Der Schrecken aus der Meerestiefe - Francis D. Lyon (1966)
Verfasst: So 14. Dez 2025, 22:13
Originaltitel: Destination Inner Space
Produktionsland: USA 1966
Regie: Francis D. Lyon
Cast: Scott Brady, Sheree North, Gary Merrill, Wende Wagner, Mike Road
Raus aus der Komfortzone!, hieß es für mich letzten Freitag: Schon vor geraumer Zeit, als ein Kollege als Vertretungsprofessor an meiner Uni weilte, hatte dieser sich mir gegenüber als eingefleischter Fan der SchleFaZ-Reihe geoutet. Eingefleischt heißt in diesem Falle, dass er Teil einer ebenso eingefleischten Community ist, deren Mitglieder sämtliche Folgen des immerhin seit 2013 laufenden Formats als Sicherheitskopien stets parat auf Festplatte bei sich tragen, deren Mitglieder den beiden Spaßvögeln Oliver Kalkofe und Peter Rütten zu Live-Events quer durch Deutschland hinterher reisen, und deren Mitglieder sich zu jeder SchleFaZ-Sendung zusammentun, um virtuelle Watchparties zu feiern. Nachdem wir uns nun auf einer Konferenz in Luxemburg nach Ewigkeiten wieder begegnet sind, griff dieser Kollege auf alle ihm zur Verfügung stehenden Engelszungen zurück, um mich dazu zu überreden, doch auch einmal bei einer solchen Watchparty mitzumischen. Am ersten Freitag nach der Tagung war ich hierfür zu platt, und schlummerte zur nachtschlafenden Zeit, wenn SchleFaZ auf RTL Nitro ausgestrahlt wird, bereits selig; letzten Freitag allerdings fielen selbst mir keine überzeugenden Ausreden mehr ein, und so begab ich mich, als Frau und Kind ins Bett gegangen waren, in die Höhle des Löwen, sprich, ich legte mir einen Account bei Bluesky an, wo besagte Watchparties stattfinden; ich suchte im Netz nach einer Möglichkeit, RTL Nitro zu empfangen; ich bettete mich auf die Couch, wartete bis 22.25 Uhr und harrte der Dinge, die da kommen mochten...
Der Film selbst - eine Mixtur aus Sci-Fi und Horror, die derart tief in den Ozeanschlünden angesiedelt ist, dass es dorthin nicht mal eine Taucherglocke mit nennenswertem Budget hingeschafft hat - verdient das Etikett der "schlechtesten Filme aller Zeiten" nun keineswegs: Seine Handlung verfügt über eine inhärente Logik; die Figuren bedienen die üblichen Stereotype, sind genauso sehr oder genauso wenig ausgefeilt wie in zahllosen ähnlich gelagerten Produktionen; es gibt massig Unterwasserszenen, in denen man einzig sieht, wie Menschen in Taucherkostümen umherschwimmen, während dazu aber ein Soundtrack ertönt, als würden gerade mindestens die Mauern Jerichos einstürzen; das Monstrum selbst ist eine der knuffigsten Erscheinungen, die ich - neben meiner Tochter - seit langem sehen durfte, und vereint in sich Charakterzüge eines Lovecraft'schen Fischungeheuers, des irokesentragenden Scheusals aus dem ersten GREMLINS-Film, sowie eines x-beliebigen Peplum-Gummi-Drachen; insgesamt hat der Streifen mich prächtig unterhalten, und bot gepflegte Autokino-Unterhaltung inklusive viel Leerlauf zum Knutschen der Partnerin oder des Partners auf dem Beifahrersitz.
Aber DESTINATION INNER SPACE war, so mein Eindruck, ja - wenn überhaupt - nur die halbe Miete bei der Veranstaltung: Zum einen sieht das SchleFaZ-Konzept offenbar vor, dass Kalkofe und Rütten den Film circa jede Viertelstunde stoppen, um das zuletzt Gesehene witzelnd zu kommentieren. Dabei legen sie ziemlich viel Liebe zum Detail an den Tag, indem sie sich als Filmfiguren verkleiden, einzelne Szenen theatralisch nachspielen oder den Fokus auf ganz bestimmte skurrile Details wie Filmfehler, Logiklöcher oder auch mal nur einen seltsamen Einrichtungsgegenstand im Hintergrund lenken. Diese Zwischensegmente dauern dann sicherlich noch einmal genauso lang wie der Hauptfilm selbst - und die Werbeblöcke, mit denen RTL NITRO einen beschmeißt wie mit Pappmaché-Felsen, fordern in etwa dieselbe Laufzeit für sich ein, ergh.
In der "normalen" SchleFaZ-Sendung gibt es also schon mal eine Meta-Ebene, aus der das jeweilige Corpus Delicti beäugt wird, indem die Gastgeber mehr oder minder von oben herab, aber, so zumindest mein Eindruck, mit wenig Häme, Spott oder Verachtung auf den Film herabblicken, ihn analysieren, sezieren, augenzwinkernd aufs Korn nehmen. Bei unserer Watchparty indes wird dieser Camp-Gestus des Über-Den-Dingen-Schwebens-Und-Diese-Permanent-Kommentieren dann noch exzessiv erweitert, tauschen sich doch auf Bluesky nunmehr mehrere Dutzend Personen nicht nur, wie Kalkofe und Rütten, über den Film selbst aus, sondern letztlich vor allem auch über die Rezeption der Films durch die SchleFaZ-Moderatoren. Gewissermaßen wird damit dann eine zweite Meta-Ebene generiert, nämlich eine, die die Meta-Ebene erster Ordnung wiederum unter die Lupe nimmt, sich an ihr ergötzt, ihre Wortspiele und Späße aufgreift, und das Ganze um ein Vielfaches potenziert. Die einzelnen Kommentare zirkulieren als Teil einer sich irgendwann völlig verselbstständigenden Maschine, in der im Sekundentakt gelikt, retweetet, respondiert wird, sodass es, ehrlich gesagt, für mich alsbald kaum noch aufmerksamkeitstechnisch zu handeln war, und ich mich irgendwann allein auf DESTINATION INNER SPACE selbst konzentrierte.
Was jedoch nicht heißt, dass ich dieses ganze Zeremoniell nicht absolut faszinierend fand: Da setzen sich zwei Herren fortgeschrittenen Alters hin, um ihre gesamte Kreativität über einen billig heruntergekurbelten US-Fischmonster-Film der mittleren 60er auszugießen, und überall in der Republik setzen sich sodann Menschen offenbar jedweden Alters, Geschlechts und sonstiger Provenienz hin, um sich daran zu erfreuen, dass sich zwei Herren fortgeschrittenen Alters an einem US-Fischmonster-Streifen abarbeiten. Man stelle sich vor, die Verantwortlichen für DESTINATION INNER SPACE würden erfahren, dass ihr übrigens in zwei Wochen zusammen mit einem anderen Film aus dem Arm geschüttelter Schocker bald 60 Jahre später hierfür Anlass gibt. Ob ich derlei nun aber jeden Freitag brauche, steht auf einer ganz anderen Fischflosse...
