Casablanca - Michael Curtiz (1942)

Moderator: jogiwan

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Die Kroete
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Re: Casablanca - Michael Curtiz

Beitrag von Die Kroete »

DrDjangoMD hat geschrieben:Doch tun sie! "Casablanca" ist ein ganz großes Meisterwerk, früher sowieso einer meiner Lieblingsfilme, heute noch geachtet und oft gesehen. Das Timing ist absolut perfekt, gerade so, dass er nicht zu lange und nicht zu kurz dauert. Er ist nervenzerreißend spannend und trotzdem gibt es einige Momente bei denen man laut auflachen kann. Die Charaktere sind allesamt interessant, liebenswert, bedrohlich oder alles drei zusammen, mir gefällt es, wie sie Casablanca als ungemütliche Stadt voller Gefahren darstellen und auch visuell ist der Film (trotz ein paar wenigen Achsensprüngen :pfeif: ) der Hammer.

MEISTERWERK!!! 10/10
Und nur weil man eine große Liebe zu europäischen Exploitation- und Genrefilmen hat, heißt das noch lange nicht, dass man die US-Klassiker nicht auch mögen darf.
Onkel Joe hat geschrieben:Ich mag diesen Film auch sehr gerne, der kann schon was. Diese schwammig gezeichneten Charaktere sind einfach großartig weil man nie so recht weiß woran man ist. Schön minimal gespielt aber dennoch irgendwie Meisterhaft in Szene gesetzt, so etwas sieht man heute gar nicht mehr, PERFEKTES KINO!
Eine 10/10 wird es bei mir nicht aber durchaus gute 8/10.
Ich werde aber hier jetzt nicht dazu genötigt, Filme zu leiben, die "alle" lieben, oder !? :basi:

Ich mag diesen Film nämlich nicht und kann "das große Meisterwerk" für mich darin nicht erkennen. Obwohl ich dem Film sein, dem Genre bedingt, hohes Niveau nicht absprechen möchte. Aber anschauen muß ich mir den nicht, da kenn ich bessere! :twisted:
purgatorio
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Re: Casablanca - Michael Curtiz

Beitrag von purgatorio »

CASABLANCA (USA 1942, Regie: Michael Curtiz)

Seit unzählig vielen Jahren mal wieder gesichtet. Und was soll ich sagen: Ein toller Film! Witzig, tragisch, hervorragend gemacht. Einfach zeitlos!
Im Prinzip funktioniere ich wie ein Gremlin:
- nicht nach Mitternacht füttern
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buxtebrawler
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Re: Casablanca - Michael Curtiz (1942)

Beitrag von buxtebrawler »

„Leider hat Casablanca zusammen mit den Flüchtlingen auch den Abschauen Europas angelockt.“

Ich weiß nicht, ob der gebürtige Ungar und US-Regie-Routinier Michael Curtiz („Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts“) ahnte, welch Riesenerfolg dem Film beschieden sein würde, den er auf Grundlage eines bis dahin unaufgeführt gebliebenen Theaterstücks aus dem Jahre 1940 sowie eines mehrfach von verschiedenen Autorinnen und Autoren umgeschriebenen und um immer neue Aspekte erweiterten Drehbuchs, das erst während der Dreharbeiten vollendet wurde, im Jahre 1942 inszenierte. Fakt ist, dass „Casablanca“, jenes vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs spielende Liebesdrama mit Politthriller-Anleihen, bis heute als eine der bedeutendsten Hollywood-Produktionen schlechthin gilt.

„Diese Stadt ist voller Aasgeier, voller dunkler Elemente. Überall, an allen Ecken, lauern sie einem auf.“

Und die Geschichte holte den Film ein: Nach dessen Premiere im November 1942 wurden weitere Aufführungen auf Februar 1943 verschoben, weil im Januar des Jahres US-Präsident Roosevelt und der britische Premier Churchill in Casablanca über eine Anti-Hitler-Koalition konferierten. Die deutsche Erstaufführung datiert aufs Jahr 1952, jedoch in einer verfälschten Synchronisation und massiv gekürzten Fassung. Auf eine originalgetreue deutsche Auswertung musste man bis in die 1970er warten.

