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Eggshells - Tobe Hooper (1969)

Verfasst: Di 3. Okt 2017, 15:40
von Salvatore Baccaro
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Originaltitel: Eggshells

Produktionsland: USA 1969

Regie: Tobe Hooper

Darsteller: Ron Barnhart, Pamela Craig, Allen Danziger, Sharron Danziger, Kim Henkel
Austin, Texas in den späten 60ern. Freie Liebe. Drogenkonsum. Man diskutiert mit seinem Partner nackt in der Badewanne über den Kommunismus. Irgendwie ist man auch an der Uni eingeschrieben, wichtiger als Studium und vor allem Studienabschluss sind aber Popmusik, Joints unter freiem Himmel, und der Plan, mit seinen liebsten Freunden in ein abgelegenes Waldhaus zu ziehen, und dort einen ganz eigenen gegenkulturellen Gesellschaftsentwurf zu starten. Man ist gegen vieles, aber nicht verbittert. Man ist jung und voller Träume. Man denkt, so könne das für immer weitergehen. Die eigene Zukunft und die eigenen Eltern sind weit weg.

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Tobe Hoopers erster Langfilm EGGSHELLS entsteht ein halbes Jahrzehnt vor dem Werk, das ihn in die Annalen der Horrorfilmgeschichte ein- und bis zu seinem Tod im August 2017 auf die Schiene des Phantastischen Kinos festschreiben wird. Co-Autor ist, wie später bei TEXAS CHAINSAW MASSACRE, Kim Henkel, der auch eine kleine Schauspielrolle übernimmt. Gedreht wird mit Freunden und Bekannten an freien Tagen und Wochenenden, und in Gegenden, die man von Kindesbeinen an kennt, auf 16mm. All das markiert EGGSHELLS wohl schon als klassisches Regie-Debut eines Mittzwanzigers, der sich inhaltlich und personell bei seinem direkten Umfeld bedient, um weniger eine Geschichte zu erzählen als das visuelle Panorama seiner Generation zu liefern. Tatsächlich ist die Handlung von EGGSHELLS überschaubar, im Grunde nicht existent. Der Film setzt sich aus disparaten Fragmenten, Impressionen, Momentaufnahmen zusammen, deren einzige Konstante das Milieu und die agierenden Figuren bildet. Hoopers Ansatz zirkuliert weniger um ausgetüftelte Fiktionen, sondern um semi-dokumentarische Authentizität. Nicht nur treten alle Darsteller – außer Henkel – unter ihren echten Vornahmen auf, was allein schon die Grenze zwischen Inszenierung und Faktum brüchig werden lässt, zudem wird der an sich schon dünne Plot mit Aufnahmen durchmischt, die Hooper von Studentenprotesten schießt, von scheinbar belanglosen Alltagsszenen, von Landschaften und Städten, in denen er und seine Weggefährten aufgewachsen sind. Im Gegenlicht winkt die US-amerikanische Flagge im Wind. Im Zeitraffer rasen wir, zusammen mit der Kamera durch die Frontscheibe eines Autos blickend, irgendwelche Straßenzüge und Feldwege entlang. Dazwischen wird über tagespolitische Ereignisse, philosophische Grundfragen oder die Qualität des Grases, das man gerade raucht, debattiert. Ein bisschen erinnert das an die späten Filme von Andy Warhol – die oben bereits erwähnte Szene in der Badewanne beispielweise könnte ähnlich durchaus auch in dessen BLUE MOVIE stattfinden -, aber auch an die Experimente, die Nicholas Ray Anfang bis Mitte der 70er nach Ende seiner Hollywood-Karriere mit Filmstudenten in New York anstellt, und die unter dem Titel WE CAN’T GO HOME AGAIN einen eindrucksvollen, weil unbehauenen, nicht mit irgendwelchen von außen draufgepfropften Agenden beschwerten Schnitt quer durch die Lebensrealität junger Menschen zwischen Revolte und Resignation bieten. Dabei ist EGGSHELLS meilenweit von dem manchmal prätentiösen, mit zentnerschweren intellektuellen Oberbauten überlagerten Essay-Kino eines Jean-Luc Godard entfernt. In seinem intimsten Momenten – zum Beispiel einer langen statischen Aufnahme, bei der die Kamera im Treppenhaus des neuen Domizils unserer Helden steht, und einfach nur zuguckt, wie eine Party langsam in Gang gerät, ihren Höhepunkt erreicht und damit kulminiert, dass manche Gäste betrunken sind, andere sich zum Knutschen in die Schlafzimmer zurückziehen, und wiederum andere immer noch eifrig in der Küche über brisante Themen schwatzen – erweckt Hoopers Debut eher den Eindruck eines elaborierten home videos: Wir sind mitten hineingeworfen in die Leben und Alltage seiner Figuren, und lernen sie kennen, als würden wir selbst mit ihnen zusammen in ihrem Forstrefugium wohnen.

