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Originaltitel: God's Not Dead
Produktionsland: USA 2014
Regie: Harold Cronk
Darsteller: Shane Harper, Kevin Sorbo, David A.R. White, Cory Oliver, Trisha LaFache
Abt.: Sobald das Geld in der Kinokasse klingt, die Seele in den Himmel springt.
Joshs Weg ist freilich ein steiniger. Seine Freundin fürchtet um ihre Reputation, trennt sich schließlich (trotz sechsjähriger Beziehung!) von ihm, als er sich weigert, gegenüber Radisson einzuknicken. Das ist indes nur eine von vielen Volten des Drehbuchs, die ich persönlich kaum nachvollziehen kann. Radisson nämlich ist nicht nur im Seminarraum ein Diktator vor dem Herrn, der pausenlos die christliche Religion durch den Schmutz zieht, und jedem, der ihm widerspricht, damit droht, er würde dann eben von ihm mit einer schlechten Note abgekanzelt werden. Vor Jahren schon hat er mit einer seiner Studentinnen, Mina, eine Beziehung angeknüpft, die alles andere als auf Augenhöhe abläuft: Als seine Kollegen und Kolleginnen von der geisteswissenschaftlichen Fakultät – allesamt ignorante, zynische, im wahrsten Wortsinn gottlose Gesellen – bei ihm zum Dinner geladen sind, muss Mina hausfrauenbrav Essen und Wein zu servieren – und als dieser Wein, (obwohl nur für ein paar Stunden im Kofferraum des Wagens gelegen, und zwar wohlgemerkt nicht im Hochsommer), plötzlich sauer schmeckt, als Zielscheibe für Radissons Spott und das Gelächter der Fachschaft herhalten. Mehr noch: Seit kurzem fühlt sich Mina zu Jesus hingezogen, was unserem Professor natürlich alles andere als schmeckt, weshalb er die Frau, die er angeblich liebt, auch schon mal von oben herab wie ein kleines Kind behandelt. Um die Dualität zwischen dem herzensguten Bübchen Josh und dem Widerling Radisson herumgruppiert sind aber noch zahllose weitere episodische Geschichtchen, die eint, dass sie von der An- oder Abwesenheit Gottes im Alltag unterschiedlicher Menschen aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten erzählen: Da hätten wir Mark, Minas Bruder, einen erfolgreichen Anwalt, der seine Freundin, die Bloggerin Amy, kurzerhand sitzenlässt, als die ihm eröffnet, sie sei an Krebs erkrankt – nein, das sei nun wirklich nichts für seine steil gen Firmament schießende Karriere. Da hätten wir, als running gag, den Pastor von Joshs Gemeinde, der mit einem anderen freikirchlichen Prediger unaufhörlich versucht, ein neues Gemeindefahrzeug zu kaufen, und dabei einzig an Gefährte gerät, deren Motor partout nicht anspringen mag. Da hätten wir nicht zuletzt die Studentin Ayisha, die längst vom Islam abgefallen ist, und heimlich per Mp3-Player Bibelrezitationen hört – jedenfalls so lange bis ihr strenger Vater sie dabei erwischt, verprügelt und ohne viel Federlesen vor die Tür setzt. Natürlich kulminiert GOD’S NOT DEAD in einem Finale, in dem all diese Stränge sich zu einem Knäuel zusammenfinden, das mit einem lauten Halleluja! festgezurrt wird: Die mir zuvor gänzlich unbekannte christliche Popband Newsboys lädt in der namenlosen Stadt zum Großkonzert, wo sich all unsere Helden und Heldinnen zur gemeinsamen Lobpreisung einfinden. Bis dahin hat Josh Radisson nicht nur in dessen eigenem Philosophieseminar besiegt – in der dritten Sitzung muss der Professor eingestehen, dass sein Atheismus einem tiefen Hass auf Gott entspringt, der ihm mit zwölf die Mutter genommen hat –, sondern auch – DEAD-POET’S-SOCIETY-Style – jeden einzelnen seiner Mitstudenten dazu gebracht, für ihn zu skandieren, dass Gott alles andere als tot sei. Ebenfalls in der Konzertnacht, wo Ayisha erstmals in der Öffentlichkeit ohne Hijab die Arme zu Christus erheben kann, wo Amy im Vertrauen auf Jesus selbst ihrer tödlichen Krebserkrankung noch positive Seiten abgewinnt, und wo Mina, die sich längst von Radisson losgesagt hat, einem neuen Leben als bekennende Christin entgegensieht, geht es dann auch noch unserem Antagonisten an den Kragen: Radisson wird von Mark über den Haufen gefahren, und stirbt unter den Händen von Joshs Priester, der an ihm eine Spontankonversion vornimmt. Ein paar Momente Schmerz, merkt der zweite Geistliche an, aber man könne sich nicht vorstellen, was der Professor als Bekehrter nunmehr im Himmel für eine Party mit den Engeln feiere. Im Abspann wird übrigens jeder Zuschauer noch dazu angehalten, so wie es die Protagonisten während des Newsboys-Konzerts tun, jedem seiner Smartphone-Kontakte die Nachricht „God’s not dead!“ zuzusenden. Fin.
