Re: Monographien zu Umberto Lenzi
Verfasst: Fr 5. Dez 2025, 23:28
Denkwürdige Tage in Luxemburg liegen hinter mir:
Der geisteswissenschaftliche Campus der wiederum ja vor gerade mal zwei Jahrzehnten gegründeten Universität befindet sich auf dem Gelände eines ehemaligen Stahlwerks, was bei meiner Ankunft - zumal bei Regen und Dunkelheit - unwillkürlich das Gefühl erweckte, ich sei mitten in einen italienischen Endzeitstreifen gestolpert. Moderne Hochhausbauten und Relikte der einstigen Industrie verflechten sich derart innig miteinander, dass man gar nicht weiß, ob man sich nun in einem glasfassadigen, glattgeschleckten Bankhausviertel befindet oder in einer post-apokalyptischen Geisterstadt. Allabendlich gespeist wurde in einem ehemaligen Schmelzofen, was ich allerdings erst begriff, als ich von meinem Teller veganer Kniddelen den Blick hob und direkt in einen nicht mehr rauchenden Schornstein guckte: Ach, deshalb heißt der Laden "Die Schmelz"!?
Die Tagung selbst war eine ähnlich heterogene Mischung: Ich wurde über surrealistische Einflüsse des Zuckerguss-Arthouse von LE FABULEUX DESTIN D'AMÈLIE POULAIN aufgeklärt; ich lernte viel über aktuelle Kunstfälscher-Dokus, die sich an Welles' F FOR FAKE orientieren; ich war sprachlos angesichts der obsessiven Manie, mit der ein Kunsthistoriker sich seit Jahren Photos von Wohnungen anschaut, in denen Fritz Lang gelebt hat, um herauszufinden, welche Bilder dort an den Wänden hingen, welche Bücher im Regal standen, um dann in einem zweiten Schritt mögliche Einflüsse dieser Kunstwerke, mit denen Lang sich umgab, in seinen Filmen zu detektieren: Die zugehörige Präsentation umfasste über 400 Folien, von denen wir aus Zeitgründen bloß einen Bruchteil zu sehen bekamen!
Forenrelevant waren zwei Vorträge, (da ein dritter, der Fulcis L'ALDILÀ als narrative Metalepse interpretieren wollte, leider kurzfristig ausfiel): Zum einen einer, der Tonio Valeriis IL MIO NOME È NESSUNO als postmodernen Film par excellence modellierte, und der wirklich wunderbar versuchte, eine Definition dessen, was Postmoderne im Kino sein kann, an diesem Kultstreifen zu exemplifizieren, den wir ja seinerzeit in Düsseldorf auf der großen Leinwand bewundern durften.
Mein eigener Vortrag fiel zumindest bei einer Person auf derart wenig fruchtbaren Boden, dass es mir wortwörtlich die Sprache verschlug. Schon zuvor hatte diese Doktorandin, die sich sowieso darin hervortat, jeden Vortrag mit Polemik überschütten zu wollen, immer wieder während meines Vortrags demonstrativ den Kopf geschüttelt, sich eifrig Notizen gemacht, mich grimmig angestarrt, während ich den Versuch unternahm, die mannigfaltigen Art und Weise, wie Bildende Kunst in italienischen Gialli und Horrorfilmen der 70er funktionalisiert werden, kurz darzustellen, und mich sodann auf die drei Lenzi-Granaten SETTE ORCHIDEE MACCHIATE DI ROSSO, SPASMO sowie INCUBO SULLA CITTÀ CONTAMINATA einschoss.
Als sie, kaum hatte ich die letzte Folie gezeigt, schon den Finger hob, machte ich mich innerlich darauf gefasst, was nun folgen würde: Ich rechnete fest damit, sie würde anführen, dass meine Filmbeispiele ja pure Männerphantasien seien, eine Zelebration des patriarchalen Blickregimes, dass diese Filme Gewalt von Männern an Frauen, wie sie in der außerfilmischen Realität auf der Tagesordnung steht, innerhalb der Fiktion um ein Vielfaches potenzieren, und dabei eben affirmativ bestätigen, nicht subversiv unterwandern würden.
Aber nein, die Kritik war viel fundamentaler, denn sie warf doch glatt die Frage in den Raum, wie denn Mario Bava oder Dario Argento (sic!) Kunst sein können, wenn sie doch derart exzessiv Gewalt darstellen: Wie kommt irgendein Mensch - (irgendein Mann!) - auf die Idee, solcherlei Filme kultisch zu feiern, wo ihre Essenz doch purer Menschenhass, pure Freude an der Zerstörung seien. Sie fände nämlich, irgendwann sei ein Maß der Gewalt erreicht, irgendwann sei eine moralische Grenze derart überschritten, dass es völlig egal ist, wie professionell und artifiziell ein Film gemacht sei, da würden dann schon ethische Kategorien greifen. Rufe nach Verbote oder Zensur waren bloß einen Zungenschlag entfernt - und meine eigene Zunge lag wie Blei in meinem Mund, so ungläubig war ich, was ich da zu hören bekam - und bis heute weiß ich nicht, weshalb in einem Vortrag primär zu Lenzi, am Ende Argento und Bava die Schelte abbekamen, herrje.
