Eros-Center Hamburg - Günter Hendel (1969)

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buxtebrawler
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Re: Eros-Center Hamburg - Günter Hendel (1969)

Beitrag von buxtebrawler »

„Sie können einem aber auch das Herz aus der Brust fragen!“

Im Jahre 1969 stecke der deutsche Sexfilm noch in den Kinderschuhen, nahm aber gerade an Fahrt auf. „Eros-Center Hamburg“, ein kruder Mix aus Sexfilm, Milieustudie und Krimi, war nach „...soviel nackte Zärtlichkeit“ und „Graf Porno und seine Mädchen“ die dritte Regiearbeit des Schauspielers Günter Hendel und erfolgte, wie „Graf Porno“, für Alois Brummers Billigproduktionsklitsche. Hendel bekleidete zugleich die Hauptrolle.

„Gute Nacht, Lore, und guten Verkehr!“

Den US-amerikanischen Journalisten Eddy Green (Günter Hendel) verschlägt es im Zuge seiner Recherche zu Prostitution in Hafenstädten ins Hamburger Rotlichtviertel. Bald stellt er fest, dass die käufliche körperliche Liebe dort mit Kriminalität verbunden ist, denn eine Zuhälterbände, die „Edenboys“, betreibt Menschenhandel mit Minderjährigen und ist auch im Geschäft mit illegalen Drogen aktiv. Als auch noch erst eine, dann zwei Huren ermordet werden, gerät Hendel gar unter Tatverdacht: Mit beiden hatte er jeweils kurz zuvor gesprochen. Seine Unschuld zu beweisen, nimmt er in die eigene Hand, und lernt dabei die 17-jährige Karin (Regina Jorn, „Männer sind zum Lieben da“) kennen – und verguckt sich in sie…

„Wir sind hier nicht in Chicago, Mr. Green!“

Die Exposition arbeitet mit alten Bilder der Großen Freiheit, jener Kiez-Amüsiermeile auf St. Pauli. Eddy befragt Helga (Christiane Lange, „Der Nächste Herr, dieselbe Dame“), wie sie zur Prostitution kam, während sie ihre Chance wittert, ihn als Freier zu gewinnen, und ihm ihre Möpse präsentiert – welche die Kamera in einer plumpen Großaufnahme einfängt. Fragen zu ihren Zuhältern will sie nicht beantworten, sie warnt Eddy vor ihnen. Wir sehen noch einmal besagte Großaufnahme, bevor Eddie die nächste Dame am Wickel hat: Lisa (Roswitha Randl, „Schulmädchen-Report – Was Eltern nicht für möglich halten“) lässt ihre Brüste aus ihrem BH hängen und beantwortet Eddy weitere Fragen. Sie sei in einer Art Gewerkschaft, womit sie ihre Zuhälter meint. Die dritte Dame namens Ruth (Ursula Holstein, „Graf Porno und die liebesdurstigen Töchter“) erweist sich als die bisher auskunftsfreudigste; sie dreht eigens das Radio lauter, weil „die Wände Ohren haben könnten“… Eddies vorerst letzte Station ist Lore (Renate Hofgartner).

„Ich lese doch nichts, ich hab‘ doch ‘n Fernsehapparat!“

Parallel dazu planen die Gangster offenbar irgendetwas, eine verdächtige Szene an einer Telefonzelle deutet zumindest darauf hin – tatsächlich ein halbwegs gelungener Versuch, ein wenig Spannung zu erzeugen. Unvermittelt wird Ruth von zwei lichtscheuen Gestalten gemeuchelt, wie zu viel quatsche – die Kamera blendet aber kurz vor der Tat ab. Auf eine unmotiviert hineingeschnittene Softsexszene Unbekannter folgend überrascht Ruth damit, im Krankenhaus doch noch einmal kurz schwerstverletzt aufzuwachen und nach Eddy zu fragen. Nach der Identifikation im Leichenschauhaus bringt dies die Polizei auf Eddys Spur, der nun selbst zum Befragten wird. Es folgt ein kurzes Doktorspielchen mit einer Prostituierten. Biggy (Doris Arden, „Heißes Pflaster Köln“), ebenfalls im horizontalen Gewerbe tätig, wirft ihren „Itaker“ raus und heult anschließend ihrer Freundin die Ohren voll. Ein Homosexueller hat sich verlaufen. Und vieles mehr. Nein, es ist nicht einfach, dieser überaus sprunghaften Handlung zu folgen, glücklicherweise aber auch nicht zwingend nötig.