Puh, eine Weile schon habe ich keinen Film mehr mit einer derart plakativen Botschaft gesehen. Fernab von jeglicher (Selbst-)Ironie, von jeglicher Selbstreflexion, von jeglichem noch so kleinen Blick über den eigenen Tellerrand präsentiert uns dieses Epos eine Welt in Schwarz und Weiß: Auf der einen Seite Menschen, die Gott ablehnen, und auf der andern Seite Menschen, die Gott mit vollstem Herzen umschließen, wobei letztere ausnahmslos ständig ein gütiges Lächeln im Gesicht führende Figuren sind, denen man ohne zu zögern die eigenen Kinder nebst Kontovollmacht anvertrauen würde, und erstere ausnahmslos Schlimmes im Schilde führen – ob sie nun unaufhörlich Gott lästern wie Radisson, völlig gefühlskalt selbst nahestehende Personen wie die eigene krebskranke Freundin oder die demenzkranke Mutter in der Not im Stich lassen, wenn es dem eigenen Vorteil zugutekommt, wie Mark, oder fanatisch die Tochter zum Kopftuchtragen zwingen und körperlich angehen wie der muslimische Vater von Ayisha. Besonders perfide ist freilich, dass GOD’S NOT DEAD seinen Beelzebub Radisson im Finale dann auch noch auf brutale Weise aus dem Leben treten lässt, im Sinne von: Wer Gott lästert, dem schickt er früher oder später einen Amokfahrer auf den Hals. Dass die beiden Priester Radissons Tod als große Gnade verklären, und dass auch die schwere Krebserkrankung Amys von den Newsboys dafür abgefeiert wird, dass Gott sie so sehr liebe, dass er sie so schnell wie möglich zu sich holen wollen würde, finde ich genauso bedenklich wie die vollkommene Realitätsferne dieses Streifens: Davon, dass ausgerechnet in den USA Philosophieprofessoren von ihren Studenten quasi mit Pistole gen Brustkorb verlangen können, ihren Glauben zu leugnen, (und damit gegen Paragraphen der US-Verfassung verstoßen, die die Religionsfreiheit garantiert), habe ich jedenfalls noch nie gehört – auch wenn vorliegender Film im Abspann eine lange Liste an Fällen anführt, wo genau dies angeblich geschehen sein soll.
