Seite 3 von 3
Re: Demonia - Lucio Fulci (1990)
Verfasst: Di 12. Jun 2018, 07:20
von jogiwan
Die junge Liza durchlebt während einer Seance in Toronto schreckliche Bilder von gequälten Nonnen, die irgendwann in vergangenen Jahrhunderten von wütenden Bürgern ans Kreuz genagelt und verbrannt werden. Wenige Filmsekunden später ist die Archäologin mit ihrem Professor und einem Team aber auch schon in Sizilien um dort neben der eigentlichen Ausgrabungsstätte auf wundersame Weise auch das alte Kloster aus ihren Alpträumen zu finden. Entgegen dem Rat ihres Professor Paul forscht Liza in der örtlichen Bibliothek an der dunklen Geschichte weiter und entdeckt im Keller des Klosters auch prompt einen versteckten Raum. Als sie diesen betritt findet sie nicht nur die Leichen der Nonnen, sondern befreit scheinbar auch den rachsüchtigen Geist der gequälten Seelen, der schon wenig später für weitere Leichen und eine erzürnte Volksseele sorgt.
jogiwan hat geschrieben:Hui, Nonnen-Schmonz mit Gore-Beilage von unserem Lieblings-Fulci- Leider zu einer Zeit entstanden, in der das italienische Kino ja nicht gerade mit Genre-Perlen glänzt und auch "Demonia" ist alles andere als ein Burner. Die farblose Hauptdarstellerin stolpert von Warnungen begleitet durch irgendwelche Ruinen und nebenher werden ein paar Leutchen auf brutale Weise ermordet. Das Ende ist zwar ziemlich gory, passt aber leider nicht zum trögen Rest und auch das Auftauchen von Al Cliver und Lieblings-Hackfresse Lino Salemme können da nix mehr großartig retten. Der ganze Look des Films hat mir nicht sonderlich gefallen und die Geschichte über das dunke Geheimnis einer Stadt ist einfach doof und bevor "Demonia" nochmals im Player landet ist es wohl eher wahrscheinlicher, dass ich meine Zunge ebenfalls an ein Brett nageln lasse. Boring!
Die Spätwerke von Lucio Fulci haben ja allesamt keinen guten Ruf und jeder hier kann ja oben nachlesen, dass ich seinerzeit von „Demonia“ wohl alles andere als begeistert war. Vielleicht ist es bereits die Altersmilde oder einfach nur das Wissen darum, dass es immer noch viel, viel schlechter geht, aber bei der erneuten Sichtung fand ich diese obskur zusammengeschusterte Mischung ja gar nicht mehr so übel. Das Drehbuch ist ja noch immer mies und besteht aus einzelnen Ereignissen, die nie so recht zusammenpassen wollen. Außerdem hat man ja auch das Gefühl, dass der italienische Regisseur neben dem fleißigen Recycling eigener Motive vorangegangener Filme mit seiner Hauptdarstellerin nicht zufrieden war und deren Rolle im Verlauf immer mehr in den Hintergrund drängt um als Inspektor auch vor der Kamera das Zepter zu übernehmen. Neben dem etwas übertriebenen Einsatz von Farbfiltern und Weichzeichnern gibt es aber durchaus hübsche Locations und stimmige Settings und auch noch ein paar abgeschmackt-lustige Ideen, die ja irgendwie typisch für das italienische Genre-Kino aus dieser Enstehungszeit sind. Insgesamt ist der Streifen aus dem Jahr 1990 sicherlich kein sonderlich gutes Werk und von Spannung und Atmosphäre ist hier keine Spur, aber alle paar Jahr(zehnt)e lässt sich auch so etwas wie „Demonia“ ja schon gucken, ohne dass man gleich zu oben erwähnten und drastischen Mitteln greifen muss.
