Maulwurfs Hör-Bar

Moderator: jogiwan

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Maulwurf
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Re: Maulwurfs Hör-Bar

Beitrag von Maulwurf »

Corvus Corax
Ante Casu Peccati

CD - 1989

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In der zweiten Hälfte der 90er-Jahre wurden Mittelaltermärkte immer beliebter. Und neben den Ständen mit Met und schöner Kleidung gab es auch immer eine Bühne, wo eine Kapelle eher laut als schön spielte, was aber immer für mächtig Stimmung sorgte. Es war damals, bevor dieser Trend kommerzialisiert wurde und überhand nahm, einfach noch etwas unendlich Schönes, bei gutem Wetter über einen Mittelaltermarkt zu schlendern, hier und da an einem Stand ein wenig Geld auszugeben, einen Mutzbraten zu essen, und im Hintergrund das Getöse einer Spielmannskapelle zu hören. *schwelg*

CORVUS CORAX waren zu dieser Zeit allerdings schon alte Hasen im Mittelaltergeschäft. Ante Casu Peccati ist deren zweite CD, aufgenommen in einer einzigen Nacht im März 1989 in den DEFA-Studios, während der Arbeit zum Soundtrack am Film DIE GESCHICHTE VON DER GÄNSEPRINZESSIN UND IHREM TREUEN PFERD FALADA. Man merkt die Spielfreude, den Spaß an den alten Instrumenten und den ungewohnten Harmonien, und es geht viel Energie von dieser Musik aus. Ein paar Gassenhauer sind drauf, was ich immer die Top Ten des Jahres 1348 nenne, aber die Versionen des Palästinaliedes oder des Tourdions sind noch nicht modernisiert und vor allem noch lange nicht abgenudelt. Irgendwie klingt das hier noch wie Punk - One two three four und den Dudelsack mit drei Akkorden heiß geblasen, Hauptsache man hat Spaß.


Corvus Corax - Heiduckentanz
Was ist die Hölle? Ein Augenblick, in dem man hätte aufpassen sollen, aber es nicht getan hat. Das ist die Hölle ...
Jack Grimaldi
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Maulwurf
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Re: Maulwurfs Hör-Bar

Beitrag von Maulwurf »

Corvus Corax & Zumpfkopule
Congregatio

CD - 1991

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Mittelalterpunk zum Zweiten. Zeigten CORVUS CORAX auf dem vorherigen Album schon eine gewaltige Spielfreude, legen sie hier mit den Kollegen der ZUMPFKOPULE noch mal ein gehörige paar Briketts drauf. Selbst das normalerweise eher verhaltenere Palästinalied ist hier flott inszeniert, und der Rest geht mit geschätzt durchschittlichen 120 bpm durchs Ziel. So ganz stimmt das aber nicht, denn am Tempo allein liegt es nicht, dass praktisch die gesamte CD mindestens zum andauernden Mitzucken animiert. Es ist diese erwähnte Spielfreude, der Spaß an der Sache, der bei jedem Ton vorlugt, den Zuhörer in die Wade kneift und sagt "Tanz mir hinterher!". Der rhythmisch recht schwierige Tourdion wird mit einer Wucht und einer Geschwindigkeit durchs Ziel gebracht die wahre Meisterschaft zeigt, und trotzdem nicht zur technischen Vorzeigeorgie verkommt. Erst beim letzten Stück, dem von gefühlt 1000 Mittelaltermärkten bekannten Scuarazula, gehen den Jungs die Gäule dann endgültig durch. Aber sie scheinen es rechtzeitig zu merken ...

Musikalisch geht es durch ganz Europa und den Orient, Abwechslung ist damit garantiert, und jede Menge Spaß auch!


Corvus Corax - Bärentanz

Und nur für den Fall, dass das jemand nicht kennt: So sieht das dann live aus:



Bis euch die Tanzwut packt! Aber das kommt dann erst unter dem Buchstaben T :lol:
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Maulwurf
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Re: Maulwurfs Hör-Bar

Beitrag von Maulwurf »

Corvus Corax
Inter Deum et Diabolum semper musica est

CD - 1993

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Mittelalter zum Dritten, dieses Mal aber bewusst ohne den Zusatz Punk. Irgendwie wirkt das gesamte Album wie gebremst. Wie nur fürs Geld eingespielt, aber ohne echte Leidenschaft (was ich mir nicht vorstellen kann, wenn ich mir anschaue wie die Karriere der Band weiterging). Es klingt alles ein wenig ... Wie oberlehrerhaft. Das Palästinalied könnte so auch vor jedem Gelehrtenkolleg bestehen, aber vor einer Horde tanzwütiger Mittelalterfreaks eher nicht. Ob es daran liegt, dass der SFB das Album mitproduziert hat? Kann ich mir nicht denken, aber hier ist trotzdem eine gewaltige Bremse drin, was zumindest den Hörspaß etwas runterschraubt. Hübsch zu hören, aber mehr Universität als Tanzfläche ...



