und dabei merkt die Regie gar nicht, dass dieses Artifizielle einen schrecklichen Kontrast zur eigentlichen Konfrontation des Films legt. Denn die Begegnung Rocker versus Spießer ist nicht erst seit DER WILDE immer wieder ausprobiert worden, auch im Western ist das Sujet Outlaw kommt in die Stadt und mag sich nicht anpassen ein beliebtes welches gewesen. Sicher möchte Frau Bigelow andere Wege gehen als beispielsweise ein Roger Corman, und nicht den Mythos des freien und unabhängigen Benzin- und Alkoholfreaks abfeiern, der alles was anders ist als er verachtet und vernichten möchte. Aber warum sie dann diesen hochgradig künstlichen und damit relativ ungenießbaren Weg geht, das wissen allein die Götter der Landstraße. In dieser Kombination jedenfalls wirkt der Film wie ein Theaterstück einer Laienspielgruppe: Bis zum Kragen voll mit Symbolik und immer haarscharf an der Authentizität vorbei.

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Was THE LOVELESS aber gleichzeitig sehr interessant macht ist das Ambiente. Die Ausstattung ist äußerst liebevoll zusammengestellt und mit sehr viel Sinn fürs Detail ins Bild gelegt worden. Die Werkstatt etwa, im welcher der Rocker Hurley seine Maschine repariert, wirkt wie ein Diorama, das von einem Modellbauer bis in kleinste Feinheiten ausgetüftelt wurde. Ein Standbild, in dem sich männliche (und eine weibliche) Heldengestalten räkeln und Philosophie, Melancholie und Existenzialismus üben können. In dem sich drei Ledermänner treffen, um sich mit überheblich-sinnlichem Blick gegenseitig Messer neben die Stiefel zu werfen und Männlichkeit zu zelebrieren. Bei aller Künstlichkeit ist THE LOVELESS in diesen Momenten stark, gerade weil er sich auf seine Künstlichkeit besinnt und erfolgreich eine Parallelwelt installiert. Was zu dem Gedanken führt, dass ich möglicherweise den Film ganz einfach nicht verstanden habe: THE LOVELESS als Arthouse-Gegenentwurf zu REBELLEN IN LEDERJACKEN? Ich lehne mich zurück, schaue die Bedienung lasziv-desinteressiert an, bestelle noch ein Bier, und harre der Kommentare anderer …

Nur zwei Jahre später wird Willem Dafoe in Walter Hills STRASSEN IN FLAMMEN wieder einen Rocker spielen, wieder in einer engen und schwarzen Lederkluft stecken, und wieder wird er Männlichkeitsrituale zelebrieren. Auch wenn Walter Hill natürlich einen ganz anderen Ansatz hat als Kathryn Bigelow sind die Ähnlichkeiten im Setting verblüffend. Eine künstliche Welt, die sich mal mehr mal weniger an den 50er-Jahren orientiert, harte und ausgesprochen männliche Männer, Frauen deren Existenz darin besteht gut auszusehen und Sex mit harten Männern abzustauben, Leder, Waffen, Motorräder … Doch welch Unterschied in der Stimmung, und ich muss ganz offen zugeben, dass mir trotz des widerlichen Jim Steinman-Soundtracks STRASSEN IN FLAMMEN als der stärkere Film der beiden erscheint. Mag sein, dass ich einfach nur Genre-Fanboy bin und auf schnelle und benzin- bzw. testosterongeschwängerte Unterhaltung aus bin. Mag auch sein, dass mir die intellektuellen Feinheiten von THE LOVELESS einfach entgehen, weil ich nicht mit Antonioni im Blut geboren wurde, sondern wahrscheinlich eher mit Hans-Joachim Stuck, und sicher mit Clint Eastwood. Aber, und das ist eine ganz persönliche Meinung, die bitte nicht zu verallgemeinern ist, Walter Hill hat einfach erheblich mehr Rumms in seinem Film. Und Francis Fords Coppola in RUMBLE FISH ebenfalls …

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Re: The loveless - Kathryn Bigelow & Monty Montgomery (1982)

Beitrag von karlAbundzu »

Danke.
Ein Film von Bigelow, den ich noch nicht sah. Mit Robert Gordon, dessen LPs ich mag.
Klingt für mich trotzdem spannend und muss ich mir mal besorgen.
jogiwan hat geschrieben: solange derartige Filme gedreht werden, ist die Welt noch nicht verloren.
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CamperVan.Helsing
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Re: The Loveless - Kathryn Bigelow & Monty Montgomery (1982)

Beitrag von CamperVan.Helsing »

Maulwurf hat geschrieben: Di 28. Dez 2021, 06:48 Ich lehne mich zurück, schaue die Bedienung lasziv-desinteressiert an, bestelle noch ein Bier, und harre der Kommentare anderer …
Da ich den Film nicht kenne, gibt es zu dem auch keinen Kommentar. Aber die Anmerkung, dass Rocker mit Freiheit recht wenig, mit Gruppenzwang aber eine Menge zu tun haben, kann ich mir nicht verkneifen.
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Maulwurf
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Re: The Loveless - Kathryn Bigelow & Monty Montgomery (1982)

Beitrag von Maulwurf »

ugo-piazza hat geschrieben: Di 28. Dez 2021, 18:49 Da ich den Film nicht kenne, gibt es zu dem auch keinen Kommentar. Aber die Anmerkung, dass Rocker mit Freiheit recht wenig, mit Gruppenzwang aber eine Menge zu tun haben, kann ich mir nicht verkneifen.
Eine sehr interessante Bemerkung, unter diesem Aspekt habe ich das noch nie gesehen. Aber Du hast völlig Recht, die Substitution der Freiheit durch den Gruppenzwang unter Beibehaltung der gleichen Ideale ist bemerkenswert. Vor allem bemerkenswert dumm. Spannend!! Vielen Dank für diesen Denkanstoß :prost:
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Maulwurf
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Re: The loveless - Kathryn Bigelow & Monty Montgomery (1982)

Beitrag von Maulwurf »

karlAbundzu hat geschrieben: Di 28. Dez 2021, 15:50 Danke.
Ein Film von Bigelow, den ich noch nicht sah. Mit Robert Gordon, dessen LPs ich mag.
Klingt für mich trotzdem spannend und muss ich mir mal besorgen.
Gern geschehen! Deine Meinung würde mich dann sehr interessieren - Vielleicht verstehst Du den Film besser als ich ...
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