Was vom Tage übrigblieb ...

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Moderator: jogiwan

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Maulwurf
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Tokyo X Erotica (Takahisa Zeze, 2001) 2/10

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Kenji stirbt bei einem schrecklichen Unfall? Attentat? und lässt seine Freundin Haruka zurück. Über der Frage was länger dauert, die Zeit vor der Geburt oder die nach dem Tod, reisen wir durch die Zeit und lernen Kenji und Haruka kennen. Zur Zeit ihrer Beziehung. Lange bevor sie sich jemals kennengelernt haben. Und in einem neuen Leben, in dem sie wieder ein Paar sind und Kenji schattenhafte Erinnerungen an ein früheres Leben hat. Das verbindende Element ist immer der Tod. Derjenige Tod, der sich von Haruka vor ihrem Ableben zwei Finger in den Arsch stecken lässt. Und der Kenji vor dessen Tod durchvögelt …

Bei Oliver Nöding lese ich in einem ganz anderen Zusammenhang zwei Zeilen, die TOKYO X EROTICA ziemlich perfekt wiedergeben. Da wäre zum einen der Ausdruck „ …zeichnet er ein Bild von allumfassender urbaner Einsamkeit, von Entfremdung, Leere und Ziellosigkeit.“ (1) Auch wenn sich Regisseur Zeze als hoffnungslos-philosophischer Romantiker erweist, so ist das Leben in der Großstadt, das Nebeneinander-Leben genauso wie das Alleine-Leben, hier immer wieder präsent. Die Einsamkeit der Figuren ist immens, und kulminiert in mehr oder weniger ziellosem Sex, nur um die eigene Leere des Daseins zu übertünchen.
Der andere Satz, aus der gleichen Besprechung lautet „Klassisches Erzählkino sollte man hier nicht erwarten und auch die oben versuchte Inhaltsangabe ist eine eher hilflose Skizze.“ (1) TOKYO X EROTICA mäandert hilflos zwischen den verschiedenen Zeitebenen hin und her, lässt den Zuschauer mal hier eine Geschichte erleben die scheinbar nichts mit Kenji und Haruka zu tun hat, und packt ihn dort mal eben in eine andere Geschichte, wo dann der Zusammenhang vielleicht etwas deutlicher scheint, die Bedeutungslosigkeit einer Narration aber dem Zuschauer mit der gleichen Intensität um die Ohren gehauen wird. Es mag sicher sein, dass mein kleiner Intellekt die ganze Größe dieses Filmes nicht erfassen kann, zumindest erklärt mir der Regisseur dies, aber letzten Endes habe ich mich in dem erzählerischen Wirrwarr, den unerotischen Erotikszenen und dem philosophischen Geschwätz unendlich gelangweilt. Nicht nur dass das „Erzählkino“ hier ausbleibt, auch Dinge wie eine Spannungskurve oder zumindest eine assoziativ- atmosphärische Bildersprache fehlen völlig. Unter dem Eindruck des U-Bahn-Attentats im Jahr 1995 hat sich Zeze wohl so seine Gedanken gemacht über Leben und Tod, über Wiedergeburt im Zeichen der Liebe und über den Tod als Persönlichkeit. Interessante Gedanken, zweifellos, aber in eine filmische Umsetzung gepackt, die versucht, philosophische Inhalte mit (soft-) pornografischen Bildern zu verknüpfen, und dabei nichts als dümmliches Gerede mit weitgehend unerotischen Darstellungen produziert. Gerade mal, dass es spannend ist zu sehen, was ein Pinku Eiga-Film nicht alles sein kann. Alles nicht sein kann …

(1) https://funkhundd.wordpress.com/2017/10 ... apan-1987/
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Maulwurf
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Re: Was vom Tage übrigblieb ...

