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Originaltitel: Aventurera
Produktionsland: Mexiko 1950
Regie: Alberto Gout
Darsteller: Ninón Sevilla, Tito Junco, Andrea Palma, Rubén Rojo, Miguel Inclán
Es ist nicht nur ein einziger Film, den Alberto Gout 1950 mit AVENTURERA gedreht hat, sondern mehrere, auf engstem Raum zusammengepfercht, und kurz vorm Explodieren stehend.
Gleich in den ersten zehn Minuten brennt AVENTURERA mehr ab als andere Melodramen des Goldenen Kino-Zeitalter Mexikos in ihrer gesamten Laufzeit: Elena Tejero ist ein behütetes Mädchen aus der Oberschicht von Chihuahua. Wir lernen sie an einem ganz normalen, sorglosen Tag kennen. Sie flirtet, auch wenn Mama Consuelo das nicht gerne sieht, mit einem Freund ihres Vaters, dem zwanzig Jahre älteren Ramón, lässt sich von ihm zur Tanzschule fahren, lässt auf dem Nachhauseweg, wie so oft, den zwielichtigen Julio abblitzen – und findet im oberen Stock ihres Elternhauses die eigene Mutter mit dem Hausfreund knutschend. Innerhalb weniger Stunden zerbricht das heile Familienidyll. Consuelo entscheidet sich, nun enttarnt, mit Ramón durchzubrennen, und hinterlässt ihrem Gatten lediglich einen herzlosen Abschiedsbrief. Der wiederum kann seinen Schmerz nicht verwinden, und greift zum befreienden Schuss in die Schläfe. Am Ende des Tages steht Elena ohne Eltern, ohne Zukunft, ohne Hoffnung da, und ich bekomme den Mund kaum zu angesichts der Rasanz und konsequenten Schonungslosigkeit, mit der dieser Film im Handumdrehen eine ganze Welt abfackelt.
Unter dem Titel ENTFESSELTE MORAL scheint AVENTURERA es damals sogar in die bundesdeutschen Kinos geschafft zu haben. Normalerweise vergreifen sich die hiesigen Titelschmiede ja gerne, wenn sie Filmen Namen geben, die sie kein bisschen verdient haben, und damit einen völlig falschen Eindruck von ihrem Inhalt erwecken. Im Falle von AVENTURERA passt das mit der Moral ohne Fesseln aber doch ganz gut. Elena nämlich knickt endlich doch gegenüber Julios Avancen ein, lässt sich von ihm zum Essen einladen, und sich versprechen, er habe da einen Job für sie an der Hand. Natürlich führt das Schlitzohr Schlimmes im Schilde: Erstmal im Etablissement von Rosaura de Cervera – einer Art Mixtur aus Tanzlokal und Bordell – angelangt, setzen die Puffmutter und der Kleinganove die unbedarfte Frau – fern kommen Erinnerungen an Christina Lindberg in THRILLER – EN GRYM FILM hoch - unter Drogen, sperren sie ein, und drohen ihr – mit Unterstützung eines Faktotums namens Rengo – damit, ihr das Gesicht zu zerschneiden, sollte sie einen Fluchtversuch wagen. Elena fügt sich – was soll sie sonst auch schon tun? -, mausert sich zur beliebtesten Tänzerin und Sängerin des Clubs, macht dabei aber immer wieder Schwierigkeiten: Wenn ihr ein Gast zu dicht auf die Pelle rückt, bekommt er kurzerhand eine Schnapsflasche über den Schädel. Schließlich hat Rosaura die Faxen dicke, und feuert Elena – falls man das Feuern nennen kann, wenn man eine Zwangsprostituierte in die Freiheit entlässt. Erneut ist Julio zur Stelle, und nimmt Elena spontan als Fluchtfahrzeugfahrerin bei einem Banküberfall, den er mit einem Kollegen plant, in Anspruch. Alles läuft schief, Julio wird geschnappt und in die Strafkolonie der Teufelsinsel gesteckt, Elena entkommt nur knapp, verdingt sich weiter im Unterhaltungsmilieu und Dienstleistungsgewerbe, lernt das Unschuldslamm Mario kennen, der wiederum sich bis über beide Ohren in sie verliebt, ihr offeriert, sie zu heiraten, er habe Geld, sei angehender Anwalt. Elena sieht eine gesicherte Zukunft in greifbarer Nähe, und nimmt den Antrag kühl berechnend an – nur um dann festzustellen, dass ihre Schwiegermutter niemand anderes als Rosaura ist, die eine Doppelexistenz führt: In Chihuahua ist sie die knallharte Geschäftsfrau fürs horizontale Gewerbe, zu Hause spielt sie die brave Hausfrau und Mutter – und da die Moral, wie man liest, mittlerweile derart entfesselt ist, dass sie in hohen Sprüngen von Szene zu Szene tollt, beschließt Elena, bittere Rache an Rosaura zu nehmen…
