Re: Surf Nazis Must Die - Peter George
Verfasst: Mo 20. Sep 2021, 10:46
Letzte Wochen im Rahmen eines exzessiven Filmabends in einer norddeutschen Hafenstadt gesichtet, nachdem jemand aus der illustren Runde verkündete, er wolle unbedingt „etwas mit Nazis und Sex“ sehen, und unser Gastgeber schließlich vorliegenden Streifen hervorkramte, den er zwar selbst noch nicht kannte, aber, hey, immerhin „Nazis und Surfen, Sex vielleicht ja auch“. Überrascht bin ich im Nachgang über die gängige Meinung diesem eigenartigen Film gegenüber, die SURF NAZIS MUST DIE als belanglosen, primitiven Trash abkanzelt, wenn nicht gar zu einer der schäbigsten Zelluloidverschwendungen aller Zeiten erklärt. Mir jedenfalls wurde ein durchaus atmosphärischer, mit einem endzeitlichen Synthie-Score untermalter Hybrid aus Naziploitation, Surf-Videos und politisch korrektem Rache-Plot serviert, der die ganze Zeit spielerisch zwischen narrativ-meditativer Stagnation, (wenn wir ewige Minuten einfach nur irgendwelchen Leuten beim Wellenreiten zugucken), augenzwinkernd-campiger Story, (wenn die ältliche Mutter eines von den Surf-Nazis hingemeuchelten dunkelhäutigen Ingenieurs zum Rachefeldzug bläst und sich freut wie ein kleines Kind jedes Mal, sobald sie einen der Unholde per Knarre und Granaten ins Jenseits befördert hat), und arthousigen Anflügen, die weniger prätentiös, sondern originär artifiziell wirkten: Meine liebste Szene zum Beispiel besteht aus einer minutenlangen Plansequenz mit starrer Kamera, in der wir zwei der kalifornischen Faschisten (namens "Adolph" und "Mengele") beim Streiten zuschauen; zu erkennen sind sie einzig im Hintergrund einer Lagerhalle als silhouettenartige Figuren, während sie eine Aura aus morbid-industriellem Verfall rahmt; eine Bildkomposition, die ich, ohne Spaß, auch einem STALKER zugetraut hätte. Auch sonst schleudert die eher elegische Erzählung einige Trümpfe en passant aus dem Hemdsärmel, von denen das gnadenlose Overacting nahezu aller Beteiligter noch nicht mal das schillerndste Ass ist: Unsere Heldin, Eleanor Washington, packt sich einen adoleszenten Adolf-Anhänger just vor der Wandgraffiti des schreienden Gesichts vom ersten „King-Crimson“-Album, um ihm die Ohren lang zu ziehen; wenn Mrs. Washington im Altenheim die Zimmeraussicht nicht passt, greift sie kurzerhand zur Kettensäge, um den ihr die Sicht verstellenden Baum um ein paar Äste kürzer zu machen; Make-Up, Kostüme, Kulissen (unverhohlen an CLOCKWORD ORANGE und MAD MAX geschult) sind so simpel wie effektiv. In dieser Troma-Parallelwelt bestehen gefährliche Gangs teilweise aus nicht mehr als drei Mitgliedern, wachen Mütter vor den Fenstern ihrer Zöglinge die ganze Nacht, damit diese nicht ausbüxen und zum Lagerfeuersaufen mit ihren Nazi-Buddies entwischen und gibt es so viele Swastikas in aufgedruckter, geschmierter, geflaggter Form, dass mancher NS-Parteitag vor Neid erblasst wäre. Kurzum: 1/10?! Ich fand den durchaus sehenswert.