Nachdem Jogi nach langer, langer Zeit endlich mal wieder einen Film gut fand, habe ich "Brawl" gleich mal aus dem Regal gezogen, von der Einschweissfolie befreit und in den Player geworfen.
Jau, das ist ein ganz schönes Brett. Hölle. Wobei ich es Zahler hoch anrechne, dass er sich viel Zeit nimmt, uns Bradley Thomas vorzustellen. Die Welt in der lebt und was ihn antreibt. Nein, Bradley ist kein guter Mensch und sieht seinen Job als Drogenkurier auch sehr pragmatisch. Damit schafft er es seiner Familie ein gutes Leben zu ermöglichen. Die Drogenopfer sind nicht sein Problem. Aber er hat einen Codex und eine gewisse Moral, was geht und was nicht. Und der bringt ihn im wahrsten Sinne in Teufels Küche.
Der Weg dorthin wird ebenfalls ausführlich gezeigt. Und Zahler zeigt, dass er amivalente Charaktere kann. Wie z.B. den einen Wärter im ersten Gefängnis. Der kommt erst als typisches Arschloch rüber, erklärt sich dann aber irgendwann, weshalb er so reagiert hat (wollte Bradley im von ihm trainierten Box-Team des Gefängnisses haben) und wirkt sogar sympathisch. Zu dumm, dass genau in diesem Moment der gute Bradley einen gewissen Plan gefasst hat. Tja, das war's wohl mit dem Boxen.
Das zweite Gefängnis ist ein surrealer Albtraum und wird von Don Johnson regiert. Der aber auch nicht durch und durch böse ist, sondern eher eine sehr effiziente und konsequente Art hat, seinen Laden am Laufen zu haben. Sadismus sieht in meinen Augen anders aus (den hat eher dieser kleine fiese Wächter, der am Ende zwischen die Tür und Angel gerät).
Was mich positiv gewundert hat ist, dass Zahler auch einige wundervoll zärtliche Momente inszeniert, die einem wirklich ans Herz gehen. Erwähnt sei hier die erste Szene, in der Bradley mit der Untreue seiner Frau konfrontiert wird und durch seine Wut hindurch, aber auch seine Schuld an der Sache einsieht, akzeptiert und bereit ist, daran zu arbeiten.
Die unangenehmen Szenen sind hier WIRKLICH unangenehm. Ich sage nur: Udo! Wie generell Spirale der Ausweglosigkeit und der Gewalt im Film erst langsam und dann mit genau dem richtigen Timing immer schneller dreht. Und den Zuschauer mitreißt.
Was mich tatsächlich gestört hat ist die sehr cartoonesque Gewalt zum Ende hin. Das ist so over-the-top, dass sie mich mehr rausgerissen als schockiert hat. Das hatte schon fast etwas von Fun-Splatter und passte meiner Meinung dann nicht mehr zu der verzweifelt-düsteren Grundstimmung des Filmes. Auch, dass Bradley immer mehr zur schmerzunempfindlichen und immer unaufhaltsameren Killermaschine mutiert, fand ich nicht ideal. Wenn Zahler hier etwas mehr auf dem Boden geblieben wäre, dann hätte das dem Film meiner Meinung nach gut getan.
Zudem störte mich etwas am Plot und zwar habe ich nicht so recht verstanden,
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was der große Obergangster von Bradley eigentlich wollte. Okay, Rache für das versemmelte Geschäft. Schon klar. Aber erst fordert er einen Mord, dann stellt sich heraus, dass das nur ein Trick war, um Bradley in den Cell Block 99 zu bekommen (wahrscheinlich weil er nur dort Zutritt hatte - was etwas gegen Johnsons Figur arbeitet, aber gut. Aber dann sagt er, er will 3,5 Mio. Dollar von Bradley usw. Also, eigentlich will er ihn nur foltern, oder? Und dass die Sache mit dem ungeborenen Kind sowieso durchgezogen wird, war eh von Anfang an gesetzt. Das fand ich alles etwas schwach konstruiert. Wie auch die Auflösung, dass die Schwangere einfach so gehen kann).
So oder so. Sehr gut Film, auch wenn ich "Bone Tomahawk" noch etwas besser fand.