Bizarre Sinema! Horror all'italiana 1957-1979 (1996)
Verfasst: Di 16. Dez 2025, 23:20
Meine (überschaubare) freie Zeit habe ich die letzten Wochen vorrangig damit verbracht, systematisch einschlägige Literatur zum italienischen Horrorkino aufzuarbeiten, (zumeist während ich einen Kinderwagen den Fluss rauf und dann wieder runter schiebe) - und von all dem, was ich querlas oder mit Haut und Haaren verschlang, scheint mir vorliegende Publikation den idealsten Einstieg ins Thema bereitzustellen.
Zu tun haben wir es mit dem insgesamt zweiten Band einer von den Herren Stefano Piselli und Riccardo Morrocchi herausgegebenen Reihe, deren Name mich zunächst nichts Gutes erwarten ließ: Zumindest diese dem Italo-Horror gewidmete Ausgabe von "Bizarre Sinema! Wildest Sexiest Weirdest Sleaziest Films" entpuppt sich indes, dem marktschreierischen Titel zum Trotz, als zugleich profunde wie unterhaltsame Einführung in das Treiben all der Vampire, Mad Scientists und frankenstein-esquen Monstren, die vom Stiefelland aus auf die internationalen Leinwände losgelassen wurden, beginnend mit Fredas und Bavas Genre-Initialzündung I VAMPIRI (1957) und endend kurz bevor Fulcis Zombiehorden den italienischen Horror ins pure Körperkino überführen werden. Hauptsächlich verantwortlich für das Büchlein ist dabei der früh verstorbene Antonio Bruschini, der zusammen mit Antonio Tentori ja zahllose Bücher zum Populärkino seiner Heimat verfasst hat, und der sein gesammeltes Fachwissen für vorliegendes Werk wie im Brennglas bündelt: Für Menschen, die die Dialoge von Filmen selbst randständiger Regisseure wie Mario Caiano oder Sergio Garrone im Halbschlaf herunterbeten können, liefert BIZARRE SINEMA! sicherlich keinerlei Neuigkeiten; alle, die höchstens einmal am Rande einer Kneipenunterhaltung etwas von einer gewissen Freiburger Ballettschule gehört haben, und die neugierig sind, was es damit auf sich haben könnte, werden indes mit den wichtigsten Fakten, Namen und Filmtiteln ausgestattet, auf dass sie entscheiden können, ob sie dem Pfad weiter in die Katakomben folgen, oder sich nicht doch schleunigst aus dem Staub machen wollen.
Zwar umfasst der Band knapp 180 Seiten, trotzdem lässt er sich problemlos in einer längeren Mittagspause goutieren, denn sämtliche Texte Bruschinis sind jeweils im italienischen Original sowie in französischer und englischer Übersetzung abgedruckt. Hinzukommt eine regelrechte Galerie bunter Bilder, die den reinen Wortanteil selbstverständlich noch einmal dezimieren. Der Aufbau ist so simpel wie sinnig: Erst folgt ein knappes Abstecken des zu behandelnden Terrains, indem Bruschini ein paar Worte zur spezifischen Produktionssituation des italienischen Genrekinos verliert; sodann widmet er sich den wichtigsten italienischen Horrorregisseure der 50er bis 60er - die Namen Riccardo Freda, Mario Bava und Antonio Margheriti dürften dabei niemanden überraschen, eher schon, dass es eigene Kapitel zu Massimo Pupillo und dem verkannten Genius Renato Polselli gibt -; schließlich handelt Bruschini in einem letzten Kapitel noch weitere "unvergessliche Alpträume aus Cinecittà" ab, sprich, Werke wie METEMPSYCO oder SFIDA AL DIAVOLO, deren Regisseure oftmals nur diesen einen Film realisieren konnten. Abgerundet wird das Ganze von einer umfassenden Filmo- sowie Bibliographie. Einziges Manko ist vielleicht, dass sich Bruschinis Duktus vor lauter Enthusiasmus zuweilen kaum im Zaum zu halten vermag, denn jeder Film muss mindestens ein Meisterwerk sein, und je meisterhafter ein Film ist desto blumiger werden auch Bruschinis euphorische, komplett distanzlosen Ausführungen zu demselben.
Besonders reizvoll ist, dass sich der Band nicht nur darauf beschränkt, retrospektiv ein Loblied auf den Italo-Horror zu singen, sondern dass einige seiner Protagonisten selbst zu Wort kommen dürfen: Das Vorwort stammt von Barbara Steele, für das Nachwort konnte man gar Antonio Margheriti gewinnen. Mein Highlight sind indes die beiden Interviews mit Pupillo und Polselli, (von denen allerdings nicht klar wird, ob Bruschini diese extra für BIZARRE SINEMA! geführt hat, oder ob es sich um recyceltes Material aus anderen Kontexten handelt): Während Pupillo erklärt, er habe seine drei Horrorfilme nur gedreht, um seine Familie zu ernähren, denn eigentlich sei er Dokumentarist, und habe mit Genrekino gar nichts zu schaffen, erzählt Polselli eine haarsträubende Geschichte von einem echten menschlichen Skelett, das er angeblich für L'AMANTE DEL VAMPIRO als Requisite verwendet habe, und mit dem er nach Drehschluss noch um die Häuser gezogen sei, solange zumindest bis eine Polizeistreife auf ihn und seinen klapprigen Gefährten aufmerksam geworden sei.
Es naht das Fest der Gaben, und wenn ihr eure Lieben mit der Droge namens Horror all'italiana anfixen möchtet, wäre diese Publikation möglicherweise eine der lohnenswerteren Investitionen...