Beitrag von Maulwurf »

I wake up screaming (H. Bruce Humberstone, 1941) 7/10

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1941 war so ein klein wenig so etwas wie der Beginn einer Zeitenwende im US-amerikanischen Kino. Die Zeit der großen Gesellschaftskomödien, vor allem auch der Screwball-Komödien, ging ganz allmählich zu Ende und machte vorsichtig einem Genre Platz, dass seinen Namen erst sehr viel später bekam, die Leinwände der 40er-Jahre aber mächtig beherrschte: Dem Film Noir. Krimis und Thriller, meistens in der Großstadt spielend (wobei es da auch ganz starke Gegenbeispiele wie z.B. MORD IN DER HOCHZEITSNACHT gibt), und rappelvoll mit zerstörten Figuren, oft genug aus den unteren Randbereichen der Gesellschaft. Die Kontraste sind hart (und damit sind nicht nur die Unterschiede zwischen den schwarzweißen Farben gemeint), die Action ebenso, es wird mit Schatten gearbeitet und die Handlung fand oft genug in ebendiesen Schatten statt. Was früher einmal gut und hell war, licht und fröhlich, wird jetzt zu düsteren und grausamen Epen von Mord und Totschlag, in denen oft genug Frauen die bestimmenden Elemente sind, und nicht mehr nur schmückendes Beiwerk.

I WAKE UP SCREAMING zum Beispiel, ein sehr früher Vertreter dieser wunderbaren Zunft. Der Sportpromoter Frankie Christopher sieht die junge und bildschöne Kellnerin Vicky Lynn und wettet mit seinen Freunden, dass er sie innerhalb eines halben Jahres groß rausbringen wird. Nun ja, der Film beginnt tatsächlich mit Vickys Gesicht auf der Titelseite der Zeitung – Als Mordopfer! Und Frankie sieht sich in einem vollgerauchten und düsteren Keller einer Gruppe Hardboiled-Cops gegenüber, die ihm das Geständnis seiner Tat am liebsten rausprügeln würden. Tun sie aber nicht, was Frankie die Möglichkeit gibt, den Fall selber aufzurollen. Der ermittelnde Polizist, Ed Cornell, stellt Frankie gnadenlos hinterher, ja er verfolgt Frankie sogar bis in dessen Schlafzimmer, nur um den Mord beweisen zu können. Dass Frankie und Vickys Schwester Jill da eine Affäre beginnen ist nicht unbedingt förderlich für Frankies Freiheit, wird damit doch Cornells These erst bestätigt. Und der will Frankies Schuld nachweisen, um absolut jeden Preis.

Aber warum ich mit diesen abgedroschenen Plattitüden eingeleitet habe? Weil I WAKE UP SCREAMING als Film an dieser Zeitenwende ideal ist um zu studieren, wie diese Änderungen denn aussahen. Er beginnt mit hohem Tempo und führt uns zwar zuerst einmal in einen Verhörkeller, dann aber mit dem gleichen Affentempo auch in das Nachtleben von New York. Wir begleiten die Reichen und Schönen bei ihren Vergnügungen, hören die Dialoge, die Frank Capra-Filme zu den verdienten Klassikern gemacht haben, und erwarten eigentlich in jedem Augenblick, dass Katherine Hepburn und Cary Grant um die Ecke biegen, um den Laden mit Charme und Champagner aufzumischen. Zwar wechselt dieser Eindruck des Öfteren, und irgendwann bleibt das Dunkel vorherrschend gegenüber diesen lockeren und leichten Szenen, aber es gibt immer wieder was zum Lachen, und die Dialoge zwischen dem getriebenen Jäger Cornell und dem selbstbewussten Opfer Frankie gehören zum Besten was ich in den letzten Jahren genießen durfte.
Überhaupt, dieser Cornell. Laird Cregar gibt den unerbittlichen und stoischen Polizisten mit einer Lust an der Grausamkeit, dass man zwangsläufig öfters einmal überlegt, ob der Mann nicht vielleicht recht haben könnte mit seiner Mordtheorie. Er dringt ungefragt in Frankies Schlafzimmer ein während dieser schläft, er versteckt sich in Jills Wohnung um das Stelldichein von Frankie und Jill zu belauschen, und alles im Namen von Recht und Ordnung. Ein widerlicher Cop, der seine eigene Obsession über alles andere stellt, und der sich nur wohl fühlt, wenn er andere Menschen demütigen und zerquetschen kann. Dass Frankie sich nicht so ohne weiteres demütigen, und noch viel weniger zerquetschen lässt, reizt Cornell nur noch mehr, stachelt ihn nur noch mehr an, Dinge zu machen, die mit Polizeiarbeit im herkömmlichen Sinne nicht viel zu tun haben. Und schon gar nicht mit Polizeiarbeit, wie sie in den Filmjahren davor dargestellt wurden. Warum der Journalist nicht verhört wird? Damit es keine schlechte Presse gibt. Und nur Frankie kann der Mörder sein, kein anderer! Ein manischer und angsteinflößender Riese mit der Lizenz zum Töten. In jeder Hinsicht gigantisch …

