Pretty Baby - Louis Malle (1978)
Verfasst: Fr 22. Feb 2019, 14:21
von buxtebrawler
Originaltitel: Pretty Baby
Herstellungsland: USA / 1978
Regie: Louis Malle
Darsteller: Brooke Shields, Keith Carradine, Susan Sarandon, Frances Faye, Antonio Fargas, Matthew Anton, Diana Scarwid, Barbara Steele, Seret Scott, Cheryl Markowitz, Susan Manskey, Laura Zimmerman u. A.
New Orleans,1917: Die zwölfjährige Violet wächst bei ihrer Mutter im Bordellviertel auf und wird schon früh in die Prostitution eingeführt. Später als die Mutter ein bürgerliches Leben beginnt, läuft Violet davon und wird die Geliebte eines Fotografen...
Quelle:
www.ofdb.de
Re: Pretty Baby - Louis Malle (1978)
Verfasst: Fr 22. Feb 2019, 14:23
von buxtebrawler
„Ich führe ein gutes altmodisches Hurenhaus, Monsieur!“
Der französische Autorenfilmer und Anhänger der Nouvelle Vague Louis Malle („Fahrstuhl zum Schafott“) hatte ein Händchen für skandalträchtige Themen. So zeigte er z.B. in „Herzflimmern“ den Inzest zwischen einer Mutter und ihrem Sohn, ohne ihn zu verurteilen. Mit seiner US-Produktion „Pretty Baby“ widmete er sich 1978 der Prostitution in New Orleans zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Allgemeinen – und der Kinderprostitution eines 12-jährigen Mädchens im Speziellen, verkörpert von der 13-jährigen Brooke Shields („Die blaue Lagune“). Der Film basiert auf den Bildern des Fotografen E.J. Bellocq, der seinerzeit im Rotlichtbezirk Storyville den Bordell-Alltag mit seiner Kamera festgehalten hatte.
„Ich hab‘ nichts übrig für Perverse!“
Puffmutter Nell (Frances Faye, „Doppelt oder Nichts“) ist um die 70 und Betreiberin eines Bordells für Gutbetuchte. Ab und zu muss sie noch selbst ran, das Hauptgeschäft aber besorgen ihre Huren. Inklusive diverser Angestellter, z.B. für den Barbetrieb, ist man wie eine große Familie. Zu dieser gehört auch Hattie (Susan Sarandon, „The Rocky Horror Picture Show“), die im Bordell aufgewachsen ist, weil bereits ihre Mutter dort gearbeitet hatte. Das gleiche Schicksal droht Hatties Tochter, der 12-jährigen Violet (Brooke Shields). Die Entjungferung des aufgeweckten Mädchens wird im Bordell an den Höchstbietenden versteigert – 400 $ ist sie wert. Das Kind lässt die schmerzhafte Prozedur über sich ergehen und sieht einem Leben als Hure entgegen. Als E.J. Bellocq (Keith Carradine, „Die Duellisten“) im Bordell vorstellig wird, möchte er keine sexuellen Dienstleistungen in Anspruch nehmen, sondern seinem Hobby und Broterwerb, der Fotografie, nachgehen. Ein beliebtes Motiv ist Hattie, wodurch auch Violet den Fotografen kennenlernt. Als sich der vermögende Mr. Fuller (Don Hood, „Schwarzer Engel“) in Hattie verliebt, geht sie mit ihm und ihrem neugeborenen Sohn nach St. Louis und heiratet Fuller, verleugnet ihm gegenüber jedoch Violet, indem sie sie als ihre Schwester ausgibt. So bleibt Violet ohne Eltern im Bordell zurück. Wenn sie gerade nicht arbeitet, albert sie mit ihren Freunden Red Top (Matthew Anton, „Andy Warhol's BAD“) und Nonny (Von Eric Thomas) herum. Als sie dem dunkelhäutigen Nonny dabei nach Meinung der Erwachsenen zu nah kommt und man eine „Rassenschande“ befürchtet, wird sie per Prügelstrafe gezüchtigt. Trotzig flieht sie aus dem Hurenhaus und sucht Bellocq auf. Dieser zeigt sich ebenso fasziniert von ihr wie sie von ihm, betrachtet sie als Geliebte und Stieftochter zugleich, hat Sex mit ihr und ehelicht sie schließlich…
„Bin ich für dich ein Kind?“
Malle zeigt die scheinbare Normalität von Prostitution und Kindesmissbrauch in der US-Gesellschaft des frühen 20 Jahrhunderts. Keiner der Beteiligten scheint mit seiner gesellschaftlichen Rolle zu hadern, niemand stellt den Ist-Zustand infrage. Warum auch, ist man angesichts der Bordellbilder von Zusammenhalt und Fröhlichkeit zu fragen geneigt, schließlich sind die meisten Freier höfliche Herren mit dickerem Geldbeutel, schließlich wird zur Musik des schwarzen Klavierspielers gefeiert und viel gelacht, schließlich scheint es den Kindern gut zu gehen, die all das von Beginn an miterleben – und zwar in einem New Orleans voller Zeit- und Lokalkolorit, in prächtigen Bildern eingefangen. Malle ist nicht daran gelegen, einen Softporno aus seinem Film zu machen, am anderen Extrem ist er aber ebenso wenig interessiert, sodass unkaschierte Nacktszenen zum Zuge kommen. Als ein Zuschauer aus dem 21. Jahrhundert würde man nun eventuell erwarten, dass Violets Defloration in letzter Sekunde verhindert werden kann und sie es irgendwie schafft, dem Bordellbetrieb zu entfliehen, doch mitnichten: Malle lässt es geschehen und überrascht, oder besser: erschreckt damit sein Publikum.