Re: Demonia - Lucio Fulci (1990)
Verfasst: Di 12. Jun 2018, 09:15
von Arkadin
In einer Ausgabe des "Video Watchdog" war mal ein sehr langer Drehbericht (um genauer zu sein, jemand hat ausführlich über die Dreharbeiten geschrieben, ichw eiß nicht mehr wer - einer/eine der Schauspieler/innen meine ich). Das war sehr interessant zu lesen. Das war mehr oder weniger wirklich eine "Amateuerproduktion". Ständig kein Geld. Keiner hatte wirklich einen Plan. Ich meine das Drehbuch musste ständig geändert werden, weil kein Geld da, die Schauspieler nicht vor Ort oder krank oder die Location nicht verfügbar. Ist schon lange her, dass ich das gelesen hatte, darum kann ich mich jetzt nicht mehr an Einzelheiten erinnern. Die Lektüre war jedenfalls sehr spannend und zeigte, womit die damals in Italien bei solchen Produktionen zu kämpfen hatten. Und letztendlich, warum "Demonia" so aussieht, wie er aussieht. Ich muss mal gucken, ob ich den wiederfinde. Es gibt ja leider kein "Watchdog-Verzeichnis".
Re: Demonia - Lucio Fulci (1990)
Verfasst: Di 12. Jun 2018, 09:59
von buxtebrawler
Arkadin hat geschrieben:In einer Ausgabe des "Video Watchdog" war mal ein sehr langer Drehbericht (um genauer zu sein, jemand hat ausführlich über die Dreharbeiten geschrieben, ichw eiß nicht mehr wer - einer/eine der Schauspieler/innen meine ich). Das war sehr interessant zu lesen. Das war mehr oder weniger wirklich eine "Amateuerproduktion". Ständig kein Geld. Keiner hatte wirklich einen Plan. Ich meine das Drehbuch musste ständig geändert werden, weil kein Geld da, die Schauspieler nicht vor Ort oder krank oder die Location nicht verfügbar. Ist schon lange her, dass ich das gelesen hatte, darum kann ich mich jetzt nicht mehr an Einzelheiten erinnern. Die Lektüre war jedenfalls sehr spannend und zeigte, womit die damals in Italien bei solchen Produktionen zu kämpfen hatten. Und letztendlich, warum "Demonia" so aussieht, wie er aussieht.
Das erklärt in der Tat einiges...
Re: Demonia - Lucio Fulci (1990)
Verfasst: Di 12. Jun 2018, 11:52
von jogiwan
Je länger ich über den Inhalt des Films nachdenke, desto lustiger finde ich ihn. Ich glaube, ich guck den gleich nochmal - vielleicht verstehe ich dann auch die Sache mit dem Zweiteilen und das turbulente Hui-Bui-Finale!

Re: Demonia - Lucio Fulci (1990)
Verfasst: Di 12. Jun 2018, 13:57
von Arkadin
Ah. Gefunden:
http://www.videowatchdog.com/home/HTM/171.htm
Pages from a Ghost's Diary:
The Making of Lucio Fulci's
DEMONIA
Adrien Clerc, assisted by diary entries from cast member Grady Clarkson and interviews with other cast and crew, shows how Fulci’s would-be career summation fell short of its goal.
Werde ich Zuhause mal raussuchen.
Re: Demonia - Lucio Fulci
Verfasst: Do 18. Apr 2024, 09:28
von Blap
Blap hat geschrieben: ↑Do 24. Dez 2009, 22:09
Das Teil fehlt mir noch in der Fulcithek, von daher werde ich vielleicht zugreifen. Aber gaaaanz entspannt, denn in der Ruhe liegt die Kraft!
Knapp 15 Jahre später zu Tat geschritten, Set am gestrigen Abend bei Arrow geordert.

Re: Demonia - Lucio Fulci
Verfasst: Do 18. Apr 2024, 21:13
von Dick Cockboner
Blap hat geschrieben: ↑Do 18. Apr 2024, 09:28
Blap hat geschrieben: ↑Do 24. Dez 2009, 22:09
Das Teil fehlt mir noch in der Fulcithek, von daher werde ich vielleicht zugreifen. Aber gaaaanz entspannt, denn in der Ruhe liegt die Kraft!