Und so bewegen sich der smarte Frankie und der getriebene Cornell durch eine artifizielle Landschaft aus Abgründen und Schatten. Die daneben fast sphärisch wirkende Betty Grable als Jill Lynn kann erfolgreich mithalten, ich persönlich finde aber die unterbewertete Carole Landis als Vicky, die sich irgendwann ihrer Marktmacht bewusst wird und sich aktiv auf ein Leben als Luxuskokotte einrichtet, erheblich stärker. Eine heißkalte Frau, eine frühe Femme Fatale, noch nicht in der Ausprägung späterer Noir-Zeiten, aber in ihrem verdorbenen und selbstsüchtigen Ansatz ist bereits alles vorhanden, was Gilda und Laura später auszeichnen wird. Kameramann Edward Cronjager findet für diese Mischpoke genau die richtigen Bilder, steckt Victor Mature gerne hinter schattige Gitter und lässt den Bildausschnitt auch mal ganz schwarz, um die Hilflosigkeit der zum Verhör geführten armen Schweine zu untermalen.

Wie gesagt, ein Film zwischen den Zeiten. Der die heitere Welt der Screwballs noch in sich trägt, die kommende Zeit der Düsternis und Brutalität aber bereits genüsslich vor dem Zuschauer ausbreitet. Großes und viel zu wenig bekanntes Kino, für Krimiliebhaber und Filmhistoriker ein absolutes Muss.
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Maulwurf
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The purchase price (William A. Wellman, 1932) 5/10

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Nicht alle Pre Code-Filme sind immer automatisch auch vor Frivolität und Verbrechen sprühende Feuerwerke, wie man am Beispiel EINSAME HERZEN betrachten kann: Die Nachtclubsängerin Joan flüchtet von New York nach Montreal, um sich aus einer Beziehung zu dem Gangster Eddie zu lösen. Als der sie auch in Kanada aufspürt, nimmt sie die Identität ihrer Reinemachefrau an und geht nach Elks Crossing in North Dakota, um dort einen Farmer zu heiraten. Kein Witz, ihre Putzfrau hat sich über eine Agentur einen Ehemann gekauft, nämlich ebendiesen Farmer, Jim Gilson. Da Joan ihrem Jim aber noch am ersten Abend, also quasi in der Hochzeitsnacht, eine runterhaut, weil er sich an sie ranmachen will, steht das Verhältnis, nein Verzeihung: Die Ehe unter einem schlechten Stern. Nun ja, und so lernt die mondäne Joan aus dem heißen Nachtclub in der Folge die versoffenen Nachbarn kennen, sie hilft einer Nachbarin im Wochenbett, und sie kümmert sich um alle Belange der Farm. Doch Jim hat die Schmach der ersten Nacht nicht vergessen und hält immer deutlich Distanz zu ihr. Bis eines Tages Eddie im Raum steht …

