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Fant'Italia, 1957-1966: emergenza, apoteosi e riflusso del fantastico nel cinema italiano [1976]

Verfasst: So 30. Nov 2025, 22:45
von Salvatore Baccaro
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Neben Teo Moras erstmals 1977 erschienener umfangreichen "Storia del cinema dell'orrore", in der das italienische Horrorkino gleich in zwei Kapiteln aufgearbeitet wird, (siehe entsprechenden Faden in diesen heiligen Hallen), gilt vorliegende Publikation als Gründungsdokument der ernsthaften Beschäftigung mit all den Gespenstern, Vampiren, Hexen, die die italienischen Leinwände seit den späten 50ern in zunehmenden Maße bevölkern, die von der etablierten Kritik allerdings bis zu diesem Zeitpunkt selten einmal wertschätzend zur Kenntnis genommen worden sind. Bei dem von Giuseppe Lippi und Lorenzo Codelli herausgegebenem Band handelt es sich um den offiziellen Katalog zum 14. Festival Internazionale del Film di Fantascienza, das 1976 in Triest abgehalten wird, und sich vollumfänglich der heimischen Kinophantastik widmet. Vom 10. bis zum 17. Juli flimmern ganze 30 Filme über die Leinwand, je zwei pro Tag, die in chronologischer Reihenfolge das weitverbreitete Vorurteil widerlegen sollen, Italien hätte keinerlei eigenen und vor allem eigenständigen Beitrag zu Genres wie Horror, Science-Fiction oder Fantasy geleistet.

Tatsächlich ist die Filmauswahl auch aus heutiger Sicht entzückend, haben es die beiden Kuratoren doch kongenial verstanden, eine bunte Mischung zusammenzustellen aus verdienten Klassikern und vergessenen Perlen, aus Genre-Parodien und Genre-Grenzgängern, aus Weltraumabenteuern, heroischen Muskelschauen und traditionellem Gothic-Grusel. Man beginnt am ersten Tag mit Camillo Mastrocinques Persiflage TOTÓ ALL'INFERNO (1954) sowie Riccardo Fredas und Mario Bavas I VAMPIRI (1957); man schließt am zehnten Tag mit Camillo Mastrocinques UN ANGELO PER SATANA (1966) und Mario Bavas OPERAZIONE PAURA (1966); und dazwischen gibt es Franco und Ciccio im Outer Space in Lucio Fulcis 002 OPERAZIONE LUNA (1965), geölte Bizepse beim Erkunden versunkener Königreiche in Vittorio Cottafavis ERCOLE ALLA CONQUISTA DI ATLANTIDE (1961) oder einen nekrophilen Anästhesisten in Riccardo Fredas L'ORRIBILE SEGRETO DEL DOTTOR HICHCOCK (1962).

Der Großteil des mehr als 200 Seiten umfassenden Begleitkatalogs befasst sich dann eben auch mit diesen 30 repräsentativen Filmen, und funktioniert in diesem Sinne primär als Nachschlagewerk, das zu jedem Streifen die wichtigsten personellen und technischen Basisdaten, eine kurze Inhaltsangabe sowie eine biographische Skizze des jeweiligen Regisseurs bereithält - in Zeiten vor dem Internet und selbst noch vor Lexika, die sich allein dem Phantastischen Kino widmen, dürften allein diese Abschnitte für Genrefans von unschätzbarem Wert gewesen sein.

Darüber hinaus hat der Katalog aber noch mehr Dinge zu bieten, die auch für heutige Aficionados der Italo-Phantastik einen Blick lohnen: Eine Einleitung der Herausgeber beispielsweise, in der diese pointiert die Situation des italienischen Genrekinos abstecken, seine Geschichte, seine bisherige Rezeption, seine Hauptthemen, seinen plötzlichen Aufstieg und genauso plötzlichen Niedergang; einen ausführlichen Bildteil, der die in Triest gezeigten Filme noch einmal prägnant visuell untermalt; vor allem aber einen Abschnitt mit Dokumenten und Zeugnissen, der wiederum in zwei Teile gegliedert ist: der eine macht deutlich, dass gerade der italienische Horrorfilm insbesondere in Frankreich leidenschaftliche Anhänger fand, wenn er eine Handvoll Kritiken versammelt, die in den 60ern in der Filmzeitschrift "Midi-Minuit fantastique" erschienen sind, und in denen vor allem der Zeitschriftenherausgeber Michel Caen angesichts von Filmen wie Fredas HICHCOCK oder Giorgio Ferronis IL MULINO DELLE DONNE DI PIETRA in verzücktes Schwärmen gerät; für den anderen hat man ebenfalls vorwiegend aus französischen Quellen stammende Interviews mit Barbara Steele, Elio Petri und Antonio Margheriti zusammengetragen, sowie einen längeren Essay zum Kino Mario Bavas, der ursprünglich 1975 im Magazin "Photon" erschienen ist.

Ein besonderes Bonbon stellt indes ein Interview dar, das die Veranstalter von Fant'Italia extra für den Katalog mit Mario Bava geführt haben, und bei dessen Lektüre ich derart lachen musste, dass es gar keine steinigen Pfade brauchte, um den Kinderwagen in ein beruhigendes Ruckeln zu versetzen: Dass er es bedauere, dass LA MASCHERA DEL DEMONIO ein solcher Erfolg in den USA geworden sei, gibt Bava beispielsweise zu Protokoll, denn "seither bin ich gezwungen, mich mit Vampiren, Monstern und Hexen herumzuschlagen. Und ich, ein sanftmütiger und ängstlicher Mensch, der aus heiligem Respekt vor allem Leben nicht einmal eine Mücke töten würde, bin in einem See aus Blut versunken, der von Vampiren und lebenden Toten wimmelt." Am Ende des Gesprächs fragen Lippi und Codelli ihren Interviewpartner, was er sich für die Zukunft wünsche. Bava: "Einen Sarg voll Blut, in dem ich in Frieden ruhen kann, aber aus dem ich dennoch nachts aufsteigen kann, um den Filmen, die ich gemacht habe, in den Hals zu beißen!" Herrlich!

Re: Fant'Italia, 1957-1966: emergenza, apoteosi e riflusso del fantastico nel cinema italiano [1976]

Verfasst: Di 2. Dez 2025, 19:13
von Salvatore Baccaro
...und anbei auch noch das Programm des kompletten Festivals: Ein Traum!

Da würde man sich doch zu gerne in eine Zeitmaschine schwingen und sich anschauen, wer da alles im Publikum sitzt, wie die generelle Atmosphäre ist, bei welchem Film vor Schreck rausgelaufen, vor Irritation geschnaubt oder vor Freude gejauchzt wurde.

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