Na, aber ganz ohne Gegengewicht möchte ich Jogis eher kritische Töne dann doch nicht stehen lassen...
Welcher ist wohl der tödlichste Film aller Zeiten? Der Horrorschocker, der in Lamberto Bavas DEMONI in einem Berliner Programmkino gezeigt wird, und der die Pforten zur Hölle so weit aufstößt, dass das Auditorium alsbald von leibhaftigen Dämonen zerfleischt wird? Der Italowestern, der in Giuliano Montaldos CIRCUITO CHIUSO einen Mord begeht, indem er reale Schüsse von der Leinwand auf sein Publikum abgibt? Der Snuff-Film, den der Professor in Alejandro Amenabars TESIS zufällig zu Gesicht bekommt, und der ihn derart aufregt, dass er einen Herzinfarkt erleidet? Die beiden Regisseure David Amito und Michael Laicin haben auf die Frage eine ganz eigene Antwort: Der tödlichste Film aller Zeiten, das ist ANTRUM, eine englischsprachige Produktion aus den späten 70ern, die mutmaßlich bulgarischen Ursprungs sein soll, und die jedes Mal, wenn man sie seither auf einem Filmfestival öffentlich vorgeführt hat, einen Rattenschwanz an Katastrophen nach sich zog: Die meisten Menschen, die den Film jemals gesehen haben, sind bei mysteriösen Unfällen ums Leben gekommen; bei einer Vorstellung in Budapest soll das komplette Kino abgebrannt sein; zuletzt projiziert wurde der Streifen in den 90ern in Los Angeles, wo es zu einer Massenpanik gekommen sei, bei der eine schwangere Frau ihr Leben verloren hat, weil einer der Kinomitarbeiter aus unerfindlichen Gründen LSD über das feilgebotene Popcorn geschüttet hatte.
In seinen ersten zehn Minuten präsentiert ANTRUM sich als Mockumentary: Angebliche Spezialisten, Filmwissenschaftler, Augenzeugen, kritische Geister, die die Existenz des Films ANTRUM für eine urbane Legende handeln, kommen zu Wort; eine (etwas arg bitterernst zu klingen versuchende) Frauenstimme aus dem Off füttert uns zudem mit (angeblich) gesicherten Fakten und vagen Mysterien, die sich um den fraglichen Streifen ranken sollen; melodramatisch gerät die musikalische Untermalung, die zu keinem Zeitpunkt den Eindruck entstehen lässt, wir würden tatsächlich einer seriösen, nüchternen Dokumentation beiwohnen. Wie auch immer – (konkret wird die Erzählung in diesem Punkt nicht) – haben die Verantwortlichen der Dokumentation THE DEADLIEST FILM EVER MADE es geschafft, eine Kopie von ANTRUM bei einer Auktion zu erhandeln, nachdem das Werk für Jahre verschollen geglaubt worden ist. Wie eine Analyse des 35mm-Materials ergibt, wurde der Film mit einer hauchdünnen Plastik- oder Gummischicht überzogen, in die scheinbar magische Symbole eingeritzt worden sind. Außerdem findet man heraus, dass sowohl die Tonspur des Originalfilms manipuliert worden sein muss, indem irgendeine „dritte Partei“ nachträgliche Soundfrequenzen hinzufügte, die Unwohlsein beim Betrachter auslösen, sowie, dass auch beim Bildmaterial interventiert wurde: Mehrere sekundenbruchteillange Schwarzweißaufnahmen blitzen während der gesamten Laufzeit von ANTRUM immer wieder auf, und legen den Verdacht nahe, sie würden aus einem echten Snuff-Film stammen, in dem ein junges Pärchen in einem Kellerverließ zu Tode gequält wird. 30 Sekunden Zeit gibt man mir, die Sichtung abzubrechen, bevor man damit beginnt, ANTRUM in Gänze abzuspielen. Natürlich habe ich mich an die Warnung nicht gehalten, und bin dafür mit einem der eigenwilligsten Genre-Filme entlohnt worden, der mir in letzter Zeit vor die Flinte liefen.