Ich mag William Wellmans Arbeiten eigentlich sehr gerne, er hatte ein Händchen für die Nöte der kleinen Leute, und hat das Leben in den unteren sozialen Schichten immer mit viel Realität, oft der richtigen Portion Witz und ohne falsche Scheu gezeigt. Hier ist es das Leben als Farmer nach dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise: Jim hat studiert und jahrelang mit Weizenkreuzungen experimentiert, bis er einen guten und widerstandsfähigen Weizen entwickeln konnte. Aber durch die üble wirtschaftliche Situation liegt das Saatgut bei ihm auf dem Boden und er wird es nicht ausbringen können: Die Farm gehört der Bank, und die will, vor allem auf Betreiben eines habgierigen Nachbarn, ihr Geld zurück. Was erstmal nach einer guten und spannenden Story klingt.

Aber leider mag hier nichts so richtig zusammenpassen. Die New York Times schrieb nach der Premiere „Einige Szenen sind unzweifelhaft gut, aber insgesamt hat man den Eindruck, als hätten 15 Drehbuchautoren ohne jede Absprache untereinander an der Geschichte gearbeitet.“, und dem muss leider zugestimmt werden. Allein dass sich das Verhältnis zwischen Jim und Joan so gar nicht entspannt, nicht einmal nach der romantischen Silvesternacht, passt nicht wirklich, genauso wenig wie Jims Reaktionen, wenn andere Männer in Joans Nähe kommen, zu seiner Gefühlskälte ihr gegenüber passen. Es passt nicht so recht, dass die Nachtclubsängerin sich mit Kinderkriegen und Milchzapfen auskennt, und der Schluss, wenn der Bösewicht sein wahres Gesicht zeigt, kommt etwa an der spannendsten Stelle des Films, nämlich wenn die Geschichte überhaupt erst losgeht. Als reine Komödie könnte das Ganze gut funktionieren, mit spritzigen Dialogen, skurrilen Nebendarstellern und jeder Menge komischer Situationen einer Großstadtlady auf einer heruntergekommenen Farm. Stattdessen stakst Barbara Stanwyck auf High Heels über den Bauernhof, leiht sich von einem abgelegten Lover mal eben schlappe 800 Dollar, und verbreitet einen gedämpften Optimismus, der nicht so recht zu der gedrückten Stimmung passen will. Immerhin ist Weltwirtschaftskrise, und allen, aber auch wirklich allen geht es schlecht. Aber hey, wir werden das schon irgendwie hinbekommen …
Insgesamt ist EINSAME HERZEN sicher kein schlechter Film, aber das heißt halt auch noch lange nicht, dass er gut ist. Die Mischung passt eben nicht, und da kann dann auch eine Barbara Stanwyck nicht mehr viel machen.
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Maulwurf
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Der schwarze Falke (John Ford, 1956) 8/10

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Ein tiefer Blick in das Herz der amerikanischen Seele, und was dort zu sehen ist, das ist nicht schön. Texas 1868: Drei Jahre nach dem Ende des Bürgerkriegs kommt Ethan Edwards aus dem Krieg zurück nach Hause. Nach Hause? Eine kleine Farm im Nirgendwo mit lauter Menschen die Ethan eigentlich mehr oder weniger fremd sind. Die ihre Alltagsgeschichtchen vor ihm ausbreiten als sei er mal nur eben übers Wochenende fort gewesen. Und die mit ihm genausowenig anfangen können wie er mit ihnen. Sein Bruder? Ein biederer Farmer. Die Schwägerin? Der einzige Mensch, bei dem Ethan bereit wäre sich zu öffnen; ganz offensichtlich haben die beiden schon immer eine besondere Beziehung gehabt. Die Kinder? Nun ja, es sind die Kinder seines Bruders, und Ethan ist der Onkel, aber die Mauern sind sehr hoch. Martin, das Findelkind? Martin ist ein Halbblut, und bekommt Ethans Hass auf Indianer frontal ab. Als die Nachbarn kommen und um Hilfe bei der Verfolgung von Viehdieben bitten, ist Ethan mehr als nur bereit, dieses Haus wieder zu verlassen. Doch es stellt sich schnell heraus, dass die vermeintlichen Viehdiebe Indianer waren, Komantschen, und dass die weißen Männer nur von Zuhause weggelockt werden sollten. Zuhause, das ist jetzt nicht mehr. Ethans Bruder und die Schwägerin sind tot, die Kinder verschleppt. Zusammen mit Martin und dem Nachbarn Brad, dem Verehrer der Tochter Debbie, geht es auf Indianerjagd. Eine Jagd, die in erster Linie eine Suche ist. Und die möglicherweise nie ein Ende haben wird. Eine Suche nach der Seele Amerikas. Eine Suche, die in die Finsternis führt …