Corvus Corax - Vrouwe ih bin dir untertan
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Maulwurf
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Re: Maulwurfs Hör-Bar

Beitrag von Maulwurf »

Corvus Corax
Tritonus

CD - 1995

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Mittelalter zum Vierten, und nach dem eher gedämpften Vorgängeralbum hauen CORVUS CORAX dieses Mal so richtig auf die Timpane, als ob sie es allen zeigen wollten, dass sie auch richtig unintellektuell abrocken können. Ich hatte beim Hören oft das Gefühl, dass die Stücke sogar extra für den Live-Betrieb eingespielt wurden. Das ruhige und unauffällige Sic mea fata etwa ist zum Stimmungsaufbau beim Konzert jedenfalls der absolute Bringer. Entsprechend sind mit dem Klassiker Saltarello und dem punkigen Spielmannslied auch zwei Livestücke dabei, aufgenommen bei den Ritterspielen in Kaltenberg, wo CORVUS CORAX zu diesem Zeitpunkt längst Stammgäste waren. Die Stimmung vor der Bühne steht derjenigen auf dem Sofa zu diesem Zeitpnkt jedenfalls in Nichts nach :D

House und Metal machen einen auf Mittelalter und nehmen die Bude restlos auseinander. Der 11-minütige Absacker, das altbekannte Palästinalied in der vierten Version auf vier CDs nacheinander, tut dann richtig gut zum Chillen ...


Corvus Corax - Platerspiel
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Maulwurf
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Re: Maulwurfs Hör-Bar

Beitrag von Maulwurf »

Wayne County & The Electric Chairs
Storm the gates of heaven

LP - 1978

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Erstmal die trockenen Fakten: Wayne County ist eine amerikanische Musikerin, Schauspielerin und bildende Künstlerin, die in den 70er-Jahren in der New Yorker Punk-Szene sehr aktiv war, 1977 nach London zog und dort ebenfalls den Punk lebte, 1980 nach Berlin ging (und was 1980 in Berlin künstlerisch los war, da brauche ich glaube ich nichts zu sagen), 1983 nach New York zurückkehrte, und seitdem ausgesprochen erfolgreich ein queeres Leben neben der Norm führt. Wayne County benante sich 1979 um in Jayne County und tritt auch seitdem unter diesem Namen auf. Soweit das trockene Zeugs.

Mehr was fürs Gemüt: Storm the gate of heaven ist eine scheiße geile Mixtur aus den STOOGES, New Yorker Punk der Mitt-70er mit starken Hard Rock-Einflüssen, und sehr heftigen Texten, die den Spießern und dem rechten Pack ordentlich und in klaren Worten die Meinung geigt ("World war three - That's me and you!"). Da wird Mr. Normal nach Strich und Faden verhöhnt, da wird sich gefragt ob man Man enough to be a woman ist, und zum Abschluss konstatiert die Frau, die vom Fensterbrett des Hochhauses springt, dass Tomorrow is another day. Und so ganz nebenbei ist I had too much to dream last night ein wahrer musikalischer Alptraum - Wenn ich das Lied jemals träumen tät, ich würde schweissgebadet aufwachen, weil ich mir vier Minuten die Seele aus dem Leib getanzt habe.

Für alle, die was für harte Drecksmucke der späten 70er überhaben, ist Storm the gates of heaven ein absolutes Muss! Nuff said ...


Wayne County & The Electric Chairs - Speed demon

Hier gibt's mehr Stoff: viewtopic.php?p=278137#p278137
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FarfallaInsanguinata
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Re: Maulwurfs Hör-Bar

Beitrag von FarfallaInsanguinata »

Die "Storm the Gates of Heaven" hatte ich auch mal gebraucht gekauft, in mehrfarbigem Vinyl meine ich, dann aber relativ schnell wieder veräußert.
Und Jayne County trat in den Neunzigern in Bremen auf. War nett, wenn auch sehr Retro-Siebziger.
Diktatur der Toleranz

Die Zeit listete den Film in einem Jahresrückblick als einen der schlechtesten des Kinojahres 2023. Besonders bemängelt wurden dabei die Sexszenen, die von der Rezensentin als „pornografisch“ und „lächerlich“ bezeichnet wurden.
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Maulwurf
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Re: Maulwurfs Hör-Bar

Beitrag von Maulwurf »

FarfallaInsanguinata hat geschrieben: Fr 21. Feb 2025, 07:03 Die "Storm the Gates of Heaven" hatte ich auch mal gebraucht gekauft, in mehrfarbigem Vinyl meine ich, dann aber relativ schnell wieder veräußert.
Und Jayne County trat in den Neunzigern in Bremen auf. War nett, wenn auch sehr Retro-Siebziger.
Ich habe keine Ahnung, wie die Dame sonst so klingt. Aber auf diesem Album rotzt sie sich ihren ganzen Hass auf die Spießerwelt raus, was mich musikalisch dann oft an die STOOGES erinnert in Punkto Intensität und Wucht. Retro-Siebziger? Darunter würde ich eher etwas verstehen was wie Marc Bolan klingt :lol:
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Maulwurf
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Re: Maulwurfs Hör-Bar