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Doch damit ist noch nicht alles über diesen wundervollen, kleinen Film gesagt. Seine Prämisse klingt nämlich doch wenigstens auf den ersten Blick nach einer, die auch jedem Backwood-Horror gut zu Gesicht stehen würde, oder? Ein Haufen junger Leute zieht in ein isoliert mitten im Wald stehendes Holzhaus, in dem es angeblich spuken soll. Das erklärt zumindest eine unserer Heldinnen gleich zu Beginn. Eine frühere Bewohnerin soll dort ihren Liebhaber ermordet haben. Der geistere nun immer noch über die knarzenden Dielen und knirschenden Stiegen. Mit einem Gespenst werden wir in der Folge zwar nicht konfrontiert, doch im Keller des Anwesens spielen sich dennoch reichlich obskure Dinge ab: Für einen der Kommunarden, Ron, öffnet sich eine Art Zeitloch, aus dem allmählich – ein bisschen so wie David Lynchs GRANDMOTHER – ein riesiges Ei zu wachsen beginnt, dessen pulsierende Schale bald auch auf seine Freunde eine unheimliche Faszination ausübt. Aber mehr noch: Hand in Hand gehen mit dieser völlig schrägen Bildmetaphorik, die freilich nur auf dem Papier nach übelstem Science-Fiction-Trash klingt, genauso waghalsige Experimente auf der technischen wie ästhetischen Seite des Films, die mir mehr als einmal gewaltsam die Kinnlade heruntergerissen haben. Hooper inszeniert zum Beispiel: 1. einen Schwertkampf Rons gegen sich selbst, der derart virtuos montiert ist, dass einem schwindlig werden kann, 2. eine lange, sehr zärtliche Sexszene, bei der vor unseren Augen alsbald die kopulierenden Körper zu undefinierbaren Farbformen zerrinnen, die sich immer weiter in die Abstraktion verabschieden – (ich nehme an, Hooper hat hier durch sich wellendes Glas gefilmt), 3. eine genauso lange Handkamera-Tour quer durch den Waldhauskeller, in dem es – irgendwo zwischen den okkult-metaphysischen Séancen eines Kenneth Anger oder Stan Brakhage, und einen wilden Ritten von Sam Raimis THE EVIL DEAD – überall zischt und flackert bis ein warmer Nebel sich über die Szenerie legt, und nur noch irritierende Lichtpunkte wie Signale aus einer fernen Welt zu erahnen sind, und, nicht zuletzt, 4. eine wunderschöne Szene, in der Kim Henkel mit seinem Wagen hinaus aufs Land fährt, sich die Kleider vom Leib reißt, sein Auto in Flammen aufgehen lässt und erlöst von allem irdischen Ballast, während die Karre hinter ihm in die Luft fliegt, in den Feldern verschwindet. Demjenigen, dem nach diesen Zeilen noch nicht sämtliches Speichelwasser im Mund zusammengelaufen ist, kann ich außerdem noch von dem unfassbaren Soundtrack des Films vorschwärmen, bei dem solche entzückenden Instrumente wie ein Didgeridoo, eine Sitar oder ein Kazoo Klangteppich weben, die die teilweise überaus farbenfrohen Bildwelten noch um zusätzlich delirierende Komponenten bereichern, von der Montage, die immer wieder zwischen ruhigen, fast schon elegischen Momenten zu wahren Kanonenfeuerwerken der Schnitttechnik wechselt, von dem superben Handkamera-Einsatz, der gerade in den recht häufigen POV-Schwenks bereits deutlich an TEXAS CHAINSAW MASSACRE erinnert, oder von ausgefallenen Kamera-Blickwinkeln, die beispielweise einen explodierenden Papierflieger (!) oder einen Wald, der voller bunter Luftballons hängt, in die rechte Perspektive rücken.