Herzstück des Films bilden natürlich die Debatten zwischen Josh und Radisson, die dann aber auch – einmal abgesehen von der eindimensionalen Figurenzeichnung, der aufdringlichen Missionierungsattitüde oder dem erwähnten Manichäismus, der im Fleisch dieses Films steckt wie ein Pfahl – seinen Genickbruch bedeuten. Sowohl was Joshs als auch was Radissons Seite betrifft sind die Wortfechte im Hörsaal eine Katastrophe, von der sich die von Radisson namentlich an der Tafel verewigten Intellektuellen wie Foucault, Diderot, Freud sicherlich mit Grausen abgewendet hätten. Dass Radissons atheistischer Standpunkt nicht ernstzunehmend vertreten wird, dürfte auf der Hand liegen. Den Titel des schlechtesten Philosophieprofessors hat er jedoch allein schon dafür verdient, dass er das berühmte Nietzsche-Zitat vom Tod Gottes vollkommen falsch versteht. „Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet!“ heißt es in Nietzsches DER TOLLE MENSCH – woran bereits ersichtlich wird: Weder möchte Nietzsche darauf hinaus, dass, wie Radisson behauptet, Gott nie existiert habe, und deshalb tot sei, noch behauptet er, dass Gott als (meta-)physisches Wesen tatsächlich ermordet worden sei. Vielmehr geht es ihm gar nicht um Gott als „Person“: Alles, was ich (und mit mir Milliarden andere) aus dem Zitat herauslesen, ist, dass sich die abendländische Gesellschaft im Laufe der Jahrhunderte von einer weitgehend säkularen in eine weitgehend profane verwandelt hat. Auch Josh bekleckert sich aber nicht mit Ruhm: Zitate von Stephen Hawkins werden völlig aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang gerissen; der Schöpfungsbericht aus der GENESIS (bzw. einer von den beiden, die man dort lesen kann) als angebliche Vorwegnahme der Big Bang Theory präsentiert; schließlich behauptet Josh, Dostojewskij zitierend, dass Gott allein schon deshalb nötig sei, weil es ohne den Glauben an ein höheres Wesen keine menschliche Moral geben könne – (woher das Dostojewskij-Zitat stammt, und wer es in der ursprüngliche Quelle sagt, weiß Josh offenbar nicht.) Am Ende, als Josh sich nicht mehr zu helfen weiß, konfrontiert er den Professor dann eben direkt persönlich: Wieso hassen Sie ihn so?, worauf der preisgibt, dass er ihn für den Tod seiner Mutter hasse, und Josh triumphiert: Nun haben Sie die Existenz Gottes anerkannt, denn man kann nichts hassen, was es nicht gibt! Himmelschreiend – und vor allem dadurch befremdlich, dass, selbst wenn man Josh in allen Punkten folgen möchte, dann vielleicht die Existenz irgendeines Gottes bewiesen wäre, aber zu keinem Zeitpunkt, dass dieser Gott identisch mit dem des Christentums sein muss – ganz zu schweigen von weiteren Feinheiten wie der Rolle Jesu, der Frage, weshalb man denn unbedingt der in GOD’S NOT DEAD portraitierten evangelikalen Freikirchen folgen muss, und nicht etwa dem Katholizismus oder Gruppierungen wie den Zeugen Jehovas, die ebenfalls an die Bibel glauben, und wieso der Islam als gleichermaßen monotheistische Religion wie selbstverständlich nicht in Joshs Argumentation miteingeschlossen wird.
Vielleicht hätte ich all diese Schnitzer dem Film noch verzeihen können, wenn da nicht ein Faktor wäre, der ihn für mich sowieso von Grund auf disqualifiziert. Obwohl ich es dem Drehbuch noch irgendwie anrechnen kann, dass er seine zahlreichen Charaktere und Episoden mehr oder minder filigran miteinander zu verknoten versucht, obwohl die schauspielerische Leistung nicht das Debakel ist, das sie hätte sein können, und obwohl die Chose immerhin mit einem Mindestmaß an Professionalität inszeniert wurde: GOD’S NOT DEAD ist ein derart glattgeleckter Film, das man damit die Herzen von anspruchslosen Schwiegermütter gewinnen könnte. Keine einzige Einstellung, kein einziger Ton, kein einziger Dialogfetzen, kein Schnitt, keine Kamerabewegung, die nicht ausschaut wie ein bildgewordenes Kalenderblatt. Pausenlos klimpert im Hintergrund belanglose Instrumentalmusik, um mir genau zu erklären, welche Emotionen mich in welcher Szene befallen sollen; pausenlos hauen die Figuren Sätze heraus, die den meisten mir persönlich bekannten Predigern bei weitem zu platt wären; pausenlos tut sich GOD’S NOT DEAD darin hervor, ja niemandem im Auditorium auf den Schlips zu treten: Das Paralleluniversum, in dem dieser Film spielt, ist bereits auf Erden das Äquivalent eines Himmels, in dem jede Seele, nachdem sie sich ausgejauchzt und sattgehört hat an den seraphinen Klängen eines Engelsorchesters, in grenzenlose Langeweile verfällt.
Nein, irgendwie beileibe kein guter Film, obwohl immerhin so erfolgreich, dass sich seine 2 Million Produktionskosten auf wundersame Weise in 62 Millionen verwandelt haben.