Der geisteswissenschaftliche Campus der wiederum ja vor gerade mal zwei Jahrzehnten gegründeten Universität befindet sich auf dem Gelände eines ehemaligen Stahlwerks, was bei meiner Ankunft - zumal bei Regen und Dunkelheit - unwillkürlich das Gefühl erweckte, ich sei mitten in einen italienischen Endzeitstreifen gestolpert. Moderne Hochhausbauten und Relikte der einstigen Industrie verflechten sich derart innig miteinander, dass man gar nicht weiß, ob man sich nun in einem glasfassadigen, glattgeschleckten Bankhausviertel befindet oder in einer post-apokalyptischen Geisterstadt. Allabendlich gespeist wurde in einem ehemaligen Schmelzofen, was ich allerdings erst begriff, als ich von meinem Teller veganer Kniddelen den Blick hob und direkt in einen nicht mehr rauchenden Schornstein guckte: Ach, deshalb heißt der Laden "Die Schmelz"!?
Die Tagung selbst war eine ähnlich heterogene Mischung: Ich wurde über surrealistische Einflüsse des Zuckerguss-Arthouse von LE FABULEUX DESTIN D'AMÈLIE POULAIN aufgeklärt; ich lernte viel über aktuelle Kunstfälscher-Dokus, die sich an Welles' F FOR FAKE orientieren; ich war sprachlos angesichts der obsessiven Manie, mit der ein Kunsthistoriker sich seit Jahren Photos von Wohnungen anschaut, in denen Fritz Lang gelebt hat, um herauszufinden, welche Bilder dort an den Wänden hingen, welche Bücher im Regal standen, um dann in einem zweiten Schritt mögliche Einflüsse dieser Kunstwerke, mit denen Lang sich umgab, in seinen Filmen zu detektieren: Die zugehörige Präsentation umfasste über 400 Folien, von denen wir aus Zeitgründen bloß einen Bruchteil zu sehen bekamen!
Forenrelevant waren zwei Vorträge, (da ein dritter, der Fulcis L'ALDILÀ als narrative Metalepse interpretieren wollte, leider kurzfristig ausfiel): Zum einen einer, der Tonio Valeriis IL MIO NOME È NESSUNO als postmodernen Film par excellence modellierte, und der wirklich wunderbar versuchte, eine Definition dessen, was Postmoderne im Kino sein kann, an diesem Kultstreifen zu exemplifizieren, den wir ja seinerzeit in Düsseldorf auf der großen Leinwand bewundern durften.
Mein eigener Vortrag fiel zumindest bei einer Person auf derart wenig fruchtbaren Boden, dass es mir wortwörtlich die Sprache verschlug. Schon zuvor hatte diese Doktorandin, die sich sowieso darin hervortat, jeden Vortrag mit Polemik überschütten zu wollen, immer wieder während meines Vortrags demonstrativ den Kopf geschüttelt, sich eifrig Notizen gemacht, mich grimmig angestarrt, während ich den Versuch unternahm, die mannigfaltigen Art und Weise, wie Bildende Kunst in italienischen Gialli und Horrorfilmen der 70er funktionalisiert werden, kurz darzustellen, und mich sodann auf die drei Lenzi-Granaten SETTE ORCHIDEE MACCHIATE DI ROSSO, SPASMO sowie INCUBO SULLA CITTÀ CONTAMINATA einschoss.
Als sie, kaum hatte ich die letzte Folie gezeigt, schon den Finger hob, machte ich mich innerlich darauf gefasst, was nun folgen würde: Ich rechnete fest damit, sie würde anführen, dass meine Filmbeispiele ja pure Männerphantasien seien, eine Zelebration des patriarchalen Blickregimes, dass diese Filme Gewalt von Männern an Frauen, wie sie in der außerfilmischen Realität auf der Tagesordnung steht, innerhalb der Fiktion um ein Vielfaches potenzieren, und dabei eben affirmativ bestätigen, nicht subversiv unterwandern würden.
Aber nein, die Kritik war viel fundamentaler, denn sie warf doch glatt die Frage in den Raum, wie denn Mario Bava oder Dario Argento (sic!) Kunst sein können, wenn sie doch derart exzessiv Gewalt darstellen: Wie kommt irgendein Mensch - (irgendein Mann!) - auf die Idee, solcherlei Filme kultisch zu feiern, wo ihre Essenz doch purer Menschenhass, pure Freude an der Zerstörung seien. Sie fände nämlich, irgendwann sei ein Maß der Gewalt erreicht, irgendwann sei eine moralische Grenze derart überschritten, dass es völlig egal ist, wie professionell und artifiziell ein Film gemacht sei, da würden dann schon ethische Kategorien greifen. Rufe nach Verbote oder Zensur waren bloß einen Zungenschlag entfernt - und meine eigene Zunge lag wie Blei in meinem Mund, so ungläubig war ich, was ich da zu hören bekam - und bis heute weiß ich nicht, weshalb in einem Vortrag primär zu Lenzi, am Ende Argento und Bava die Schelte abbekamen, herrje.