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Keyhole - Guy Maddin (2011)

Verfasst: Do 16. Aug 2018, 14:15
von Arkadin
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Originaltitel: Keyhole

Produktionsland: Kanada 2011

Regie: Guy Maddin

Darsteller: Jason Patric, Isabella Rossellini, Udo Kier, Louis Negin, Brooke Palsson, David Wontner

Der Gangsterboss Ulysses (Jason Patric) flüchtet nach einem Schusswechsel mit der Polizei in das Haus, welches er einst verließ und in der noch seine Familie lebt/lebte. Die Bande hat einen geknebelten jungen Mann (David Wontner) in Fesseln bei sich. Wie sich herausstellen wird, ist es Ulysses Sohn, das einzige seiner vier Kinder, das offenbar noch am Leben ist. Ulysses erkennt ihn aber nicht. Ulysses trägt ein ertrunkenes Mädchen mit ins Haus, welches dort wieder lebendig wird, aber blind und schwach ist. Ulysses möchte seine Ehefrau Hyazinth (Isabella Rossellini) um Verzeihung für seine begangenen Fehler bitten. Dazu muss er sich Tür für Tür durch das Labyrinth des Hauses vorarbeiten, welches von Geistern bewohnt ist und in dem sein nackter Schwiegervater an Hyazinths Bettpfosten gekettet ist.

Dieser Film meines Favoriten Guy Maddin stand sehr lange eingepackt im Regal. Grund waren die nicht gerade positiven Besprechungen, die sich allerdings vor allem an der nicht Nachvollziehbarkeit des Plots entzündeten. Das mit der Handlung stimmt. Da war ich innerhalb kürzester Zeit auch vollkommen verloren. Ich denke mal, das Manko ist, dass dies tatsächlich Maddins (scheinbar) gradlinigster Film ist und die Inszenierung größtenteils auf die Maddin-typischen Verfremdungen verzichtet. So sieht er tatsächlich wie ein extrem stylischer Noir aus. Auch spielt mit Jason Patric ein Hollywood-Schauspieler die Hauptrolle, was bei Maddin so ja in der Regel nicht vorkommt. Klar, Isabella und Udo sind hier auch wieder dabei, aber die sind ja bekannt für ihre Gratwanderung zwischen Kunst und Kommerz. Und die Rossellini gehört ja eh zur Maddin-Familie. nicht nur durch die Noir-nähe und die glasklaren schwarz-weiß-Bilder (es ist der erste Maddin-Film, der digital gedreht wurde) erinnert "Keyhole" auch an "Singapore Sling". ich glaube tatsächlich, durch die für Maddin eher untypische Gestaltung erwartet man hier vielleicht unbewusst einen "klassischeren" Handlungsfilm, was Maddin natürlich ständig unterläuft. Da gibt es den nackten Vater, der bei seiner Tochter ans Bett gekettet ist und an dieser durch das Haus läuft, welches eh nicht zu erfassen ist, da Räume in Räume führen und sich die Personen dort verlieren. Tote werden lebendig, Lebende plötzlich zu Geistern. Figuren tauchen auf und verschwinden. Die Altersunterschiede zwischen den Protagonisten stimmen nicht, (falsche) Erinnerungen und (falsche) Gegenwart vermischen sich. Die Hauptfigur erkennt seine Kinder nicht mehr. Und vieles mehr zu großartigen Bildern und einer sich in den Gehörgang schiebende Experimentalmusik. Alles sehr merkwürdig und müsste dringend noch einmal geguckt werden, um sich da einen Reim drauf zu machen. Man kann sich aber auch vorbehaltlos in Maddins Welt fallen lassen.

Auf der englischen DVD sind noch zwei Kurzfilme, die drei Jahre vor "Keyhole" entstanden sind, aber bereits Motive, Bilder, Kulissen und Darsteller dieses Films nutzen. Diese gehen nur 7 bzw. 11 Minuten und sich im total wahnsinnigen Maddin-Stil gehalten. D.h. schnelle, assoziative Schnitte, Bilder wie aus lange verschollenen Stummfilmen, die man mehr träumt als sieht.

Send Me to the 'Lectric Chair - Die Rosselini wird zu einem self-made Elektrsichen stuhl gebracht, der durch zwei Radfahrer angetrieben wird (den gibt es auch in "Keyhole"), sie empfindet Lust, ihr wird Champagner zwischen die Schenkel gegossen, merkwürdige Tänzerinnen umgeben sie, ein Mann versucht sie zu retten. Ende. Das alles nimmt immer mehr Tempo auf und im Einklang mit der immer treibender werdenden, experimentellen Musik wird der kurze Film zu einem einzigen Rausch, der mir sehr viel besser gefallen hat als "Keyhole".

Glorious - Was passiert habe ich nicht wirklich verstanden, aber der Film ist phantastisch. Seltsame, ebenso traumhafte, wie rätselhafte Bilder. Ein grandiosen Sounddesign, frenetischer Schnitt und alle möglichen Arten das Bild zu manipulieren, lassen einen immer wieder staunen und sich da hineinziehen. Die Handlung nimmt das Grundkonstrukt von "Keyhole" mit seiner 30er Gangster-Geschichte vorweg und ist scheinbar auch an der selben Lokalität gedreht. Nicht ganz so toll wie "Send Me to..", aber auch hier war ich etwas mehr begeistert als von "Keyhole".

Scheinbar ist Maddin eher für die kurze Form prädestiniert - oder Filme, die episodenartig angelegt sind (wie "My Winnipeg" oder "The Forbidden Room").