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Es ist abgegriffen, ich weiß, über einen Film, der ästhetisch-technisch mit Siebenmeilenstiefeln etablierte (Seh-)Normen überschreitet, und dann auch noch aus einem dezidiert gegenkulturellen Spektrum stammt, zu sagen, er wirke wie ein Drogentrip. EGGSHELLS aber ist genau ein solches Werk, das in diese ansonsten überstrapazierte Kategorie hineinpasst wie ein stetig wachsendes ASTARON-Ei in einen texanischen Waldhauskeller. Zugleich aber – und damit spanne ich den Bogen zu den weiter oben beschriebenen halb-dokumentarischen Szenen – beweist Hooper durchgängig, dass er seinen Exzess durchaus zu steuern weiß. EGGSHELLS ist ein Drogentrip – jedoch ein kontrollierter, einer, bei dem ein Arzt neben einem sitzt, und einen, wenn man allzu sehr abzudriften droht, wieder zurück in erträglichere Fahrwasser lenkt. Nach all diesen Lobhudeleien wundert es wohl niemanden, der bis hierher durchgehalten hat, mehr, dass ich EGGSHELLS, was Hoopers Oeuvre angeht, ganz dicht hinter TEXAS CHAINSAW MASSACRE veranschlagen würde – wenn nicht sogar auf Augenhöhe mit diesem! Alles, was dort im Dienste einer stringenten Narration überformt wurde, ist hier en nuce angelegt, und dabei exzessiver, hemmungsloser, ungestümer, weniger verstörend, sondern verzückend. Allerdings stimmt EGGSHELLS im Nachhinein, nun, wo Hooper nicht mehr unter uns weilt, dann doch ein wenig wehmütig. Sollte das Texanische Blutgericht, obwohl sein größter Erfolg, zugleich seinen Lebensfluch bedeutet haben – oder wie anders kann man erklären, dass jemand, der mit Mitte Zwanzig ein derartiges Juwel wie das vorliegende auf die Beine bringt, sein sichtlich vorhandenes Talent später in – um einmal zwei seiner besseren post-TCM-Filme zu nennen - unterhaltsamen, aber dann doch eher altbekannte Weiden abgrasenden, wenig originellen B-Horrorfilmen wie EATEN ALIVE oder FUNHOUSE verbummelt?

Re: Eggshells - Tobe Hooper (1969)

Verfasst: Di 3. Okt 2017, 22:53
von buxtebrawler
Salvatore Baccaro hat geschrieben:Tobe Hoopers erster Langfilm EGGSHELLS entsteht ein halbes Jahrhundert vor (...)
Ich hätte schwören können, es waren lediglich fünf Jahre... :?

Re: Eggshells - Tobe Hooper (1969)

Verfasst: Di 3. Okt 2017, 23:08
von Salvatore Baccaro
buxtebrawler hat geschrieben:
Salvatore Baccaro hat geschrieben:Tobe Hoopers erster Langfilm EGGSHELLS entsteht ein halbes Jahrhundert vor (...)
Ich hätte schwören können, es waren lediglich fünf Jahre... :?
:D

Hey Bux, Du bist mein Lektor werden! IMMER! ;)

Re: Eggshells - Tobe Hooper (1969)

Verfasst: Mi 4. Okt 2017, 00:13
von buxtebrawler
Salvatore Baccaro hat geschrieben:Hey Bux, Du bist mein Lektor werden! IMMER! ;)
Das war jetzt aber Absicht, oder? ;)

Re: Eggshells - Tobe Hooper (1969)

Verfasst: Mi 4. Okt 2017, 04:16
von sergio petroni
Salvatore, das ist mit Abstand der schönste Nachruf auf Tobe Hooper,
wenngleich mit einer bittersüßen Note.

Re: Eggshells - Tobe Hooper (1969)

Verfasst: Mi 4. Okt 2017, 11:03
von Salvatore Baccaro
buxtebrawler hat geschrieben:
Salvatore Baccaro hat geschrieben:Hey Bux, Du bist mein Lektor werden! IMMER! ;)
Das war jetzt aber Absicht, oder? ;)
:nick:
sergio petroni hat geschrieben:Salvatore, das ist mit Abstand der schönste Nachruf auf Tobe Hooper,
wenngleich mit einer bittersüßen Note.
Danke fein, aber Arkadin hat in diesen heiligen Hallen ja auch ein paar berührende Zeilen anlässlich Hoopers Tod getippt...