Ein tiefer Blick in das Herz der amerikanischen Seele, und was dort zu sehen ist, das ist nicht schön. Ethan ist natürlich ganz klar die Hauptfigur, und ausgerechnet der ikonische John Wayne, dieses Bildnis von Männlichkeit, Patriotismus und das-Herz-auf-dem-richtigen-Fleck-haben, ausgerechnet dieser Mann spielt den von Hass zerfressenen Ethan Edwards. Dessen Vergangenheit nie benannt wird – Es wird nicht einmal angesprochen was in den drei Jahren seit dem Ende des Krieges war, aber man macht sich so seine Gedanken, immerhin kennt Ethan sich mit den Bräuchen von Indianern verdammt gut aus. Genauso gut wie mit dem Jagen und dem Töten. Ein Mann, dessen Gegenwart aus einer Suche besteht. Und der keine Zukunft hat, weil er das, was er sucht, nie finden wird. Sein Leben besteht aus Hass und Tod, er demütigt jeden der kleiner und schwächer ist als er (was so ziemlich jeder ist), und gleichzeitig ist er fokussiert auf ein einziges Ziel: Die Indianer, die die Kinder entführt haben, aufzustöbern und umzubringen. Und die Kinder zurückzubringen. Doch was wäre, wenn nach den vielen Jahren, die die Suche dauert, die Kindern längst halbe Indianer geworden sind? Müssen sie dann ebenfalls sterben?
Ethan hat als einzigen Partner auf dieser Suche Martin, das Halbblut, und Martin bekommt vieles von Ethans Hass ab. Er wird nichtsahnend als Köder für einen Mörder verwendet genauso wie als permanenten Blitzableiter für Ethans Killerstimmung. Martin ist klein, er weiß um seine unbedeutende Existenz neben dem großen Ethan Edwards, dem vermeintlichen Vorbild, und nur allmählich lernt er sich freizustrampeln. Seine eigene Meinung zu vertreten. Und als Ethan ganz alleine eine Büffelherde töten will um den Indianern die Lebensgrundlage zu nehmen, da kann sich Martin sogar das erste Mal aktiv zwischen Ethan und den von ihm ausgehenden Tod werfen. Eine apokalyptische Szene, in der John Wayne alles menschenähnliche verliert und zu einer reinen Mordmaschine wird, dessen einziger Gedanke Tod Tod Tod ist.

Ein tiefer Blick in das Herz der amerikanischen Seele, und was dort zu sehen ist, das ist nicht schön. Wir sehen den Hass auf die Ureinwohner. Wir sehen, dass die Menschen, die jetzt die Herrschaft in diesem Land haben, eigentlich gar nicht dorthin gehören, und dass sie dies auch spüren. Aber sie sind nunmal da, wo sollen sie sonst auch hin? Doch sie wissen, dass der Preis für dieses Leben immer der Tod sein wird, und dass er meistens mit Schmerzen verbunden sein wird. Wir sehen die Freiheit und die unglaubliche und atemberaubende Weite der Landschaft, wir sehen aber auch die Opfer des Krieges zwischen Weiß und Rot in Gestalt von jungen Mädchen, Märtyrerinnen des Terrors, die in der Gefangenschaft der Indianer längst den Verstand verloren haben. Wir sehen Menschen wie Reverend Captain Samuel Johnston Clayton, Priester und Captain der freien texanischen Bürgerwehr in Personalunion, der ganz selbstverständlich alle um sich herum kommandiert, sogar die Soldaten, und sich als aufrechter amerikanischer Bürger geriert: Er ist der Chef, und alle anderen haben zu folgen. Wer nicht für uns ist, der ist gegen uns. Nur Ethan, der widersetzt sich. Zum Preis der Einsamkeit und des Ausgestoßenseins zieht Ethan mit dem verhassten Martin durch die Wüste um den Tod zu suchen und zu geben. Der Stoff aus dem (amerikanische) Legenden sind, die heutige Gegenwart immer noch beeinflussend.

