Horror Italiano - Simone Venturini (2014)

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Salvatore Baccaro
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Horror Italiano - Simone Venturini (2014)

Beitrag von Salvatore Baccaro »

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Kurz vor Jahresausklang nutze ich eine freie Minute, um noch eine kleine Lobeshymne auf das mit Abstand spannendste Buch anzustimmen, das mir bei meiner umfassenden Recherche zu Sekundärliteratur mit Fokus auf italienische Horrorfilme in den letzten Monaten untergekommen ist.

Die 2014 veröffentlichte und schlicht HORROR ITALIANO betitelte Studie des Filmwissenschaftlers und Filmrestaurators Simone Venturini versucht auf ihren etwas mehr als 150 reinen Textseiten, ein umfassendes Bild des italienischen Horrorkinos von den Stummfilmtagen bis Ende der 70er zu zeichnen - und macht das tatsächlich mehr als brillant. Das Ganze beginnt mit einem eher einführenden Charakter besitzenden ersten Teil, der, grob gesagt, die These vertritt, dass es zwar vor Fredas und Bavas I VAMPIRI von 1957 keine nominellen "echten" Horrorfilme im Stiefelland gegeben habe, dass jedoch Gothic-Motive, -Themen, -Stilmittel durchaus in anderen Genres, sozusagen als Trojanische Pferde, zirkuliert haben. Als Beispiele führt er nicht nur die Titel und Inhaltsangaben zahlloser (leider zumeist verschollener) Stummfilme an, sondern auch Melodramen wie Carmine Gallones IL TROVATORE (1949) oder Ferdinando Maria Poggiolis IL CAPPELLO DA PRETE (1944), Avantgardeexperimente wie Gianni Hopelis und Ubaldo Magnaghis IL CASO VALDEMAR (1936) oder Alberto Mondadoris, Mario Monicellis und César Civitas IL CUORE RIVELATORE (1934) oder Filmkritiken, die den wenigen zur Zeit des Faschismus in Italien gezeigten Universal-Horrorfilmen à la FRANKENSTEIN (1931) durchaus enthusiastisch begegnen - eine verblüffende Materialsammlung, die die gängige Meinung, dass erst mit I VAMPIRI der Horror sozusagen wie aus heiterem Himmel über dem italienischen Kino hereingebrochen sei, zumindest ein bisschen wässrig werden lässt.

Im Hauptteil sodann breitet Venturini das vielfältige Panorama des Horror Italiano anhand von sieben Filmen zwischen 1917 und 1979 vor uns aus, die allesamt an neuralgischen Stationen der Genre-Genese entstanden sind, und denen, obwohl ich jeden von ihnen mindestens einmal gesehen habe, manche gar fünf- bis siebenmal, der Autor bei seinen Feinanalysen Facetten entlockt, die mir bislang völlig entgangen sind: Nino Oxilias Divenschau rund um eine weibliche Faustfigur RAPSODIA SATANICA (1917) wird von Venturini als Verarbeitung des Ersten Weltkriegs gelesen; Mario Soldatis düsteres Melodram MALOMBRA (1942) modelliert er als Film, der wesentliche Elemente italienischer Gothic bereits in embryonalem Zustand mit sich führt; bei I VAMPIRI arbeitet er wunderbar das schizophrene Schwanken des Films zwischen schauerromantischer Vergangenheit und moderner Gegenwart heraus; Antonio Margheritis CONTRONATURA (1969) wird für ihn zum Schwanengesang der ersten Welle italienischer Gothic, der zugleich die zunehmenden Einschübe von Erotik und (Hardcore-)Sex antizipiert; bei Bavas ECOLOGIA DEL DELITTO (1971) wiederum erfährt das Genre für Venturini seine summarische Hinrichtung bzw. seine flächendeckende Dekonstruktion, und zugleich die Transformation in die Keimzelle dessen, was kurz darauf zum Slasher-Film heranreifen sollte; SUSPIRIA (1977) betrachtet er unter der Brille Michel Foucaults und seines Heterotopie-Konzepts; Fulcis ZOMBI 2 (1979) schlussendlich erfährt eine interessante anti-kolonialistische Lesart.

Das klingt nun alles vielleicht recht verkopft auf dem Papier, gestaltet sich aber bei der Lektüre ungemein anregend und unterhaltsam, und vor allem feiere ich ja, wie Venturini es versteht, selbst aus Filmen, die ich im Halbschlaf auswendig mitsprechen könnte, noch bis jetzt unbemerkte Details zum Vorschein zu bringen. Nicht zuletzt ist der Autor zu allem Überfluss ein absolut integrer Mensch, der einem, wenn man ihn per Mail kontaktiert, ohne Murren obskure Filme und Filmkritiken aus den 30ern bereitstellt, der sich zudem auf einen virtuellen Gedankenaustausch zum Thema einlässt, und der sich dann auch noch als Freund des verstorbenen Maestros Corrado Farina herausstellt, der mit diesem zusammen mehrere seiner Super8-Kurzfilme aus den 50er und 60ern restauriert hat, darunter den entzückenden IL FIGLIO DI DRACULA (1960), den wir in genau dieser Fassung letztes Jahr auf dem Braunschweiger Filmfest gezeigt hatten. Einziges Manko: Eine englische Übersetzung des Buchs ist weit und breit leider nicht in Sicht, dabei hätte es die internationale Aufmerksamkeit, wie ich finde, mehr verdient als all die Hüftschnellschüsse, die nur immer wieder alten Wein in neue Schläuche füllen...
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