Und es kommt noch arger: Wirklichen Schutz findet sie nach ihrer letztendlichen Flucht (wegen einer Misshandlung bzw. eher verletzten Stolzes wohlgemerkt, nicht aufgrund ihrer Kindersexarbeit) bei Bellocq ebenfalls nicht: Zwar scheint er ein guter, moralisch handelnder Mensch zu sein, der sie in seine Obhut nehmen möchte, Sex hat er trotzdem mit ihr. Dies verarbeitet der Film in ebenso selbstverständlicher Weise wie alles Vorausgegangene, mehr noch: Er erlaubt sogar die Lesart, Violet habe dies provoziert. „Pretty Baby“ skizziert das ambivalente Verhältnis beider zueinander. Violet ist Geliebte und Stieftochter zugleich, nennt ihn „Papa“, findet aber nichts Merkwürdiges daran, mit ihm zu schlafen. Bellocq findet sich ebenfalls in beiden Rollen wieder, die er miteinander zu kombinieren versucht, was in seiner Heirat Violets gipfelt – über die sich niemand so recht zu wundern scheint. Die Beziehungskonflikte, die beide miteinander austragen, erinnern dann tatsächlich an eine Mischung aus kindlich trotzigem, aufmüpfigem Verhalten und der gekränkten Seele einer Geliebten, was zu weiteren Verletzungen seiner selbstauferlegten Fürsorgepflicht führt. Malle und sein Team zeigen die blutjunge Shields, die auch äußerlich ganz offensichtlich noch ein Kind und nicht etwa eine körperlich und sexuell entwickelte Frühreife ist, splitternackt, indirekt lässt man sie vor der Kamera posieren, beispielsweise unter Zuhilfenahme des Kniffs, die gemeinsame Fotomodellarbeit mit Bellocq zu zeigen, sie als Alibi also gewissermaßen durch Auge der Fotografen-Figur abzulichten. Als wie aus dem Nichts Hattie mit ihrem Ehemann zurückkehrt, um Violet in ein neues Leben mitzunehmen, endet ihre Beziehung zu Bellocq abrupt. Was letztlich aus ihrem Leben wurde, erfährt das Publikum nicht – selbst hier obliegt es den Zuschauerinnen und Zuschauern, zu entscheiden, ob diese Zäsur als positiv oder negativ für Violet betrachtet wird.
Keine Frage, Brooke Shields hatte weit mehr zu bieten als Erziehungsberechtigte, die offenbar kein Problem darin sahen, sie für einen solchen Film herzugeben und in dieser Weise, zur Lolita geschminkt und unbekleidet lasziv posierend, auf Zelluloid bannen zu lassen. Sie verfügte bereits über erstaunliche schauspielerische Qualitäten und ein breites emotionales und mimisches Spektrum. Es gelingt ihr, ihre Rolle facettenreich auszufüllen. Jedoch zeigt „Pretty Baby“ keinerlei Problembewusstsein, genauso wenig wie seine Protagonistinnen und Protagonisten. Ich möchte angesichts dieser pikanten Thematik niemandem etwas unterstellen und ich habe auch keine Ahnung, ob der echte Bellocq seinerzeit mit einer Präpubertären liiert war. Vielleicht hat der Katholische Filmdienst ja auch Recht, wenn er resümiert: „Malle behandelt das heikle Thema weder spekulativ noch moralistisch, sondern erreicht durch seine zurückhaltend-distanzierte Erzählweise eine Ambivalenz, die den Zuschauer in seiner Erwartungshaltung verunsichert und zur Auseinandersetzung zwingt.“ Ausgerechnet aus dem Munde einer der mutmaßlich weltweit größten Pädophilenvereinigungen wie der Katholischen Kirche provoziert dies aber einmal mehr kritisches Hinterfragen. Möglicherweise wollte Malle in provokanter Weise die ehemals breite gesellschaftliche Akzeptanz von Prostitution, Pädophilie und Kindesmissbrauch aufzeigen, indem er sie in jener selbstverständlichen Normalität nachzeichnet, als die sie seinerzeit, geht man nach diesem Film, offenbar empfunden wurde. Ich fürchte jedoch, dass „Pretty Baby“ auch als Päderasten in ihrer Neigung und ihren Taten bestätigende Wichsvorlage nur zu gut funktioniert. Sollte hier im Zuge einer missverstandenen und ausgebeuteten sexuellen Revolution eine Lanze für Pädophilie und Kindesmissbrauch gebrochen werden? Diese offene Frage macht es mir zum jetzigen Zeitpunkt unmöglich, diesen Film abschließend für mich zu bewerten.