„Sie sind ein ziemlich zynischer Mensch, Rick...“

Die Handlung spielt im Jahre 1941. Die von Vichy-Frankreich verwaltete nordafrikanische Stadt Casablanca ist das Ziel zahlreicher vom Nazi-Terror verfolgter Europäerinnen und Europäer, aber auch von Spielern, Trinkern und klein- sowie großkriminellen Elementen. Im „Café Américain“ trifft man aufeinander, dem Lokal des verschlossen bis zynisch wirkenden Richard „Rick“ Blaine (Humphrey Bogart, „Die Spur des Falken“), der sich aus politischen Fragen weitestmöglich herauszuhalten versucht – wenngleich er in seiner bewegten Vergangenheit durchaus für die richtigen Seiten zu kämpfen verstand. Dies unterscheidet ihn von einem Opportunisten wie dem französischen Polizeipräfekt Renault (Claude Rains, „Der Wolfsmensch“), der zu seinen Stammgästen zählt. Auf ihrem Weg nach Casablanca wurden zwei deutsche Kuriere getötet und ihnen ihre Ausreisevisa abgenommen. Die Nazis vermuten den tschechische Widerständler Victor László (Paul Henreid, „Eva“) dahinter, der ihnen bisher immer wieder entkommen hatte können. Jene Visa sind von großer Bedeutung, da sie die Ausreise in die USA ermöglichen. Nazi-Major Strasser (Conrad Veidt, „Der Dieb von Bagdad“) fahndet in Casablanca nach László, der dort zusammen mit seiner Frau Ilsa Lund (Ingrid Bergman, „Arzt und Dämon“) eintrifft. Strasser hofft aus Renaults Hilfe. Die Visa befinden sich ins Ricks Besitz, seit er sie vom später ermordeten Ugarte (Peter Lorre, „M“) zur Verwahrung erhalten hat. Rick muss sich nicht nur dieser Situation wohlüberlegt stellen, sondern auch damit klarkommen, dass in Person Ilsas seine ehemalige Geliebte vor ihm steht, die im Glauben, ihr Mann sei im KZ umgebracht worden, mit ihm in Paris angebändelt hatte. Als sie erfuhr, dass Victor lebt, ließ sie Rick allein am Bahnhof stehen. Nun bittet sie ihn, Victor und ihr die Visa zu veräußern, doch er weigert sich…

„Welche Nationalität haben Sie?“ – „Ich bin Trinker.“

Ein Sprecher aus dem Off erklärt die Ausreiseproblematik, dazu werden damalige topographische Karten eingeblendet. Kurz darauf sehen wir bereits, wie jemand erschossen wird. Das brisante Klima, innerhalb dessen die Geschichte angesiedelt ist, wird damit unmittelbar vor Augen geführt. Mit Einführung der handelnden Figuren wird das Sujet des Visumhandels etabliert. Bogarts Rolle als Rick fällt schon früh mit ihren Dialogen und der Melancholie, die sie ausstrahlt, auf. Ricks Kryptonit ist Ilsa, die unvermittelt in seinem Café auftaucht. Daraufhin betrinkt er sich, wird sentimental und schwelgt in Erinnerungen, die in Rückblenden visualisiert werden. Gewissermaßen kam der Nazi-Überfall auf Frankreich seiner Liebe zu Ilsa dazwischen. Aber eben nicht nur. Rick ist der Inbegriff der Coolness, hinter der er aber vor allem seine Verletzlichkeit verbirgt. Er gibt den desillusionierten Zyniker und egoistischen Pragmatiker, ist eigentlich aber großer Romantiker. Diese Verkörperung avancierte zu einer Paraderolle für Bogart, mit der er bis heute assoziiert wird. Nicht ganz unähnlich erging es Bergman, deren Rolle als Ilsa zu ihren populärsten zählte.

„Ich seh' dir in die Augen, Kleines.“

Ricks Café, das vielmehr ein Nachtclub ist, ist ein Mikrokosmos, in dem sich die Weltpolitik abspielt. Die dort stattfindenden Gespräche sind voller Bonmonts, das Dialogbuch ist zum Niederknien. Fiese Drohungen werden distinguiert zwischen den Zeilen ausgesprochen, in der Regel werden alle Höflichkeitsformen gewahrt. „Casablanca“ ist ein Film der Ungewissheit, woraus er seine Spannung generiert, ohne übermäßig auf klassische Spannungsspitzen setzen zu müssen. Fast allen relevanten Figuren haftet etwas Ungewisses an. Wer sind sie wirklich, was denken und fühlen sie wirklich, wie authentisch sind sie? Und: Kann man ihnen vertrauen? Noch ungewisser ist ihre Zukunft. Casablanca ist eine Zwischenstation im Leben der Vertriebenen, Geflohenen und Gestrauchelten. Dies wiederum hängt mit der ungewissen Zukunft der ganzen Welt zusammen: Welche Ausmaße wird der Weltkrieg noch annehmen? Wird das Nazi-Reich mit seiner Möchtegern-Herrenrasse zu besiegen sein? Und wie, verdammt noch mal, wird sich Rick weiterhin gegenüber Ilsa und Victor verhalten?!

„Ausgerechnet, wenn die ganze Welt zusammenbricht, müssen wir uns ineinander verlieben!“

Wie der Film all diese Aspekte auf sehr natürlich wirkende Weise miteinander verwebt, ist schlicht meisterhaft. Man möchte meinen, alle am Drehbuch Beteiligten hätten jeweils einem dieser Punkte besondere Aufmerksamkeit gewidmet, viele Köche also einmal nicht den Brei verdorben, sondern besonders raffiniert abgeschmeckt. Curtiz‘ Regie und die Bilder, die sie einfängt, bedienen sich einiger Beleuchtungstricks, die die Atmosphäre des Films unterstreichen, und setzen die Schauspielerinnen und Schauspieler großartig in Szene. Der Schnitt sichert ein nahezu perfektes Timing dieser Geschichte, die nicht zu langsam, aber erst recht nicht zu schnell erzählt werden darf, dabei aber stets interessant bleiben muss.

