The Wind - Victor Sjöström (1928)

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Salvatore Baccaro
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The Wind - Victor Sjöström (1928)

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Originaltitel: The Wind

Produktionsland: USA 1928

Regie: Victor Sjöström

Cast: Lillian Gish, Lars Hanson, Montagu Love, Dorothy Cumming, Edward Earle, William Orlamond


Texas in den 1880er Jahren: Eine junge Frau namens Letty Mason reist von Virginia zu ihrem Cousin Beverly, dem gegenüber sie sich wie eine kleine Schwester fühlt und auf dessen Farm „Sweet Water“ sie sich ein neues Leben aufbauen möchte. Schon während der Zugfahrt wird sie auf eine Besonderheit der Region aufmerksam, in der ihr Cousin mit seiner Frau und drei Kindern lebt: Ein unaufhörlich pfeifender Wind, der Staub und Sand gegen die Scheiben ihres Abteils schleudert. Ein mitreisender Viehhändler namens Wirt Roddy, der Letty in ein Gespräch verwickelt hat, weiß zu berichten, dass es kaum einen Tag gebe, an dem der Wind sein Brausen einstellen würde; schon manche Frau sei angesichts des kontinuierlichen Heulens und Brausens dem Wahnsinn verfallen. Auf „Sweet Water“ angelangt, gesellt sich zu den harten klimatischen Bedingungen ihrer Wahlheimat noch eine verfahrene zwischenmenschliche Situation: Während Beverly seine Cousine herzlich empfängt und gar nicht mehr aus den Armen lassen möchte, beäugt seine Frau Cora Letty mit offensivem Argwohn; nicht nur scheint sie davon überzeugt, dass zwischen Letty und Beverly mehr laufen würde als ein rein platonisches geschwisterliches Verhältnis; ebenso übel stößt Cora auf, dass ihre Sprösslinge nach anfänglichen Startschwierigkeiten Letty nahezu als Stiefmutter akzeptieren, und wesentlich mehr Zeit mit ihr verbringen als mit Cora selbst. Feststeht: Letty muss verschwinden, so schnell wie möglich! Aber auch Letty macht der Ortswechsel von der Großstadt Virginia auf die vollkommen isoliert inmitten der Wüste liegende Farm zu schaffen – und das erst recht, als sich ihr die unbändigen texanischen Naturgewalten während eines lokalen Festes im Gemeindehaus zeigen, das von einem plötzlich hereinbrechenden Tornado beinahe in seine Einzelteile zerrissen wird. Genau auf dieser Feierlichkeit insistiert Nora dann auch, dass Letty unbedingt einen ihrer zahlreichen Verehrer heiraten müsse, die sich um sie scharen wie Hähne um eine Henne: Da ist der betuchte Wirt Roddy, der ihr bereits während ihrer gemeinsamer Zugfahrt eröffnet hat, eine Frau an seiner Seite zu suchen; da ist Lige Hightower, ein Nachbar Beverlys, der aufgrund seines etwas tölpelhaften Verhaltens und seines breiten Südstaatenakzents von Letty eher belächelt wird; da ist der Cowboy Sourdough, ein Freund Liges, der Letty jedoch wegen des zwischen ihnen klaffenden Altersunterschieds noch viel weniger ein idealer Partner zu sein scheint. Da Cora Letty in Aussicht stellt, ihr das Leben zur Hölle zu machen, sollte sie länger unter einem Dach mit Beverly und ihr wohnen bleiben, da Beverly selbst gegenüber seiner dominanten Ehefrau die Hände gebunden sind und da die lukrativste Partie, Wirt Roddy, ihr gesteht, bereits verheiratet zu sein und sie höchstens als Maitresse in sein Haus holen zu können, entschließt sich Letty schweren Herzens, dem Werben Liges nachzugeben. Die Hochzeit gestaltet sich genauso freudlos wie das anschließende Zusammenleben auf Liges Farm: Letty verwehrt sich ihrem Gatten sexuell, der wiederum schmerzhaft einsehen muss, dass seine Angetraute sich aus rein pragmatischen Gründen vor den Traualtar hat zerren lassen. Tagelang begibt sich Lige fortan auf Rinderjagd in die Prärie, während Letty mutterseelenallein das Haus hütet, und ihr der permanent brausende Wind psychisch zusetzt, sie sowohl an den sie an ihre vier Wände fesselnden Sandböen wie an ihrer tiefen Einsamkeit langsam zugrunde geht. Dann wird eines Tages der bei der Rinderjagd verletzte Wirt Roddy zu ihr gebracht: Letty soll ihn pflegen, bis er körperlich soweit hergestellt ist, dass er sein Pferd besteigen kann. Doch Wirt Roddy hegt ganz andere und viel sinistere Pläne, wie er die Tage allein mit Letty gestalten möchte…