Beitrag von Maulwurf »

Covenant
Nexus Polaris

LP - 1998

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COVENANT zum Ersten: Die norwegische Band, nicht zu verwechseln mit der schwedischen Band. Jahrelang habe ich gedacht, dass mir das Album gefällt. So gut wie nie gehört, aber ein gutes Black Metal-Album, so dachte ich immer. Heute wurde ich eines besseren belehrt: COVENANT spielen harten und vorwärtsdrängenden Progressive Metal mit Black Metal-Anleihen und irgendwelchen kosmischen Bezügen, und zumindest für mich persönlich wird es irgendwann einfach zu abgehoben. Ich bin eh kein großer Freund progressiver Rockmusik, meine ersten Gehversuche vor umpzig Jahren waren ausnahmslos rifforientiert, und sowas prägt halt einfach. COVENANT spielen auf einem wahnsinnig hohen technischen Niveau, und verbinden kunstvolles Gefrickel mit hartem und düsterem Rock. Wer Progressive mag, dem kann ich das nur wärmstens ans Herz legen (ich schaue da vor allem gerade den Adalmar an :winke: ), meines ist es nicht so richtig. Mal ein einzelnes Stück, ja, geil, haut rein. Aber eine ganze Platte empfinde ich als anstrengend ...

Interessant ist in jedem Fall die Bandgeschichte: Mit dem Namen COVENANT und atmosphärischem, melodischem Black Metal so um 1992/93 gestartet, benannten sie sich 1999 nach einem Copyright-Prozess um in THE KOVENANT und änderten gleichzeitig den Stil mehr in Richtung Industrial Metal. THE KOVENANT kenne ich von den Nuclear Blast-Samplern der frühen 00er-Jahre, mir war aber nie bewusst, dass das die gleiche Band ist ...


Covenant - The sulphur feast

Und noch einen Fortschritt kann ich vermelden: Seit gestern Abend hängen neue Boxen an der Anlage. Klingt auch gleich viel besser, und mit den nächsten beiden CDs muss ich warten, bis ich allein im Haus bin. Zum LAUT machen :mrgreen:
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Maulwurf
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Re: Maulwurfs Hör-Bar

Beitrag von Maulwurf »

Covenant
Der Leiermann

Maxi-CD - 2000

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COVENANT zum Zweiten: Die schwedische Band, nicht zu verwechseln mit der norwegischen Band. :mrgreen: Angefangen haben die Männer als Synthiepop-Band, sind dann aber irgendwann im Laufe der Zeit düsterer geworden, was ihnen, auch wenn ich die frühen Jahre nicht kenne, ziemlich gut steht. Der Leiermann ist eigentlich ein Gedicht von Wilhelm Müller (1794 - 1827), das letzte Gedicht aus Müllers bekanntestem Zyklus Winterreise, welches in deutscher Sprache gesungen und mit ausgesprochen tanzbarem Grovve hinterlegt, ein veritabler Clubhit wurde. Leider bietet die Maxi sonst nicht wirklich viel Nährwert - Neben der Standardfassung ist die Extended Version drauf sowie, auf englisch eingesungen, ein nochmals längerer Remix. Dazu ein eher lang- und weiliger Beat für DJs und fertig ist die Laube. Aber immerhin ist es bemerkenswert, dass selbst beim dritten Hören des gleichen Stückes der Fuß immer noch mitwippt, und so gar nicht aufhören mag. Was man durchaus als Kompliment für die Songwriter-Fähigkeiten der Band sehen kann.

Also: Deutsche Romantik im dunkel-tanzbaren Elektro-Gewand, eingespielt von einer schwedischen Band. Kann da was schiefgehen? Nö ...


Covenant - Der Leiermann
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Maulwurf
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Re: Maulwurfs Hör-Bar

Beitrag von Maulwurf »

Covenant
Northern light

CD - 2002

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Wenn ich von Synthie-Pop schreibe, dann eigentlich nur, weil mir kein besserer Begriff einfällt. Elektronische Tanzmusik? Das ist ein verdammt weites Feld mit unglaublich vielen Richtungen, und COVENANT beackern eine davon, wie immer man das nun auch nennen mag. Die Musik der drei Schweden (nicht mit den Norwegern verwechseln, gelle), ist ernsthaft, fantasievoll, überbordend, einfach strukturiert, und fast immer tanzbar. Ein paar Stücke auf der CD sind ruhiger, das letzte ist fast eine Ballade, einmal wird es technoid, und es ist einfach unglaublich Abwechslung auf diesem Album. Musikalisch immer auf einem sehr hohen Niveau werden Kopf und Beine gleichermaßen angesprochen - Eine geniale CD, die die Bandbreite elektronische Musik ausmisst, vieles davon erfasst, und doch wie aus einem Guss wirkt.

Und der hier enthaltene Überhit Call the ships to port schlägt sowieso alles. Aber den gibt es nicht hier, sondern hier.


Covenant - Bullet
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