DER SCHWARZE FALKE ist ein großer und dunkler Film. Die Geschichte einer Obsession, durchsetzt mit Tod und Schmerz. Mutmaßlich um diese Wirkung zu mildern, immerhin befinden wir uns Mitte der 50er-Jahre, hat John Ford immer wieder Comic Reliefs eingebaut. Die vergebliche Liebesgeschichte zwischen Martin und Laurie. Den leicht verrückten alten Mose Harper, der auch von Harpo Marx hätte gespielt werden können. Die turbulenten Szenen bei der Hochzeit von Charlie und Laurie, die dem Film so eine leichte und „western-typische“ Note geben, und ihm damit viel von seiner Düsternis nehmen. Was vielleicht gut ist, aber ich würde den Film trotzdem gerne 10 Jahre später gedreht sehen, als kritisches und actionreiches Epos voller Tod und Gewalt. Was hätte Sam Peckinpah aus dem Stoff herausgeholt? Und vor allem würde ich DER SCHWARZE FALKE gerne im Kino sehen. Auf der ganz großen Leinwand, und am besten in VistaVision, dem Format, in dem er gedreht wurde. Wie John Ford diese gigantomanische Landschaft in Relation setzt zu den winzigen Menschlein; wie er immer wieder ganz klar zeigt, dass die lächerlichen Händel der Menschen nichts sind gegen diese überwältigende Schöpfung, das ist zutiefst und nachhaltig beeindruckend. Filme sind fürs Kino gemacht, und dieser hier ganz besonders.

Aber auch im Heimkino zieht diese Geschichte den Zuschauer in ihren Bann. Werden Emotionen geweckt und Identifikationsfiguren erschaffen und wieder abgerissen. Wird eine weite Geschichte gesponnen, die mit den Gefühlen des Zuschauers spielt wie ein Kind mit einem Ball. Neben den James Stewart-Western von Anthony Mann ist DER SCHWARZE FALKE das beginnende Ende des US-amerikanischen Edelwesterns und seine allmähliche Überleitung in den zynisch-brutalen Italo-Western, eine betörende Symphonie aus großartigen Gefühlen und intensiven Schmerzen. Betörend, großartig, intensiv, schmerzhaft – Ja, so würde ich DER SCHWARZE FALKE beschreiben …
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Her name was Lisa (Roger Watkins, 1979) 6/10

Irgendwo in den Tiefen des Internets begraben.jpg
Irgendwo in den Tiefen des Internets begraben.jpg (7.4 KiB) 35 mal betrachtet

Vier Personen stehen vor Lisas Sarg. Vier Personen die um Lisa trauern, aber wer von den vieren meint es ehrlich? Paul? Paul und Lisa lernen sich kennen, als Paul in das billige Bordell kommt wo Lisa anschafft. Er lässt sich von ihrer professionell-schroffen Art nicht abschrecken und lädt sie ein, in sein Studio zu kommen: Paul ist Fotograf und sieht in Lisa viel Schönheit. Lisa lässt sich fotografieren, aber der wichtigste Kunde Pauls ist Stephen Sweet, die zweite Person am Sarg. Hauptberuflich ein Oberarschloch und nebenberuflich reicher Verleger, holt er Lisa aus Pauls Einflusszone, steckt sie mit Reizwäsche angetan in eine Wohnung, und verlangt von ihr, absolut immer vor Ort zu sein, wenn er sie braucht. Da aber auch ein Oberarschloch so seine Abhängigkeiten an andere Arschlöcher hat, vermietet er sie eines Abends an zwei Gangster, die sie übel zurichten. Im Dampfbad am nächsten Tag lernt sie über ihre blauen Flecken Carmen kennen, die dritte Person am Sarg, die sich schon lange in Lisa verliebt hat, und ihr zeigt, wie schön Sex doch sein kann. Lisa verliebt sich auch in Carmen, aber Carmen ist eine erheblich miesere Kanaille als man zuerst denkt. Und die vierte Person am Sarg ist jemand, der sie nur ganz kurz vor ihrem Tod noch gevögelt hat …