ANTRUM erzählt von einem Geschwisterpaar, das mehrere Tage im Wald verbringt. Oralee ist die große Schwester, die sich aufgrund der offenkundigen Absenz der Eltern – (tatsächlich ist zu Beginn nur einmal kurz der Hinterkopf der Mutter zu sehen) – wie eine Erziehungsberechtigte um ihren kleinen Bruder Nathan kümmert, dem der Tod der Familienhündin Maxine so sehr an die Nieren geht, dass er jede Nacht von Alpträumen wachgerüttelt wird. Nachdem die Mutter ihm erfolgreich eingeredet hat, die Hündin sei, da sie unartig gewesen ist, nicht, wie von Nathan erhofft, im Himmel gelandet, sondern geradewegs in die Hölle hinabgefahren, plagt ihn die Vorstellung, sein geliebtes Tier müsse für alle Ewigkeit im Fegefeuer braten. Mit einem zugebenermaßen äußerst obskuren Plan versucht Maxine, ihren Bruder davon zu überzeugen, dass Maxine im Jenseits kein schlechtes Los gezogen hat. Sie füllt ein Notizbuch mit okkulten Symbolen, behauptet, ein Freund habe ihr das vermeintlich magische Buch geliehen, und ihr erklärt, man müsse ein nahegelegenes Waldgebiet aufsuchen, ein tiefes Loch bis zu den Außenwänden des Hades buddeln und dort dann die Zaubersprüche rezitieren: Wenn man kurz darauf einen Gegenstand findet, der dem verstorbenen Menschen oder Tier gehört habe, sei das ein Zeichen dafür, dass sei seine Seele nunmehr auf der sicheren Seite sei. Mit besagtem Wald hat es indes noch eine besondere Bewandtnis: Bekannt ist er dafür, dass sich regelmäßig Menschen dorthin zurückziehen, um ihrem Leben freiwillig ein Ende zu setzen. Auch das hält die Geschwister nicht davon ab, die Zelte zu satteln und sich in der Wildnis einzurichten – wobei die gesamte metaphysische Hunderettungsaktion von Anfang an auch den Charakter eines elaborierten Spiels trägt, bei dem nie ganz klar wird, inwieweit Nathan durchschaut, dass seine Schwester ihm aus gutgemeinter Absicht einen Bären aufbindet, und inwieweit Oralee bei ihren immer abstruser werdenden Ammenmärchen nicht auch eine morbide Befriedigung verspürt. Stundenlang hebt man Erde aus; man vertreibt Eichhörnchen, die verkleidete Dämonen sein sollen, mit Wünschelruten; man verhält sich wie auf einer Ferienfreizeit, die zugleich nach einem letzten Aufblühen der Jugend schmeckt und andererseits die Sorglosigkeit der Kinderzeit versprüht. Nach Oralees Plan soll alles darauf hinauslaufen, dass Nathan Maxines Hundehalsband im Gestrüpp auffindet, das sie die ganze Zeit heimlich bei sich trägt – zum Beweis, dass das Tier erfolgreich in den Himmel versetzt worden ist. Letztendlich aber häufen sich rätselhafte Vorkommnisse – und es scheint, als ob all die Prophezeiungen, die Oralee sich ausgesponnen hat, sich tatsächlich in der Realität erfüllen.