Es ist Hauptdarstellerin Lillian Gish zu verdanken, dass der schwedische Regisseur Victor Sjöström 1928 einen der wohl düstersten und künstlerisch vollendetesten Hollywood-Filme der Stummfilm-Ära inszenieren konnte. Gish, zum damaligen Zeitpunkt einer der am hellsten leuchtenden Sterne der Traumfabrik, begeistert die Lektüre des gleichnamigen Romans von Dorothy Scarborough so sehr, dass sie alle Hebel in Bewegung setzt, den Stoff für die Leinwand adaptieren zu lassen: Das Drehbuch verfasst Francis Marion dicht an der Vorlage; als männlichen Co-Star wünscht Gish sich den Schweden Lars Hanson, mit dem sie unter der Regie Sjöströms bereits zwei Jahre für den Kassenschlager THE SCARLET LETTER vor der Kamera gestanden hat; das Ergebnis ist nichts weniger als ein kleines Meisterwerk, das in seiner formalen und inhaltlichen Konsequenz unter zeitgenössischen US-Melodramen seinesgleichen sucht: Meisterhaft ist es, wie Sjöström die trostlose, windgepeitschte Landschaft der Mojave-Wüste inszeniert, wo man sich den Sand selbst von den Brotscheiben klopfen muss, bevor man in sie hineinbeißen kann; meisterhaft ist es, wie Lillian Gish die zunächst naive, schließlich immer verzweifelt werdende Letty verkörpert, die im Verlauf der Handlung von einem Schicksalsschlag in den nächsten taumelt, des Ehebruchs bezichtigt wird, vergewaltigt wird, schließlich einen Totschlag begeht; meisterhaft sind die surrealistischen Zwischensequenzen, in denen Letty der unbarmherzige Wind als sich aufbäumendes und wild um sich tretendes Wildpferde erscheint, oder die Szene, in der eine Town-Hall von einem heranrasenden Tornado dem Erdboden gleichgemacht zu werden droht, und vor allem das Finale, wenn die Sandstürme Letty an den Rand des Nervenzusammenbruchs treiben, und die unkontrolliert schlingernde, sich wie bei zügellosem Seegang beinahe um die eigene Achse drehende Kamera den aus der Bahn geratenen Geisteszustand der jungen Frau veranschaulicht, als habe Sjöström ähnliche Kamera-Exzesse bei Gaspar Noé antizipieren wollen. Dem klaustrophobisch-kammerspielartigen Charakter des Films entgegensteht allerdings das unvermittelte Happy-End, bei dem sich die Filmgeschichtsschreibung bis heute darüber streitet, ob es von Gish und Sjöström von Anfang an intendiert gewesen ist oder ob es nicht durch die MGM-Studiobosse zustande kam, die ihrem Publikum nach so viel Schwarzmalerei, wie sie der Film in seinen eineinhalb Stunden zelebriert, nicht auch noch einen hoffnungslosen Ausgang wie in Scarboroughs Romanvorlage zumuten wollten, wo Letty den Freitod wählt, indem sie besinnungslos mitten hinein in einen Wirbelsturm wandert. Aber auch mit den süßlichen, psychologisch eher unglaubwürdigen letzten Minuten bleibt THE WIND ein ungewöhnlicher Monolith im Hollywood-Kino der späten 20er, dem ich seinen Platz auf so mancher Liste der besten Werke der Filmgeschichte von Herzen gönne.
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Salvatore Baccaro
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Re: The Wind - Victor Sjöström (1928)

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