Wir lernen Lisa also in einem üblen Bordell kennen. Normalerweise sind die Frauen die hier arbeiten bereits sehr weit unten, aber Lisas Fall beginnt erst hier, und geht direkt bis in die Hölle hinab. Sie erlebt dabei alles, was Männer Frauen antun können, und ahnt dabei nicht einmal wie abgefeimt Frauen sein können. In dieser Geschichte, vollgestopft mit Gewalt und Sex (und oft genug beidem in Kombination) verfolgen wir Lisas Weg in den Abgrund hautnah, und immer wieder denken wir, dass sie jetzt endlich Halt und Liebe findet, und dabei wissen wir von Anfang an, dass am Ende der Geschichte der Tod steht.

Nein, die Story ist nicht schön anzuschauen. Lisa wird übel zugesetzt, und es wird im Lauf der Zeit immer übler, immer härter, und immer schmuddeliger. Dabei greift Regisseur Roger Watkins zu dem Kunstgriff, Teile der Story über die Musik zu kommentieren. Wenn am Anfang die Fotomodelle zum Rhythmus der klickenden Kamera emotionslos und wie automatisch posieren, ertönt im Hintergrund Wir sind die Roboter von Kraftwerk. Und der letzte Akt, mit dem Mann, seiner Frau und jeder Menge harter Drogen im Blut, verstört den Zuschauer mit Led Zeppelins Dazed and confused nachhaltig – Ich habe noch nie eine so erotisch aufgeladene Szene so düster und abtörnend zugleich gesehen. Die Musik erzählt uns von Lisas geistigem Zustand, und der Sex rauscht vorbei und fühlt sich fremd an. Bei Lisa genauso wie beim Betrachter. Eine sehr nachdrückliche Szene, die in ihrer Ambivalenz zwischen Geilheit und endgültigem Absturz eine tiefe Wirkung hat.

HER NAME WAS LISA ist kein Lustig-70er-Jahre-alle haben Spaß-Porno aus einer filmischen Parallelwelt, sondern vielmehr eine äußerst unangenehm bebilderte Reise in die dunklen Herzen der Städte, wo Frauen als Handelsware und Fickobjekt angesehen werden. Damals genauso wie heute. Was den Film nicht schön macht, aber durchaus sehenswert, allein schon wegen der gelungenen Rache Lisas und Carmens an Stephen Sweet für die Vergewaltigung …
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Gefahr in Frisco (Jules Dassin, 1949) 7/10

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Ein Film, wie ihn 15 Jahre früher auch William Wellman gemacht hätte, um mal ein wenig Werbung für einen viel zu unbekannten und starken Regisseur zu machen. In GEFAHR IN FRISCO geht es um die Probleme der kleinen Leute, um deren Sorgen, und um das Überleben im Kampf gegen die großen Macker. Nick kommt nach langer Seereise nach Hause, den Koffer voll mit Geschenken für die Lieben daheim. Die Mama bekommt Ohrringe, die Verlobte einen Ehering, und der Papa Pantoffeln. Dumm nur, dass der Papa mittlerweile seine Unterschenkel verloren hat. Ein Unfall mit dem LKW, nachdem er von einer kleinen Feier wegen eines gelungenen Geschäfts bei Mike Figlia in San Francisco weggefahren ist. Aber wenn er es sich so recht überlegt, hat Figlia ihm sein Geld bis heute nicht gezahlt. Und der LKW ist auch futsch. Es ist klar, dass Figlia den Papa über Ohr gehauen hat, und es ist auch klar, dass der Unfall mit Sicherheit kein Unfall war. Genauso klar, wie die Schlussfolgerung, dass Nick in den Krieg zieht. Zusammen mit dem Nachbarn Ed zieht er los, die beiden holen zwei alte LKWs voller Äpfel, und ab geht es nach San Francisco, Mike Figlia die Äpfel verkaufen, Papas Geld holen, und herausfinden, was damals wirklich passiert ist. Nick mag jung und stark sein, aber Figlia ist älter und erfahrener. Und um einige Ecken mieser als man sich das vorstellen kann …