Mehr sei an dieser Stelle auch gar nicht über den weiteren Handlungsverlauf von ANTRUM verraten, da der Film – wie schon die ersten Minuten offenlegen – weniger darum bestrebt ist, eine kohärente, sich logisch aufschlüsselnde Geschichte zu erzählen, sondern sich mit seiner hermetischen Narration, seiner entrückten Bildsprache, seines Dauerbeschusses an nervenzehrenden Tonspureskapaden, irritierenden Montageentscheidungen und Kameraperspektiven und der einen oder anderen skurrilen Plot-Volte – (wie beispielweise die Begegnung Oralees und Nathans mit einem Suizidanten, der gerade dabei ist, im Selbstmordwäldchen Seppuku zu begehen, durch die Anwesenheit der Geschwister schließlich aber davon abgehalten wird) – stellenweise mehr dezidiertem Experimentalkino als einem handelsüblichen Horrorfilm annähert. Dabei schaffen es die beiden Regisseure auf ziemlich beeindruckende Weise, ganz unterschiedliche Genre-Versatzstücke und kreative Einfälle in ihrer minimalistischen Story zu verrühren, die auf den ersten Blick zwar reichlich disparat anmuten, aber doch verblüffende Verbindungen miteinander eingehen: Gerade zu Beginn hat man das Gefühl, einem düsteren Märchen beizuwohnen, einer Art Mixtur aus Jaromil Jires VALERIA A TYDEN DIVU und Peter Weirs PICNIC AT HANGING ROCKS, gekreuzt mit den Coming-of-Age-Obertönen der Stephen-King-Adaption STAND BY ME. In diese irreal-entrückte Stimmung werfen Amito und Laicini sodann offenkundige Anspielungen auf Sam Raimis EVIL DEAD, auf THE BLAIR WITCH PROJECT sowie eine reichlich merkwürdige Rückblendensequenz, die den Eindruck erweckt, sie könne auch bei David Lynchs MULLHOLLAND DRIVE im Schneideraumpapierkorb gelandet sein. Wenn im letzten Drittel dann auch noch veritabler Backwood-Horror im Stile von TEXAS CHAINSAW MASSACRE hinzukommt, der sich grotesk mit folkloristischem Schrecken à la THE WICKER MAN paart, dann weiß ich wirklich nicht mehr, wo mir der Sinn steht und weshalb dieser seltsame Streifen bislang nicht einen ähnlichen Hype evoziert hat wie beispielweise Ari Asters MIDSOMMAR. Bangt man nämlich bei der zehnminütigen Mockumentary-Einführung, man würde vielleicht mit amateurhaftem Found-Footage konfrontiert werden, händelt ANTRUM seinen Retrolook ziemlich überzeugend – inklusive Filmfehler, 70er-Garderobe und -Frisuren, (wobei der Darsteller des Nathans mich unweigerlich an den blonden Bengel Giovanni Frezza, bekannt und berüchtigt beispielweise aus Lucio Fulcis QUELLA VILLA ACCANTO AL CIMITERO erinnert, jedoch nicht ansatzweise derart enervierend daherkommt wie dieser), und Anflügen schmutziger Grindhouse-Atmosphäre, die nicht mal die ein, zwei deplatziert wirkenden CGI-Effekte sabotieren können, bei denen ich mich dann doch frage, weshalb die Regisseure es für eine gute Idee hielten, in der einen oder andern Traumszene unbedingt moderne Computertricks einsetzen zu müssen. Kritisieren könnte man außerdem noch den Abspann, in dem vor allem ein Religionswissenschaftler zu Wort kommt, der für meine Begriffe doch viel zu tief in die Erklärkiste greift, um uns den okkulten Kontext von ANTRUM unter die Nase zu reiben – und, ja, ohne die sich wenig fruchtbar mit der eigentlichen Handlung verschwisternden, zumal insgesamt nicht mal eine Minute ausmachenden Faux-Snuff-Segmente hätte ich auch bestens leben können, da sie fast schon störend in die altmodische Schauergeschichte funken. Stattdessen hätten sich Amito und Laicini vielleicht besser noch ein paar weitere Räuberpistolen ausdenken können, um die Produktions- und Distributionshistorie von ANTRUM ein bisschen aufzubauschen – denn in der vorliegenden Fassung erhalten wir nicht die geringsten Informationen darüber, wer denn diesen Film überhaupt gedreht hat und wie er ursprünglich auf die paar Filmfestivals gelangt ist, auf denen er vermeintlich so viel Schaden anrichtete.
Doch das ist Ziegenmeckern auf hohem Niveau, und ANTRUM ist tatsächlich der beste Ziegenhorror, den ich seit langem gesehen habe – ein Film mit einer witzigen Prämisse, der solch unterschiedliche Genres wie Okkult-Horror, Snuff, Mockumentary, Backwood-Slasher und Wald- und Wiesenmärchen streift, und in seinen stärksten Moment zugleich beklemmend wie lyrisch wirkt. Tja, und außerdem hat er das vielleicht memorabelste Eichhörnchen der mir bekannten Filmgeschichte aufzubieten: Da wüsste ich gar nicht, ob ich diese Kreatur vor Schreck totschlagen oder vor Putzigkeit liebkosen sollte...