„War das Artilleriefeuer oder klopft mein Herz so laut?“

Natürlich ist „Casablanca“ auch ein politischer Film, der die US-Bevölkerung für die Notwendigkeit sensibilisieren sollte, gegen das die ganze Welt bedrohende Geschwür des Faschismus einzugreifen. Dennoch ist er weit von plumper Propaganda entfernt. Direkte antifaschistische Offensiven sind hier rar gesät, präsentieren sich dann aber umso eindrucksvoller – in erster Linie in jener Szene, in der Victor den Nazigesang mit der Marseillaise zu übertönen versucht. Apropos Musik: Untrennbar mit dem Film verbunden ist Herman Hupfelds zum Drehzeitpunkt bereits über eine Dekade alt gewesene Komposition „As Time Goes By“, die im Film von Pianist Sam (Dooley Wilson, „Keep Punching“) gespielt und gesungen wird und in Variationen wiederkehrend erklingt. Die Figur Victor László wiederum ist, so heißt es, inspiriert vom tschechische Widerstandskämpfer Jan Smudek. Und mit Veidt, Henreid, Lorre sowie dem als Taschendieb auftretenden Curt Bois finden sich in „Casablanca“ Schauspieler, die tatsächlich vor den Nazis geflohen waren.

„Verhaften Sie die üblichen Verdächtigen!“

Dieser Film brachte eine Menge Dialogzeilen hervor, die seither immer wieder zitiert, persifliert oder rekontextualisiert werden und auch bei denjenigen ins kulturelle Gedächtnis Einzug gehalten haben dürften, die den Film nie gesehen haben. Und wenn wichtige Figuren im Gänsehautfinale wichtige Entscheidungen treffen, ist „Casablanca“ nicht zuletzt auch ein Sieg der Romantik über den Faschismus.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
Ein-Mann-Geschmacks-Armee gegen die eingefahrene Italo-Front (4/10 u. 9+)
Diese Filme sind züchisch krank!
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Maulwurf
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Re: Casablanca - Michael Curtiz (1942)

Beitrag von Maulwurf »

Ein wunderbarer kleiner Film, der vortrefflich zeigt, wie früher mal Kino gemacht wurde. Ein B-Film mit nicht sonderlich viel Budget, der eigentlich nur als billiger kleiner Propagandafilm für zwischendurch gedacht war. Unter der Regie eines bekannten Schnell-Schnell-Kurblers. Mit ein paar Stars aus dem Studiofundus, von denen die weibliche Hauptrolle eigentlich nur die Wartezeit totschlagen wollte, bis sie endlich die begehrte Hauptrolle in WEM DIE STUNDE SCHLÄGT bekommt (weswegen die Bergman auch nicht für eigentlich gewünschte Nachdrehs zur Verfügung stand). Ein Drehbuch, das von Wochenende zu Wochenende weitergeschrieben wurde (tatsächlich war am Freitag nicht bekannt, was am nächsten Montag gedreht werden soll, und am Wochenende schlossen sich die Drehbuchautoren auf einer Farm ein und schrieben das Skript für die kommenden fünf Drehtage). Ein ganzer Haufen Emigranten, die an einem Film über Emigranten arbeiten. Und eine unglaubliche Menge an Sprüchen, die längst zumindest in meinen Alltagswortschatz übergegangen sind.

Ich mag CASABLANCA sehr, aber man darf halt nicht den Fehler begehen, in ihm einen geplanten Blockbuster zu sehen, der er nie hätte sein sollen und auch nicht war. Humphrey Bogart war erst ein Jahr zuvor in die Riege der großen Namen aufgestiegen (nämlich mit DIE SPUR DES FALKEN), und Warner tat sich immer noch schwer, den Mann passend zu besetzen. Ingrid Bergman war 1939 in INTERMEZZO positiv aufgefallen, konnte danach aber keine großen Erfolge mehr verbuchen, weswegen sie so begierig darauf war, neben Gary Cooper in WEM DIE STUNDE SCHLÄGT zu spielen. Für beide war CASABLANCA nur eine Auftragsarbeit, nicht mehr. Und für die ganzen Emigranten, Peter Lorre, Claude Rains, Sidney Greenstreet, Conrad Veidt, Szöke Szakáll, Curt Bois usw., für die war das ebenfalls nur eine Möglichkeit, endlich mal etwas Geld zu verdienen. Eine Oscar-Nominierung hätte da keiner erwartet, am wenigsten Jack Warner. Auch hinter den Kulissen arbeiteten viele Europäer an dem Film , vielleicht ist es so zu meinem persönlichen Lieblingswitz gekommen, dass der französische Capitaine Renault heisst, der Italiener heisst Ferrari, und man im Nachhinein dankbar sein kann, dass Major Strasser nicht Volkswagen genannt wurde ...

Aber es auf jeden Fall ein toller Film, den ich viel zu viele Jahre nicht mehr gesehen habe. Vielen Dank für die Erinnerung, dass es den ja auch noch gibt! :verbeug:
Der Sieg des Kapitalismus ist die endgültige Niederlage des Lebens.
(Bert Rebhandl)
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