Knapp 15 Jahre später zu Tat geschritten, Set am gestrigen Abend bei Arrow geordert.
Besser nie als spät
...äh, das andere natürlich! "Demonia" ist ganz sicher keine Zierde der Fulcithek, dennoch schaubar.
Re: Demonia - Lucio Fulci
Verfasst: Fr 19. Apr 2024, 09:41
von Blap
Dick Cockboner hat geschrieben: ↑Do 18. Apr 2024, 21:13
Blap hat geschrieben: ↑Do 18. Apr 2024, 09:28
Blap hat geschrieben: ↑Do 24. Dez 2009, 22:09
Das Teil fehlt mir noch in der Fulcithek, von daher werde ich vielleicht zugreifen. Aber gaaaanz entspannt, denn in der Ruhe liegt die Kraft!
Knapp 15 Jahre später zu Tat geschritten, Set am gestrigen Abend bei Arrow geordert.
Besser nie als spät
...äh, das andere natürlich! "Demonia" ist ganz sicher keine Zierde der Fulcithek, dennoch schaubar.
Mir gefällt das Spätwerk des Meisters zunehmend besser. Vor einigen Wochen begeisterte mich
"Voci dal profondo".
Re: Demonia - Lucio Fulci (1990)
Verfasst: Do 16. Mai 2024, 09:47
von Blap
Gestern wanderte die Blu-ray aus dem Hause Arrow in den Player. Nebenher stellte ich fest, irgendwann zwischen 2009 und 2024, habe ich mir den Film auf einer DVD beschafft. Seltsam ...
Nun denn, ein durchaus unterhaltsames Spätwerk, in dessen zweiter Hälfte sich der Meister als Ermittler die Ehre gibt. Die Besetzung bleibt sonst eher blass, obschon Brett Halsey sich bemüht. Immerhin ist Charakterkopf Al Cliver in einer Nebenrolle am Start.
Momente mit durchaus gelungener Atmosphäre, nicht so schön wie z. B. "Voci dal profondo", aber durchaus einen Blick wert. Während z. B. "Voci dal profondo" -um bei Fulcis Spätwerk zu bleiben- wundervoll morbide über den Bildschirm schmeichelt, baut "Demonia" auf sadistische Momente, Mettgut inklusive.
Mag ich (7/10)
Re: Demonia - Lucio Fulci (1990)
Verfasst: Fr 19. Dez 2025, 22:38
von Salvatore Baccaro
Kurz vor den Festtagen beschert mir das verfrühte Christkind eine fiese Augenlidentzündung: Wenn ich das Lid nach unten schiebe, blickt mich blutrotes Fleisch an; wenn ich das Lid nach oben schiebe, sieht es aus wie ein pulsierender Muskel, wo eigentlich kein pulsierender Muskel sein sollte. Kurzum: Mein rechtes Sehorgan könnte in einem Fulci-Splatterfilm mitspielen. Was liegt also näher, als es mit wissenschaftlichen Fachartikeln zu eben diesen zu verwöhnen...
Üblicherweise gilt es ja sowohl in Fankreisen wie in der akademischen Welt als Gesetz, dass Fulci nach dem NEW YORK RIPPER entweder einzig Ausschussware produziert habe oder zumindest keinen einzigen Film mehr, der, selbst wenn er sich auf die Zehenspitzen stellen würde, auch nur ansatzweise in die Nähe der Augenhöhe von Meisterwerken wie L'ALDILÀ kommen würde. Umso überraschter war ich, als ich sah, dass sich ein gewisser Mario DeGiglio-Bellemare im Rahmen eines Essays für einen Sammelband namens "The Weird", der kürzlich bei Peter Lang erschienen ist, dem Spätwerk DEMONIA zuwendet - einem Film, der mir als Jugendlicher in seiner schäbigen Laser-Paradise-Inkarnation regelmäßig wohlige Stunden verschafft hat.