„Auch 'n Drecksack – obwohl er nicht so aussieht...“

Wie Eddy vermutete, geht es um Drogen- und Menschenhandel. Eine käufliche Dame lästert über den Kinsey-Report und Biggy berichtet Eddie von den Motiven ihrer Kunden, zu (und bei) ihr zu kommen. Um den Gangstern auf die Schliche zu kommen, lässt er sich von ihr eine Jungfrau für 500 DM vermitteln. Nach weiteren offenbar von Brummer geforderten und hineingeschnittenen Hurenszenen und einer Frau, die bei der Polizei immer wieder behauptet, vergewaltigt worden zu sein, was anscheinend witzig sein soll (puh…), bekommt Eddy die jungfräuliche Karin geliefert. Biggy hat Xaver aus Ingolstadt als Kunden da, während Karin Eddy knapp ihre Lebensgeschichte auftischt – und sofort scharf auf den wesentlich älteren Eddy ist, logisch…

„Nun werden wir beide mal unsere Paragraphen reiten, nicht?“

Plötzlich muss auch Biggy (offscreen) dran glauben! Eddy interviewt den mit sächsischem Akzent sprechenden Hetereo-Strichjungen Robert (Laurence Bien, „Madame und ihre Nichte“), während die Polizei Riccardo Baldini (Rinaldo Talamonti (wer auch sonst?), „Graf Porno und seine Mädchen“) verhört, Biggys ehemaligen Lebensgefährten und Zuhälter in Personalunion. Aha, Biggy hatte Freier mit Tonbandaufnahmen erpresst. Die Edenboys entführen derweil Karin, sie soll in einer Show auftreten. Diese findet dann moderiert vor einigen adipösen Bonzen statt, von denen einer vor lauter Aufregung seine Zigarre verschluckt. Hendel zeigt uns leider mehr das Publikum als die Show. Eine Prügelei entbrennt, als Eddy Karin inmitten der Show befreit.

„Ist wie mit Zahnpasta: Bums, ist die Tube leer!“

Unvermittelt knutschen nun Eddy und Helga miteinander, die von den Edenboys bedroht wird. Eddy wird entführt und gefoltert, hat das Beweismaterial aber längst beiseitegeschafft. Gegen Ende werden wir noch Zeuge einer mittelmäßig choreographierten Prügelei und eines Schusses mit anschließendem hektischen Schnitt und unbekanntem Ausgang. Der Epilog besteht lediglich aus einer allgemeinen Verabschiedung.

„Ich geh' mit jedem ins Bett: Frau, Mann, Ziegenbock oder sonstwas – Hauptsache, es wird bezahlt!“

„Eros-Center Hamburg“ begibt sich einerseits sensations- und sexlüstern nach St. Pauli, sensibilisiert dabei andererseits für die Zuhälter- und Milieukriminalitätsproblematik – und schlachtet diese für dieses inkohärenten Billig-Milieukrimi aus. Während der Einstieg um den für eine Reportage recherchierenden Journalisten noch einen frühen Reportfilm befürchten lässt, handelt es sich vielmehr um nichts Halbes und nichts Ganzes, was vor allem daran liegen dürfte, dass, so heißt es, Brummer sich während dieser Produktion mit Hendel überwarf. Brummer zeichnet wohl für die Sexszenen verantwortlich, Hendel für die Kriminalhandlung. Es entstand offenbar ein Tauziehen beider um mehr bzw. weniger vom einen, dafür mehr bzw. weniger vom anderen. Deshalb wirkt der Film nicht wie aus einem Guss und irritiert mit immer wieder mehr oder weniger komödiantischen Szenen zwischen Huren und Feiern, die unmotiviert in die eigentliche Handlung eingeflochten wurden. Einige, aber nicht alle habe ich oben aufgeführt.

„Immer nur mit uns und nie gegen uns!“

Weniger damit als mehr mit allgemeinem Unvermögen zusammenhängen dürften hingegen die zuweilen sauschlechte Synchronisation, US-Ami Eddy Greens akzentfreies Deutsch, die befremdliche musikalische Mischung aus unablässig dudelndem fröhlichen Easy-Listening-Jazz und Blasmusik aus Bauer Brummers bayrischer Heimat sowie das dramaturgische Versagen, das „Eros-Center Hamburg“ trotz St. Pauli, Gangstern und Nackedeis doch ziemlich langatmig erscheinen lässt. Und beim Bedienen von Altherrenfantasien in Bezug auf Minderjährige kommt auch noch Doofheit hinzu.

Hendels Film ist zwar nicht so schlimm wie die Scheißfilme, bei denen Brummer später eigenhändig die Regie übernahm, aber dennoch ein unterdurchschnittliches, fragwürdiges Filmvergnügen.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
Ein-Mann-Geschmacks-Armee gegen die eingefahrene Italo-Front (4/10 u. 9+)
Diese Filme sind züchisch krank!
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