Wir sehen also die kleinen Leute, hier sind es griechische Einwanderer, die sich ein kleines Geschäft aufgebaut haben, sich im Schweiße ihres Angesichts abrackern, nur um am Ende von einem skrupellosen Schwein abgezockt zu werden, und das Ende ihres persönlichen amerikanischen Traums erleben müssen. Gerade, dass das eigene bisschen Leben noch behalten werden kann. Und wir sehen, wie ein aufrechter junger Mann den Kampf gegen das Verbrechen aufnimmt. Zur Freude des Zuschauers reden wir von Richard Conte als Nick, der vielleicht nicht der allerhellste ist (der Nick, nicht der Richard), dafür aber mit Freude und vollem Körpereinsatz bereit ist sich in die Waagschale der Gerechtigkeit zu werfen. Auf seiner Seite kämpfen mit der alte Trucker Ed, der einen noch älteren Truck versucht von Fresno nach Frisco zu fahren, und dabei vor allem mit den Tücken der Technik zu kämpfen hat, sowie eine italienische Hure, die zwar eigentlich für Figlia arbeitet, sich aber in den gutaussehenden Nick mit dem goldenen Herzen verknallt. Auf der Gegenseite hat es eben den schurkischen Figlia mit dem Gesicht von Lee J. Cobb und dem Geschäftsgebaren eines Donald Trump, ein paar seiner übelsten Schläger und Mörder, und zu guter Letzt zwei Typen, die von Ed geschäftlich ausgebootet wurden und ihm dies ziemlich übel nehmen. Ständig fahren sie mit ihrem modernen und halbleeren Truck hinter Ed mit seiner völlig überladenen Klapperkiste her, provozieren ihn wo es nur geht, und wollen auch ein Stück vom Kuchen haben. Keine wirklich üblen Typen, sondern genauso arme Schweine wie Nick und Ed, nur vielleicht ein klein wenig rabiater in ihren Methoden.

GEFAHR IN FRISCO spielt in der Hektik eines modernen Großmarktes, in einem nebelverhangenen Hafen, und auf den Straßen Kaliforniens, wo die LKWs Stoßstange an Stoßstange fahren, die Trucker 36 Stunden ununterbrochen am Steuer sitzen, und wenn sie am Ende an ihrem Ziel ankommen, auch noch von skrupellosen Geschäftemachern ausgenommen werden. Kein Noir im handelsüblichen Sinne, mit Männern, die aus Versehen auf die falsche Seite des Gesetzes geraten und mit starken und fordernden Frauen. Aber dafür ein starker und spannender Krimi, der die Welt so zeigt wie sie nun mal von den meisten Menschen wahrgenommen wird: Von unten. Als möglicher Vergleich fällt mir ein Film ein wie Gilles Grangiers STRASSENSPERRE, der wahrscheinlich von GEFAHR IN FRISCO inspiriert sein dürfte. Aber die amerikanische Version ist ein gutes Stück schmutziger, düsterer, spannender, und wirkt insgesamt einfach geerdeter als das französische Pendant. Gute Krimikost aus harten Zeiten, die das (Über-) Leben der kleinen Leute zeigt und dabei auch ein gutes Stück Sozialkritik in sich trägt.
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