Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt
Verfasst: Mo 16. Mai 2011, 16:16
Wolfzeit
Mit der französisch-deutsch-österreichischen Koproduktion „Wolfzeit“ aus dem Jahre 2003 versucht Autorenfilmer Michael Haneke einmal mehr, ein unkonventionelles Stück Kino zu erschaffen, das zwar guten Gewissens als Endzeit-Drama definiert werden kann, sich aber sämtlicher Genre-Charakteristika zu entziehen versucht. Das führt in diesem Falle aber leider dazu, dass Herr Haneke in seinem Hochmut offensichtlich der Meinung ist, der Zuschauer könne sich bereits damit glücklich schätzen, ein auf über 100 Minuten ausgedehntes Handlungsfragment vorgesetzt zu bekommen.Aufgrund einer Katastrophe ist das gesamte öffentliche Leben zum Erliegen gekommen und es gibt erhebliche Versorgungsengpässe. Anna (Isabelle Huppert), ihr Mann und ihre zwei Kinder Ben (Lucas Biscombe) und Eva (Anais Demoustier) fahren deshalb aufs Land, um sich mit ihren Vorräten in ihr Ferienhaus zurückzuziehen. Als sie dort ankommen, erwartet sie allerdings eine böse Überraschung, denn Fremde haben sich in dem Landhaus eingenistet und bedrohen sie mit einer Waffe. Die Eindringlinge erschießen den Familienvater und jagen Anna und die Kinder kurzerhand davon. Fortan ziehen die drei durch das menschenleere Land und stoßen immer wieder auf Tierkadaver und tote Menschen. Als sie auf einen einsamen Jungen (Hakim Taleb) treffen, erzählt er ihnen von einem Bahnhof in der Nähe, an dem sich weitere Überlebende in der Hoffnung auf einen haltenden Zug zusammengefunden haben...
Denn mehr ist „Wolfzeit“ im Prinzip nicht. Der Zuschauer erfährt lediglich, dass irgendeine Katastrophe stattgefunden haben muss; was genau passiert ist, bleibt im Dunkeln. Ebenso im Dunkeln bleibt, wie es nach dem höhepunkt- und pointenlosen Ende weitergeht. Doch es ist nicht nur das Fehlen einer klassischen Erzählstruktur, das „Wolfzeit“ auf so erzwungen-außergewöhnlich bürstet, es sind auch der vermutlich Haneke-typische völlige Verzicht auf Filmmusik, die er vermutlich als Manipulation des Zuschauers erachten würde, sowie die nahezu statische Kameraführung, deren Mangel an Dynamik Haneke wahrscheinlich als zusätzliche Realismus-Komponente betrachtet. Der Zuschauer wird also gezwungen, sich auf das Schauspiel und die Dialoge der Protagonisten zu konzentrieren, die man innerhalb ihrer zusammengewürfelten Gruppe Überlebender neben ihren Streitereien um Nahrung und Obdach ausgiebig bei Nichtigkeiten beobachten darf. Auf eine klassische bzw. überhaupt so etwas wie Dramaturgie wurde nämlich ebenfalls verzichtet, was letztendlich nicht nur zu mehreren ins Nichts verlaufenden, vermeintlich von Bedeutung sein könnenden Szenen führt, sondern vor allem zu ausgeprägter Langeweile. Interessanter ist da schon der recht präsente Teil des Films, der sich den Kindern bzw. Jugendlichen widmet – doch wer jetzt noch glaubt, dass sich die Beziehung zwischen Eva und dem „zugelaufenen“, namentlich glaube ich nicht genannten Burschen zu einer aufregenden, emotionalen oder wenigstens zu irgendetwas führenden Endzeit-Romanze o.ä. entwickelt, glaubt auch noch an den Weihnachtsmann.
Die Schauspieler spielen ihre Rollen zwar gekonnt, doch – wer hätte es gedacht? – Identifikationsfiguren für den Zuschauer gibt es keine. Das bedeutet letztendlich, dass, falls es Hanekes Intention war, die Distanz zum Zuschauer durch einen weitestmöglichen Grad an Realismus aufzubrechen, dieses Vorhaben gescheitert ist, denn um die Möglichkeit zur Anteilnahme beraubt, verfolgt man das Geschehen erst recht distanziert. Apropos Realismus: Ausgerechnet in einem naturalistischen Anti-Genre-Film sich urplötzlich fragwürdiger Mittel europäischer Exploitation-Filmer aus den 70er- und 80er-Jahren zu bedienen und zu zeigen, wie einem echten Pferd die Kehle aufgeschlitzt wird, ist nicht nur übelkeitserregend, sondern auch entlarvend.
Letztlich bekommt man von „Wolfzeit“ ein paar atmosphärische Szenen präsentiert und kann vielleicht noch die eine andere intellektuelle Metapher ausmachen, das war es dann aber auch schon – neben der Aussage selbstredend, dass der zivilisierte Mensch sich in Extremsituationen gerne mal gegenseitig an die Gurgel geht, statt sich solidarisch untereinander zu verhalten. Danke, Herr Haneke, da wäre ich ohne Ihren Film nie drauf gekommen! Der Realismus-Ansatz in allen Ehren, doch wenn ich Realität will, geh ich vor die Tür, Kino funktioniert jedenfalls anders.