Ich habe nun schon einige mexikanische Melodramen der 40er und 50er gesehen. Alle waren sie recht konventionell, recht unterhaltsam. Keins hat mich jedoch derart über den Haufen geworfen wie AVENTURERA. Man stelle sich vor, jemand dreht mit der Unbekümmertheit eines Santo-Abenteuers einen ernsten Film über gefallene Mädchen, Liebesirrungen und Rachegelüste, schiebt dem Ganzen überdeutliche film-noir-Stilelemente wie Banküberfälle, suggestive Beleuchtung und schummriges Halbweltmilieu unter, und man kann vielleicht ansatzweise erahnen, was für eine Wundertüte von sich ständig übertrumpfenden Plot-Verästelungen, theatralisch agierenden Darstellern, unwahrscheinlichsten Zufällen und surrealer Tanz- und Gesangs-Szenen einen hier erwartet. Dass viel getanzt und gesungen wird, hat damit zu tun, dass AVENTURERA zum Genre der sogenannten Rumba-Filme zählt, neben dem der Luchador-Filme das zweite populäre, dezidiert mexikanische Film-Genre, das sich dadurch auszeichnet, dass in ihm, wie nach einem Uhrwerk, von dicklichen Altherren intonierte sentimentale Liebesschlager, freizügige lateinamerikanische Hüftschwünge knackiger Damen oder jazzige Blechbläser-Infernos die Handlung eher begleiten denn sinnvoll ergänzen. Der Höhepunkt in AVENTURERA: Ninón Sevilla, eine der Diven des zeitgenössischen Mexikos, legt in atemberaubender altägyptischer, an den Rändern des Surrealismus kratzender Kulisse eine Choreographie hin, die vieles in den Schatten stellt, was ich sonst an rhythmischen Körperverrenkungen im Kino schon so gesehen habe.
Neben dem vielen Rumba, Mambo und cha-cha-chá, der lasziven Bühnenerotik, den schmachtenden Standards macht AVENTURERA für mich seine Feindschaft gegenüber jeglicher inhaltlicher Stagnation zum Meisterwerk. Dieser Film steht nie still, steigert sich ständig, atemlos, und wäre vielleicht, wären Kameraarbeit und Montage nicht doch recht konventionell, vielleicht gar nicht zu ertragen bei all den Schicksalsschlägen, denen sich seine Heldin minutenweise gegenübersieht. Großartig sind die Figuren – wandelnde Groschenromane vom Schmalspurgangster bis zur Puffmutter im Schafspelz -, großartig sind die Emotionen, die unter Gouts Regie nicht subtil angedeutet werden, sondern mir wie eine Sturmwelle ins Gesicht peitschen, großartig ist der Score, der vor nichts Halt macht und noch die zarteste Szenen unter tonnenweise Orchestergebrüll begräbt, großartig sind nicht zuletzt die vielen Reminiszenzen ans Amerikanische Kino in die Purzelbäume machende Geschichte eingeflochten: Es wirkt fast, als seien wir in einem delirierenden Hitchcock, wenn sich die Lage im Hause de Cervera zwischen Schwiegertochter und Schwiegermutter bis zum Eklat zuspitzt, und in jedem Blick, jeder Geste, jedem gutbürgerlichen Gebrauchsgegenstände eine seitenlange Freud-Analyse versteckt zu sein scheint.
Für Filme wie AVENTURERA liebe ich das Kino. So grotesk, verstörend, wunderschön ist die Welt – und weil wir das normalerweise nicht sehen, zeigen diese Filme es uns, grotesk, verstörend und wunderschön – und mit so viel Rumba, dass einem schon Farbflecken vor den Augen tanzen. Leute, ohne Scheiß, schaut! euch! diesen! zärtlichen! bestialischen! hemmungslosen! Film! an!