DeGiglio-Bellemares Ausführungen tragen den verheißungsvollen Titel "At the Gates of Hell: The Baroque Weird in Lucio Fulci’s Demonia" - und entpuppen sich als ziemlich heterogene, teilweise sehr sprunghafte, sehr wirre und krude Angelegenheit, in der nichtsdestotrotz immer mal wieder spannende Ideen aufblitzen. So liest DeGiglio-Bellemare DEMONIA offenkundig als feministischen Film, denn: "Fulci is obviously situating the nuns of Demonia within this history of women’s heresy and persecution", verliert sich in langen Überlegungen dazu, weshalb die Betschwestern ausgerechnet im Jahre 1486 ihr grausames Ende finden, und kommt immer wieder auf eine (mir unbekannte) Kurzgeschichte von Thomas Ligotti zu sprechen, die mit DEMONIA eigentlich rein gar nichts zu tun hat.
Höhepunkt des Essays sind jedoch die Passagen, in denen der Autor begründet, weshalb DEMONIA denn nun eine "barocke Seltsamkeit" darstellen soll. Seine Definition des Barock übernimmt er dabei vom französischen Philosophen Gilles Deleuze, der diese in seinem 2000er Buch "Le Pli – Leibniz et le baroque" (deutsch: "Die Falte - Leibniz und der Barock") wie folgt entwickelt: "For Deleuze, the Baroque fold of a sculpture, for example, is not something that one gazes upon from a distance; instead, it folds over into one’s mental space sensorially removing the subject/ object binary associated with gazing. [...] The Baroque for Deleuze is like a curtained- off space where the sensorial experience is primary. In Fulci’s Demonia, this Baroque fold can be experienced in his use of gore in closed- off settings. In this sense, gore attractions become a form of movement that folds over like a Baroque sculpture, such as Bernini’s The Ecstasy of Saint Teresa (circa 1652) found in the Santa Maria della Vittoria Church, Rome. Just as Bernini’s sculpture uses excessive folding to create movement in stillness, so gore folds over in Fulci’s films to create tactile effects promoting sensorial forms of (non)knowledge." Weshalb das denn nun aber ausgerechnet in besonderem Maße für DEMONIA gelten soll, und nicht im Grunde alle gröberen Fulci-Werke oder überhaupt jedweder Splatterfilm überhaupt sich darin wiederfinden kann, diese Antwort bleibt der Text leider schuldig.
(Interessanterweise bringt schon Patrica MacCormack in ihrem Artikel "Zombies without Organs: Gender, Flesh and Fissure" für den 2008er Sammelband "Zombie Culture: Autopsied of the Living Dead", den DeGiglio-Bellemare mit keiner Silbe erwähnt, Fulci und Deleuze an einen Tisch, allerdings ungleich luzider, indem sie das Pferd via Deleuzes und Guatteris Begriff vom "organlosen Körper" aufzäumt, den die beiden wiederum von Artaud übernommen haben, auf den Fulci in Interviews ja oft und gerne im Bezug auf Filme wie L'ALDILÀ verweist.)
Wo der Essay zu DEMONIA vor allem glänzt, das sind beiläufige Beobachtungen wie, dass der Film stark auf Oppositionspaaren aufgebaut ist: Mittelalter vs. Hellenismus; Vergangenheit vs. Gegenwart; Archäologenteam aus Kanada vs. folkloristisches Sizilien; Traum vs. Realität usw., oder dass Frauen, Tiere, die Epoche des Mittelalters und der italienische Süden als ausführende Organe der Revolte des Irrationalen betrachtet werden müssen. Alles in allem macht der Text, obwohl er mehr wie eine grobe Projektskizze anmutet, tatsächlich Lust, diesen weitgehend vergessenen und gescholtenen Spät-Fulci noch einmal eingehend zu studieren...