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Blap hat geschrieben:Gestern geschaut. Prächtige Unterhaltung, grober Unfug und einige bekannte Gesichter. Hasenpack war mir schon immer verdächtig, dieser kurzweilige Spaß bestätigt meine Befürchtung.
„Wie kann man ihrer Herr werden? Wie die Welt von dieser Pest befreien?“
1964 veröffentlichte der australische Schriftsteller Russell Braddon seinen Science-Fiction-Horror-Roman „The Year of the Angry Rabbit“, der offenbar als Satire auf Kapitalismus, Nationalismus und Krieg intendiert war. Unter dem irreführenden Originaltitel „Night of the Lepus“ (Lepus steht für Hase, während es hier um Kaninchen geht) verfilmte der wenig populäre US-Regisseur William F. Claxton, der sich zuvor u.a. mit einigen Western und Beiträgen zu TV-Serien einen Namen zu machen versuchte, den Stoff, dessen Inhaltsangabe sich ebenfalls reichlich irre liest:
Mutmaßlich aufgrund der Ausrottung der Kojoten wird Cole Hillmans (Rory Calhoun, „Der Koloss von Rhodos“) Farm Opfer einer Kaninchenplage. Die plüschigen Nager fressen nicht nur das angebaute Gemüse und das Gras von den Weiden weg, sondern buddeln auch noch Löcher, in denen sich die Pferde die Extremitäten brechen. Da Hillman kein Freund davon ist, den Viechern mit Gift zu Leibe zu rücken, vermittelt Elgin Clark (DeForest Kelley, Pille McCoy aus „Raumschiff Enterpreise“) ihm das Forscherpaar Roy (Stuart Whitman, „Feuerstoß“) und Gerry Bennett (Janet Leigh, „Psycho“), die der Plage mittels eines neuartigen Hormonserums Herr werden wollen. Ein spezielles Exemplar jedoch wird unbemerkt von den Forschern von Töchterchen Amanda (Melanie Fullerton, „To Rome With Love“) vertauscht und dadurch in die Freiheit entlassen, wo es zu einem riesigen Ungetüm mutiert und sich, seiner Gattung typisch, fleißig vermehrt. Die Riesenkaninchen haben zudem einen ungemeinen Blutdurst entwickelt und greifen Mensch und Tier an. In einem Minenstollen entdeckt man ihren Unterschlupf und sprengt diesen, doch die neue, die alte bei Weitem übertreffende Plage lässt sich dadurch nicht mehr aufhalten. So muss gar die Stadt evakuiert und die Armee herbeizitiert werden…
„Diese Kaninchen vertreiben mich noch von Haus und Hof!“
Ein Nachrichtensprecher berichtet reißerisch von Kaninchenplagen, Claxton installiert dazu entsprechende Schwarzweiß- sowie Farbarchivaufnahmen. In den Dialogen zum Ursprung der Plage, die nun Gegenstand dieses Films ist, wird die Wichtigkeit ökologischen Gleichgewichts betont, bevor es schließlich ans Eingemachte geht: Amanda entdeckt ihren riesenwüchsigen Mümmelmann im Minenstollen wieder und wird ohnmächtig, jedoch nicht getötet. Diverse Erwachsene müssen indes dran glauben; die Tötungen selbst bekommt man aufgrund des abrupten Schnitts nicht zu sehen, jedoch eine säuberlich zerteilte, blutverschmierte Leiche. Der Wissenschaftler stellt Vergleiche zum Säbelzahntiger an und weitere blutbesudelte tote Körper tauchen auf. Claxton arbeitet mit Zeitlupen, wie die Kaninchen durch die Mine hoppeln und unterlegt diese mit einer potentiell verstörenden, hallenden, unheilschwangeren Geräuschkulisse, in anderen Szenen lässt er die Tierchen durch Miniaturbauten rennen oder steckt Menschen für Nahkampfaufnahmen in Rammlerkostüme. Die Krux dabei: Das ist alles, trashig und unfreiwillig komisch, sonderbar, bizarr, absurd – nur nie gruselig. Im Gegensatz zum Autoren der Romanvorlage meint Claxton seinen Film offenbar bierernst.
„Sie sind so groß wie Wölfe!“ – „Und genauso bösartig!“
Im Prinzip wirkt der hierzulande „Rabbits“ getaufte Film wie ein direkter Nachkomme 1950er- und ‘60er Größenwuchs-Monster- und Tierhorrorfilme und wie Vorläufer der später populärer gewordenen Verquickung von Tier- und Ökohorror zugleich – Genrevertretern, die die Menschen piesackende Fauna oder auch mal Flora mit ökologischem Gewissen und entsprechender Botschaft anreicherten, mal mehr, mal weniger exploitativ. Hinzu kommt das typische Südstaaten-Ambiente ebenfalls à la „Tarantula“ oder eben auch „Mörderspinnen“ etc. Filme, in denen die Männer beinahe wirken, als würden sie noch regelmäßig durch die Prärie reiten, im Saloon Karten kloppen und den Colt im Anschlag haben. So ist die z.B. Geschlechterrollenverteilung hier noch klar definiert, ablesbar am unschwer zu erkennenden Gefälle zwischen Roy und Gerry Bennett, eigentlich beide Wissenschaftler, sie jedoch mehr die Ehefrau und Assistentin von einem als alles andere.
„Ja, ich habe ihn gefunden – was von ihm übrig war!“
Die Menschheit schlägt zurück, die Kaninchen werden nun auch blutig erschossen, doch auch die Nager können schießen: mit der Wucht ihres ganzen monströsen Körpers durchs geschlossene Fenster und direkt auf Frauenkehlen. Bei so viel Angriffslust dauert es nicht mehr lange, bis sie sogar die nahegelegene Stadt bedrohen, woraufhin man mithilfe des Militärs die Plage töten will, indem man die Bahngleise unter Strom setzt. Damit setzt der Film nun auch seine innere Logik außer Kraft, denn die eigentlich so prima durch Wald, Wiese und Fenster springenden Plüschmonster scheinen diese Fähigkeiten urplötzlich abgelegt zu haben. Das von langer Hand inszenierte, actionreiche Finale wird dann in Sachen Spezialeffekte mittels schneller Schnitte verschleiert, die jedoch auch nicht verhehlen können, dass es Claxton & Co. in dieser Hinsicht an Möglichkeiten und Geschick mangelte. Dennoch ist „Rabbits“ durchaus sorgfältiger gemacht als von mir erwartet und es ist eine besondere Freude, verdiente Schauspieler (von denen man wohl gern wüsste, wie sie in diese Produktion hineingeraten sind) dabei zu beobachten, wie sie mit todernster Miene gegen Riesenkaninchen kämpfen und über den von ihnen ausgehenden Terror schwadronieren. Kurios mutet es auch an, dass weder die kleine Amanda zur Rechenschaft gezogen oder zumindest gemaßregelt wird noch die Bennetts für die Verwendung ihres Serums kritisiert werden. Der ökologische Aspekt, der zu Beginn des Films noch stark herausgestellt wird, spielt irgendwann überhaupt keine Rolle mehr.
Im Endeffekt ist „Rabbits“ aber vor allem eines: Ein verdammt unterhaltsamer Spaß sowohl für Trash- als auch für Monster- und Tierhorror-Freunde und ein in einem an Bizarrerie nicht armen Subgenre enorm bizarres Kleinod.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
Ein-Mann-Geschmacks-Armee gegen die eingefahrene Italo-Front (4/10 u. 9+)